Am Anfang gab es Lars Bender nie alleine. Alles, was er tat, geschah in Zusam­men­spiel mit seinem Zwil­ling Sven. Und alles, ja, wirk­lich alles, jubelten Fuß­ball­fans und Jour­na­listen einst, sei bei diesen beiden Jungs iden­tisch. Wer waren schon die Kre­mers, die Zeyers, die Alt­in­tops? Dies hier sind die Ben­ders! Gemeinsam durch­liefen sie die­selben Ver­eine (TSV Bran­nen­burg, SpVgg Unter­ha­ching, 1860 Mün­chen), spielten immer die­selbe Posi­tion (defen­sives Mit­tel­feld), wohnten in den­selben WGs (u.a. bei ihrem B‑Jugendtrainer), hatten den­selben Berater und teilten sich den Spitz­namen („Manni“). Sogar der Name der jewei­ligen Freundin war gleich (Simone). Benutzten beide gar die­selbe Zahn­bürste? Wurden sie nachts von den den­selben Alp­träumen geplagt? Bekamen sie immer diens­tags Kopf­schmerzen? Haben sie beide Schuh­größe 46? Die Ant­worten inter­es­sierten kaum, fürs Pro­to­koll lässt sich den­noch fest­halten, dass sie ziem­lich sicher Ja!“ lauten.

Auch wenn die Sache mit den Freun­dinnen und den Spitz­namen schlichtweg falsch ist – nur Sven wird Manni“ gerufen und nur seine Freundin heißt Simone –, spra­chen auch die Ben­ders gerne im Plural von sich. Selbst dann, wenn nur eine Person im Zen­trum des Inter­esses stand. Etwa im Sommer 2008, als einer der beiden die Liebe zum Her­zens­verein 1860 Mün­chen unter­mauern wollte: Durch unsere Adern fließt blaues Blut.“ Oder 2009, als Löwen-Sport­chef Miroslav Stevic einen der Ben­ders abgeben wollte, weil sie sich auf der Posi­tion im defen­siven Mit­tel­feld neu­tra­li­sieren würden. Das sehen wir nicht so“, sagte Lars. Oder Sven. Oder beide.

Ange­bote von Liver­pool, Man­United, Real Madrid

Lange schien es nicht mal im Rahmen des Mög­li­chen, dass sich die Wege der Ben­ders eines Tages trennen könnten. Ihr Weg war im Zwei-Mann-Kol­lektiv vor­ge­zeichnet: Mit 16 hatten sie ein Angebot vom FC Liver­pool, mit 17 von Man­chester United, mit 19 von Real Madrid. Alle Anfragen wurden von ihrem Berater Man­fred Schulte abge­schmet­tert. Das hier, diese Sache mit den Bender-Zwil­lingen, da waren sich Berater und Verein herr­lich einig, sollte ganz behutsam auf­ge­baut werden. Dabei konnte man allen­falls in Zwi­schen­tönen ver­nehmen, welche Stücke die Ver­ant­wort­li­chen auf die Zwil­linge hielten, von Juwelen“ war einmal zu hören, von Roh­dia­manten“ ein anderes Mal. Es wurde trotzdem schnell klar, dass man es hier nicht mit Spie­lern zu tun hatte, denen ein win­diger Experte nach zwei Über­stei­gern und einem Pfos­ten­schuss das infla­tio­näre Attribut Talent“ ange­heftet hatte.

Ein Satz von Ernst Tanner, damals Nach­wuchs­ko­or­di­nator bei 1860 Mün­chen, steht sinn­bild­lich für die beschei­dende und schüch­terne Rhe­torik jener Tage: Wenn ich nun sage, die Jungs werden Natio­nal­spieler, dann halten mich alle für ver­rückt.“ Doch genauso kam es. Sven Bender debü­tierte für Deutsch­land am 29. März 2011 in einem Freund­schafts­spiel gegen Aus­tra­lien. Heute Abend pau­siert er gegen Polen. Dafür steht Lars Bender erst­mals im Kader.

Das letzte große Wir-Gefühl“ gab es 2008, als die Bender-Zwil­linge mit der deut­schen U‑19-Natio­nalelf Euro­pa­meister wurden. Im Sommer 2009 wech­selte Sven zu Borussia Dort­mund, Lars ging zu Bayer Lever­kusen, es soll damals Tränen gegeben haben. Von einem hoch emo­tio­nalen Abschied“, sprach Trainer Ewald Lienen. Was klar war: Irgend­eine Bio­grafie, die bis dato im schönen Ein­klang ver­laufen waren, musste fortan hinter der anderen zurück­bleiben. 

Sven Bender spielte sich rasch in die Start­for­ma­tion von Borussia Dort­mund. 2011 wurde er Deut­scher Meister. Lars Bender gelang es eben­falls, einen Platz in der ersten Elf zu erkämpfen. Meister konnte er nach dem 32. Spieltag nicht mehr werden, also wurde er mit Bayer Lever­kusen Vize­meister. Die Sport­bild“ nennt beide heute Kapitän-Killer“, weil Sven den Lang­zeit­ver­letzten Sebas­tian Kehl aus dem Team ver­drängte und Lars auf der Sechs im Bayer-Mit­tel­feld gesetzt ist, wäh­rend sich Michael Bal­lack und Simon Rolfes den Platz neben ihm teilen müssen.

Lieb­lings­spieler: Genaro Gat­tuso

Lars Bender ist kein defen­siver Mit­tel­feld­spieler der alten Schule, kein Mark van Bommel, kein Vinnie Jones, kein Roy Keane, nicht mal ein Torsten Frings. Er ist der schlak­sige Fuß­baller aus Rosen­heim, ein guter Junge, die blonden Haaren adrett fri­siert, sanfte buben­hafte Gesichts­züge, Typ Schwie­ger­mut­ter­lieb­ling. Als müsste es zu seiner Rolle dazu­ge­hören, eine gewisse Härte und etwas Ani­ma­li­sches aus­zu­strahlen, gab er neu­lich in einem Inter­view mit der Welt“ an, sein Lieb­lings­spieler sei der Ita­liener Genaro Gat­tuso.

Leicht lässt sich sagen, einem wie ihm fehle für die Posi­tion der Sechs schon auf­grund seiner Statur und seiner Erschei­nung das Durch­set­zungs­ver­mögen und die Aus­strah­lung eines Gat­tuso, gemeinhin ein Stück weit der Arsch­loch-Cha­rakter“. Dabei ist gerade die Robust­heit sein großes Plus, mithin etwas, das man im Fuß­ball Prä­senz auf dem Platz“ nennt.

Und doch läuft Lars Ben­ders Spiel weniger über Masse und stäh­lerne Kno­chen, er ori­en­tiert sich nicht offen­sicht­lich an Spie­lern, die sich Aggres­sive Leader“ nennen oder von denen man sagt, sie setzten Zei­chen“. Lars Bender tritt zwar bis­weilen resolut und auto­ritär auf, doch die Basis seines Tuns ist das Gefühl für Raum und Zeit. Seine Stärken: Anti­zi­pa­tion und Timing. Die Grät­sche ist hier nicht letzte Ret­tung, kein Alles-oder-nichts-Modell. Die Grät­sche ist Stil­mittel, die über­durch­schnitt­lich häufig zum Erfolg führt. So sieht alles ein Stück weit läs­siger aus als bei vielen Kol­legen. Am Boden gewinnt Lars Bender 58 Pro­zent seiner Zwei­kämpfe (Bal­lack: 30 Pro­zent), dar­über hinaus hat er über 90 Minuten im Durch­schnitt mehr Ball­kon­takte (65) als Bal­lack (60). Der ehe­ma­lige 1860-Trainer Walter Schachner freute sich einst: Er ist überall zu finden! Und er geht bra­vourös in die Zwei­kämpfe. Schauen Sie sich nur Lars’ Schien­bein an, das ist voller Stol­len­ab­drücke.“

Alle Posi­tionen, sogar Stürmer

Gerade in knappen Spielen hat er zudem einen steten Drang zum Tor. Es ist dieser unbe­dingte Wille, dieser Weiter, immer weiter“, das man früher nur von Typen wie Kahn oder Frings kannte und das sich bei Bender schon in jungen Jahren abzeich­nete. Ein Kopf­balltor aus dem März 2009 gegen den FC Ingol­stadt zeigt das beson­ders gut. 1860 hatte sich gerade von Marco Kurz getrennt, dafür war Uwe Wolf gekommen, und das Team musste gewinnen, um den Anschluss nach oben nicht zu ver­lieren. Es stand 2:2. Dann schraubte sich Bender nach einer Lauth-Flanke in die Luft und wuch­tete den Ball per Horst-Hru­besch-Gedächtnis-Kopf­ball zum 3:2‑Siegtreffer ins Tor. Heute“, so glaubt sein Berater, kommt es im zugute, dass er in seiner Jugend alle Posi­tionen gespielt hat. Sogar Stürmer.“

Der Traum bleibt aller­dings die Sechs, besser noch: die Dop­pel­sechs mit seinem Bruder. Diese häufig noch unter­schätzte Posi­tion im defen­siven Mitt­feld, dieses Bin­de­glied zwi­schen der Vie­rer­kette und der Offen­sive, dieses Gelenk zwi­schen den Außen­po­si­tionen, der Maschi­nen­raum der Mann­schaft. Wie Schieds­richter, Reporter und Fans die beiden Arbeiter dort aus­ein­an­der­halten können? Lars hat im Gegen­satz zu seinem Bruder ein Mut­termal am Hals, Sven ist zwei Zen­ti­meter größer.