In der jün­geren Ver­gan­gen­heit sta­chen zwei Derbys hervor: Das 1:0 für Schalke durch ein Tor in der letzten Minute von Ebbe Sand 2004 und das 2:0 im Jahr 2007 für die Dort­munder, das Schalke die Meis­ter­schaft ver­baute. Welche Erin­ne­rungen haben Sie an diese Spiele?

2004 habe ich mit Sicher­heit über­tragen, aber bis auf den Pau­ken­schlag in der letzten Minute nicht mehr so in Erin­ne­rung. Aber an das Spiel aus dem Jahr 2007 kann ich mich noch sehr gut erin­nern. Das fiel nicht nur wegen der Kon­stel­la­tion aus dem Rahmen, son­dern weil es eine unglaub­liche Gehäs­sig­keit gab. Und diese mehr auf Seiten der Dort­munder. Schalke hatte ja die Phan­tasie, Meister zu werden und gleich­zeitig Dort­mund in die zweite Liga zu schießen. Dazu kam es nicht. Aber selbst nach dem Spiel hatten sich die Dort­munder immer noch nicht beru­higt. Das führte soweit, dass über dem Schalker Vor­sit­zenden Gerd Reh­berg Bier­be­cher ent­leert wurden. Das war ein abso­luter Hass, auch auf den bes­seren Plätzen.

Hatten Sie das in dieser Form bei vor­he­rigen Derbys schon einmal erlebt?


Es fiel aus dem Rahmen. Zehn Jahre vorher hatte man sich in den Armen gelegen, als Schalke und Dort­mund inner­halb von 14 Tagen beide Euro­pa­po­kal­sieger wurden. Da wurde Ruhr­pott“ skan­diert und es gab einen Schul­ter­schluss. Dieser Schul­ter­schluss war mir schon fast zu viel. Es geht bei diesen Derbys immer darum, eine Balance zu finden zwi­schen Gehäs­sig­keit und Riva­lität. Wenn man es richtig ernst nimmt, wird es gefähr­lich. Einige aus der Ultra-Szene nehmen es als Auf­hänger, gewalt­tätig zu werden.

1992 wurde ein Fan beim Derby ersto­chen, in den Acht­zi­gern kam es zu Aus­ein­an­der­set­zungen. Ende der Neun­ziger ent­wi­ckelten die Städte im Ruhr­pott dann eine gemein­same Iden­tität und in den letzten Jahren ver­schärft sich die Riva­lität wieder. Hängt diese Auf­nahme des Derbys dann auch immer mit gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lungen zusammen?


Das in Bezie­hung zu setzen zu all­ge­meinen gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lungen geht mir in den meisten Fällen zu weit. Es hat zum Ende der Neun­ziger eine ziem­lich hohe Arbeits­lo­sen­quote im Ruhr­ge­biet gegeben. Da gab es auch ziem­lich hohe soziale Kon­flikte und es hat sich nicht auf den Fuß­ball über­tragen. Ich habe jetzt im Jahr 2008 beim Derby Ultras gesehen, die mit Steinen auf einen Bus mit fried­li­chen anderen Fans geworfen haben. Das sind gewalt­be­reite Fans, da sehe ich keine Par­al­lele zu dem, was sich in der Gesell­schaft abspielt. Die Fan­szene hat sich ent­wi­ckelt hin zu diesen hete­ro­genen Ultras, die sich erstre­cken vom fried­li­chen Fan, der Cho­reo­gra­fien macht, bis hin zum schwarzen Block“. Da gilt es, die Öffent­lich­keit auf­zu­klären, dass ein Ultra nicht gleich Hoo­ligan ist.

Wird da aus Ihrer Sicht zu sehr pau­scha­li­siert?


Absolut. Bei Hoo­li­gans wusste man immer: Die sind gewalt­be­reit. Aller­dings hatte ich einmal ein Gespräch mit jemandem vom Fan­pro­jekt des BVB; dort wurde mir erzählt, dass bei Dort­munds ver­passter Meis­ter­schaft 1992 die här­testen Hools am lau­testen geheult hätten. Da gab es welche, die dem Fuß­ball ver­bunden waren, aber trotzdem drauf­ge­hauen haben. Bei den Ultras muss man auf­passen, dass man nicht alle über einen Kamm schert. Diese ganze Ent­wick­lung lässt sich gerade bei den Derbys immer ganz gut ablesen. Meine Wunsch­vor­stel­lung ist wirk­lich, dass es eine gesunde Riva­lität gibt. Man kann dem anderen ruhig das Schwarze unterm Fin­ger­nagel miss­gönnen, aber man sollte an einem Punkt Halt machen, an dem das Ganze in Gewalt aus­artet.

Was war denn Ihr schönstes Derby?

(wie aus der Pis­tole geschossen) Das war am 15. August 1993. Schalke hat gewonnen durch ein Tor von Youri Mulder in der 79. Minute. Nach diesem Spiel habe ich näm­lich meine jet­zige Frau ken­nen­ge­lernt, das heißt: näher ken­nen­ge­lernt. Sie arbei­tete auch beim WDR und ich habe sie an diesem Tag zur Repor­tage mit­ge­nommen.

Wie war Ihr erstes Derby?


Ich weiß ganz genau, dass ich eins gesehen habe im Sta­dion Rote Erde Ende der sech­ziger Jahre. Ich hatte bei dem Spiel zwi­schen­zeit­lich meinen Platz in der Nord­kurve ver­lassen, weil ich pin­keln musste. Folg­lich habe ich nicht mehr viel von dem Spiel gesehen, da ich 80 Minuten hinter einer wabernden Men­schen­masse stand. Es ging unent­schieden aus.

Wie sehr viele Derbys.

Ja, gerade um die Jahr­tau­send­wende gab es viele Derbys, bei denen sich das große Bal­lyhoo, das vorher ver­an­staltet wurde, in Luft auf­löste. Da hing man sich ein­fach an irgend­wel­chen Geschichten auf und dann kam ein rich­tiges Luschen­derby heraus.

In dieser Phase blieb Schalke sieben Jahre gegen den BVB unbe­siegt. Nach dem ange­spro­chenen Spiel von 2004 waren es dann sogar einmal 1904 Tage ohne Der­by­nie­der­lage. Jedem klingt Ihr Spruch noch in den Ohren: An Weih­nachten werden sich die Enkel­kinder um den Groß­vater scharen, um sich erzählen zu lassen, wie es denn so war, als Dort­mund das letzte Mal Schalke geschlagen hat.“

Das war schon sehr hämisch und ein Spruch, der eine Zeit lang auf Schalke her­um­geis­terte. Da werde ich aus der schwarz-gelben Ecke immer noch drauf ange­spro­chen, obwohl es schon seit län­gerer Zeit nicht mehr aktuell ist.

Sie haben schon einmal durch­klingen lassen, dass Sie eine Schwäche für blau-weiss haben. Man hat es Ihnen nie ange­merkt. Fiel es denn schwer, diese Schwäche zu ver­bergen?

So ver­rückt das klingen mag: Es fiel mir über­haupt nicht schwer. Ich habe mir eine gewisse Distanz zum Fuß­ball auf­ge­baut. Es klingt wahn­sinnig, aber ich kann den Fuß­ball nicht so 120%ig ernst nehmen. Es gab ganz wenige Augen­blicke, in denen ein Fuß­ball­spiel mich total in seinen Bann gezogen hat. Spre­chen Sie mich jetzt bloß nicht auf 2001 an, da war es etwas anderes, da habe ich den Pfad der Neu­tra­lität auch vor­über­ge­hend ver­lassen. Daraus resul­tiert, dass ich bei einem Derby zwi­schen Schalke und Dort­mund nie, nie, nie zu erkennen geben darf, wel­cher Seite ich ange­höre. Dann hätte ich 2008 sagen müssen, wie es in mir bro­delte, wie sauer ich war auf diese blöden Schalker, die einen 3:0‑Vorsprung im West­fa­len­sta­dion noch ver­geigten. Das habe ich nicht gemacht und das darf man ja auch nicht machen. Ich mache es für die ganze ARD, da muss ich neu­tral bleiben. Ich bin nicht Nor­bert Dickel, der ein Fan­radio betreibt.

Können denn Inter­net­ra­dios wie das BVB-Radio mit Nor­bert Dickel Kon­kur­renz für den Hör­funk sein?


Nein. Allein des­wegen nicht, weil sie nun einmal absolut Partei ergreifen. Wer will, kann das hören. Ich finde es unsäg­lich, weil es teil­weise ins Unsport­liche geht. Da wird bei einem klaren Foul gefragt: Wie kann der denn Elf­meter pfeifen?“ Ich glaube nicht, dass ein Fan, der auch als Fan ernst genommen werden will, so etwas will. Ein Kol­lege aus Ros­tock hat auch einmal im Hansa-Trikot kom­men­tiert, das finde ich auch sehr grenz­wertig.

Mit dieser patrio­ti­schen, ein­sei­tigen Bericht­erstat­tung hatten Sie letzt­lich auch wäh­rend der WM 2006 Pro­bleme.


Da habe ich wäh­rend des Dop­pel­pass“ gemeint, dass das Spiel Deutsch­land gegen Polen ein arm­se­liger Kick war. Ein Kol­lege hat mich dann gerügt, dass das doch jetzt nicht zählen würde und man sich doch ein­fach freuen sollte. Auch die Bild“ hat mich dar­aufhin auf Seite 1 gesetzt und geschrieben: Manni, geh doch nach Hause“. Das habe ich sehr belus­tigt zur Kenntnis genommen.

Wurden nicht auch im Zuge der WM die Sta­dien, auch im Ruhr­ge­biet mit Leuten über­schwämmt, die eigent­lich gar nichts vom Fuß­ball ver­stehen und den ein­fa­chen Leuten die Karten weg­nehmen?


Wenn man die Ein­tritts­preise im inter­na­tio­nalen Ver­gleich sieht, dann ist die Bun­des­liga da noch sehr human. Aber ganz klar: Die Bun­des­liga wird zu einem Glit­zer­ding mit Par­ty­fans.

Muss man, um das Revier­derby wirk­lich mit­zu­be­kommen, nicht auch im Ruhr­ge­biet leben? Wenn bei­spiels­weise schon unter der Woche an jeder Ecke dar­über gespro­chen wird.

Ja. Ich wohne in Düs­sel­dorf, da wachen die Leute mit der For­tuna gerade auf. Doch im Ruhr­ge­biet ist es etwas kom­plett anderes. Ich habe eine Zeit lang in Dort­mund gear­beitet, da kann man sich wirk­lich mit jedem stun­den­lang über Fuß­ball unter­halten. Es ist zwar etwas über­trieben, wenn man beim Ruhr­ge­biet von der Wiege des Fuß­balls spricht. Aber der Fuß­ball hat im Pott schon eine ganz andere Bedeu­tung als anderswo. Des­wegen ärgere ich mich so sehr, dass bei Ruhr.2010 der Fuß­ball fast über­haupt nicht berück­sich­tigt wurde.

Können Spieler, die aus dem Aus­land kommen, die Bedeu­tung des Revier­derbys über­haupt nach­emp­finden?


Man kann es ihnen sagen. Aber um das zu ver­stehen, muss man es über Jahre hinweg leben. Ich begrüße es sehr, wenn jetzt Spieler auf dem Platz stehen, die vorher auch in der Kurve standen wie Kevin Groß­kreutz und Manuel Neuer. Jef­ferson Farfan kam zu seinem ersten Trai­ning auf Schalke in schwarz-gelben Schuhen. Der musste erst einmal auf­ge­klärt werden. Aber Leute, die jah­re­lang dabei sind wie Dede oder Bordon, kriegen viel­leicht irgend­wann ein Gefühl dafür.

Schalke und Dort­mund erlagen in den letzten Jahren dem finan­zi­ellen Grö­ßen­wahn. War es nur Zufall, dass es diese beiden traf?


Nein, das war kein Zufall. Klam­mert man die Erfolge der Dort­munder in den neun­ziger Jahren einmal aus, dann war das Ruhr­ge­biet in der Spitze der Bun­des­liga immer dünn gesät. Also haben Leute wie Nie­baum in Dort­mund auf Teufel komm raus ver­sucht, mit den Bayern auf Augen­höhe zu sein. Es gab in der Geschichte der Klubs immer irgend­welche Leute, die bean­spruchten, das Sagen zu haben. Was daraus wird, sieht man an der SG Wat­ten­scheid.

Werden Sie sich das nächste Derby im Sta­dion anschauen?


Viel­leicht gehe ich dann einmal in den Fan­block. Ich war bisher weder auf der Süd­tri­büne noch in der Nord­kurve. Wahr­schein­lich müsste ich mich dann auch daran gewöhnen, dass der Blick aufs Spiel­feld viel schlechter als auf der Pres­se­tri­büne ist. Aber ich habe mir jetzt 36 Jahre in Sta­dien den Arsch abge­froren, eigent­lich habe ich da keine Lust mehr drauf.