Jos Luhukay, Chris­tian Ziege, als Sie Anfang 2007 hier die Ver­ant­wor­tung über­nahmen, stand Borussia Mön­chen­glad­bach vor dem Abstieg, und die Stim­mung war auf dem Tief­punkt. Jetzt kehren Sie mit beherztem Angriffs­fuß­ball ins Ober­haus zurück. Was ist pas­siert?

Luhukay: Nach dem Abstieg bestand hier die Bereit­schaft, Dinge zu ver­än­dern. Ganz wichtig war, dass man uns die Mög­lich­keit gab, unsere Fuß­ball­phi­lo­so­phie umzu­setzen. Wir konnten eine Mann­schaft zusam­men­stellen, die für guten, attrak­tiven Fuß­ball steht, dabei aber nie den Auf­stieg in die 1. Liga aus den Augen ver­loren hat.



So ein­fach war das?

Ziege: Diese Bereit­schaft musste erst einmal geschürt werden. Als der Klub mich fragte, ob ich Sport­di­rektor werden will, habe ich den Ver­ant­wort­li­chen in zwei Minuten mit­ge­teilt, was sich ändern muss.

Das ließ sich in zwei Minuten sagen?

Ziege: Es war nichts Welt­be­we­gendes. Nur, dass es wichtig ist, dass alle im Verein an einem Strang ziehen und der Ver­such unter­nommen werden muss, Kon­ti­nuität in den Klub zu bringen.

Sie über­nahmen den Job, obwohl das Prä­si­dium mit ihrem Vor­gänger, Peter Pander, vor seiner Demis­sion nicht gerade pfleg­lich umge­gangen war.

Ziege: Über all diese Dinge habe ich im ersten Moment nicht nach­ge­dacht. Der Verein fragte, ob ich mir vor­stellen könne, Sport­di­rektor zu werden, ich habe »ja« gesagt, und dann bin ich nach Hause gefahren.

Und als Sie nach Hause kamen?

Ziege: Da habe ich gedacht: »Ach, du Scheiße.« Aber nach einem Gespräch mit meiner Frau und ein paar Freunden, die mich bestärkten, den Job zu machen, war ich über­zeugt. Schließ­lich ist es eine Rie­sen­ehre, dass der Verein aus­ge­rechnet auf mich – den U17-Trainer – zukam. Zwei Tage später hatte ich den Job, saß im Büro und wusste erst mal nicht, was ich machen sollte.

Haben Sie bis­lang zu jeder Zeit den Rück­halt des Prä­si­diums gespürt?

Luhukay: Als der Klub vor dem Abstieg stand, hat man mir einen neuen Zwei­jah­res­ver­trag ange­boten. Es zeigt, dass der Verein auf Kon­ti­nuität setzen wollte und dass der Trainer und Mensch Jos Luhukay einen guten Ein­druck hin­ter­lassen hat.

Ziege: Dazu müssen Sie wissen, dass ich dem Prä­si­dium mit­teilte, wie unfair ich es fände, die Pro­bleme des Teams am Trainer fest­zu­ma­chen. Er kam in der Win­ter­pause, machte zwei Spiele als Co-Trainer und hatte nichts mit der Kader­zu­sam­men­stel­lung zu tun. Und auch für meine Arbeit war es sinn­voll, den Ver­trag zu ver­län­gern.

Wel­cher Spieler geht schon gern zu einem Klub, ohne den Trainer zu kennen.

Ziege: Kor­rekt. Ins­be­son­dere, wenn dieser Verein in die 2. Liga abge­stiegen ist. Schließ­lich ist der Trainer der­je­nige, mit dem der Spieler in erster Linie zu tun hat.

Hat es Sie, Jos Luhukay, irri­tiert, dass man Ihnen den U17-Trainer als Sport­di­rektor an die Seite stellte?

Luhukay: Ganz ehr­lich, als Trainer machst du dir dar­über nicht so viele Gedanken. Du bist voll auf die täg­liche Arbeit mit der Truppe kon­zen­triert. Ein Coach muss erst mal selbst wissen, was er will, dann schaut er, wie er das mit dem Klub und dessen Zielen in Ein­klang bringen kann.

Sie wurden Ende Januar 2007 Trainer, Ende März folgte Chris­tian Ziege auf Peter Pander. Ver­ein­fachte der Wechsel auf dem Mana­ger­posten Ihre Arbeit?


Luhukay: Erst mal nicht. Die Situa­tion war ja unver­än­dert, wir waren mitten im Abstiegs­kampf. Wir mussten dann in der Folge eine Menge ertragen, aber wir haben stand­ge­halten. Und heute sieht man, dass es der rich­tige Weg war.

Ziege: Wir haben am Anfang nur auf die Schnauze bekommen: Wie kann man das, wie kann man dies machen, wie kann man mit dem Trainer ver­län­gern, wenn der Verein auf einem Abstiegs­platz steht? Und wir haben eine Mit­glie­der­ver­samm­lung durch­ge­standen, wo wir für das Dilemma mit­ver­ant­wort­lich gemacht wurden.

Das schweißt zusammen. Getreu dem Sprich­wort: Geteiltes Leid, halbes Leid.

Luhukay: Es schweißte nicht nur uns beide zusammen. Es gibt hier im Verein über

90 Mit­ar­beiter, denen es allen ähn­lich ging. Jeder war mit der schwie­rigen Situa­tion kon­fron­tiert, und ich freue mich für sie alle und – nicht zu ver­gessen – für unsere Fans, die viel leiden mussten. Gerade bei Aus­wärts­spielen sind sie nicht ver­wöhnt worden, und plötz­lich waren wir, 2. Liga hin oder her, das aus­wärts­stärkste Team und nicht mehr die Aus­wärts­deppen.

Nach dem Abstieg mussten Sie das Team kom­plett umkrem­peln. Hätten Sie erwartet, dass es in der 2. Liga so gut läuft?

Ziege: Über­haupt nicht. Wie gesagt, es ist schwierig, einen Kader für ein Team zusam­men­zu­stellen, das absteigt. Es kam öfter vor, dass auf unserer Liste zehn Namen standen, von denen am Ende nur noch die beiden am unteren Rand übrig blieben.

Luhukay: Man muss eine Phi­lo­so­phie und ein Spiel­system haben, die zum Team passen. Wenn man das hin­be­kommt, macht den Spie­lern ihr Beruf auch mehr Spaß. Daraus hat sich ein ganz beson­derer Geist ent­wi­ckelt, der uns durch die schwie­rigen Phasen der Saison getragen hat.

Chris­tian Ziege, Sie haben gesagt, dass Sie der Team­geist bei Borussia der­zeit an die Euro­pa­meister von 1996 erin­nert.

Ziege: Damals war es so, dass der Groß­teil der Spieler gemeinsam etwas unter­nahm, selbst wenn es einen freien Nach­mittag gab. Wir saßen oft mit den Frauen zusammen, haben uns sehr gut ver­standen. Als Spieler in einem Pro­fi­verein habe ich so einen Zusam­men­halt nie erleben dürfen. Hier freuen sich der­zeit auch die Spieler mit den anderen, die nicht so oft in der ersten Elf stehen. Das ist außer­ge­wöhn­lich.

Wie bringt man einem Team Mann­schafts­geist bei?

Ziege: Indem wir an alle appel­liert haben, dass der Wie­der­auf­stieg nur machbar ist, wenn alle daran mit­ar­beiten. Auch an die Fami­lien der Spieler, die ein Gefühl davon bekommen sollten, dass sie zum Verein dazu­ge­hören. Denn ein Spieler, dessen Frau zu Hause hockt und einsam ist, weil sie keinen Men­schen kennt, ist schließ­lich nicht in der Lage, Leis­tung zu bringen.

War das vor Ihrer Zeit anders?

Ziege: Ich kann nur über meine Zeit als Spieler in Glad­bach spre­chen. Auch als Kapitän habe ich ver­sucht, einen Team­geist zu schüren. Meine Frau hat geholfen, einen Zusam­men­halt unter den Part­ne­rinnen zu ent­wi­ckeln. Damals war es nicht gut, aber in Ord­nung. In meiner Zeit als U17-Trainer gab es Maß­nahmen, eine große Familie zu bilden, nicht im Ent­fern­testen.

Jos Luhukay, Sie haben hier unter Jupp Heynckes ange­fangen, einer Sym­bol­figur der großen Glad­ba­cher Tra­di­tion. Sie sind gleich hinter der Grenze auf­ge­wachsen. Was bedeutet Ihnen die Borussia?

Luhukay: Borussia war für mich immer ein fan­tas­ti­scher Verein, schon als kleiner Junge bin ich oft auf dem Bökel­berg gewesen. Als die Ein­la­dung zu einem Gespräch kam, konnte ich mir gar nicht vor­stellen, was man von mir wollte. Viele haben nicht ver­standen, dass ich noch mal als Assis­tent arbeite, aber bei diesem Verein war das etwas anderes. Zumal Jupp Heynckes eine abso­lute Respekts­person für mich war, ein erfolg­rei­cher Trainer und feiner Mensch, unter dem ich noch Jahre hätte arbeiten können. Dass es dann schnell ganz anders kam, konnte ja keiner ahnen.

Zum Boom der Foh­lenelf und »Voetbal total« waren Sie Teen­ager. Standen Sie eher auf Günter Netzer oder Johan Cruyff?

Luhukay: Offen gestanden, kann ich die Glad­ba­cher Mann­schaft von damals noch aus­wendig. In Ams­terdam bin ich nie gewesen. Außerdem hatte ich als 15-Jäh­riger ein Angebot von der Glad­ba­cher Jugend, aber ich habe als Profi in Venlo in der zweiten hol­län­di­schen Liga ange­fangen. Viel­leicht war es Vor­se­hung, dass ich irgend­wann wieder bei Borussia gelandet bin.

Pro­fi­tieren Sie bei Neu­ver­pflich­tungen von dem Ruf, der Borussia Mön­chen­glad­bach noch immer vor­aus­eilt?

Ziege: Das ist sicher hilf­reich, zumal das neue Sta­dion auch eine ent­spre­chende Anzie­hungs­kraft auf Spieler ausübt.

Einmal Foh­lenelf, immer Foh­lenelf?

Ziege: Das hat der Klub auf dem Buckel, das müssen wir mit­leben. Aber unsere Mann­schaft hat auch ein Eigen­leben – und das darf nie ver­gessen werden. Sascha Rößler hat es sehr gut aus­ge­drückt: »Wir haben mit dem Team, das letztes Jahr abge­stiegen ist, nichts zu tun.« Wie unfair wäre es also, die jet­zigen Spieler noch mit der Borussia der 70er zu ver­glei­chen? Wir müssen end­lich was Eigenes schaffen.

Erschlägt einen die Glad­ba­cher Tra­di­tion manchmal, wenn man hier arbeitet?

Luhukay: Mich über­haupt nicht. Aber die Spieler müssen schon wissen, dass sie bei einem beson­deren Verein unter­schreiben. Wegen der Tra­di­tion ist der Druck größer als anderswo. Ob zu Hause oder aus­wärts, du hast immer die Unter­stüt­zung durch zahl­reiche Fans. Das kann sti­mu­lieren, das kann aber auch eine Belas­tung sein.

Ziege: Trotzdem kann es in den ersten beiden Jahren nur darum gehen, die Klasse zu halten. Alles andere ist Utopie. Viel­leicht gelingt es uns im ersten Bun­des­li­ga­jahr, durch die gegen­wär­tige Euphorie eine gute Saison zu spielen, aber auch danach darf man noch nicht vom geho­benen Mit­tel­feld­platz träumen.

Haben Sie das Gefühl, dass die Fans so rea­lis­tisch sind? Hinter Ihnen hängt ein Bild, das Netzer bei der Sei­ten­wahl vor dem 7:1 gegen Inter Mai­land zeigt …

Luhukay: Diesen Rea­lismus zu schärfen, ist nicht zuletzt auch unsere Auf­gabe. 

Ziege: Ich habe mich zum Bei­spiel sehr gefreut, dass einige Fans nach dem Auf­stieg zu mir gekommen sind und gesagt haben: »Eigent­lich will ich gar nicht auf­steigen.«

Warum das denn?

Ziege: Habe ich auch gefragt. Die Ant­wort lau­tete: »Weil es Spaß macht, auch mal bei Aus­wärts­spielen Siege zu feiern.«

Es hat ein Umdenken statt­ge­funden.

Ziege: Die Lei­dens­fä­hig­keit der Leute hat mich schon immer beein­druckt. Da bin ich von anderen Ver­einen anderes gewohnt. In Ita­lien sind uns die Fans nach Nie­der­lagen mit­unter auch an die Wäsche gegangen.

An die Wäsche?

Ziege: Im über­tra­genen Sinne. Die sind nicht nur hand­greif­lich geworden. Ich bin fünf, sechs Mal im Kof­fer­raum eines Autos aus der Tief­ga­rage gefahren worden, weil zu befürchten stand, dass war­tende Fans mit Steinen nach uns Spie­lern werfen, wenn sie uns im Innern eines Wagens ent­de­cken. Hier ist der Respekt viel größer: Wenn beim Trai­ning einige ihren Unmut äußern, manche auch laut­stark, stelle ich im Gespräch immer fest, dass die Leute die Zusam­men­hänge ver­stehen wollen. Fast alle bedanken sich hin­terher freund­lich.

Haben Sie beide sich schon mal wegen eines Trans­fers ent­zweit?

Ziege: Jede Woche (lacht). Nein, natür­lich kann man nicht immer einer Mei­nung sein. Ich weiß nicht, ob Sie ver­hei­ratet sind, für den Fall wissen Sie aber, was ich meine.

Luhukay: Ent­schei­dend ist, dass man nachher geschlossen raus­geht und sagt: Das machen wir so. Das haben wir bis heute sehr gut hin­be­kommen. Man muss die Ent­schei­dung gemeinsam tragen, in guten wie in schlechten Zeiten.

Sie senden auf der­selben Wel­len­länge.

Ziege: Wichtig ist, dass der Verein Erfolg hat. Dafür haben wir alles getan, sind durch Deutsch­land gefahren, haben Spieler gesichtet und mit ihnen gespro­chen.

Luhukay: Wir müssen ja nicht unbe­dingt auch noch Kaffee oder ein Bier­chen mit­ein­ander trinken gehen.

Wie hat man sich das vor­zu­stellen, wenn ein Team neu zusam­men­ge­stellt wird? Läuft das wie am Reiß­brett ab: hier einen Linksfuß, da einen Erfah­renen, dort einen für die gute Laune?

Luhukay: Ich glaube, es ist eine meiner Stärken, genau das hin­zu­be­kommen. Das war schon in Pader­born so, wo mir weit weniger Mittel zur Ver­fü­gung standen. Es ist wichtig, dass die Spieler in das Puzzle passen und sich darin ent­wi­ckeln können. Ein Roel Brou­wers, Marcel Ndjeng oder Rob Friend hatten vorher keinen Namen und keinen Status, hier sind sie Stamm­spieler. Bei einem Alex Voigt haben viele gesagt: Was will man mit dem? Aber dann hat er sich, nicht zuletzt durch seinen Cha­rakter, einen Stel­len­wert im Team erworben.

Mit 35 war Oliver Neu­ville eine große Stütze beim Auf­stieg, aber er wird nicht jünger. Bei Bayer Lever­kusen und Sergej Bar­barez hat man gesehen, dass das irgend­wann zum Pro­blem werden kann.

Luhukay: Oliver hat ein fan­tas­ti­sches Jahr hinter sich, aber er ist ein ganz ange­nehmer Typ, der sich nie über die Mann­schaft stellen würde. Natür­lich wird er nicht jünger, und es muss sich zeigen, ob er durch die EM kör­per­liche Pro­bleme bekommt.

Ziege: Wer sagt, dass es bei Oliver genauso sein wird wie bei Bar­barez? Ich habe mit Teddy She­ringham bei Tot­tenham gespielt, der mit 38 noch locker in der Pre­mier League mit­halten konnte. Es kommt auch auf die Posi­tion an. Bar­barez spielt zen­tral und ist von Natur aus kein lauf­starker Spieler. Gerade in Rich­tung Defen­sive hat er noch nie viel gerissen. Oliver hat ver­gan­gene Saison 34 Spiele gemacht, das hat er vorher in seiner Kar­riere nur einmal geschafft. Ich glaube, wir werden auch in der 1. Liga noch viel Freude mit ihm haben.

Auf wel­chen Posi­tionen müssen Sie sich noch ver­stärken?

Luhukay: In jedem Mann­schafts­teil.

Braucht Borussia mehr Stars?

Luhukay: Was ver­steht man unter Stars? Ent­schei­dend ist die Leis­tung. Wir haben im letzten Sommer eigent­lich gar keine Stars geholt. Marcel Ndjeng kannte vor der letzten Saison auch kaum jemand, jetzt ist er für die Natio­nal­mann­schaft Kame­runs nomi­niert. Marko Marin stand im vor­läu­figen EM-Kader. Wichtig ist, nicht nur auf Stars und Status zu setzen. Wer könnte garan­tieren, dass wir mit nam­haf­teren Spie­lern eben­falls auf­ge­stiegen wären?

Stefan Effen­berg hat gesagt, um der Bun­des­liga wieder ihren Stempel auf­drü­cken zu können, müsse Borussia jetzt ein Bündel Geld in die Hand nehmen.

Ziege: Das sagt sich so leicht: Man nimmt Geld und kauft Qua­lität. So ein­fach ist eine Kader­zu­sam­men­stel­lung aber nicht. Ich finde es auch ein biss­chen billig, wenn jemand so etwas sagt, ohne bei einem Klub in der Ver­ant­wor­tung zu stehen.

Luhukay: Qua­lität hat ihren Preis, aber wir sind rea­lis­tisch. Natür­lich würde ich auch gerne morgen Ronald­inho kaufen …

Obwohl er alles andere als fit ist?

Luhukay: Fuß­ball spielen kann er, den Rest bekommen wir wieder hin (lacht).

Angeb­lich sollen Sie 15 Mil­lionen Euro zur Ver­fü­gung haben, um den Kader zu ver­stärken.

Ziege: Ein Spieler, der sich nur vom Wedeln mit den Geld­scheinen zu einem Wechsel über­zeugen lässt, wird in Mön­chen­glad­bach nicht glück­lich. Ich inter­pre­tiere meinen Job auch anders: Ich möchte größt­mög­li­chen Erfolg, doch an dem Tag, an dem ich hier ent­lassen werde, will ich dem Nach­folger auch keinen finan­zi­ellen Scher­ben­haufen hin­ter­lassen.

Wie war es eigent­lich, als Sie aus dem ver­hält­nis­mäßig ent­spannten Job als U17-Trainer über Nacht zum Sport­di­rektor eines Bun­des­li­gisten wurden?

Ziege: Da liegen Sie schon mal kom­plett falsch. Wenn ich einen Job mache – auch den des U17-Trai­ners –, mache ich den mit voller Kraft, liege näch­te­lang wach und sin­niere über die Auf­stel­lung. Ein­ziger Unter­schied ist, dass ich als Sport­di­rektor in der Öffent­lich­keit stehe und es viele gibt, die meinen, es besser zu wissen als ich.

Das ist aber ein großer Unter­schied.


Ziege: Für mich nicht, denn solange ich davon über­zeugt bin, dass ich etwas Rich­tiges und Ver­nünf­tiges mache, ist mir egal, was andere sagen.

Dann ist der Stress auch nicht schlimmer als zu Ihren Zeiten als Jugend­trainer?

Ziege: Nicht wirk­lich. Das Ein­zige, was sich wirk­lich zum Nega­tiven ver­än­dert hat: Ich hasse tele­fo­nieren. Und das muss ich in meinem neuen Job leider häufig tun.

Wo mussten Sie sich noch umstellen?

Ziege: Ich musste mir Ver­hand­lungs­ge­schick aneignen. Ich bin von Natur aus kein Basar-Typ. Wenn mir früher jemand sagte, dass etwas fünf Euro kostet, habe ich fünf Euro dafür bezahlt. Hier musste ich lernen, dass ein Angebot immer erst der Anfang einer Ver­hand­lung ist. Ein Berater setzt viel weiter oben an, um auf ein Niveau her­un­ter­zu­kommen, und als Sport­di­rektor muss ich ent­spre­chend tiefer ansetzen. Es ist ein Spiel, aber nicht mein Spiel.

Aber Sie haben doch als Profi auch mit Uli Hoe­ness über Gehalt ver­han­delt.

Ziege: Eben nicht, das haben immer andere für mich gemacht. Des­wegen bin ich froh, dass hier Ste­phan Schip­pers neben mir sitzt, der solche Gespräche schon tau­send Mal geführt hat.

Warum haben Sie als Spieler Ihre Ver­hand­lungen nicht selbst geführt?

Ziege: Weil das Finan­zi­elle nie im Vor­der­grund stand. Ich habe mich gefreut, wenn es wieder mal etwas mehr gab, und artig danke gesagt.

Wir haben den Ein­druck, dass es der­zeit einen Genera­ti­ons­wechsel bei den Trai­nern gibt. Den auto­ri­tären Trainer vom Schlage eines Rinus Michels oder Hennes Weis­weiler gibt es heute nicht mehr.

Luhukay: Ich habe nie unter Michels oder Weis­weiler trai­nieren dürfen, aber dass sich im Fuß­ball einiges ändert, ist ja klar.

Der Bereich Taktik ist viel kom­plexer.

Luhukay: Taktik ist immer ein großes Wort. Glauben Sie, dass Michels oder Weis­weiler keine Taktik hatten, keine Vor­stel­lung davon, wie sie spielen wollten?

Ist Taktik ein Mode­thema?

Luhukay: Die Frage ist, was Taktik beinhaltet. Wir können dar­über stun­den­lang dis­ku­tieren, aber am Ende muss man es auf dem Platz sehen.

Ziege: Im Übrigen fällt es sogar mir mit 36 manchmal schwer, die neuen Spieler in ihren Ver­hal­tens­weisen nach­zu­voll­ziehen.

Wie meinen Sie das?

Ziege: Die haben andere Prio­ri­täten im Leben: Handy, iPod, Com­puter. Bei mir gab‘s nur Fuß­ball auf der Straße, aber wo können Kids heute noch auf der Straße spielen?

Viele Bun­des­li­gisten unter­halten Nach­wuchs­zen­tren, in denen junge Spieler nach strikten Ver­hal­tens­re­geln erzogen werden. Wel­chen Gesetzen sind Ihre Profis unter­worfen?

Ziege: In der Kabine und auf dem Trai­nings­platz bleibt das Handy aus. Die sollen sich auf den Fuß­ball kon­zen­trieren, alles andere ist mir egal. Ich habe eine 17-jäh­rige Tochter. Ich ver­stehe nicht, wie sie mit ihren Freunden kom­mu­ni­ziert. Sie schreibt dau­ernd SMS. Warum ruft sie nicht an, wenn es ein Pro­blem gibt? Oder wie heißen diese vir­tu­ellen Räume, in denen sich Leute mit­ein­ander unter­halten?

Chat­rooms. Müssen Sie nicht ab und zu in den Inter­net­chat bei Borussia?

Ziege: Mir reicht es schon, per­ma­nent E‑Mails abzu­rufen. Sorry, so bin ich nicht auf­ge­wachsen.

Wenn Sie es schon nicht mehr ver­stehen, wie soll es ein Trainer mit 60 ver­stehen.

Ziege: Ich ver­stehe es ja, ich muss es aber doch nicht selbst prak­ti­zieren. Als U17-Trainer habe ich mal einen Zehn­ki­lo­meter-Lauf ange­ordnet. Die Spieler fragten, ob sie wäh­rend­dessen ihren MP3-Player benutzen dürften. Da habe ich gesagt: »Warum wollt ihr Musik hören? Ihr sollt laufen!« Aber es schien Kon­sens zu sein, dass alle mit Kopf­hörer laufen wollen. Sollen sie also in drei Teu­fels Namen mit dem iPod laufen, Haupt­sache, sie reißen ver­nünftig ihre Kilo­meter runter.