Von draußen sieht immer noch alles sehr schick aus. Tra­di­ti­ons­rei­ches Sta­dion moder­ni­siert, neue Geschäfts­stelle gebaut, schi­ckes Fan­haus eröffnet: Ein­tracht Braun­schweig hat sich in den ver­gan­genen Jahren her­aus­ge­putzt. Aber das schöne Bild von einem auf Neu­zeit getrimmten Fuß­ball-Unter­nehmen trügt. Der Verein von der Ham­burger Straße ver­mit­telt im Moment den Ein­druck, als müsse er wieder von vorne anfangen. Chef­trainer gewech­selt, Sport­di­rektor abge­schafft, Leiter des Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum aus­ge­tauscht: Was die Ver­eins­füh­rung auch als Auf­bruch­stim­mung ver­kaufen möchte, sorgt für erheb­liche Unruhe. Ein­tracht Braun­schweig: Das ist im Moment vor allem dieser Tra­di­ti­ons­verein, dessen Fans gerade echt beschis­sene Laune haben.

Mit sol­chen Aktionen kommt man natür­lich bun­des­weit ins Ram­pen­licht. Einer der Ein­tracht-Anhänger hat zuletzt, in der Anbah­nung der 0:3‑Niederlage bei der SpVgg Unter­ha­ching, eine Klo­bürste aus dem Block auf den Platz geworfen haben. Wer bitte schön nimmt ein sol­ches Utensil über­haupt mit ins Sta­dion? Gefühlt war Ein­tracht Braun­schweig neu­lich noch so hip und anders, dass man sich sani­tären und kri­ti­schen Fra­ge­stel­lungen kaum aus­ein­an­der­setzen musste. Aber mitt­ler­weile steht der fri­sche Absteiger aus der 2. Liga am Tabel­len­ende der 3. Liga. Da kann es schon mal pas­sieren, dass es unschön bis schmutzig wird.

Alter Däne

2014 war Ein­tracht Braun­schweig noch in der Ersten Liga am Ball. 2017 ver­passten die Nie­der­sachsen in der Rele­ga­tion gegen den VfL Wolfs­burg ihre Rück­kehr in das Ober­haus. Die Art und Weise, mit der es seitdem bergab geht, ist ein gefun­denes Fressen für die Medien. Braun­schweig am Tief­punkt“ titelt die sonst gegen­über Blau-Gelb recht treue Braun­schweiger Zei­tung“. Ohne Sieg, ohne Manager, ohne Per­spek­tive?“, fragt der besorgte Nord­deut­sche Rund­funk“. Die Ver­eins­füh­rung schreibt einen offenen Brief, um die Fans zu beru­higen. Der Fanrat schreibt zurück und kri­ti­siert die Ver­eins­füh­rung, weil es im Auf­sichtsrat an der nötigen Kom­pe­tenz man­gele. Unter solch wun­der­baren Umständen darf der däni­sche Trainer Henrik Pedersen bei seinem Debüt ver­su­chen, mit einem grund­le­gend erneu­erten Kader gute Arbeit zu machen. Bisher sind drei Punkte aus sechs Spielen ohne Sieg zusam­men­ge­kommen. Alter Däne.

Was die Ein­tracht nach unten in die Pro­vinz des Fuß­balls zieht, ist eine Ver­ket­tung beson­derer Umstände. Dass die Ver­eins­füh­rung mehr als zehn Jahre lang an Trainer Torsten Lie­ber­knecht fest­ge­halten hatte, war mit einem zwi­schen­zeit­li­chen Aus­flug in die 1. Liga belohnt worden, hat aber ganz offenbar auch eine Wei­ter­ent­wick­lung im sport­li­chen Bereich ver­hin­dert. Die Zusam­men­ar­beit war abge­nutzt. Als man sich im Mai direkt nach dem Sturz aus der 2. Liga von Lie­ber­knecht los­sagte, fehlte der ent­schei­dende Mut für einen kom­pletten Neu­start. Marc Arnold, eine Dekade lang ein treuer Zuar­beiter für Lie­ber­knecht, durfte tat­säch­lich noch den neuen Trainer aus­wählen und den Spie­ler­kader umkrem­peln. Als Sport­di­rektor hatte er aber längst aus­ge­dient und wurde nur gehalten, um den Kol­laps eines Ver­eins zu ver­hin­dern.

Was die aktu­elle Mann­schaft unter der Lei­tung von Pedersen zeigt, ist von großer Ver­un­si­che­rung geprägt. Die Tabelle sagt, dass eine der teu­ersten Mann­schaft der 3. Liga im Moment auch deren schlech­teste ist. Wer bei den Ent­schei­dern nach­fragt, wie ernst die Lage der­zeit ist, bekommt trotzdem erstaun­lich Posi­tives zu hören. Wir sehen eine Ent­wick­lung in der Mann­schaft und eine klare Hand­schrift“, findet etwas Chris­tian Krentel, der dem Auf­sichtsrat ange­hört. Dem stellt Stürmer Philipp Hof­mann gegen­über, dass man dem Ein­tracht-Team ansehe, wie unsi­cher es sich der­zeit fühlt. Zwi­schen dem, was die Spieler selbst­kri­tisch ein­räumen und dem, wie die Ent­scheider des Ver­eins die Lage beur­teilen, tut sich eine breite Kluft auf. Man könnte auf die Idee kommen, dass hier so man­cher in der Füh­rungs­etage jenes Fiasko deut­lich schöner als rea­lis­tisch dar­stellt, um mitten in der Ver­ant­wor­tung nicht wie ein Trottel dazu­stehen.

Mit Soeren Oliver Voigt gibt es abseits des sport­li­chen Gesche­hens eine Kon­stante. Er zieht als Geschäfts­führer die Fäden und hat zuletzt selbst­be­wusst erklärt, warum die jüngste Tren­nung von Arnold zwar unschön, aber kein Drama sei. Die Zusam­men­ar­beit war mehr als zehn Jahre sehr gut und ehr­lich. Aber am Ende muss man es auch auf die Frage redu­zieren dürfen: Funk­tio­niert ein Mit­ar­beiter in seinem Job noch“, meint Voigt. Einen lang­jäh­rigen Sport­di­rektor mehr als drei Monate noch zu beschäf­tigen, obwohl ver­eins­in­tern längst klar war, dass man sich von Arnold trennen wollte, ist eigent­lich ein fieses Foul. Die Per­so­nalie ist zudem mit der Erkenntnis ver­bunden, dass die aktu­elle Ver­eins­füh­rung zu lange an etwas geglaubt hat, was Lie­ber­knecht und Arnold heißt. Das Duo hatte die beson­dere DNA der Ein­tracht aus­ge­macht. Aus Dank dafür länger als sinn­voll an Trainer und Sport­di­rektor fest­ge­halten zu haben, wird im Nach­hinein nicht mit Lob und Aner­ken­nung bedacht. 

Umbruch als Auf­bruch?

Schönen Gruß in jedem Fall von der Klo­bürste. Die Lage in Braun­schweig ist ernst bis kacke. Trotzdem sind die ver­blie­benen Haupt­dar­steller bemüht, den Umbruch auch als Auf­bruch zu ver­kaufen. Im Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum soll unter der Regie von Sascha Eickel eine bes­sere Jugend- und Ama­teur­ar­beit gelingen. Die bis­he­rigen Auf­gaben aus dem Bereich des Sport­di­rek­tors, dessen Stelle zunächst unbe­setzt bleibt, werden auf meh­rere Schul­tern umver­teilt. Für den neuen Chef­trainer Pedersen bedeutet das noch mehr Arbeit und Ver­ant­wor­tung. Alles ist gere­gelt, nichts muss als Chaos dar­ge­stellt werden – finden jeweils die Wort­führer von Auf­sichtsrat und Geschäfts­führer. Wir funk­tio­nieren neben dem Platz ein­wand­frei. Der Verein ist in seiner Struktur gefes­tigt. Was fehlt, sind Punkte für eine bes­sere Plat­zie­rung in der Tabelle. Aber Ein­tracht Braun­schweig ist kein Kan­didat für das Ster­be­bett“, ver­si­chert Geschäfts­führer Voigt.