Dieses Inter­view erschien erst­mals in 11FREUNDE #228. Das Heft ist hier bis uns im Shop erhält­lich. Hier lest ihr die aus­führ­liche Fas­sung erst­mals online.

Arsene Wenger, Ihr Team blieb 2003/2004 satte 49 Spiele lang ohne Nie­der­lage. Der Kader schien per­fekt zusam­men­ge­stellt. In Ihrer Auto­bio­grafie schreiben Sie, dass die Fähig­keit, ein Team zu bas­teln und Spieler ein­zu­schätzen, aus Ihrer Kind­heit im Bistro Ihrer Eltern La Croix d’Or rührt. Warum?
Das Bistro war eher ein kleines Wirts­haus in einem Dorf, in dem es haupt­säch­lich nur Bau­ern­fa­mi­lien und Pferde gab. Die Bauern kamen vom Feld und tranken ihr Fei­er­abend­bier in unserem Bistro. Meine Heimat war sehr reli­giös geprägt, also gingen die Ein­wohner am Sonntag zur Messe und kehrten danach bei uns ein, nur um über Fuß­ball zu reden. Jeden Don­nerstag wurde die Auf­stel­lung des Lokal­ver­eins bei uns lange debat­tiert und dann ent­schieden. Ich hing an den Lippen der Spieler und Trainer, wenn sie sich stritten und manchmal auf­ein­ander los­gingen. Fuß­ball war das alles bestim­mende Thema. Also muss ich unter­be­wusst gespürt haben, dass dieses Spiel eine über­ge­ord­nete Bedeu­tung im Leben haben musste. Nach diesem Motto sollte ich dar­aufhin mein ganzes Leben aus­richten.

Sie schreiben in Ihrem Buch: Den Män­nern zuzu­hören ver­mit­telte mir Kraft und einen untrüg­li­chen Instinkt.“ Also bil­deten diese Beob­ach­tungen das Fun­da­ment für Ihre spä­tere Kar­riere als Trainer?
Mir war immer klar, wie sehr ich Trainer werden wollte, aber mir blieb zunächst die Wurzel für diesen starken inneren Wunsch ver­borgen. Erst später rea­li­sierte ich, wie all­ge­gen­wärtig der Fuß­ball in meiner frühen Kind­heit erschien. Außerdem war unser Hei­mat­klub nicht gerade erfolg­reich, was den Sieg noch kost­barer erschienen ließ und meinen Hunger für dieses Sie­ges­ge­fühl noch ver­stärkte. Und weil ich nun mal reli­giös erzogen wurde, kom­bi­nierte ich die Reli­gion und den Fuß­ball. Ich las das Buch der Messe wäh­rend der Spiele. Als ich zehn Jahre alt war, betete ich zu Gott, damit er meinem Klub im Spiel hilft.

Das hat Ihnen viel­leicht später geholfen, als Uniteds Stürmer Ruud van Nistel­rooy einen Elf­meter gegen Arsenal an die Latte schoss – und Ihr Team auf diese Weise unbe­siegt blieb.
(Lächelt.) Viel­leicht. Aber ich habe her­aus­ge­funden, dass gute Spieler mehr helfen als lange Gebete.

Haben Sie sich an etwas Bestimmtes aus der Kind­heit im Bistro zurück erin­nert, als Sie Arse­nals Invin­ci­bles“ (die Unbe­sieg­baren) zusammen stellten?
Meine Kind­heit im Bistro beein­flusste mich in drei­erlei Hin­sicht. Zuerst einmal ent­stand dort meine bis heute anhal­tende Lei­den­schaft für diesen Sport. Zwei­tens hatte ich keinen Trainer bis zu meinem 19. Lebens­jahr, was mir ver­mit­telte, wie wichtig im Leben und im Fuß­ball eine Figur ist, zu der man auf­schaut. Und drit­tens: Durch die vielen unter­schied­li­chen Per­sön­lich­keiten im Wirts­haus ent­wi­ckelte auch ich einen libe­ralen Geist. Ich war auf­ge­schlossen gegen­über neuen Ein­flüssen und gegen­über allen Spie­lern – ganz egal woher sie stammten. Als ich in Eng­land das Trai­neramt über­nahm, spielten dort fast nur Ein­hei­mi­sche. Das Invincible“-Team bestand dann aber aus Spie­lern aus der ganzen Welt, es wurde das mul­ti­kul­tu­rellste Team der dama­ligen Zeit. Doch es reicht nicht, gute Spieler zu haben. Du musst als Trainer eine Iden­tität ent­wi­ckeln, für die die Mann­schaft bereit ist ein­zu­stehen. Deine Werte müssen die Spieler mit­tragen.

Habe keine Angst davor, sehr viel von deinen Spie­lern zu ver­langen!“

Die Jour­na­listin Amy Law­rence schrieb in ihrem tollen Buch über die Mann­schaft von den United Nations of Arsenal“. Wie haben Sie es geschafft, dass sich inner­halb der Mann­schaft aus den unter­schied­li­chen Natio­na­li­täten keine Cli­quen bil­deten?
Ich gebe Ihnen Recht, diese Gefahr bestand durchaus. Der Mensch ist so gestrickt, dass er sich immer mit den­je­nigen zusammen tut, die ihm ähneln, die die gleiche Sprache spre­chen oder die gleiche Natio­na­lität haben. Bei Arsenal haben sich die Fran­zosen natür­lich zusammen an einen Tisch gesetzt. Wenn aber ein Eng­länder dazu kam, sind sie vom Fran­zö­si­schen ins Eng­li­sche gewech­selt. Wichtig ist, dass die Kul­turen nicht ver­schwinden, son­dern sich mischen. Mich hat immer der Gedanke getragen, dass die unter­schied­liche Her­kunft irrele­vant wird, sobald sich alle hinter einer Idee ver­sam­meln. Ein Trainer muss dafür eine gemein­same Kultur und Iden­tität eta­blieren.

Doch wie haben Sie das kon­kret ange­stellt?
Meine Über­zeu­gung war: Habe keine Angst davor, sehr viel von deinen Spie­lern zu ver­langen! Ver­lange sogar das Unmög­liche von ihnen! Im Leben brauchst du ein kurz­fris­tiges und ein lang­fris­tiges Ziel. Ers­teres unter­stützt die Inten­sität der Moti­va­tion, also wie stark du ein Ziel ver­folgst. Zweites unter­stützt die Aus­dauer der Moti­va­tion, also wie lange du daran fest­hältst. 2003 stellte ich mich vor die Presse und ver­kün­dete, dass wir Meister werden können – ohne ein ein­ziges Spiel zu ver­lieren. Wir wurden nicht Meister und die Spieler waren wütend auf mich.

Ihr erfah­rener Spieler Martin Keown sagte Ihnen, dass es Ihre Schuld gewesen sei, dass Arsenal nicht Meister wurde. Mit Ihrem Spruch hätten Sie zu viel Druck auf die Spieler aus­geübt. Hatten Sie nicht spä­tes­tens da echte Zweifel an Ihrem Ziel?
Viel­leicht hatte Martin sogar Recht, die Spieler glaubten zu diesem Zeit­punkt noch nicht daran, dass wir tat­säch­lich unbe­siegbar sein könnten. Und als Trainer bist du immer von Zwei­feln geplagt. Doch ich rückte nicht von meinem Ziel ab, weil es für mich wie ein Lebens­traum war, den ich seit Beginn meiner Lauf­bahn hegte. Als Trainer musst du das Maximum aus deiner Mann­schaft her­aus­holen – und das ist nun einmal eine Saison ohne Nie­der­lage. Außerdem fiel mir ein wei­terer Aspekt im Laufe jener Saison auf: Der Gedanke an eine mög­liche Nie­der­lage kann ein Team hemmen. In dieser Saison 2003/04 ließen wir jenen Gedanken ein­fach nicht zu. Für uns exis­tierte ab einem bestimmten Zeit­punkt nicht einmal die Mög­lich­keit einer Nie­der­lage. Die Angst war kom­plett ver­schwunden. Was blieb, war die pure Freude am Spiel. Noch heute kommt mir diese Serie von 49 Spielen ohne Nie­der­lage vor wie das Logischste der Welt.

Wie haben Sie alle diese starken Per­sön­lich­keiten im Team gezähmt? Sie hatten Spieler wie Thierry Henry, Sol Camp­bell…
…Leh­mann, Ashley Cole – alle waren for­dernde Cha­rak­tere. Diese Jungs besaßen in glei­chem Maße Cha­risma und Demut.

Die Spieler selbst fürch­teten, sich im Abschluss­trai­ning zu ver­letzen, weil die Inten­sität so hoch war. Teilten Sie diese Befürch­tung?
Nie. Ich hatte ein starkes Team mit einer guten Bank. Die Spieler agierten voller Hin­gabe, aber auch mit Respekt vor­ein­ander. Es lief nie aus dem Ruder, ich kann mich an keinen Aus­fall erin­nern. Ein Freund von mir arbei­tete zu dieser Zeit beim fran­zö­si­schen TV und ich lud ihn mal zu einem Trai­ning ein. Er war beein­druckt vom Cha­risma dieser Jungs, schon als sie mor­gens das Gelände betraten. Sie lehnten Durch­schnitt­lich­keit mit jeder Faser ab – doch ohne dabei arro­gant zu sein.

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Der Meis­ter­kader umfasste nur 21 Spieler, war aber gespickt mit Kön­nern wie Dennis Berg­kamp (links).

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Robert Pires sagte: Wir waren nicht arro­gant, wir hielten uns nur für unbe­siegbar.“
(Lacht.) Und Recht hatte er. Man United hatte damals fan­tas­ti­sche Spieler, Chelsea unglaub­liche Spieler. Doch wir ver­fügten gleich­zeitig über Har­monie und Kampf­geist in der Truppe.

Doch es ging mit­unter hart zu, bei­spiels­weise als Kolo Toure sein Pro­be­trai­ning absol­vierte. Welche Erin­ne­rungen haben Sie daran?
Sie dürfen nicht ver­gessen, dass Kolo aus einer Schule meines Freundes Jean-Marc Guillou in der Elfen­bein­küste stammte. Er war bei Pro­be­trai­nings in Bastia, Genf oder Straß­burg durch­ge­fallen. Als ich ihm in Aus­sicht stellte, ihn zu ver­pflichten, war er zu allem bereit: auch jeden zu atta­ckieren.

Zunächst foulte er Henry, dann Dennis Berg­kamp, sodass beide lange auf dem Boden lagen. Die Spieler waren fas­sungslos, dann aber grätschte er selbst Sie um.
Ja, er tack­lete uns, aber nicht aus Aggres­si­vität, son­dern aus Enthu­si­asmus. Er wollte unbe­dingt zeigen, was er drauf hat, und bei Arsenal bleiben. Ich musste zwar zum Arzt, aber meine Ver­let­zung war nicht so schlimm. Ich habe Kolo direkt am nächsten Tag ver­pflichtet wegen seines Hun­gers, seiner Hin­gabe und seiner phy­si­schen Stärke. Er war ein Monster.

Sein Kol­lege in der Innen­ver­tei­di­gung Sol Camp­bell war ähn­lich ver­an­lagt…
…nein, er war noch härter. Wenn Sol dir auf den Fuß stieg, konn­test du eine Woche lang nicht laufen, das kann ich Ihnen sagen.

Ich weiß nicht, ob ich den Transfer von Sol Camp­bell noch mal machen würde“

Camp­bells Transfer war eben­falls kon­tro­vers, weil er vom großen Rivalen Tot­tenham zu Arsenal wech­selte. In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie den Wechsel vor­be­rei­teten: Sie trafen sich mit Camp­bell im Haus des stell­ver­tre­tenden Vor­sit­zenden, aller­dings nur nachts.
Oh ja. Bis zu dem Zeit­punkt, an dem ich Sol der Presse vor­stellte, hätte nie­mand auf der Welt diesen Transfer auch nur für mög­lich gehalten. Dieser Wechsel blieb geheim zwi­schen Sol, seinem Berater, unserem Vor­sit­zenden und mir. Das wäre heute undenkbar, weil viel zu viele Per­sonen in einen Transfer invol­viert sind. Wir liefen nachts durch die Felder rund ums Haus und redeten lange. Für mich bestand kein großes Risiko, weil ich von seinen Stärken als Spieler über­zeugt war. Doch für Sol war die Ange­le­gen­heit kom­pli­zierter, ihm sollte der blanke Hass ent­gegen schlagen.

Arse­nals Spieler sollen ihn im Trai­ning aus­ge­buht haben, um ihn auf die feind­se­lige Atmo­sphäre bei Spielen gegen Tot­tenham vor­zu­be­reiten.
Sie wollten ihm helfen und machten aber auch ihre Witz­chen. Doch die Situa­tion stellte sich für Sol wirk­lich unan­ge­nehm dar. Erst später hat er mir erzählt, dass er sich in London nicht mehr frei bewegen konnte und viele Restau­rants meiden musste. Wenn ich so zurück­blicke, weiß ich nicht, ob ich den Transfer heute noch mal so tätigen würde. Ein­fach weil ich weiß, wel­chen Schwie­rig­keiten Sol dadurch aus­ge­setzt wurde.

Der Kader der Invin­ci­bles“ bestand nur aus 21 Spie­lern für vier Wett­be­werbe. Wollten Sie ihn absicht­lich so klein halten?
Ja, ich halte nichts von großen Kadern. Das wirkt sich negativ auf den Kon­kur­renz­ge­danken aus, zu viele Spieler sind dann außen vor. Die beste Kader­größe liegt zwi­schen 23 und 25. Wenn du aber 21 erfah­rene Jungs hast, kann das auch rei­chen – wie wir bewiesen haben.