Seite 3: „Bengalos kann man vorm Stadion kaufen“

Bes­iktas ist auch ein poli­ti­scher Stadt­teil. Als der tür­ki­sche Par­la­ments­prä­si­dent Ismail Kahraman neu­lich for­derte, das Land brauche eine isla­mi­sche Grund­ord­nung, stand das ganze Sta­dion im nächsten Heim­spiel auf und skan­dierte: Die Türkei ist lai­zis­tisch und wird es auch bleiben!“
Das war schon immer so, dass sich die Fans von Bes­iktas auch poli­tisch geäu­ßert haben. Ich habe in meiner Zeit die Gezi-Pro­teste hautnah mit­be­kommen, die ja auch von Bes­iktas-Anhän­gern mit unter­stützt wurden. Das zeichnet diesen Klub aus. Die Bes­iktas-Fans sind gesell­schaft­lich sehr enga­giert. Bes­iktas ist des­halb viel­leicht ein biss­chen ver­gleichbar mit dem FC St. Pauli, nur hat der Verein hier eine viel grö­ßere Bedeu­tung und Strahl­kraft.

Sie spra­chen die Gezi-Pro­teste an. Wie haben Sie das damals emp­funden?
Du lebst in der Stadt, da berührt dich das schon. Ich habe zwar auf der asia­ti­schen Seite gewohnt, und die Pro­teste fanden rund um den Taksim-Platz auf der euro­päi­schen Seite statt. Aber durch die Poli­zei­prä­senz und die stän­digen Hub­schrauber, die ver­mut­lich mit Reizgas beladen über dein Haus fliegen, warst du doch irgendwie mit­ten­drin. Es ist sehr kri­tisch zu beur­teilen, was da ablief.

Die Anhänger der Fan­grup­pie­rung Carsi Bes­iktas wurden danach wegen der Bil­dung einer ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung und eines Putsch­ver­su­ches gegen die Regie­rung ange­klagt und später frei gespro­chen. Ver­ur­teilt wurden sie wegen Besitz von Pyro­technik.
Die Ben­galos kannst du auf dem Weg zum Sta­dion bei flie­genden Händ­lern wie Nüsse aus dem Bauch­laden kaufen.

Die nega­tiven Nach­richten aus der Türkei reißen in den letzten Monaten nicht ab. Würden Sie momentan über­haupt noch dort spielen wollen? 
Ich bin auch jetzt noch sehr gerne in der Türkei. Sei es, um mir Spiele anzu­schauen, oder auch um Urlaub zu machen. Aber man macht sich schon so seine Gedanken. Natür­lich hat man ein komi­sches Gefühl, weil ich per­sön­lich bereits genau dort her­um­ge­laufen bin, wo die Atten­tate in Istanbul oder Ankara pas­siert sind und Men­schen gestorben sind. Das berührt mich sehr. Aber wenn man mich zur Meis­ter­schaft von Bes­iktas ein­laden würde, würde ich trotzdem sofort hin­fliegen. Dafür fas­zi­nieren mich Land und Leute ein­fach zu sehr.

Sie haben damals großen Respekt in der Türkei genossen, weil Sie die schwie­rige Sprache relativ schnell gelernt haben. Wie gut ist ihr Tür­kisch heute noch?
Es ist über die Jahre ein wenig ein­ge­rostet. Aber wenn ich dann mal in den Ferien in Antalya bin, fühle ich mich durch die Sprache tat­säch­lich wie in einer zweiten Heimat. Der Schlüssel zum Zusam­men­leben ist immer die Sprache. Das ver­langen wir von den Men­schen, die zu uns kommen, auch. Des­wegen war das für mich gar keine Frage, tür­kisch zu lernen. Und es ist immer wieder ein schönes Gefühl, wenn du dem Kiosk­ver­käufer, der dich über den Tisch ziehen will, auf Tür­kisch kon­tern kannst.

Wenn das nichts hilft, können Sie immer noch sagen, Sie seien mit Bes­iktas Meister geworden. Das zieht immer, oder?
Vor­aus­ge­setzt natür­lich, du gerätst nicht an einen Anhänger von Fener­bahce oder Gala­ta­saray. Dann kann der Schuss auch hinten los­gehen.