Nor­bert Kozicki, die Stan Libuda- Bio­grafie des Spiegel-Redak­teurs Thilo Thielke An Gott kommt keiner vorbei…“ gehört zu den Klas­si­kern der deut­schen Fuß­ball­bü­cher. Worin unter­scheidet sich der Ansatz Ihrer Bio­grafie über den legen­dären Rechts­außen?

Ich habe ganz bewusst eine Fuß­ball-Bio­grafie geschrieben, wäh­rend Thielke eher auf das Pri­vat­leben ein­geht, um Libudas angeb­li­ches Schei­tern zu dokumentieren.Das ist für mich ten­den­ziell Bou­le­vard-Jour­na­lismus. Ich betone dagegen die anderen Aspekte: Libuda war ein cha­ris­ma­ti­scher und genialer Fuß­baller, der mit dieser Fähig­keit Men­schen viel Freude gebracht hat und ihnen in Erin­ne­rung geblieben ist. Wie hat er diese Fähig­keit aus­ge­bildet? Welche Rolle spielte dabei das soziale Milieu, aus dem er kam, und welche Vorraus­set­zungen müssen in einem Verein da sein, damit ein Spieler einen guten Weg gehen kann? Das waren meine Leit­fragen, und des­wegen hört die Bio­grafie mehr oder weniger auch mit Libudas letztem Spiel im Park­sta­dion auf.


Aber spielt für den Mythos Libuda“ nicht sein spä­teres Schei­tern eine Rolle?

Was heißt das über­haupt: Ein geschei­tertes Leben? Das eine Mess­latte, die von außen dran gelegt wird. Er wollte als aktiver Fuß­baller den Medi­en­be­trieb nicht mit­ma­chen und auch später seinen Ruhm nicht ver­markten. Das war nicht Schei­tern“, son­dern eine bewusste Ent­schei­dung. Dass sich seine pri­vate Situa­tion in den Zeiten der Schei­dung dra­ma­tisch zuspitzte, steht dabei außer Zweifel. Aber es war nur eine Phase in einem aller­dings leider nur sehr kurzen Leben. Als er starb, war Libuda sicher kein rei­cher Mann, aber er war auch nicht so iso­liert und allein, wie es in der Thielke-Bio­grafie dar­ge­stellt wird. Um mit einem anderen Buch­titel zu spre­chen: Es waren eben nicht alle Becken­bauers, und Stan Libuda war nur ein ganz nor­maler Mensch – mal gut, mal böse, mal genial, mal ganz ein­fach.

Im Mit­tel­punkt Ihrer Recherche taucht immer wieder der Haver­kamp auf, der Stadt­teil in Gel­sen­kir­chen Bis­mark, in dem Libuda scheinbar zeit­le­bens sein Zen­trum sah.

Der Haver­kamp war sein Zuhause, wo er sich auch wohl gefühlt hat. Für die Kinder war der Haver­kamp ein umfas­sendes Trai­nings­ge­lände, denn überall wurde gekickt. Fuß­baller wie Walter Zwick­hofer, Karl Borutta, Dieter Miez und eine ganze Reihe guter Ama­teur­spieler kamen aus dieser sozialen Idylle. Für Libuda war der Haver­kamp eine Insel, hier fühlte er sich geborgen und sicher. Ich selbst stamme aus dem benach­barten Bickern und habe als Kind den Haver­kamp auch so erlebt. Ich habe mit vielen seiner Freunde gespro­chen, die mir ein ganz anderes Bild zum schüch­ternen, zurück­ge­zo­genen Libuda ver­mit­telten: Einen gelösten Men­schen voller Humor, der als Kind boxte und in die Kar­ne­vals­bütt stieg und einen ganzen Saal zum Lachen brachte. Aus diesem Milieu kam er, und des­wegen habe ich den etwas eupho­ri­schen Begriff benutzt: Held der Arbei­ter­klasse. Für die Zuschauer in der Glückauf-Kampf­bahn war Libuda einer aus Gel­sen­kir­chen, einer von uns“. Auch wenn er keine Auto­gramme gab und mit seinem Fahrrad schnell wieder in Haver­kamp ver­schwand, hat man sich doch mit ihm iden­ti­fi­ziert.

Woher kamen nun diese Rück­zugs­ten­denzen?

Gerade für Libudas Kar­rie­re­be­ginn habe ich die kom­plette Presse durch­ge­ar­beitet. Er war halt auf dem Platz einmal Welt­klasse, einmal Kreis­klasse, und so gingen auch die Kom­men­ta­toren mit ihm um. Zwi­schen berauschter Hul­di­gung und gna­den­losen Ver­riss lagen manchmal gerade sieben Tage. Libudas per­sön­liche Rück­zugs­ten­denzen wurden dadurch ver­stärkt. Viel­leicht ent­sprach dies auch dem Haver­kämper Denken: Ent­weder gut oder böse, weiß oder schwarz. Sofort nach dem Trai­ning ist er dort wieder hin­ge­fahren und hat ja auch, bis ihn Trainer Ivica Hor­vath zum Kapitän gemacht hat, nie Ver­ant­wor­tung für den Verein über­nommen. Er hat sich mit seinem Lebens­ent­wurf von den Anfor­de­rungen eines Fuß­ball-Profis distan­ziert und stand der Presse und der Öffent­lich­keit eben nicht zur Ver­fü­gung. Damit lag er quer zum gän­gigen Bild des Fuß­ball­profis – selbst in den noch harm­losen 1970er Jahren.

War Libuda ein Gegen­ent­wurf“ zum Profi-Fuß­baller?


Das wäre zu viel gesagt und ent­spräche wohl eher unseren roman­ti­schen Wunsch­vor­stel­lungen. Libuda hat ja auch die Annehm­lich­keiten genossen und ist mit seinem Por­sche Cabrio durch den Haver­kamp gefahren. Rolf Rüssman hat kürz­lich gesagt: So etwas, was damals mit dem Stan pas­siert ist, würde heute nicht mehr pas­sieren, da er sofort einen Berater an seiner Seite hätte – quasi als Manager und Sozi­al­ar­beiter.“ Aber vom Außen­stürmer zum Außen­seiter ist es eben nur ein kleiner Schritt. In spä­teren Jahren besuchte Libuda oft mit seinem Fahrrad eine Kneipe in Wanne, und der Wirt, Werner Fla­chert, hat mir erzählt, dass der Stan immer gesagt hätte: Werner, Du kannst mit mir über alles reden, aber nicht über Fuß­ball!“

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Nor­bert Kozicki:

Rein­hard Stan Libuda. Ein ein­fa­cher Junge aussem Koh­len­pott. Eine Fuß­ball-Bio­grafie, Beluga New Media, EUR 19,90.