Seite 2: Höhepunkt in Prag und Mauerfall

Gesamt­ber­liner Höhe­punkt war jedoch das UEFA-Vier­tel­fi­nal­spiel im März 1979 gegen die Armee-Elf von Dukla Prag. Sport­lich drohte der Hertha nach einem 1:1‑Hinspiel im Olym­pia­sta­dion das Aus. Doch das Aus­wärts­spiel in Prag wurde für die Her­thaner bei­nahe zu einem Heim­spiel. Von den 30.000 Zuschauern im Prager Dukla-Sta­dion stammte unge­fähr die Hälfte aus der DDR und West-Berlin. Allein aus Berlin sollen nach Erin­ne­rung eines West-Ber­liner Hertha-Fans ca. 5000 Fans aus Ost und West die Reise gemeinsam ange­treten haben. Mit der Reichs­bahn ging es ab Bahnhof Zoo in Rich­tung Prag. Am Ost-Ber­liner Bahnhof Schö­ne­feld stiegen in den Hertha-Zug“ wie abge­spro­chen die Union-Fans zu. In Prag wurde dann der Seite an Seite laut­stark und mehr­fach into­nierte Schlachtruf Hertha und Union“ zu einem gesamt­deut­sches Fanal. Das gesamt­deut­sche Enga­ge­ment zahlte sich auch sport­lich aus: Mit dem Wunder von Prag“ stieß die Hertha völlig uner­wartet gegen die tsche­chi­sche Spit­zen­mann­schaft ins Halb­fi­nale des UEFA-Cups vor. Eine Leis­tung die bis heute den größten inter­na­tio­nalen Erfolg der Ver­eins­ge­schichte dar­stellt.

Die Alte Förs­terei – Markt gesamt­deut­scher Fanu­ten­si­lien

Aber auch außer­halb dieser Schlupf­lö­cher gelang der Kon­takt. Hertha-Fans sollen ab Mitte der 1970er Jahre unre­gel­mäßig bei den Heim­spielen des 1. FC Union in der Alten Förs­terei gesichtet worden sein. Die Alte Förs­terei wurde über Jahre hinweg zu einem Markt gesamt­deut­scher Fanu­ten­si­lien. Die mühsam über die Grenze geschmug­gelten Mit­bringsel der Her­thaner hatten aller­dings poli­ti­sche Bri­sanz: Auf­näher mit Bekun­dungen wie Wir halten zusammen, uns kann nichts trennen, keine Mauer und kein Sta­chel­draht!“ oder Schals und Mützen, mit dem Slogan Hertha und Union – eine Nation“ gingen nur ver­deckt von Hand zu Hand. 

Ganz offen im Schutz der Fan­kurve war dagegen die eigen­wil­lige Sprech­chor-Kultur über Mauer und Sta­chel­draht hinweg, die als Zei­chen der gegen­sei­tigen Sym­pa­thie unüber­hörbar wurde. Bei Heim­spielen von Hertha BSC erklang bei­spiels­weise Und wir halten zusammen wie der Wind und das Meer – die blau-weiße Hertha und der FC Union – Union, Union, eisern Union!“ Die Ost-Ber­liner Erwi­de­rung“ darauf war das Into­nieren des Sprech­chores Ha-Ho-He, Hertha BSC“ in der Alten Förs­terei. Die Freude dar­über war immer dann beson­ders groß, wenn bei Über­tra­gungen des DDR-Fern­se­hens der Sprech­chor auch noch deut­lich hörbar über den Sender ging. Die Fernseh-Tech­niker hatten es offen­sicht­lich ver­säumt, den Sta­dion-Laut­pegel schnell genug her­unter zu regeln. Einige Alt-Her­thaner beziehen sogar bei der Rück­schau auf dieses Fan­phä­nomen noch heute den poli­ti­schen Pro­testes gegen den Eisernen Vor­hang“ in ihre Ergrün­dungen mit ein. Mit Ver­gnügen into­nierten sie in den Jahren der Dritt­klas­sig­keit von Hertha gegen Ende der 1980er Jahre nach ihren Spielen im West-Ber­liner Post­sta­dion beim Umsteigen im DDR-Gebiet Bahnhof Fried­rich­straße ein lautes Union, Union, Eisern Union!“ oder Die Mauer muss weg!“ in Rich­tung der DDR-Grenz­posten. 

Das Wie­der­ver­ei­ni­gungs­spiel“ im Januar 1990

Als die Mauer im November 1989 fiel, fanden die Hertha- und Uni­on­fans wieder frei zusammen. Sie trafen sich im Olym­pia­sta­dion zu der sym­bol­träch­tigen Zweit­li­ga­be­geg­nung Hertha gegen Wat­ten­scheid 09 und feu­erten gemeinsam die Hertha-Elf auf ihrem Weg in die Erst­klas­sig­keit an. Im Januar 1990 kam es dann zum denk­wür­digen Wie­der­ver­ei­ni­gungs­spiel“ zwi­schen Hertha BSC und dem 1. FC Union Berlin im Olym­pia­sta­dion. Über 50.000 Zuschauer fei­erten emo­tional das Wie­der­sehen. Union- und Her­thafans lagen sich in den Armen. Doch danach geriet diese Fan­freund­schaft zuse­hends in Ver­ges­sen­heit. Über 20 Jahre später ist aus der Fan­freund­schaft eine Kon­kur­renz geworden. Was dem MfS glück­li­cher Weise nicht gelang, ist heute einer abgren­zenden Riva­lität geschuldet. 

Der Kampf um die Ber­liner Stadt­meis­ter­schaft“ ist wieder längst eröffnet. In Anleh­nung an die Hertha-Hymne von Frank Zander ist auf den Rängen in der Alten Förs­terei zu hören: Nur zur Hertha geh’n wir nicht!“. Und im Olym­pia­sta­dion brüllen Her­thaner anstelle des Eisern-Union“ mit Genuss ein Scheiß-Union“ unter das Sta­di­on­dach. 

Glück­li­cher­weise gelang es den Club­ver­ant­wort­li­chen vor ein paar Jahren im 20. Jubi­lä­ums­jahr des Mau­er­baus einen deut­li­chen Mark­stein in den Ber­liner Fuß­ball­kosmos zu setzen. Zur fei­er­li­chen Neu­eröff­nung der frisch reno­vierten Alten Förs­terei hatte sich Anfang Juli 2009 Union die Hertha ein­ge­laden. Bei einem sport­lich her­vor­ra­genden Sommer-Kick blieb auch noch Platz für his­to­ri­sche Rück­be­sin­nung. Trotz der offen­sicht­li­chen Freund­lich­keit auf dem Rasen und im Umfeld setzte sich letzt­end­lich die Erkenntnis durch, dass nur noch wenig Zunei­gung auf den Zuschau­er­rängen für­ein­ander vor­handen ist. Aber der neue Umgang der Ber­liner Tra­di­ti­ons­ver­eine legt nahe, dass nun doch die kluge Ein­sicht reifte: man muss nicht unbe­dingt freund­schaft­lich mit­ein­ander wie die Fans vor dem Mau­erbau. Man kann aber ganz gut neben­ein­ander. In Berlin ist schließ­lich genug Platz für beide Ver­eine.