Wir sind über Jahre hinweg unschlagbar!“, ver­kün­dete Franz Becken­bauer per kai­ser­li­chem Erlass anno 1990 nach dem WM-Final­sieg von Rom. Die der poli­ti­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung fol­gende Zusam­men­füh­rung der beiden deut­schen Natio­nal­mann­schaften ließ kein Zweifel: Die deut­sche Mann­schaft war nun­mehr für alle Zeiten unbe­siegbar. Dass sich Licht­ge­stalt Becken­bauer nach dem Spiel, eupho­ri­siert von Endor­phinen und wohl auch ein wenig Alkohol, mit weit auf­ge­ris­senen Augen zu dieser Aus­sage hin­reißen ließ, stellte sich im Nach­hinein als schwere Bürde heraus. Die kai­ser­liche Sen­tenz ent­puppte sich schluss­end­lich leider als Unwahr­heit. Was in der Erin­ne­rung dann doch stark nach Chris­toph Daums Ich habe ein absolut reines Gewissen“-Pressekonferenz klingt.

Auch ich war im Vor­feld der WM 1994 in den USA als Acht­jäh­riger nicht vor den zu hoch gesteckten Erwar­tungen gefeit: Das Deutsch­land­trikot mit dem kühnen Design war gekauft, das WM-Tur­nier schon zahl­reiche Male auf dem Bolzer durch­ge­spielt. Mein Vater erklärte mir, was das Wort Titel­ver­tei­di­gung bedeutet und meine dop­pelten Panini-Sti­cker hätten locker zwei wei­tere Sam­mel­alben füllen können – das freche Grinsen von Chris­tian Ziege hatte ich langsam satt.

Es lag ein 8:0 in der Luft

Für das Eröff­nungs­spiel der deut­schen Elf durfte ich länger auf­bleiben und konnte erst­mals an einem feucht-fröh­li­chen Fuß­ball­abend par­ti­zi­pieren, bei dem sich nach und nach Freunde der Familie um den viel zu kleinen Wohn­zim­mer­tisch drängten. Dass die Erwar­tungen an die bevor­ste­hende WM hoch waren, konnte man an den zuver­sicht­li­chen Tipps ablesen, die für einen Hei­er­mann in der eigens orga­ni­sierten Wett­kasse schrift­lich abge­geben worden waren: 3:0, 4:0, 5:1. Auch der Auf­stel­lung nach hatte Deutsch­land schon vor dem Spiel gewonnen: Mit Ill­gner, Mat­thäus, Kohler, Bert­hold, Brehme, Möller, Hässler, Riedle und Klins­mann traten neun Welt­meister gegen boli­via­ni­sche No Names an: Bal­di­vieso, Quin­teros und sogar ein Sandy ließen sich auf boli­via­ni­scher Seite dem Spiel­be­richts­bogen ent­nehmen. Sandy… Ich tippte kernig auf ein hand­festes 8:0 für uns!

In der Mit­tags­hitze von Dallas ent­wi­ckelte sich vor 63.117 Zuschauern jedoch ein eher dröges Spiel – Deutsch­land wirkte behäbig und Boli­vien spielte boli­via­nisch. Als Boli­vien oben­drein zu einigen Chancen kam, wurde allen klar, was in der Luft lag: Favo­ri­ten­sterben! Ich konnte zu Hause beob­achten, wie analog zur deut­schen Leis­tung aus zuver­sicht­li­chen und opti­mis­tisch beschwingten Män­nern auf einmal ner­vöse Wracks wurden. Nägel­kauend wurden abwech­selnd Hass­ti­raden auf Andy Möller los­ge­lassen oder auf Bodo Ill­gner her­um­ge­hackt. Aus welt­meis­ter­li­chen Halb­göt­tern wurden inner­halb von 50 Minuten über­be­wer­tete Weich­eier, die nicht dazu in der Lage waren, gegen die vom Gen­pool der Außen­welt abge­schnit­tenen Andenki­cker Tore zu schießen.

Erlö­sung brachte erst die 61. Minute: Nach einem hohen 50-Meter-Pass von Lothar Mat­thäus über die geg­ne­ri­sche Abwehr konnte Thomas Häßler vom schlechten Stel­lungs­spiel des boli­via­ni­schen Schluss­mannes pro­fi­tieren. Der Keeper mit dem Namen Carlos Trucco rutschte zudem noch aus, obwohl der Rasen bei der Hitze nicht nass sein konnte. Der Ball prallte von Ickes Brust unge­wollt weit ab, doch glück­li­cher­weise war Klins­mann mit­ge­laufen und konnte ins leere Tor abstauben. Ein belie­biges Tor, ein Flip­pertor, häss­lich wie die Nacht und unspek­ta­kulär in der Durch­füh­rung. Und doch ist es mein Lieb­lingstor. Es ist das erste, an das ich mich erin­nern kann.

Meine Erin­ne­rungen an den lapi­daren Treffer wurden des­halb unsterb­lich, weil sich im hei­mi­schen Wohn­zimmer unglaub­liche Szenen abspielten: Die im all­täg­li­chen Leben eigent­lich aus­ge­gli­chen wir­kenden Freunde und Nach­barn schrien aus voller Kehle mit sich über­schla­gender Stimme, dass mir bei­nahe das Trom­mel­fell platzte. Einer kippte Bier über unserem Per­ser­tep­pich aus – selbst meiner Mutter war das in diesem Moment egal – mein Vater tat das Gleiche. Aus­ge­las­sen­heit! Freu­den­taumel! Erleich­te­rung! Klins­manns Jubel­lauf mit aus­ge­streckten Armen bleibt auf ewig in mein Gedächtnis ein­ge­brannt. Die erwach­senen Männer um mich herum waren von einem Moment auf den anderen von miss­mu­tigen Ner­ven­bün­deln zu jubelnden, tan­zenden Kin­dern mutiert – plötz­lich wurde ich vom ansonsten eher in sich gekehrten Wolf­gang von gegen­über über­schwäng­lich gepackt, hoch­ge­hoben und durch die Luft gewir­belt.

Die All­heil­kraft des Fuß­balls

In jenem Moment im Juni 1994 strahlte der Fuß­ball eine All­heil­kraft aus, die mich seither in wich­tigen Momenten immer wieder beschleicht und mich an jenen Moment zurück fühlen lässt. Des­wegen bin ich dem oft wegen seiner eigen­wil­ligen Technik Flipper“ genannten Jürgen Klins­mann für diesen Sieg­treffer zum 1:0 ewig dankbar. Zur Ehren­ret­tung des Flip­pers sei aller­dings gesagt, dass er eine her­vor­ra­gende WM spielte, in deren Ver­lauf er auch tech­nisch anspruchs­vol­lere Treffer als mein Lieb­lingstor erzielte.

Dass die Bul­garen um Christo Stoichkov und Jordan Letchkov im Vier­tel­fi­nale meinem Aus­flug in die Glit­zer­welt des Fuß­balls ein allzu jähes Ende berei­teten, tut heute nicht mehr weh. Durch Klins­manns Treffer blieb die Erkenntnis, wie der Fuß­ball in der Lage ist, binnen 90 Minuten die volle Kla­viatur der Emo­tionen aus­zu­reizen und dabei kathar­ti­sche Kräfte frei­zu­setzen. Und, auch das eine wich­tige Rand­notiz in meiner kind­li­chen Ent­wick­lung: Selbst die weisen Worte eines Kai­sers müssen nicht immer richtig sein.