Victor Skripnik, Sie galten jah­re­lang als der Beckham der Ukraine. Wie werden Sie heute genannt?

Victor Skripnik: Ach, dieser Spitz­name. So hieß ich damals in Bremen. Das war mir fast ein wenig unan­ge­nehm. Heute nennen mich die Leute ein­fach Victor.

Ende 2001, zu Ihrer Werder-Zeit, spielten Sie mit der Ukraine in der Rele­ga­tion gegen die DFB-Elf. Hat Valeri Loba­novsky Sie als Deutsch­land-Experten damals um Rat­schläge gebeten?

Victor Skripnik: Nein, das hatte er nicht nötig. Loba­novsky war einer, der sich akri­bisch auf Par­tien vor­be­rei­tete. So war es auch vor den Rele­ga­ti­ons­spielen gegen Deutsch­land. Ich erin­nere mich noch, wie vor den Spielen aus­ge­spro­chen ruhig und sach­lich zu uns sprach, so als könnte uns über­haupt nichts pas­sieren. Im Hin­spiel haben wir uns dann auch gut geschlagen.

Die Partie in Kiew endete 1:1.

Victor Skripnik: Wir gingen sogar durch ein Tor von Gen­nadiy Zubov in Füh­rung. Doch Bal­lack glich nach einer halben Stunde aus. Viel­leicht waren wir zu naiv.

Deutsch­land stand eigent­lich mit dem Rücken zur Wand. Gegen Alba­nien hatte sich die Elf in der Qua­li­fi­ka­tion zu einem 2:1‑Sieg gemüht und gegen Finn­land zweimal nur Unent­schieden gespielt. Gegen Eng­land setzte es die legen­däre 1:5‑Klatsche.

Victor Skripnik: Das war in der Rele­ga­tion längst ver­gessen. Es bewahr­hei­tete sich das alte Kli­schee: Deutsch­land ist immer stark, wenn es drauf ankommt. Schauen Sie sich das Rück­spiel in Dort­mund an. Die Medien prü­gelten auf die Mann­schaft ein, und mit einem Mal funk­tio­nierte sie. Nach 15 Minuten stand es 3:0 für Deutsch­land.

Am Ende gewann Deutsch­land mit 4:1 und fuhr zur WM in Japan und Süd­korea. Wie groß war die Ent­täu­schung in der Ukraine?

Victor Skripnik: Wir waren stolz auf das Erreichte. Ein zweiter Platz in der WM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­gruppe war für die Ukraine damals ein großer Erfolg.

Bei der Neu­auf­lage am Freitag stehen mit Andrij Schewt­schenko und Ana­tolij Tymoscht­schuk zwei Spieler im Kader, die schon 2001 dabei waren. Welche Bedeu­tung haben die beiden heute?

Victor Skripnik: Sie sind nach wie vor immens wichtig. Tymoscht­schuk ist unser Kapitän und ein inter­na­tional erfah­rener Spieler, er hat über 100 Län­der­spiele gemacht. Ich wünschte ihm mehr Ein­satz­zeiten beim FC Bayern. Und Schewt­schenko? Über den muss man nicht mehr viel sagen, oder? Auch wenn er mitt­ler­weile 35 Jahre alt ist und nicht mehr in einer der Top­ligen Europas spielt, ist er immer noch eine schil­lernde Gestalt. Schon seine Anwe­sen­heit macht viel aus. Fragen Sie vor einem Spiel mal einen geg­ne­ri­schen Abwehr­spieler, wie ihn alleine der Gedanke beschäf­tigt, gleich gegen Shev­chenko spielen zu müssen. 

Sie glauben nicht, dass ein Umbruch vor der EM dem ukrai­ni­schen Fuß­ball gut getan hätte? 

Victor Skripnik: Ich glaube an die Mischung. Wir haben Leute wie Andrij Woronin, Ana­tolij Tymoscht­schuk oder Andrij Schewt­schenko. Aber eben auch Leute, die in den nächsten Jahren kommen, wie Yaroslav Rakytskyy von Schachtar Donezk und Artem Milew­skyj von Dynamo Kiew.

Wie wichtig ist das Freund­schafts­spiel gegen Deutsch­land für die Ukraine?

Victor Skripnik: Ohne despek­tier­lich zu klingen: Es heißt ja oft, dass man vor allem gegen kleine Nationen spielen sollte, um sich mit wahr­schein­li­chen Siegen Selbst­ver­trauen zu holen. Ich sehe das aber ähn­lich wie Oleg Blochin: Das Spiel ist kein Freund­schafts­spiel, son­dern ein Test­spiel. Wir brau­chen solche Här­te­tests, zumal wir keine Qua­li­fi­ka­tion spielen mussten. Daher kommt Deutsch­land gerade recht. Auch wenn ich ver­mute, dass Deutsch­land knapp gewinnt. Doch ich hoffe, dass man nach dem Spiel sagen wird: Die Ukraine ist ein ernst­zu­neh­mender Kon­kur­rent.

Und wie wichtig ist die EM für die Ukraine?

Victor Skripnik: Es gibt häufig Nega­tiv­schlag­zeilen über die Ukraine, viele ver­binden das Land nach wie vor mit dem Unglück von Tscher­nobyl. Dann wird immer wieder über Kor­rup­tion im Land berichtet. Die Ukraine wird dieses Stigma nicht los. Wenn es posi­tive Berichte gibt, dann behan­deln sie die Klitschko-Brüder…

…die hier fast schon als Deut­sche wahr­ge­nommen werden.

Victor Skripnik: Doch es gibt in der Ukraine viel mehr. Dort wurde immer schon groß­ar­tiger Fuß­ball gespielt. Dynamo Kiew ist ein ukrai­ni­scher Top­klub und Schewt­schenko einer der größten Fuß­baller der ver­gan­genen 15 Jahre.

Sie hoffen, dass sich wäh­rend der EM der Fokus ver­schiebt?

Victor Skripnik: Ich habe immer noch die Bilder von der WM 2006 in Deutsch­land vor Augen. Ich war damals ja mit­ten­drin. Alle Men­schen lagen sich in den Armen, die Sta­dien waren immer voll. So etwas erhoffe ich mir auch für die Ukraine.