Seite 2: „Den Mist, den wir verbockt haben, wieder geraderücken”

Ab sofort leitet er also das Trai­ning. 26 Jahre nach seinem letzten Job kehrt er noch einmal auf die Bun­des­liga-Trai­ner­bank zurück. Zur dama­ligen Zeit fehlte ihm im Lizenz­be­reich oft das Quänt­chen Glück. Er kam nicht mit der Arbeits­ein­stel­lung gestopfter Profis zurecht. Klub­bosse wie der Bau­löwe Rolf-Jürgen Otto bei Dynamo Dresden behan­delten ihn respektlos und von oben herab. Als Co-Trainer von Erich Rib­beck bei der EM 2000 war er geschockt von der Wil­len­lo­sig­keit deut­scher Natio­nal­spieler. So sehr, dass er nach Aus­scheiden gegen Por­tugal in der Vor­runde hem­mungslos wei­nend auf der Ersatz­bank kau­erte. Er zog sich in den Jugend­fuß­ball zurück, weil es ihm dort leichter erschien, seine Werte zu ver­mit­teln – und fand seine wahre Pas­sion.

Nun muss sich erweisen, ob auch die aktu­ellen HSV-Profis bereit und willig sind, ihm zuzu­hören. Hru­beschs Enga­ge­ment bis Sai­son­ende dient nur einem Ziel: Er muss einen neuen Impuls setzen, die Mann­schaft aus der Depres­sion her­aus­holen. Hru­besch muss einem völlig ver­un­si­cherten Kader das Ver­trauen in die eigenen Fähig­keiten zurück­geben. Zuletzt hat die Mann­schaft leider oft unter Wert gespielt“, sagte er beim Amts­an­tritt mit gewohnt wind­schiefer Hru­besch-Sym­bolik, wir müssen alles daran setzen, den Mist, den wir ver­bockt haben, wieder gera­de­zu­rü­cken.“ Er wolle jetzt viele Gespräche führen, rein­hören und ver­su­chen, ein paar Akzente zu setzen. Ob seine Bemü­hungen Früchte tragen und er ein neues Selbst­be­wusst­sein im Kader schüren kann, ent­scheidet sich also im Prinzip schon in diesen Stunden. Mehr kann er nicht tun. Nie­mand weiß das besser als Hru­besch selbst, er ist lange genug dabei.

Ein Akt der Selbst­lo­sig­keit

Es ist selbst­loser Akt. Im Gegen­satz zum 67-jäh­rigen Fried­helm Funkel, der vor einigen Wochen den 1. FC Köln in dem Wissen über­nahm, mit dem Klub noch aus eigener Kraft dem Abstieg ent­rinnen zu können, ist Hru­besch bei seiner Mis­sion auf das Schei­tern der Kon­kur­renz ange­wiesen. Es geht ihm nicht um Geld. Nicht darum, seinen Ruhm noch zu mehren. Es geht schlichtweg darum, den HSV vor einem wei­teren Tief­schlag zu bewahren.

Es ist ein großes Wagnis. Denn klar ist: Selbst wenn der Klub unter seiner Füh­rung alle noch aus­ste­henden Spiele gewinnt, würde der erneute Zweit­li­ga­ver­bleib mit seinem Gesicht ver­bunden bleiben. Sollte er zudem auch die Ergeb­nisse schuldig bleiben – was ange­sichts der jüngsten Auf­tritte des Teams durchaus denkbar wäre – werden im Umfeld des chro­nisch ner­vösen Ver­eins auch wieder Stimmen laut werden, die ihm seinen unzwei­fel­haften Ruf streitig machen wollen. Kurz: Seine Chancen, als Gewinner aus dieser schwie­rigen Gemenge­lange her­vor­zu­gehen, sind eher gering.

Aber das kennt er ja nicht anders. Als er 1983 in löch­riger Trai­nings­hose vor dem End­spiel im Lan­des­meis­ter­pokal den Rasen betrat und die Spieler von Juventus Turin in ihren dunklen Maß­an­zügen ins Sta­di­on­rund schlen­dern sah, hätte auch keiner einen Pfif­fer­ling auf das Ham­burger Team gesetzt. Am Ende aber stemmte Hru­besch den Cup in den Athener Nacht­himmel.

Als er von 11FREUNDE gefragt wurde, wie er sich erkläre, dass der HSV damals gegen alle Wahr­schein­lich­keiten zu Europas bester Mann­schaft auf­stieg, sagte er: Wir sind für­ein­ander ein­ge­standen und haben die Scheiße durch­ge­zogen.“ Darauf wird es auch diesmal ankommen. Für gute Mann­schaft macht Ver­lieren eben wenig Sinn. Nur ist Horst Hru­besch darauf ange­wiesen, dass diesmal andere Teams diesen Gedanken bis zum Sai­son­ende nicht beher­zigen.