Seite 2: „Die Zeit in Istanbul war mit die schönste meiner Karriere“

Und von der Ferne haben Sie zuge­sehen, wie ihre Roten“ den Bach runter gingen.
Ich gehe ja ab und an auch noch ins Sta­dion. Aber Spaß macht das der­zeit nicht. Der Abstieg ist aber absolut das kon­se­quente Ergebnis der Ent­wick­lung der letzten Jahre. Seit zwei, drei Jahren ging es immer mehr bergab. Für mich kam das daher nicht über­ra­schend. Es fehlte am Ende die Qua­lität.

Sehen Sie posi­tive Ansätze, wie der Verein schnell wieder nach oben kommt?
Momentan sehe ich da, ehr­lich gesagt, noch nicht viel. Aber die Pla­nung steht ja auch noch nicht. Es wird jedoch sicher­lich schwerer für Han­nover 96, wieder auf­zu­steigen, als es gewesen wäre, den Abstieg zu ver­meiden. Es warten viele unan­ge­nehme Gegner und Spiele auf die 96er. Den direkten Wie­der­auf­stieg sehe ich noch nicht ein­ge­tütet.

Als vor Wochen­frist Han­nover 96 und Ihr anderer Ex-Klub Schalke 04 vor Ihrer Haustür um Bun­des­li­ga­punkte spielten, sind Sie den umge­kehrten Weg ange­treten und waren drei Klassen tiefer bei einem Regio­nal­li­ga­spiel zwi­schen der Schalker Zweit­ver­tre­tung und RW Ahlen zu Gast. Was war der Grund für Ihren Eifer? 
Ich baue gerade eine Spie­ler­be­ra­tungs­agentur auf. Bei dem Spiel habe ich mir einen Man­danten ange­schaut, der in der U23 des FC Schalke 04 kickt.

Um wen han­delt es sich?
Ber­nard Tek­petey, einen 18-jäh­rigen Stürmer aus Ghana, der bis­lang einen sehr guten Ein­druck hin­ter­lassen hat.

Ein neuer Gerald Asa­moah?
Das müssen wir abwarten. Aber der Tipp kam tat­säch­lich von meinem lang­jäh­rigen Freund Gerald Asa­moah. Durch Gerald, den ich seit Schul­zeiten kenne, habe ich einen guten Ein­blick in den gha­nai­schen Fuß­ball. Ich sehe dort großes Poten­zial und bin davon über­zeugt, dass der eine oder andere irgend­wann den Sprung in die Bun­des­liga schaffen kann.

Ein wei­terer Markt, den Sie gut kennen, ist der tür­ki­sche. Dort steht ihr Ex-Verein Bes­iktas zum ersten Mal seit sieben Jahren wieder vor dem Gewinn der Meis­ter­schaft. Wie intensiv ver­folgen Sie das Geschehen noch?
Natür­lich ver­folge ich die Ent­wick­lung von Bes­iktas. Ich habe immerhin drei­ein­halb Jahre dort gespielt, bin Meister und zweimal Pokal­sieger geworden. Es wäre die erste Meis­ter­schaft für Bes­iktas, seitdem ich weg bin. Ich würde das dem Klub sehr gönnen, den Spie­lern und vor allen Dingen den Fans. Weil ich weiß, was für einen Stel­len­wert so eine Meis­ter­schaft in der Türkei und ins­be­son­dere in Istanbul hat. Ich drücke Bes­iktas des­halb die Daumen. Ich würde mich inzwi­schen selbst als Fan bezeichnen. Auch wenn es bei mir in dem Klub nicht auf die feine Art zu Ende ging, war die Zeit bei Bes­iktas mit der bei Werder Bremen die schönste Zeit meiner Kar­riere.

Warum musste Sie damals gehen?
Eine Woche vor Trai­nings­be­ginn wurde mir mit­ge­teilt, dass ich eine Woche später als geplant zum Trai­ning kommen soll. Da waren die anderen Jungs aber schon ins Trai­nings­lager auf­ge­bro­chen. Ich konnte eins und eins zusammen zählen. Und das haben sie mit meh­reren Spie­lern gemacht. Ich war vom neuen Trainer und Prä­si­dium nicht mehr erwünscht. Es ist die tür­ki­sche Art, mit sol­chen Dingen umzu­gehen. Sie wollen so Druck auf­bauen, um Gehälter zu kürzen.

War die Türkei ins­ge­samt eine Grenz­erfah­rung für Sie?
Die Leute sind schon ver­rückt da. Der Fuß­ball hat dort einen ganz anderen Stel­len­wert. Es ist alles extremer, als hier. Du wirst als Fan in die Ver­ein­s­an­ge­hö­rig­keit herein geboren. Die Hemm­schwelle ist sehr niedrig. Bei einem Ein­kauf musste ich oft 15 Minuten für Fotos und Auto­gramme extra ein­planen. Das pas­siert hier höchs­tens den Super­stars. Mit meiner Glatze war ich ja auch gut zu erkennen.

Sie erhielten damals wegen ihrer kom­pro­miss­losen Spiel­weise von der tür­ki­schen Presse den zwei­fel­haften Bei­namen Deut­scher Panzer“!
Es gibt sicher­lich schö­nere Spitz­namen, aber ich konnte damit leben. Es war ja positiv gemeint. Die tür­ki­schen Medien sind ohnehin ver­rückt. In den vielen Sport­zei­tungen standen bis­weilen voll­stän­dige Inter­views mit mir, die ich nie gegeben habe. Da gerätst du manchmal schon ins Staunen.

Auf was müssen sich Mario Gomez und Andreas Beck im Falle des Titel­ge­winns ein­stellen?
Sie können sich auf einiges gefasst machen. Das ist schon eine andere Nummer als in Deutsch­land. Wir hatten zum Bei­spiel eine Sta­di­on­feier, bei der das ganze Sta­dion mit Pyro­technik ein­ge­ne­belt war. So etwas würde es hier nie geben. Sah aber geil aus. Ich hoffe, dass sie den Titel im letzten Heim­spiel per­fekt machen, dann haben sie mehr Zeit zu feiern. Wir haben damals aus­wärts in Denizli gespielt. Als wir zurück in Istanbul waren, herrschte bereits auf dem Flug­hafen Aus­nah­me­zu­stand. Wir haben fünf Stunden gebraucht, bis wir im Schritt­tempo in der Stadt ange­kommen waren. Wir sind mit unserem Bus mitten in den Auto­korso hin­ein­ge­raten. Und dann war es halb fünf mor­gens und wir hatten gar keine Zeit mehr für eine aus­ge­dehnte Feier. Die haben wir später nach­ge­holt. Ich glaube, wir hatten vier oder fünf Feiern. Ich habe noch nie so viele glück­liche Men­schen gesehen.