Lutz-Michael Fröh­lich, am Freitag soll ein Reform­pa­pier vor­ge­legt werden. Was sind die wesent­li­chen Inhalte?

Grund­sätz­lich geht es um eine Struk­tur­re­form. Die Anfor­de­rungen an die Schieds­richter im Spit­zen­fuß­ball und an den Umgang mit den Schieds­rich­tern haben sich in den letzten Jahren geän­dert. Zudem steht in der Füh­rung des Schieds­rich­ter­we­sens ein Wechsel in der Spitze bevor, da der bis­he­rige Vor­sit­zende, Volker Roth, nicht mehr kan­di­diert. Da ist es zeit­ge­recht, sich Gedanken zu machen.



Ist diese Neu­struk­tu­rie­rung Resultat der aktu­ellen Ereig­nisse?

Sie bringen sicher etwas Dynamik in die Ange­le­gen­heit. Es geht z.B. auch um Unab­hän­gig­keit, Trans­pa­renz und Neu­tra­lität. Z.B. wäre es besser, wenn Anset­zungen nur von Per­sonen vor­ge­nommen werden, die keine spe­zi­ellen Inter­essen ver­treten, wie z.B. auch Funk­ti­ons­träger aus den Ver­bänden.

Warum?

Ein Bei­spiel: Momentan sind fünf Regio­nal­ver­bands­ver­treter im Schieds­rich­ter­aus­schuss, die zum Teil auch Spiele ansetzen. Dadurch ent­steht einer­seits ein Kon­flikt zwi­schen der Tätig­keit als Ansetzer und der Ver­tre­tung von Inter­essen des Regio­nal­ver­bandes und ande­rer­seits eine Ungleich­be­hand­lung. Denn ein Inter­es­sen­ver­treter setzt Schieds­richter an, ein anderer kann das nicht tun. Das ist eine Kon­flikt­quelle. 

Gerade die Rolle der Beob­achter steht momentan im Fokus. Was muss sich auf diesem Sektor ändern?


Auch hier sind Unab­hän­gig­keit und Distanz gefragt. Ziel ist es, dass die Rolle des Beob­ach­ters für die Spiel­be­wer­tung klarer im Sinne einer Gut­achter­funk­tion ver­standen wird. Das för­dert die Glaub­wür­dig­keit und die Trans­pa­renz. Der zweite Aspekt, näm­lich die Wei­ter­ent­wick­lung der Schieds­richter muss auf einer anderen Ebene umge­setzt werden, z. B. durch die Auf­ar­bei­tung von Spielen über ein spe­zi­elles Coa­ching.

Wie lief die Bewer­tung eines Schieds­rich­ters denn bisher ab?


Es geht weniger um die Abläufe zur Bewer­tung. Es geht viel­mehr um eine klare Tren­nung zwi­schen Leis­tungs­be­wer­tung und Wei­ter­ent­wick­lungs­im­pulsen einer­seits und der kon­kreten Arbeit mit den Schieds­rich­tern ande­rer­seits.

Warum sind die Struk­turen nicht vorher hin­ter­fragt worden?


Das deut­sche Schieds­rich­ter­wesen zählt nach wie vor zur Welt­spitze. Dieses Erfolgs­er­lebnis stand bisher im Vor­der­grund. Eine struk­tu­relle Wei­ter­ent­wick­lung, um z.B. diesen Spit­zen­platz auch lang­fristig zu halten, stand eher im Hin­ter­grund.



Wie wird ein nor­maler Bun­des­li­ga­spieltag für Schieds­richter ana­ly­siert?


Das geschieht auf der Basis der Beob­ach­tungs­be­richte und der Auf­ar­bei­tung der Spiel­lei­tungen mit Men­toren. Zusätz­lich werden die wich­tigen und strit­tigen Szenen vom Wochen­ende im Schieds­richter-Video-Portal prä­sen­tiert und müssen dann von den Schieds­rich­tern der Bun­des­liga, 2. Bun­des­liga und 3. Liga abge­rufen werden. Zudem werden junge Schieds­richter von soge­nannten Men­toren betreut. Dies soll auf einen grö­ßeren Kreis der Schieds­richter aus­ge­weitet werden.

Wer soll denn zu diesen Men­toren gehören?


Das ist der­zeit ein engerer Kreis aus dem Schieds­richter-Aus­schuss und einer spe­zi­ellen Arbeits­gruppe Men­to­ring“. Es ist eine Idee, künftig meh­rere Per­sonen dafür zu gewinnen, durch Qua­li­fi­zie­rung, Anfor­de­rungs­pro­file und einem geson­derten Aus­wahl­ver­fahren. Wichtig sind Fach­kom­pe­tenz und per­sön­liche Kom­pe­tenz, wozu letzt­end­lich auch die not­wen­dige Distanz gehört.

Aber warum macht man es sich nicht ein­fa­cher und setzt sowohl einen Beob­achter als auch einen Coach oder Mentor für jeden Schieds­richter ein?


Das ist auch eine Frage der Per­so­nal­ka­pa­zität. Aber ein sol­ches Modell ist für die Zukunft denkbar. Nichts darf so sta­tisch sein, dass es nicht wei­ter­ent­wi­ckelt werden kann.

Der Fall Amerell/​Kempter hat die Frage auf­ge­worfen, warum ein­zelne Per­sonen über die Zukunft eines Schieds­rich­ters ent­scheiden können…


So ist es nicht. Letzt­end­lich ent­scheidet ein Gre­mium von der­zeit elf Leuten über die Nomi­nie­rung eines Schieds­rich­ters. Und für die Bun­des­liga und 2. Bun­des­liga ist das dann auch noch von der Bestä­ti­gung durch das Prä­si­dium abhängig. Das ist aber ohne Frage ein wich­tiger Pro­zess, in dem Trans­pa­renz und Sen­si­bi­lität in Ein­klang zu bringen sind. Auch das wird ein künf­tiges Arbeits­feld sein.

Michael Kempter sagte, dass er Angst hatte, dass Man­fred Ame­rell seine Kar­riere will­kür­lich beenden würde. Gab es diese Macht­struk­turen und wenn ja, wie wollen Sie diesen begegnen?


Wir wollen eine andere Men­ta­lität. Wir wollen Schieds­richter, die sich authen­tisch prä­sen­tieren. Nur dann ist eine effek­tive Wei­ter­ent­wick­lung mög­lich, in der auch die Per­sön­lich­keit wächst. Durch Team­ar­beit, damit ver­bun­denen Dialog und durch Qua­li­fi­zie­rungs­ar­beit werden Vor­aus­set­zungen geschaffen, um die Macht ein­zelner über bestimmte Per­sonen früh­zeitig zu iden­ti­fi­zieren. Die Aus­nut­zung von Macht und feh­lende Distanz im Umgang mit den Schieds­rich­tern sind Aus­druck man­gelnder Kom­pe­tenz. 

Zu einem anderen Thema: Was halten Sie von den Vor­schlägen von Louis van Gaal?


Bei den Themen Chip im Ball sind die Schieds­richter durchaus offen, wenn es da ein hun­dert­pro­zentig funk­tio­nie­rendes System gibt. Momentan läuft das Pro­jekt mit den fünften und sechsten Offi­zi­ellen, des­wegen hat man sich erst einmal darauf fokus­siert. Beim Spiel Frank­reich gegen Irland hätte ein Tor­richter z.B. das Hand­spiel sicher gesehen. Dieses Pro­jekt muss man weiter beob­achten. Zu den anderen Ideen: Man sollte offen sein und sich damit aus­ein­an­der­setzen. Aber es gibt auch gute Gründe, warum man den Fuß­ball­sport nicht ständig einem Ide­en­wett­be­werb unter­wirft.

Viele Schieds­richter äußern sich in dieser Saison nach den Spielen nicht mehr vor der Kamera. War das vom DFB ange­ordnet?


Nein. Sicher­lich gab eine Phase in der Hin­runde, wo Schieds­richter ihr State­ment schon mal ver­wei­gerten. Das hängt dann aber mehr damit zusammen, wie auf Schieds­richter nach dem Spiel zuge­gangen wird. Da gibt es auch Jour­na­listen, die schon im Ton vor­wurfs­voll auf Schieds­richter zugehen und deren Ansinnen, eine Fehl­leis­tung dar­zu­stellen, nur zu vor­dring­lich erscheint. Da ist es dann auch ver­ständ­lich, dass man sich dann nicht äußert.