Dieses Inter­view erschien erst­mals in 11FREUNDE #228. Das Heft ist hier bis uns im Shop erhält­lich. Hier lest ihr die aus­führ­liche Fas­sung erst­mals online.

Arsene Wenger, Ihr Team blieb 2003/2004 satte 49 Spiele lang ohne Nie­der­lage. Der Kader schien per­fekt zusam­men­ge­stellt. In Ihrer Auto­bio­grafie schreiben Sie, dass die Fähig­keit, ein Team zu bas­teln und Spieler ein­zu­schätzen, aus Ihrer Kind­heit im Bistro Ihrer Eltern La Croix d’Or rührt. Warum?
Das Bistro war eher ein kleines Wirts­haus in einem Dorf, in dem es haupt­säch­lich nur Bau­ern­fa­mi­lien und Pferde gab. Die Bauern kamen vom Feld und tranken ihr Fei­er­abend­bier in unserem Bistro. Meine Heimat war sehr reli­giös geprägt, also gingen die Ein­wohner am Sonntag zur Messe und kehrten danach bei uns ein, nur um über Fuß­ball zu reden. Jeden Don­nerstag wurde die Auf­stel­lung des Lokal­ver­eins bei uns lange debat­tiert und dann ent­schieden. Ich hing an den Lippen der Spieler und Trainer, wenn sie sich stritten und manchmal auf­ein­ander los­gingen. Fuß­ball war das alles bestim­mende Thema. Also muss ich unter­be­wusst gespürt haben, dass dieses Spiel eine über­ge­ord­nete Bedeu­tung im Leben haben musste. Nach diesem Motto sollte ich dar­aufhin mein ganzes Leben aus­richten.

Sie schreiben in Ihrem Buch: Den Män­nern zuzu­hören ver­mit­telte mir Kraft und einen untrüg­li­chen Instinkt.“ Also bil­deten diese Beob­ach­tungen das Fun­da­ment für Ihre spä­tere Kar­riere als Trainer?
Mir war immer klar, wie sehr ich Trainer werden wollte, aber mir blieb zunächst die Wurzel für diesen starken inneren Wunsch ver­borgen. Erst später rea­li­sierte ich, wie all­ge­gen­wärtig der Fuß­ball in meiner frühen Kind­heit erschien. Außerdem war unser Hei­mat­klub nicht gerade erfolg­reich, was den Sieg noch kost­barer erschienen ließ und meinen Hunger für dieses Sie­ges­ge­fühl noch ver­stärkte. Und weil ich nun mal reli­giös erzogen wurde, kom­bi­nierte ich die Reli­gion und den Fuß­ball. Ich las das Buch der Messe wäh­rend der Spiele. Als ich zehn Jahre alt war, betete ich zu Gott, damit er meinem Klub im Spiel hilft.

Das hat Ihnen viel­leicht später geholfen, als Uniteds Stürmer Ruud van Nistel­rooy einen Elf­meter gegen Arsenal an die Latte schoss – und Ihr Team auf diese Weise unbe­siegt blieb.
(Lächelt.) Viel­leicht. Aber ich habe her­aus­ge­funden, dass gute Spieler mehr helfen als lange Gebete.

Haben Sie sich an etwas Bestimmtes aus der Kind­heit im Bistro zurück erin­nert, als Sie Arse­nals Invin­ci­bles“ (die Unbe­sieg­baren) zusammen stellten?
Meine Kind­heit im Bistro beein­flusste mich in drei­erlei Hin­sicht. Zuerst einmal ent­stand dort meine bis heute anhal­tende Lei­den­schaft für diesen Sport. Zwei­tens hatte ich keinen Trainer bis zu meinem 19. Lebens­jahr, was mir ver­mit­telte, wie wichtig im Leben und im Fuß­ball eine Figur ist, zu der man auf­schaut. Und drit­tens: Durch die vielen unter­schied­li­chen Per­sön­lich­keiten im Wirts­haus ent­wi­ckelte auch ich einen libe­ralen Geist. Ich war auf­ge­schlossen gegen­über neuen Ein­flüssen und gegen­über allen Spie­lern – ganz egal woher sie stammten. Als ich in Eng­land das Trai­neramt über­nahm, spielten dort fast nur Ein­hei­mi­sche. Das Invincible“-Team bestand dann aber aus Spie­lern aus der ganzen Welt, es wurde das mul­ti­kul­tu­rellste Team der dama­ligen Zeit. Doch es reicht nicht, gute Spieler zu haben. Du musst als Trainer eine Iden­tität ent­wi­ckeln, für die die Mann­schaft bereit ist ein­zu­stehen. Deine Werte müssen die Spieler mit­tragen.

Habe keine Angst davor, sehr viel von deinen Spie­lern zu ver­langen!“

Die Jour­na­listin Amy Law­rence schrieb in ihrem tollen Buch über die Mann­schaft von den United Nations of Arsenal“. Wie haben Sie es geschafft, dass sich inner­halb der Mann­schaft aus den unter­schied­li­chen Natio­na­li­täten keine Cli­quen bil­deten?
Ich gebe Ihnen Recht, diese Gefahr bestand durchaus. Der Mensch ist so gestrickt, dass er sich immer mit den­je­nigen zusammen tut, die ihm ähneln, die die gleiche Sprache spre­chen oder die gleiche Natio­na­lität haben. Bei Arsenal haben sich die Fran­zosen natür­lich zusammen an einen Tisch gesetzt. Wenn aber ein Eng­länder dazu kam, sind sie vom Fran­zö­si­schen ins Eng­li­sche gewech­selt. Wichtig ist, dass die Kul­turen nicht ver­schwinden, son­dern sich mischen. Mich hat immer der Gedanke getragen, dass die unter­schied­liche Her­kunft irrele­vant wird, sobald sich alle hinter einer Idee ver­sam­meln. Ein Trainer muss dafür eine gemein­same Kultur und Iden­tität eta­blieren.

Doch wie haben Sie das kon­kret ange­stellt?
Meine Über­zeu­gung war: Habe keine Angst davor, sehr viel von deinen Spie­lern zu ver­langen! Ver­lange sogar das Unmög­liche von ihnen! Im Leben brauchst du ein kurz­fris­tiges und ein lang­fris­tiges Ziel. Ers­teres unter­stützt die Inten­sität der Moti­va­tion, also wie stark du ein Ziel ver­folgst. Zweites unter­stützt die Aus­dauer der Moti­va­tion, also wie lange du daran fest­hältst. 2003 stellte ich mich vor die Presse und ver­kün­dete, dass wir Meister werden können – ohne ein ein­ziges Spiel zu ver­lieren. Wir wurden nicht Meister und die Spieler waren wütend auf mich.

Ihr erfah­rener Spieler Martin Keown sagte Ihnen, dass es Ihre Schuld gewesen sei, dass Arsenal nicht Meister wurde. Mit Ihrem Spruch hätten Sie zu viel Druck auf die Spieler aus­geübt. Hatten Sie nicht spä­tes­tens da echte Zweifel an Ihrem Ziel?
Viel­leicht hatte Martin sogar Recht, die Spieler glaubten zu diesem Zeit­punkt noch nicht daran, dass wir tat­säch­lich unbe­siegbar sein könnten. Und als Trainer bist du immer von Zwei­feln geplagt. Doch ich rückte nicht von meinem Ziel ab, weil es für mich wie ein Lebens­traum war, den ich seit Beginn meiner Lauf­bahn hegte. Als Trainer musst du das Maximum aus deiner Mann­schaft her­aus­holen – und das ist nun einmal eine Saison ohne Nie­der­lage. Außerdem fiel mir ein wei­terer Aspekt im Laufe jener Saison auf: Der Gedanke an eine mög­liche Nie­der­lage kann ein Team hemmen. In dieser Saison 2003/04 ließen wir jenen Gedanken ein­fach nicht zu. Für uns exis­tierte ab einem bestimmten Zeit­punkt nicht einmal die Mög­lich­keit einer Nie­der­lage. Die Angst war kom­plett ver­schwunden. Was blieb, war die pure Freude am Spiel. Noch heute kommt mir diese Serie von 49 Spielen ohne Nie­der­lage vor wie das Logischste der Welt.

Wie haben Sie alle diese starken Per­sön­lich­keiten im Team gezähmt? Sie hatten Spieler wie Thierry Henry, Sol Camp­bell…
…Leh­mann, Ashley Cole – alle waren for­dernde Cha­rak­tere. Diese Jungs besaßen in glei­chem Maße Cha­risma und Demut.

Die Spieler selbst fürch­teten, sich im Abschluss­trai­ning zu ver­letzen, weil die Inten­sität so hoch war. Teilten Sie diese Befürch­tung?
Nie. Ich hatte ein starkes Team mit einer guten Bank. Die Spieler agierten voller Hin­gabe, aber auch mit Respekt vor­ein­ander. Es lief nie aus dem Ruder, ich kann mich an keinen Aus­fall erin­nern. Ein Freund von mir arbei­tete zu dieser Zeit beim fran­zö­si­schen TV und ich lud ihn mal zu einem Trai­ning ein. Er war beein­druckt vom Cha­risma dieser Jungs, schon als sie mor­gens das Gelände betraten. Sie lehnten Durch­schnitt­lich­keit mit jeder Faser ab – doch ohne dabei arro­gant zu sein.

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Der Meis­ter­kader umfasste nur 21 Spieler, war aber gespickt mit Kön­nern wie Dennis Berg­kamp (links).

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Robert Pires sagte: Wir waren nicht arro­gant, wir hielten uns nur für unbe­siegbar.“
(Lacht.) Und Recht hatte er. Man United hatte damals fan­tas­ti­sche Spieler, Chelsea unglaub­liche Spieler. Doch wir ver­fügten gleich­zeitig über Har­monie und Kampf­geist in der Truppe.

Doch es ging mit­unter hart zu, bei­spiels­weise als Kolo Toure sein Pro­be­trai­ning absol­vierte. Welche Erin­ne­rungen haben Sie daran?
Sie dürfen nicht ver­gessen, dass Kolo aus einer Schule meines Freundes Jean-Marc Guillou in der Elfen­bein­küste stammte. Er war bei Pro­be­trai­nings in Bastia, Genf oder Straß­burg durch­ge­fallen. Als ich ihm in Aus­sicht stellte, ihn zu ver­pflichten, war er zu allem bereit: auch jeden zu atta­ckieren.

Zunächst foulte er Henry, dann Dennis Berg­kamp, sodass beide lange auf dem Boden lagen. Die Spieler waren fas­sungslos, dann aber grätschte er selbst Sie um.
Ja, er tack­lete uns, aber nicht aus Aggres­si­vität, son­dern aus Enthu­si­asmus. Er wollte unbe­dingt zeigen, was er drauf hat, und bei Arsenal bleiben. Ich musste zwar zum Arzt, aber meine Ver­let­zung war nicht so schlimm. Ich habe Kolo direkt am nächsten Tag ver­pflichtet wegen seines Hun­gers, seiner Hin­gabe und seiner phy­si­schen Stärke. Er war ein Monster.

Sein Kol­lege in der Innen­ver­tei­di­gung Sol Camp­bell war ähn­lich ver­an­lagt…
…nein, er war noch härter. Wenn Sol dir auf den Fuß stieg, konn­test du eine Woche lang nicht laufen, das kann ich Ihnen sagen.

Ich weiß nicht, ob ich den Transfer von Sol Camp­bell noch mal machen würde“

Camp­bells Transfer war eben­falls kon­tro­vers, weil er vom großen Rivalen Tot­tenham zu Arsenal wech­selte. In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie den Wechsel vor­be­rei­teten: Sie trafen sich mit Camp­bell im Haus des stell­ver­tre­tenden Vor­sit­zenden, aller­dings nur nachts.
Oh ja. Bis zu dem Zeit­punkt, an dem ich Sol der Presse vor­stellte, hätte nie­mand auf der Welt diesen Transfer auch nur für mög­lich gehalten. Dieser Wechsel blieb geheim zwi­schen Sol, seinem Berater, unserem Vor­sit­zenden und mir. Das wäre heute undenkbar, weil viel zu viele Per­sonen in einen Transfer invol­viert sind. Wir liefen nachts durch die Felder rund ums Haus und redeten lange. Für mich bestand kein großes Risiko, weil ich von seinen Stärken als Spieler über­zeugt war. Doch für Sol war die Ange­le­gen­heit kom­pli­zierter, ihm sollte der blanke Hass ent­gegen schlagen.

Arse­nals Spieler sollen ihn im Trai­ning aus­ge­buht haben, um ihn auf die feind­se­lige Atmo­sphäre bei Spielen gegen Tot­tenham vor­zu­be­reiten.
Sie wollten ihm helfen und machten aber auch ihre Witz­chen. Doch die Situa­tion stellte sich für Sol wirk­lich unan­ge­nehm dar. Erst später hat er mir erzählt, dass er sich in London nicht mehr frei bewegen konnte und viele Restau­rants meiden musste. Wenn ich so zurück­blicke, weiß ich nicht, ob ich den Transfer heute noch mal so tätigen würde. Ein­fach weil ich weiß, wel­chen Schwie­rig­keiten Sol dadurch aus­ge­setzt wurde.

Der Kader der Invin­ci­bles“ bestand nur aus 21 Spie­lern für vier Wett­be­werbe. Wollten Sie ihn absicht­lich so klein halten?
Ja, ich halte nichts von großen Kadern. Das wirkt sich negativ auf den Kon­kur­renz­ge­danken aus, zu viele Spieler sind dann außen vor. Die beste Kader­größe liegt zwi­schen 23 und 25. Wenn du aber 21 erfah­rene Jungs hast, kann das auch rei­chen – wie wir bewiesen haben.

Vor jener Saison holten Sie nur einen Neuen dazu: Jens Leh­mann.
Er war das letzte feh­lende Puz­zle­teil. Ein Gewin­nertyp durch und durch. Bevor er unter­schrieb, führten wir beide lange und hef­tige Dis­kus­sionen. Jens hatte keinen Berater dabei, er war hart. Ich bekam einen Ein­druck davon, welch schwie­riger Typ er sein konnte. Aber ich dachte: Ok, wenn er so gera­deaus und ent­schlossen auf dem Rasen ist, dann soll es mir recht sein.

In seiner Bio­grafie schrieb Leh­mann, es habe manchmal zwanzig Minuten lang zwi­schen Ihnen beiden geknallt. Danach bespra­chen Sie pri­vate Themen, als sei nichts gewesen.
Kor­rekt. Ich mag ihn sehr. Er ist ehr­lich und steht für seine Mei­nung ein. Am wich­tigsten: Er ist ver­läss­lich. Und er hasst es, durch­schnitt­lich zu sein.

Stimmt es, dass Sie nach der gewon­nenen Meis­ter­schaft mit Leh­mann und Camp­bell in der Kabine anein­ander gerieten?
Wir bekamen uns in die Köpfe wegen des Elf­me­ters für die Spurs in der letzten Minute, den Jens ver­schuldet hatte. Die Spurs gli­chen damit aus, wir spielten unent­schieden, aber waren damit Meister. Es muss ver­rückt klingen, aber wir waren nun mal alle etwas anders gestrickt. Des­wegen schäumten wir selbst vor Wut, weil wir das Spiel nicht gewonnen hatten. Wenn Sie in diesem Moment die Kabine betreten hätten, hätten Sie nie, nie, nie für mög­lich gehalten, dass dieses Team gerade Meister geworden war. Es ging sehr aggressiv zu, es gab Schreie wie Warum hast du den Elfer ver­schuldet?“ oder Was ist dein Pro­blem, Mann?“ Es dau­erte eine ganze Weile, bis wir uns alle beru­higten.

Sie haben den Titel also nicht gefeiert?
Erst später. Die Arbeit war noch nicht erle­digt. Vier Spiele blieben schließ­lich noch, um die gesamte Saison über unbe­siegt zu bleiben. Es ging nicht mehr um die Meis­ter­schaft, son­dern um die Unsterb­lich­keit. Das habe ich der Mann­schaft auch direkt gesagt. 99 Pro­zent der Meis­ter­teams schenken das fol­gende Spiel ab. Also war ich gefor­dert. Und es wurde knapp: Gegen Ports­mouth hatten wir viele Ver­letzte, Johan Djourou musste rechts spielen und der Gegner war stark. Nur mit Glück spielten wir unent­schieden. Im aller­letzten Sai­son­spiel lagen wir gegen Lei­cester zurück und ich dachte: Ver­dammt noch mal, wie dumm kann man sein, aus­ge­rechnet das letzte Spiel zu ver­lieren!“ Aber am Ende setzte sich der Stolz der Mann­schaft durch, wir siegten 2:1.

Gab es andere Momente in der Saison, in denen Sie Ihren Lebens­traum in Gefahr sahen?
Viele. Wir gewannen 26 Spiele, spielten 12 Mal unent­schieden. Jedes dieser Remis hätte auch gegen uns laufen können. Es ist hilf­reich, gute Spieler zu haben, aber sie müssen von einer tie­feren Moti­va­tion ange­trieben sein. Meine Spieler stemmten sich gegen die Nie­der­lage, weil es um mehr als ein Spiel ging.

Die frü­heren Teams von Bayern, Real oder Bar­ce­lona auf ihrem Höhe­punkt waren alle tech­nisch besser als die heu­tigen Mann­schaften“

Arse­nals Fuß­ball war her­aus­ra­gend. Beim Spiel gegen die Spurs dau­erte es nur elf Sekunden vom Ball­ge­winn im eigenen Straf­raum bis zum Tor auf der anderen Seite. Die Konter sahen aus wie Cho­reo­gra­phien. Wie kann man so etwas ein­stu­dieren?
Die Vor­aus­set­zung dafür sind die her­aus­ra­genden Fähig­keiten der Spieler. Wenn du dar­über ver­fügst, kannst du an zwei Merk­malen arbeiten: dem genauen Timing des Passes und der Qua­lität der Ent­schei­dung unter Druck. Der heu­tige Fuß­ball ist mehr von Indi­vi­dua­lität geprägt, es geht darum, Stars zu fabri­zieren. Ich habe meinen Spie­lern damals gesagt, dass sie tief ins Spiel ein­tau­chen müssen, um zu ver­stehen: Der Erfolg aus einem gemein­samen Fuß­ball wird immer größer sein als der per­sön­liche Erfolg bei einem indi­vi­duell geprägten Spiel­stil. Erst im Zusam­men­spiel kann der Fuß­ball dir mehr geben. Heute aber ist das noch schwie­riger, weil das Spiel phy­sisch geprägt ist und die tech­ni­sche Seite ver­nach­läs­sigt wird. Das müssen wir in der Aus­bil­dung ändern.

Sprich: Mehr Fokus aufs Spielen denn aufs Rennen?
Heute spielen Monster in jedem Klub, die die 100 Meter in unter elf Sekunden laufen. Alles dreht sich um die Physis. Doch die frü­heren Teams von Bayern, Real oder Bar­ce­lona auf ihrem Höhe­punkt waren alle tech­nisch besser als die heu­tigen Mann­schaften.

Ist dieser Schwer­punkt auf der Ath­letik der Grund, warum so viele 16-Jäh­rige spielen und 31-Jäh­rige ihre Kar­riere beenden?
Das kann ich Ihnen nicht genau sagen. Aber ich weiß: Wenn du eine Gruppe von begabten Unter-20-Jäh­rigen hast, kannst du deren Ent­wick­lung nie vor­aus­sagen. Mit 20 trennen sich die guten von den durch­schnitt­li­chen Spie­lern. Mit 23 trennen sich die exzel­lenten von den guten Spie­lern. Dann erkennst du die Messis oder Ronaldos anhand ihrer Wider­stands­fä­hig­keit und ihres mühe­losen Umgangs mit Schwie­rig­keiten auf dem Platz.

Wel­cher Ihrer Spieler ent­wi­ckelte sich nach 23 besser, als Sie es erwartet hatten?
Thierry Henry. Er ent­wi­ckelte sich unglaub­lich schnell. Ich habe ihn als Mit­tel­stürmer auf­ge­stellt, weil ich ihn so in Monaco gesehen hatte. Doch danach hatte er seinen Instinkt ver­loren und war auf die Außen­bahn geschoben worden. Ich wollte seine Sinne schärfen und habe in den ersten Trai­nings­ein­heiten nur an dem Timing seiner Sprints gear­beitet. Er musste erkennen, wann und wo er auf dem Feld seine Läufe anzieht. Das war es.

Henry steht als Sinn­bild für die tak­ti­sche Fle­xi­bi­lität Ihrer Spieler. Er wich auf den Flügel aus, um dann den Raum in die Tiefe zu nutzen. Bei den Angriffen von Arsenal tauschten die Spieler Posi­tionen und immer füllte ein anderer auto­ma­tisch die ent­stan­denen Lücken.
Lassen Sie mich das an (Thierry) Henry erklären: Er war schnell darin, den Gegner zu ana­ly­sieren. Nach zehn Minuten wusste er, wel­cher Ver­tei­diger sich auf welche Seite bewegte, wel­cher Gegen­spieler einen schwa­chen Fuß hatte. Er erkannte von selbst die Schwä­chen der anderen und wusste sie zu nutzen. Robert Pires dahinter ver­stand es, seine Läufe mit Thierrys Läufen zu syn­chro­ni­sieren. Robert war unglaub­lich und bereit, sich für Henry auf­zu­op­fern, ihm die Bälle zu ser­vieren. Als Robert 45 Jahre alt war, habe ich ihn immer noch zum Trai­ning der aktu­ellen Arsenal-Mann­schaft ein­ge­laden. Selbst da gehörte er tech­nisch immer noch zu den Besten auf dem Feld.

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Das geniale Duo Robert Pires (7) und Thierry Henry.

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Sie ach­teten immer auf die Spiel­in­tel­li­genz Ihrer Akteure. Später führten Sie Tests zur Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung auf dem Platz durch. Wie sahen diese aus?
Ich wollte her­aus­finden, wie viele Infor­ma­tionen die Spieler unmit­telbar vor der Ball­an­nahme auf­nehmen: Wo sind meine Mit­spieler? Wie viel Raum und Zeit habe ich? Wo steht der Gegner? Wenn du den Fuß­ball ein­fach spielst, nimmst du den Ball an, triffst eine Ent­schei­dung und führst sie aus – das ist alles. Mich inter­es­sierten die zehn Sekunden vor dieser Ent­schei­dung. Ich arbei­tete mit einer Uni­ver­sität zusammen und wir stellten Kameras auf, die die Bewe­gungen und Sicht­weisen des Spie­lers in dieser Zeit­spanne fest­hielten. Die ganz großen Spieler nehmen sechs bis acht Infor­ma­tionen auf, die guten vier bis sechs. Also je besser du deine Umge­bung scannst, umso besser spielst du. Groß­ar­tige Spieler drehen immerzu den Kopf herum, bevor sie den Ball bekommen. Spielen Sie Fuß­ball?

Auf Ama­teur-Niveau.
Ok, dort nimmt man wohl null bis eine Infor­ma­tion auf. (lächelt.)

Es gibt einige Mythen um Ihre Trai­nings­ein­heiten. Zunächst: Sie ließen die Spieler im 11 gegen 0 spielen oder im 11 gegen 11, wobei ein Team sich nicht bewegen durfte.
Stimmt. Ich wollte die Bewe­gungen und Ver­bin­dungen der Spieler zuein­ander ein­stu­dieren; Passen und Laufen ohne Gegen­wehr.

Zwei­tens: Das erste, was sie sich vor dem Trai­ning anzogen, war Ihre Stoppuhr.
Das ist wahr. Das Spiel hat sich dahin ent­wi­ckelt, dass der Trai­ner­stab per­so­nell ange­wachsen ist. Ein Trainer über­gibt seine Mann­schaft heute an Spe­zia­listen. Doch ich war damals der Tak­tik­trainer, Ath­le­tik­trainer und so weiter in einem. Es gab nur mich und das Team. Ich musste die Ein­heiten unter­bre­chen anstatt sie nur zu beob­achten. Also brauchte ich eine Stoppuhr. Noch heute time ich mein Leben so genau, wie ich es damals bei jeder Ein­heit und jedem Spiel getan habe.

Sie haben die phy­si­sche Seite des Spiels ange­spro­chen. Viele ehe­ma­lige Arsenal-Spieler sagen, Sie seien nur so fit geworden, weil Sie die Ernäh­rung im Klub umge­stellt haben. Alkohol war ver­boten, statt Pommes gab es Hähn­chen. Das war sei­ner­zeit fast revo­lu­tionär.
Nein, ich glaube nicht, dass dies der Schlüssel für unsere phy­si­sche Stärke war. Die Ernäh­rung ist nur ein Teil davon, wenn auch ein nicht unwich­tiger. Es ist wie das Benzin im Tank. Es gibt das sicht­bare und das unsicht­bare Trai­ning, sprich Ernäh­rung, Schlaf, Vor­be­rei­tung auf ein Spiel. Ein Verein muss die Grund­lagen für die opti­male Leis­tungs­fä­hig­keit schaffen. Ich enga­gierte damals einen Ernäh­rungs­be­rater, der den Spie­lern ver­mit­telte, warum ihnen bestimmte Nah­rungs­mittel bei ihrem Spiel helfen können. Ich selbst bin kein Spe­zia­list, aber ich schaffte es auf diese Art, die Spieler zu über­zeugen. Es geht um die Über­re­dung der Spieler, nicht darum, bloße Vor­gaben zu erlassen.

In Ihrer ersten Saison bei Arsenal sangen die Spieler im Bus Wir wollen unsere Mars-Riegel zurück“. Wie haben Sie darauf reagiert?
(Lacht.) In meinem ersten Spiel wandte ich mich an den Physio und fragte: Was ist los? Warum sagt hier nie­mand ein Wort?“ Er sagte: Trainer, sie sind alle hungrig. Sie brau­chen ihre Scho­ko­riegel.“ Doch mit der Zeit änderte ich ihre Gewohn­heiten. Dein Körper hat nun einmal auch ein Gewissen. Und im heu­tigen Fuß­ball ent­scheiden Klei­nig­keiten über Sieg oder Nie­der­lage.

Ein Arsenal-Anhänger vom deut­schen Fan­club fragte sich zurecht: Wenn Wenger die Ernäh­rung umstellte, warum gab es dann beim Spiel in Man­chester Pizza in der Kabine?
Im Old Traf­ford stellt die Heim­mann­schaft den Gästen Essen in die Kabine, damals gab es auch Pizza. Also schmiss jemand ein Stück auf einen Offi­zi­ellen von Man United.

Ihr Spieler Cesc Fab­regas war so sauer nach der ersten Arsenal-Nie­der­lage nach den berühmten 49 Spielen, dass er den United-Trainer Sir Alex Fer­guson mit Pizza bewarf. Welche Erin­ne­rungen haben Sie an den so genannten Battle of the buffet“?
Wenn ich mich heute daran erin­nere, finde ich es lustig. Damals aber bekamen wir große Pro­bleme im eng­li­schen Fuß­ball und in der Öffent­lich­keit. Das Spiel selbst hatten wir domi­niert bis United einen unbe­rech­tigten Elf­meter zuge­spro­chen bekam. Wir fühlten uns nach dieser Serie von 49 Spielen ein­fach betrogen. Wir wurden beraubt.

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Ja, es war Hass.“ Arse­nals Spieler gehen Uniteds Ruud van Nistel­rooy heftig an.

Reu­ters

Sie sollen heute Nach­richten mit Fer­guson aus­tau­schen. Wie spre­chen Sie beide über diese Duelle mit United?
Heute begegnen wir uns freund­schaft­lich und sind nett zuein­ander. Wenn du nicht mehr gegen­ein­ander antrittst, wird die Bezie­hung natur­gemäß besser. Aber wenn du im Wett­be­werb bist, kann es hart werden. Und das wurde es damals.

Der Gipfel der Span­nungen war ein Elf­meter von Ruud van Nistel­rooy 2003. Er holte den Straf­stoß heraus und setzte ihn dann an die Latte. Ihre Spieler umringten und ver­höhnten ihn. Sie nannten van Nistel­rooy einen Betrüger“. Die Öffent­lich­keit zählte Sie und Ihr Team an. Wel­chen Ein­fluss hatte dieses Spiel auf die Invincible“-Saison?
Es war unser Start. Das alles hat das Team zusam­men­ge­schweißt. Martin Keown stand schlecht vor diesem Elf­meter und van Nistel­rooy hat dies aus­ge­nutzt. Doch zu dieser Zeit bekam United schon einen Elf­meter, wenn sie nur kurz danach fragten. Schieds­richter spra­chen ihnen Elfer aus Lust und Laune zu. Das lief ganz auto­ma­tisch. Dieser Elf­meter von van Nistel­rooy war ein Witz wie viele andere für United.

In der Doku Best of enemies“ sagen sowohl Uniteds Roy Keane als auch Ihr Kapitän Patrick Vieira: In den Duellen zwi­schen Arsenal und United herrschte Hass auf dem Rasen.
Ja, es war Hass. Keane war ja geübt darin, Gegen­spieler zu hassen. Patrick war eine starke Per­sön­lich­keit, doch nicht per se aggressiv. Er war unnach­giebig in den Zwei­kämpfen, doch hielt sich an die Regeln. Doch wenn du einen Kampf mit ihm such­test, dann hast du einen bekommen. Patrick fürch­tete nichts und nie­manden. Des­halb ragten die Duelle mit Keane auch so heraus.

Fuß­ball muss wie Kunst sein“

Im Inter­view mit der Times“ erzählten Sie, dass Sie Pep Guar­diola als Spieler ablehnten, weil Sie auf dieser Posi­tion Vieira ver­trauten.
Guar­diola kam sogar in mein Haus und bat mich darum, ihn zu ver­pflichten. Er befand sich aber am Ende seiner Kar­riere, kurz darauf wech­selte er zu Bre­scia. Er hätte sehr gut zu Arsenal gepasst, aber ich schul­dete Patrick eine Menge. Als ich Mitte der Neun­ziger zu Arsenal gekommen war, galt ich als Nie­mand. Zwar war ich in Frank­reich zum Trainer des Jahres“ erkoren worden, doch das inter­es­sierte nie­manden. Sie fragten: Arsene who?“ Patrick war mein erster Transfer und bis heute einer meiner besten. Er ver­schaffte mir Glaub­wür­dig­keit. Zehn Jahre später suchte die ganze Welt den neuen Vieira, selbst er selbst als Funk­tionär bei Man City. Doch nie­mand hat ihn gefunden.

Lassen Sie uns über den Druck in dieser spe­zi­ellen Saison spre­chen. Sie sagten einmal: Als Trainer habe ich nie Schön­heit, Ver­gnügen oder Ent­span­nung gespürt.“ Dieser Job muss Sie doch gesund­heit­lich stark belastet haben?
Schauen Sie mal: Ich habe Arsenal in 1235 Spielen betreut und nicht ein ein­ziges Mal gefehlt. Kör­per­lich war ich nie ange­schlagen. Noch heute – mit 70 Jahren – spiele ich Fuß­ball und kann ordent­lich laufen. Sie müssen glück­lich sein, wenn Sie das in diesem Alter noch tun können. Was ich meinte, war: Ich habe mein Leben als Trainer in vollem Maße geliebt, doch ich musste immer­fort Pro­bleme lösen. Die pure Freude bleibt für wenige Sekunden, der Rest ist harte Arbeit. Das dürften Sie als Reporter auch kennen. Der Alltag ist hart. Die lang­wei­lige, sich wie­der­ho­lende Seite des Lebens macht es schwer. Und genau das ist der Grund, warum ich diesen unter­halt­samen Spiel­stil eta­blierte. Es geht darum, die Leute vom lang­wei­ligen Leben abzu­lenken. Das Ziel ist immer, das Spiel in Kunst zu ver­wan­deln. Lasst die Men­schen die Lan­ge­weile ver­gessen!

Fuß­ball hat dem­nach eine kul­tu­relle Auf­gabe?
Ja, Fuß­ball muss wie die Kunst sein.

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38 Spiele, 26 Siege, 12 Unent­schieden: Arsenal fei­erte den Meis­ter­titel aus­ge­rechnet bei den Rivalen Spurs.

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Sie spra­chen von wenigen Sekunden der puren Freude“. Wann erlebten Sie sie?
Nach Siegen. Aber sobald ich die Kabine betrat, lau­erten dort wieder die übli­chen Pro­bleme: Wer ist ver­letzt? Wen kann ich ersetzen? Wann spielen wir wieder? Der Ärger über eine Nie­der­lage hielt länger als die Freude über einen Sieg. Selbst wenn ich heute an die Invin­ci­bles“ denke, ärgere ich mich über unser Aus­scheiden in der Cham­pions League gegen Chelsea. Eigent­lich hätten wir den Wett­be­werb in jenem Jahr gewonnen. Doch wir spielten an der Stam­ford Bridge nur unent­schieden. Vor dem Rück­spiel hatte ich die kom­plette erste Elf gegen United spielen lassen, wes­wegen uns die ent­schei­denden Pro­zente an Energie gegen Chelsea fehlten. Es schmerzt mich noch heute, daran zu denken.

Bei Gegen­toren pochten Ihre Arte­rien, sagten Sie einmal. Wie hält man das in einer so langen Kar­riere aus?
Manchmal war es weniger schlimm, aber ja, ich war außer mir, wenn wir ein Gegentor bekamen. Du musst als Trainer sauer sein, anders geht es nicht. Heute ver­halten sich die Trainer so sou­verän, sie sind Schau­spieler am Sei­ten­rand und haben vor allem ihr Image im Kopf. Am meisten stört mich, wenn Trainer nach dem Spiel auf den Rasen rennt. Diesen Mist habe ich schon immer gehasst. Geh als Trainer nach dem Abpfiff in die Kabine und über­lass die Arena deinen Spie­lern!

Trotz all dieser inneren Qualen wirkten Sie nach außen immer gefasst. Das soll auch bei den Anspra­chen in der Kabine so gewesen sein.
Ich musste meinen Spie­lern ver­mit­teln, dass ich alles unter Kon­trolle hatte. Du kannst nicht jede Woche aus­rasten. Wenn du deine Spieler nur über die emo­tio­nale Seite errei­chen willst, hören sie dir irgend­wann nicht mehr zu. Dein Stil muss sich der Psy­cho­logie der Mann­schaft anpassen. Und in dieser Elf waren ohnehin genü­gend Emo­tionen im Raum, da war es besser, sich ihnen über logi­sche und sach­liche Aspekte anzu­nä­hern.

Sie zogen sich gar zurück. Beim berühmten 4:2 gegen Liver­pool 2004, in dem Arsenal das Spiel drehte, hielt der Spieler Martin Keown angeb­lich die Halb­zeit­an­sprache.
Er hat nicht meinen Job über­nommen, im Gegen­teil. Manche Details sehen nur die Spieler auf dem Rasen und es ist ihr gutes Recht, das auch anzu­spre­chen. Ich habe sehr oft die Jungs spre­chen lassen. Denn darum ging es: Die Spieler sollten meine Phi­lo­so­phie annehmen und über­nehmen, um sich dann selbst zu coa­chen. Es gab auch Spiele, bei denen ich in die Kabine kam und nur fragte: Und was sagt ihr zur ersten Halb­zeit?

Die Spieler sollten sich also um sich selbst küm­mern?
Ich ver­langte von ihnen vor allem, dass sie mit­ein­ander kom­mu­ni­zieren. Kom­mu­ni­ka­tion ist ein wich­tiger Teil einer Mann­schaft und ihres Fort­schritts. Nur ein Team mit guter Kom­mu­ni­ka­tion ist dyna­misch. In der Nie­der­lage ver­kriecht sich jeder in seine Muschel. Doch ein Trainer muss sie dort her­aus­holen und zum Spre­chen auf und neben dem Platz ani­mieren.

Es heißt, Sie lenkten sich auf dem Weg zum Trai­ning mit Reggae-Musik ab. Stimmt das?
Manchmal ja. Ich mochte Bob Marley. Seine Musik war nicht künst­lich, son­dern hand­ge­macht, inspi­rie­rend und ent­span­nend. Man spürte die Lebens­lust beim Hören und kam etwas runter. Marley starb mit 36, einem Alter, in dem Fuß­baller damals für gewöhn­lich ihre Kar­riere been­deten. Zudem arbei­tete er sich aus schwie­rigen Ver­hält­nissen hoch wie viele meiner Spieler. Ich fand also immer Anknüp­fungs­punkte in seinen Texten, Could you be loved?“ war eines meiner Lieb­lings­stücke. Ich bewun­dere zudem viele fran­zö­si­sche Kom­po­nisten und Poeten wie Léo Ferré.

Gab es noch andere Arten für Sie, sich vom Druck zu erholen?
Fuß­ball schauen. Mir ist es fast pein­lich, wie viel Zeit meines Lebens ich damit zubrachte, Fuß­ball­spiele zu schauen. Es gab für mich kein grö­ßeres Ver­gnügen, als am Sams­tag­morgen unser Spiel zu gewinnen und zu wissen, dass ich das gesamte Wochen­ende Zeit hatte, um die anderen Spiele zu sehen. Für mich sah genau so das per­fekte Wochen­ende aus.

Der Sinn des Lebens ist Fuß­ball“

Und Sie bedau­erten nie, Ihre Zeit mit, sagen wir mal, einem 0:0 zwi­schen Burnley und West Brom ver­geudet zu haben?
Schon, aber wie bei allen anderen kul­tu­rellen Unter­hal­tungen pas­siert das nun mal. Wenn Sie zehn Bücher lesen, zehn Filme sehen oder zehn Mal ins Theater gehen, fühlen Sie sich auch nicht immer gleich gut unter­halten. Doch ich habe von jedem ein­zelnen Spiel etwas Neues für mich lernen können.

Würden Sie sagen, dass Sie dabei Ihre Familie etwas ver­nach­läs­sigt haben?
Defi­nitiv, ich hätte mehr Zeit mit ihr ver­bringen sollen. Ein Mann mit einer so aus­ge­prägten Lei­den­schaft lässt häufig die ihm nahe ste­henden Men­schen leiden. Ich fühle mich des­wegen schuldig. Auf der anderen Seite konnte meine Familie durch meine Lei­den­schaft ein ange­nehmes Leben führen. Aber das ersetzt nie die Prä­senz und die gemein­same Zeit. Das Leben hat keine Bedeu­tung, eben bis zu dem Zeit­punkt, an dem du sie für dich selbst ent­deckst. Für mich hieß das: Der Sinn des Lebens ist Fuß­ball.

Dieser Satz lässt es noch selt­samer wirken, dass Sie nicht mehr als Trainer arbeiten.
Für mich fühlt es sich auch seltsam an, das kann ich Ihnen ver­si­chern. Gerade sams­tags ver­misse ich es, an der Sei­ten­linie zu stehen. Momentan arbeite ich mit der Fifa daran, die Infra­struktur für junge Talente auf der ganzen Welt zu ver­bes­sern, damit sie nicht mehr nur nach Europa wech­seln. Das ist eine erfül­lende Auf­gabe, doch Fuß­ball und das Trai­ner­sein ist noch immer wie eine Droge in mir. Des­wegen habe ich auch noch nie aus­ge­schlossen, wieder als Trainer zu arbeiten.

Wie nah waren Sie an einem Enga­ge­ment als Bayern-Trainer im ver­gan­genen Jahr?
Nicht sehr nah. Ich habe mit Karl-Heinz Rum­me­nigge tele­fo­niert, aber nur um eine Sache klar­zu­stellen. Es kur­sierte die Mel­dung, ich hätte mich bei Bayern Mün­chen als Trainer ange­boten. Das war nicht wahr und das wollte ich deut­lich machen. Bayern hat mich wie­derum auch nicht für den Job ange­fragt. Sie haben mit der Wahl für Hansi Flick die rich­tige Ent­schei­dung getroffen. Ich gra­tu­liere ihm.

Also war das mög­liche Enga­ge­ment bei Lyon im Jahr 2019 das kon­kre­teste Gespräch in dieser Hin­sicht in den ver­gan­genen Jahren?
Richtig. Ich hatte andere Ange­bote, aber habe auch diese alle abge­lehnt.

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Aus Arsène who?“ wurde Arsène knows“ – Wenger stieg zur Klub­i­kone von Arsenal auf.

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Warum waren Sie seit Ihrem letzten Arbeitstag nicht mehr im Sta­dion von Arsenal?
Ich dachte, dass ich nach meinem Weg­gang erst einmal kom­plett ver­schwinden muss. Ich wollte nicht wie ein Schatten über anderen Per­sonen liegen. Also war es das Beste, zunächst kom­plett abzu­schließen.

Hat Ihr Fern­bleiben auch mit der hef­tigen Kritik von Fans und Experten zum Ende Ihrer Zeit bei Arsenal zu tun?
Nicht wirk­lich. Das war doch nur eine Min­der­heit. Bei meinem Abschied habe ich große Dank­bar­keit bei den Fans gesehen. Ich habe das Sta­dion gebaut, habe das Trai­nings­zen­trum gebaut und alles zurück­ge­zahlt. Sicher­lich gab es einige Per­sonen, die den nötigen Respekt mir gegen­über ver­missen ließen. Ich habe diesen Leuten ver­geben, weil einen in diesem Sport nun mal die Emo­tionen davon tragen können. Aller­dings wurde es zu einer gewissen Zeit sehr unan­ge­nehm: Wenn Sie sich anschauen, welche Ange­bote ich aus­ge­schlagen habe (Juventus, Real Madrid etc., die Red.) und statt­dessen mit geringen Mit­teln weiter Arsenal führte, emp­fand ich schon eine gewisse Unge­rech­tig­keit.

Auch Undank­bar­keit?
In Frank­reich sagen wir: Dank­bar­keit ist die Krank­heit von Hunden, die nicht auf den Men­schen über­tragbar ist.“ (lächelt.) Am langen Ende respek­tieren die Men­schen meine Leis­tung für Arsenal: Ich habe dem Klub mit Inte­grität und Bestän­dig­keit gedient. Darauf bin ich stolz. Heut­zu­tage ist die mensch­liche Seite in einem Verein ver­loren gegangen. Als ich bei Arsenal anfing, arbei­teten 70 Ange­stellte für den Klub, heute sind es 700. Da kannst du nicht mehr jeden Mit­ar­beiter per­sön­lich kennen. Diese Größe hat einen Effekt auf dein Manage­ment. Ich kann aber sagen, dass es für mich ein Pri­vileg war, auf jeder Ebene außer­ge­wöhn­li­chen Men­schen begegnet zu sein.

Wenn man auf Ihre 22 Jahre bei Arsenal zurück­blickt: Finden Sie es nicht komisch, dass diese Ära ver­mut­lich wegen einer Ziga­rette zustande kam?
Ver­rückt, oder? Das Leben wird bestimmt von Hal­tung, Neu­gier und eben auch Zufall. Es hängt von kleinen Dingen ab. Ich hätte wohl nie­mals Arsenal trai­niert, wenn ich nicht Eng­lisch gelernt hätte oder früher nicht geraucht hätte. 1989 beob­achte ich ein Spiel von Gala­ta­saray in meiner Funk­tion als Trainer von Monaco. Auf dem Rück­flug hatte ich einen Stopp in London und sah mir spontan ein Spiel von Arsenal an. In der Halb­zeit­pause bat ich jemanden um Feuer für meine Ziga­rette. Diese Dame war eine Freundin von Bar­bara Dein, der Frau des stell­ver­tre­tenden Ver­eins­vor­sit­zenden David Dein. Wir unter­hielten uns und sie stellte mich ihrem Gatten vor. Er lud mich zum Abend­essen zu sich nach Hause ein. Dort spielten wir dann ein Pan­to­mi­men­spiel.

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Die Auto­bio­grafie von Arsène Wenger Mein Leben in Rot und Weiß“ erschien auf Deutsch im Ariston-Verlag und ist im Handel erhält­lich.

Warum das?
Bei ihm zu Hause waren viele Gäste ein­ge­laden und sie hielten es für einen großen Spaß, wenn jemand einen Zettel mit einer Rolle bekommt und diese dann vor­spielt. Ich sagte: Ok, ich gebe mein Bestes. Ich kann mich nicht mehr genau an meine Rolle erin­nern, aber David muss gedacht haben: Dieser Kerl aus Frank­reich scheint nicht dumm zu sein. In den fol­genden Jahren trafen wir uns immer wieder in Süd­frank­reich und lernten uns besser kennen. Und 1996 ver­traute er mir dann end­lich Arsenal an.

Um am Ende auf die Invin­ci­bles“ zurück zu kommen: Wie kann ein Trainer eine Mann­schaft unbe­siegbar machen?
Du brauchst gute Spieler. (Über­legt.) Du musst nach vorne denken, auch wenn du schon etwas erreicht hast. Ein Trainer muss den tiefen Wunsch in die Spieler ein­pflanzen, nach Mehr zu streben. Er muss ihnen ein klares Bild von einem gemein­samen Ziel ver­mit­teln. Heute ist es schwierig, weil ein Klub so viele Mit­ar­beiter hat. Die Ver­eine sind über­laden mit Mit­ar­bei­tern, deren Effi­zienz kaum messbar ist. Das erschwert es, eine Ein­heit zu bilden. Doch Klar­heit und Sim­pli­zität sind die Schlüssel für Erfolg.

Kann ein Team dem­nach heute noch einmal eine Saison ohne Nie­der­lage schaffen?
Liver­pool war ja nah dran. Doch auch in dieser Saison haben sie bereits ver­loren. Sie struk­tu­rieren gerade ihr Mit­tel­feld um, mit Thiago hin zu mehr tech­ni­scher Qua­lität. Hen­derson und Milner waren auch wichtig, aber sie werden älter. Momentan sehe ich kein absolut domi­nantes Team in Europa. Ich mochte Bay­erns Stil in der ver­gan­genen Saison und natür­lich Bar­ce­lona in ihrer Blü­te­zeit, aber ich sehe gerade kein Team, dessen Spiele man um jeden Preis sehen will. Um auf Ihre Frage zurück zu kommen: Ja, eines Tages wird es eine Mann­schaft schaffen, aber es wird einige Zeit dauern.