Seite 2: "Die Öffentlichkeitsfahndung war absolut unverhältnismäßig"

Schluss­end­lich wurde also nie­mand ver­ur­teilt?
Genau. Sollten damals wirk­lich Straf­taten von Glad­ba­cher-Fans begangen worden sein, dann sollten die selbst­ver­ständ­lich auch bestraft werden. Aber das ist nicht unsere Auf­gabe, son­dern die der Polizei. Unser Inter­esse bestand selbst­ver­ständ­lich darin, die unschul­digen Glad­ba­cher Fans zu ihrem ver­dienten Frei­spruch zu bringen.

Was kri­ti­sieren Sie genau an den Ermitt­lungen?
Zwei Sachen: Zum Einen war die Öffent­lich­keits­fahn­dung in unseren Augen absolut unver­hält­nis­mäßig. Noch bevor die Fotos gedruckt worden sind, hat ein Beschul­digter schon Post von der Staats­an­walt­schaft bekommen. Dieser hätte also über­haupt nicht gesucht werden müssen, da er ja schon bekannt war. Andere Betrof­fene hatten im Rahmen von Aus­wärts­fahrten auch schon ihre Per­so­na­lien ange­geben und müssten daher eben­falls ver­merkt gewesen sein. Ins­be­son­dere wird deut­lich, dass die Polizei hier ganz offen­sicht­lich schlampig gear­beitet hat und eben ohne diese Öffent­lich­keits­fahn­dung ermit­teln hätten können. Ins­ge­samt stellt sich die Frage, warum eine Öffent­lich­keits­fahn­dung, die ja nor­ma­ler­weise nur in aller­schwersten Gewalt­de­likten oder Ver­ge­wal­ti­gungen ange­wandt wird, bei einer Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Fuß­ball­fans in einem Zug zum Ein­satz gekommen ist.

Und zwei­tens?
Der zweite Punkt betrifft die Medien. Es gab einen in unseren Augen mehr als unkri­ti­schen Umgang mit dem Fall. Dass Medien eine Öffent­lich­keits­fahn­dung auf­nehmen, ist natür­lich irgendwo im Sinn der Sache und es gibt selbst­ver­ständ­lich genü­gend Fälle, bei denen das gerecht­fer­tigt ist. Wir haben aller­dings den Ein­druck, dass dieses Instru­ment relativ unkri­tisch auf­ge­nommen und unge­fil­tert weiter gegeben wird. Die Polizei wird als pri­vi­le­gierte Quelle betrachtet. Es wurde nicht hin­ter­fragt, warum diese Maß­nahme über­haupt statt­finden musste. Wir haben bereits damals in unserer ersten Stel­lung­nahme kri­ti­siert, dass manche, der Gesuchten gar nicht gesucht werden müssen. Das wurde jedoch nicht berück­sich­tigt. Auch jetzt nach dem Frei­spruch haben Bild, Express, Rhei­ni­sche Post, die damals ganz pro­mi­nent auf Seite eins der Sport­ab­schnitte die Bilder abge­druckt haben, gar nicht reagiert – bis auf die Rhei­ni­sche Post in einem kleinen Online-Artikel.

Welche Folgen hat die öffent­liche Zur­schau­stel­lung für die Betrof­fenen?
Der mediale Auf­wand, der damals betrieben worden ist, hat den Leuten enorm viel kaputt gemacht, fami­liär, bei Freunden es hat sie sehr unter Druck gesetzt und der Frei­spruch hat jetzt wenig bis gar keine Erwäh­nung gefunden

Mit wel­chen For­de­rungen treten Sie jetzt an die Justiz heran?
Wir sind dabei, juris­tisch prüfen zu lassen, ob die Maß­nahmen rechts­widrig waren – da rechnen wir uns relativ gute Chancen aus. Aber dies­be­züg­lich sind wir noch ganz am Anfang. Wir wollen auch nochmal betonen, dass es nichts zu beschö­nigen gibt, wenn dort wirk­lich Straf­taten verübt worden sind. In unserem Inter­esse ist jetzt aber vor allem die Rich­tig­stel­lung der Ver­un­glimp­fung von unschuldig ange­pran­gerten Glad­bach-Fans.