Seite 2: „Wir sind keine Stimmungslieferanten“

Als Reak­tion hat die aktive Fan­szene ange­kün­digt, den Spielen des SCP bis auf Wei­teres fern­zu­bleiben. Habt ihr Euch bewusst für diesen radi­kalen Schritt ent­schieden, um Druck auf die Ent­schei­dungs­träger auf­zu­bauen?
Es ist auf jeden Fall ein Druck­mittel. Auch als wir vor fünf Jahren gegen die hohen Ticket­preise bei unseren Heim­spielen gekämpft haben, haben wir darauf zurück­ge­griffen. In der aktu­ellen Situa­tion sehen wir keine Alter­na­tiven. Wir sind im Grunde gezwungen, so zu han­deln. Uns fehlt ein­fach die Moti­va­tion, unter diesen Bedin­gungen unter der Woche tage­lang Cho­reos vor­zu­be­reiten oder uns ander­weitig für einen Verein auf­zu­op­fern, der nicht mehr für unsere Werte steht. 

Die Stel­lung­nahme mit der Boy­kott-Ankün­di­gung haben zunächst sechs Gruppen unter­zeichnet. Von wie vielen Per­sonen ist hierbei die Rede?

Die Unter­zeichner spie­geln zunächst einmal das engere Ultra-Umfeld von etwa 100 bis 150 Per­sonen wider. Wir sind aber gerade dabei, auch die anderen Fan­clubs und wei­tere Anhänger in unser Vor­gehen ein­zu­be­ziehen. Wir sind ja nicht die ein­zigen, die diese Koope­ra­tion ablehnen. Es ist natür­lich spe­ku­lativ, aber ich denke schon, dass es 500 bis 1000 Leute werden könnten, die den Spielen fern­bleiben würden. Ohne uns selbst zu wichtig zu nehmen: Es werden vor­nehm­lich die­je­nigen sein, die lang­fristig unab­hängig der Liga zum Verein stehen. Unser kleines Sta­dion wird natür­lich den­noch aus­ver­kauft sein, da brau­chen wir uns nichts vor­ma­chen. Doch auch wenn unser Sta­dion nie das lau­teste war – bei der Atmo­sphäre wird man unser Fehlen wohl deut­lich spüren. 

Trainer Steffen Baum­gart hat für Euren geplanten Boy­kott wenig Ver­ständnis. Im West­falen-Blatt“ sagte er: Wir leben in einem freien Land, da darf jeder seine Mei­nung haben. Ich mag es des­halb gar nicht, wenn gleich gedroht wird.“

Als Dro­hung würde ich unsere Reak­tion nicht bezeichnen. Es ist viel­mehr die Kon­se­quenz, die wir aus einer aus unserer Sicht fatalen Ent­wick­lung ziehen. Eine erste Ent­frem­dung gab es schon im ver­gan­genen Jahr mit der Aus­glie­de­rung der Profi-Abtei­lung. Die Spi­rale des modernen Fuß­balls dreht sich immer weiter. Hier muss jede Grup­pie­rung, jede Fan­szene für sich selbst ent­scheiden, wo für sie die Grenze erreicht ist. Bei der Fan­szene von Preußen Münster war es zum Bei­spiel die Aus­glie­de­rung, bei uns ist dieser Punkt jetzt mit der Koope­ra­tion mit Leipzig erreicht. 

Es gibt auch Vor­würfe, Ihr würdet die Mann­schaft nach dem uner­war­teten Auf­stieg gerade in einer beson­ders schwie­rigen Situa­tion im Stich lassen.

Dass es unsere Ent­schei­dung der Mann­schaft nicht ein­fa­cher macht, ist uns bewusst und fällt uns unheim­lich schwer. Wir sind jedoch keine Stim­mungs­lie­fe­ranten. In Anbe­tracht der Umstände sehen wir ein­fach keine andere Wahl. 

In drei Wochen will sich der Verein mit Euch zusam­men­setzen, um über das Thema zu reden. Ein Frie­dens­an­gebot?

Die Initia­tive zu diesem Treffen ging von unserer Seite aus. Wir sind keine bockigen kleinen Kinder und offen für den Aus­tausch. Dass dieser aller­dings erst in drei Wochen statt­findet, zeigt auch, wie ernst der Verein unser Anliegen nimmt. Wahr­schein­lich hoffen die Ver­ant­wort­li­chen, dass sich die Lage bis dahin etwas beru­higt hat. Von daher erwarten wir von diesem Gespräch nicht allzu viel. 

Kann es einen Kom­pro­miss geben?

Solange unser Verein- in wel­cher Form auch immer – mit dem Mar­ke­ting­kon­strukt aus Leipzig zusam­men­ar­beitet, werden wir von unserer Hal­tung nicht abwei­chen. Eine andere Lösung als eine Auf­lö­sung der Koope­ra­tion kann es für uns nicht geben. 

Wie opti­mis­tisch seid Ihr dies­be­züg­lich?

Wir haben den Kopf noch nicht in den Sand gesteckt. Wir haben noch einige Ideen und wollen offensiv für unser Anliegen kämpfen – bis zum Ende.

Hin­weis: Unser Gesprächs­name möchte nicht, dass sein Name im Internet ver­öf­fent­licht wird. Der Name ist der Redak­tion bekannt.