Früher war nicht alles besser, aber die Dinge wurden anders gere­gelt. Es gibt unzäh­lige Bewegt­bilder von Zuschauern, die nach dem Schluss­pfiff von wich­tigen Spielen zu Hun­derten den Platz flu­teten, ihren Lieb­lingen Trikot, Hose, Stutzen und manchmal sogar die Unter­hose vom Leib rissen und auch sonst ihren Gefühlen freien Lauf ließen. Und die Spieler selbst? Ertrugen die Men­schen­massen mit einer Gelas­sen­heit und Geduld, die darauf schließen lässt, dass Platz­stürme früher ein­fach zum Fuß­ball dazu gehörten.

Und heute? Da kreischt die Nation vor Ent­setzen, wenn bei einem Rele­ga­ti­ons­spiel Zuschauer auf den Rasen rennen, da kom­men­tieren selbst erfah­rene Jour­na­listen solche Vor­fälle mit einer Abscheu, als han­dele es sich nicht um enthu­si­as­ti­sche Fuß­ball­fans, son­dern um schwer bewaff­nete Milizen. Da sorgt schon ein ein­zelner Platz­sturm dafür, dass der Fuß­ball von Poli­ti­kern im Wahl­kampf so unter Druck gesetzt wird, dass er längst vor­han­dene Spiel­re­geln für Fuß­ball­fans noch einmal ver­schärft und als knall­harte Kon­se­quenz ver­kauft. Da werden die Dinge anders gere­gelt.

Das sieht nicht nur brutal aus

Auch nach dem Schluss­pfiff der Partie Vitoria Gui­maeres gegen Ben­fica Lis­sabon am ver­gan­genen Wochen­ende hat es einen Platz­sturm gegeben. Ben­fica-Fans stürmten nach dem 1:0‑Sieg ihrer Mann­schaft auf den Rasen, einige von ihnen ver­suchten ihren Lieb­lingen Trikot, Hosen und Stutzen abzu­schwatzen. Was man eben so macht, in seiner Begeis­te­rung. Die Polizei und das Sicher­heits­per­sonal reagierten, wie man es von ihnen im Jahr 2013 erwartet: Sie stürzten sich wie Rugby-Spieler auf die Fans, ver­drehten ihnen die Arme, drückten den Anhän­gern die Knie in den Nacken. Das sieht nicht nur brutal aus, das ist auch brutal.

Ben­ficas Trainer Jorge Jesus sah das offenbar genauso. Als Jorge Jesus seine Kar­riere als Trainer begann, Ende der Acht­ziger, wurden die Dinge noch anders gere­gelt, wurden Fuß­ball­fans nicht wie poten­zi­elle Bom­ben­leger ding­fest gemacht, son­dern irgend­wann, wenn sich der Rausch des Glü­ckes gelegt hatte, wieder auf die Tri­bünen geführt. Das rigo­rose Vor­gehen der Poli­zisten gegen seine Fans muss Jorge Jesus wütend gemacht haben. Jeden­falls packte er sich sei­ner­seits die Sicher­heits­kräfte und ver­suchte einen der Anhänger zu befreien. Der Trainer zerrte und ran­gelte, trom­melte mit seinen Fäusten auf die Arme der Beamten ein, ges­ti­ku­lierte, schrie und musste irgend­wann von seinen Assis­tenten zurück­ge­halten werden, sonst hätte er den Poli­zisten in seiner Ent­rüs­tung ver­mut­lich noch in die Nase gebissen. Ich wollte, dass sie ihn in Ruhe lassen“, ant­wor­tete Jorge Jesus später auf die Frage, was ihn denn da geritten habe, er wollte doch nur ein Trikot von den Spie­lern.“ Es half nichts, der Fan wurde, natür­lich mit ver­drehten Armen, abge­führt.

Ein Trainer, der seinen Fans zur Seite steht

Ein Trainer, der gegen das Sicher­heits­per­sonal hand­greif­lich wird, um einen seiner Fans zur Seite zu stehen. Das sieht man nun wirk­lich nicht aller Tage. Das würde man sich als Fan auch vom Trainer seines eigenen Her­zens­klubs wün­schen. Das muss man irgendwie groß­artig finden.

Die por­tu­gie­si­schen Fuß­ball-Funk­tio­näre fanden das Ver­halten von Jorge Jesus gar nicht groß­artig. Sie wollen den Vor­fall jetzt über­prüfen und Ben­ficas Trainer anschlie­ßend bestrafen. Im schlimmsten Fall droht dem Übungs­leiter eine Sperre zwi­schen drei Monaten und drei Jahren. Das ist beim besten Willen nicht vor­stellbar, ist aber rein theo­re­tisch mög­lich.

Und schon allein diese Vor­stel­lung macht traurig. Viel­leicht war früher doch alles besser.