Seite 2: „Papa, ich werde Schlachter!“ - Die Bücher der 60er-Jahre

Wil­helm Fischer – Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft Eng­land 1966 (1966)
Vor der WM in Eng­land blühte das Wett­ge­schäft im Fuß­ball erst­mals. Kein Wunder also, dass aller­orten Wahr­sa­ge­rinnen nach dem Cham­pion befragt wurden, findet der emsige Schreiber Wil­helm Fischer. Eine sehr pro­mi­nente Dame dieser Branche, eine Por­tu­giesin, pro­phe­zeite im Brustton der Über­zeu­gung: Chile Welt­meister, Nord­korea Vierter.“ Knapp daneben. Fischer ver­sam­melt aber nicht nur solche Anek­doten, son­dern schlüs­selt auch harte Fakten wie die Prä­mien der Teams auf: So erhielten die Eng­länder 17 000 DM für den Titel, die deut­schen Spieler bekamen pro Partie nur 250 DM – für den Final­sieg hätte es nicht mal eine Extra­prämie gegeben. Dabei machte der DFB durch die Fern­seh­gelder so viel Asche, dass sich auch Fischer zu einer Wahr­sa­gung hin­reißen lässt: König Fuß­ball rechnet fortan nur noch mit Mil­lionen.“


Uwe Seeler – Alle meine Tore (1965)

Seine Mit­schüler wollten Pilot, Loko­mo­tiv­führer oder Pirat werden. Uwe Seeler hatte andere Pläne: Seine Sache war Fleisch. Wie das kam, erzählt er in einer amü­santen Epi­sode seiner ersten Bio­grafie: Kurz nach dem Krieg besuchten die See­lers häu­figer einen befreun­deten Schlachter. Uwe war so angetan von seinen Würsten, dass er eines Tages jauchzte: Papa, ich werde auch Schlachter!“ Erwin Seeler wich die Farbe aus dem Gesicht. Er nahm den Sohn mah­nend zur Seite: Hör mal gut zu, Lütter! Wenn du ein guter Fuß­baller werden willst, darfst du nicht Schlachter werden. Schlachter saufen ganz gern mal einen. Nein sagen kannst du aber auch nicht, wenn sie dich ein­laden. Also wirst du besser gar nicht erst Schlachter.“ Kann man Schlachter durch Jour­na­list ersetzen? Frage für einen Freund.


Wil­helm Fischer – Die großen Spiele (1969)

Wil­helm Fischers Die großen Spiele“ mag für manche ein sehr tro­ckener Rück­blick auf die Saison 1968/69 sein. Wenn man aber das Buch direkt neben den Alma­nach des »Kicker« legt, wirkt das Buch fast poe­tisch. Vor allem dann, wenn Fischer Per­sonen Zitate von großen Meis­tern in den Mund legt. Bei Wer­ders Berg- und Tal­fahrt durch die Saison sagte man in Bremen nicht ein­fach nur: Scheiße, Dicker!“ Nein, die Anhänger dachten: ein schwan­kend Rohr, das jeder Sturm zer­knickt.“ Vor­hang.

11 FREUNDE Die Sechzigerjahre

Diese Rezen­sionen erschienen erst­mals in 11FREUNDE Spe­zial – Das waren die Sech­ziger. Das Heft gibt es bei uns im Shop – genau wie das Abo mit allen aktu­ellen Aus­gaben.

Wil­helm Fischer – König Fuß­ball regiert … (1962)
Wil­helm Fischer, der in den sech­ziger Jahren Bücher pro­du­zierte wie später Modern Tal­king Super­hits, kommt hier mit einer genialen Value-for-money-Idee: drei Bücher in einem, und zwar zur WM 1954, 1958 und 1962. Inter­es­sant ist vor allem der Bericht zum Spiel Chile gegen Ita­lien bei der WM 1962. In diesem Spiel wurde König Fuß­ball aus­ge­zählt, als sei er unver­se­hens in einen Box­ring geraten.“ Oh je, lieber König Fuß­ball, was war denn nur geschehen? Fischer berichtet von prü­gelnden Chi­lenen, vom Platz gestellten Ita­lie­nern und einem tobenden Fanmob. Der Schieds­richter soll später zu Pro­to­koll gegeben haben, dass er auf­grund einer Ver­let­zung das bru­tale Spiel der Chi­lenen nicht wahr­nehmen konnte. Deutsch­land schied übri­gens schon im Vier­tel­fi­nale aus. Fischer kennt den Grund: Der Spiel­ball war eine Pflaume.“


Petar Raden­kovic – Das Spiel­feld ist mein König­reich (1966)

Petar Raden­kovic schreibt über das Tor­wart­spiel, als sei es bis 1966 das best­ge­hü­tete Geheimnis der Welt gewesen. Das Tor“, beginnt der Mann sein Werk, das sind zwei senk­rechte Pfosten und eine Quer­latte.“ Wenn der Leser nicht jetzt schon gefes­selt im Ohren­sessel sitzt, dann spä­tes­tens auf den fol­genden Seiten. Hier gibt Radi näm­lich tiefe Ein­blicke in seine Gefühls­welt („Hin­aus­laufen: Eine kitz­lige Sache!“) oder berichtet von Dingen, die er nicht mag („Ich hasse kurze Eck­bälle!“). Schließ­lich bricht er noch eine Lanze für die Lini­en­richter („Sie sind keine Knechte!“). Zum Schluss kommt sogar noch sein dama­liger Trainer bei 1860 Mün­chen, Max Merkel, zu Wort: Der frü­here Löwen-Spieler Pelicon fuhr nach Worms, um Raden­kovic zu testen. Sein Urteil: Erst­klas­siger Tor­mann, aber leicht ver­rückt.‘“ So wie dieses Buch.


Ernst Heyda – Sport Spiel Span­nung (1966)

Ernste und hei­tere Geschichten von der schönsten Neben­sache auf der Welt“ heißt es im Unter­titel dieses Buches. Wobei nahezu jede dieser Geschichten mit einem Gleichnis fürs Poe­sie­album schließt. Ein Buch als Anti­these zum Hoo­ligan-Erleb­nis­be­richt der Neun­ziger. Für alle, die es trotzdem nicht lesen möchten, hier das Ende aus der Geschichte Er konnte ihn nicht halten“: Wenn einer besser ist, dann läßt sich das nicht ändern, sauber ver­lieren, das ist es!“ Und dre­ckig gewinnen?