Seite 3: „Nach der ersten Niederlage fühlten wir uns beraubt"

In Ihrer ersten Saison bei Arsenal sangen die Spieler im Bus Wir wollen unsere Mars-Riegel zurück“. Wie haben Sie darauf reagiert?
(Lacht.) In meinem ersten Spiel wandte ich mich an den Physio und fragte: Was ist los? Warum sagt hier nie­mand ein Wort?“ Er sagte: Trainer, sie sind alle hungrig. Sie brau­chen ihre Scho­ko­riegel.“ Doch mit der Zeit änderte ich ihre Gewohn­heiten. Dein Körper hat nun einmal auch ein Gewissen. Und im heu­tigen Fuß­ball ent­scheiden Klei­nig­keiten über Sieg oder Nie­der­lage.

Ein Arsenal-Anhänger vom deut­schen Fan­club fragte sich zurecht: Wenn Wenger die Ernäh­rung umstellte, warum gab es dann beim Spiel in Man­chester Pizza in der Kabine?
Im Old Traf­ford stellt die Heim­mann­schaft den Gästen Essen in die Kabine, damals gab es auch Pizza. Also schmiss jemand ein Stück auf einen Offi­zi­ellen von Man United.

Ihr Spieler Cesc Fab­regas war so sauer nach der ersten Arsenal-Nie­der­lage nach den berühmten 49 Spielen, dass er den United-Trainer Sir Alex Fer­guson mit Pizza bewarf. Welche Erin­ne­rungen haben Sie an den so genannten Battle of the buffet“?
Wenn ich mich heute daran erin­nere, finde ich es lustig. Damals aber bekamen wir große Pro­bleme im eng­li­schen Fuß­ball und in der Öffent­lich­keit. Das Spiel selbst hatten wir domi­niert bis United einen unbe­rech­tigten Elf­meter zuge­spro­chen bekam. Wir fühlten uns nach dieser Serie von 49 Spielen ein­fach betrogen. Wir wurden beraubt.

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Ja, es war Hass.“ Arse­nals Spieler gehen Uniteds Ruud van Nistel­rooy heftig an.

Reu­ters

Sie sollen heute Nach­richten mit Fer­guson aus­tau­schen. Wie spre­chen Sie beide über diese Duelle mit United?
Heute begegnen wir uns freund­schaft­lich und sind nett zuein­ander. Wenn du nicht mehr gegen­ein­ander antrittst, wird die Bezie­hung natur­gemäß besser. Aber wenn du im Wett­be­werb bist, kann es hart werden. Und das wurde es damals.

Der Gipfel der Span­nungen war ein Elf­meter von Ruud van Nistel­rooy 2003. Er holte den Straf­stoß heraus und setzte ihn dann an die Latte. Ihre Spieler umringten und ver­höhnten ihn. Sie nannten van Nistel­rooy einen Betrüger“. Die Öffent­lich­keit zählte Sie und Ihr Team an. Wel­chen Ein­fluss hatte dieses Spiel auf die Invincible“-Saison?
Es war unser Start. Das alles hat das Team zusam­men­ge­schweißt. Martin Keown stand schlecht vor diesem Elf­meter und van Nistel­rooy hat dies aus­ge­nutzt. Doch zu dieser Zeit bekam United schon einen Elf­meter, wenn sie nur kurz danach fragten. Schieds­richter spra­chen ihnen Elfer aus Lust und Laune zu. Das lief ganz auto­ma­tisch. Dieser Elf­meter von van Nistel­rooy war ein Witz wie viele andere für United.

In der Doku Best of enemies“ sagen sowohl Uniteds Roy Keane als auch Ihr Kapitän Patrick Vieira: In den Duellen zwi­schen Arsenal und United herrschte Hass auf dem Rasen.
Ja, es war Hass. Keane war ja geübt darin, Gegen­spieler zu hassen. Patrick war eine starke Per­sön­lich­keit, doch nicht per se aggressiv. Er war unnach­giebig in den Zwei­kämpfen, doch hielt sich an die Regeln. Doch wenn du einen Kampf mit ihm such­test, dann hast du einen bekommen. Patrick fürch­tete nichts und nie­manden. Des­halb ragten die Duelle mit Keane auch so heraus.

Fuß­ball muss wie Kunst sein“

Im Inter­view mit der Times“ erzählten Sie, dass Sie Pep Guar­diola als Spieler ablehnten, weil Sie auf dieser Posi­tion Vieira ver­trauten.
Guar­diola kam sogar in mein Haus und bat mich darum, ihn zu ver­pflichten. Er befand sich aber am Ende seiner Kar­riere, kurz darauf wech­selte er zu Bre­scia. Er hätte sehr gut zu Arsenal gepasst, aber ich schul­dete Patrick eine Menge. Als ich Mitte der Neun­ziger zu Arsenal gekommen war, galt ich als Nie­mand. Zwar war ich in Frank­reich zum Trainer des Jahres“ erkoren worden, doch das inter­es­sierte nie­manden. Sie fragten: Arsene who?“ Patrick war mein erster Transfer und bis heute einer meiner besten. Er ver­schaffte mir Glaub­wür­dig­keit. Zehn Jahre später suchte die ganze Welt den neuen Vieira, selbst er selbst als Funk­tionär bei Man City. Doch nie­mand hat ihn gefunden.

Lassen Sie uns über den Druck in dieser spe­zi­ellen Saison spre­chen. Sie sagten einmal: Als Trainer habe ich nie Schön­heit, Ver­gnügen oder Ent­span­nung gespürt.“ Dieser Job muss Sie doch gesund­heit­lich stark belastet haben?
Schauen Sie mal: Ich habe Arsenal in 1235 Spielen betreut und nicht ein ein­ziges Mal gefehlt. Kör­per­lich war ich nie ange­schlagen. Noch heute – mit 70 Jahren – spiele ich Fuß­ball und kann ordent­lich laufen. Sie müssen glück­lich sein, wenn Sie das in diesem Alter noch tun können. Was ich meinte, war: Ich habe mein Leben als Trainer in vollem Maße geliebt, doch ich musste immer­fort Pro­bleme lösen. Die pure Freude bleibt für wenige Sekunden, der Rest ist harte Arbeit. Das dürften Sie als Reporter auch kennen. Der Alltag ist hart. Die lang­wei­lige, sich wie­der­ho­lende Seite des Lebens macht es schwer. Und genau das ist der Grund, warum ich diesen unter­halt­samen Spiel­stil eta­blierte. Es geht darum, die Leute vom lang­wei­ligen Leben abzu­lenken. Das Ziel ist immer, das Spiel in Kunst zu ver­wan­deln. Lasst die Men­schen die Lan­ge­weile ver­gessen!

Fuß­ball hat dem­nach eine kul­tu­relle Auf­gabe?
Ja, Fuß­ball muss wie die Kunst sein.

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38 Spiele, 26 Siege, 12 Unent­schieden: Arsenal fei­erte den Meis­ter­titel aus­ge­rechnet bei den Rivalen Spurs.

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Sie spra­chen von wenigen Sekunden der puren Freude“. Wann erlebten Sie sie?
Nach Siegen. Aber sobald ich die Kabine betrat, lau­erten dort wieder die übli­chen Pro­bleme: Wer ist ver­letzt? Wen kann ich ersetzen? Wann spielen wir wieder? Der Ärger über eine Nie­der­lage hielt länger als die Freude über einen Sieg. Selbst wenn ich heute an die Invin­ci­bles“ denke, ärgere ich mich über unser Aus­scheiden in der Cham­pions League gegen Chelsea. Eigent­lich hätten wir den Wett­be­werb in jenem Jahr gewonnen. Doch wir spielten an der Stam­ford Bridge nur unent­schieden. Vor dem Rück­spiel hatte ich die kom­plette erste Elf gegen United spielen lassen, wes­wegen uns die ent­schei­denden Pro­zente an Energie gegen Chelsea fehlten. Es schmerzt mich noch heute, daran zu denken.

Bei Gegen­toren pochten Ihre Arte­rien, sagten Sie einmal. Wie hält man das in einer so langen Kar­riere aus?
Manchmal war es weniger schlimm, aber ja, ich war außer mir, wenn wir ein Gegentor bekamen. Du musst als Trainer sauer sein, anders geht es nicht. Heute ver­halten sich die Trainer so sou­verän, sie sind Schau­spieler am Sei­ten­rand und haben vor allem ihr Image im Kopf. Am meisten stört mich, wenn Trainer nach dem Spiel auf den Rasen rennt. Diesen Mist habe ich schon immer gehasst. Geh als Trainer nach dem Abpfiff in die Kabine und über­lass die Arena deinen Spie­lern!

Trotz all dieser inneren Qualen wirkten Sie nach außen immer gefasst. Das soll auch bei den Anspra­chen in der Kabine so gewesen sein.
Ich musste meinen Spie­lern ver­mit­teln, dass ich alles unter Kon­trolle hatte. Du kannst nicht jede Woche aus­rasten. Wenn du deine Spieler nur über die emo­tio­nale Seite errei­chen willst, hören sie dir irgend­wann nicht mehr zu. Dein Stil muss sich der Psy­cho­logie der Mann­schaft anpassen. Und in dieser Elf waren ohnehin genü­gend Emo­tionen im Raum, da war es besser, sich ihnen über logi­sche und sach­liche Aspekte anzu­nä­hern.