Wir reden über nicht einmal vier Jahre, in denen Günter Eich­berg Prä­si­dent auf Schalke war – und den­noch könnte man Buch um Buch mit Anek­doten aus dieser Zeit füllen und keine ein­zige Seite wäre lang­weilig. Man darf diese Jahre des Son­nen­kö­nigs“ beim FC Schalke 04 nicht glo­ri­fi­zieren – und es gibt genug Men­schen, die immer noch mit bösen Worten von dieser Zeit erzählen -, doch eine Sache muss jedem klar sein: Würde es diese unglaub­li­chen Typen nicht geben, wäre unser aller Leben um viele unter­halt­same Momente ärmer.

Denn Günter Eich­berg führte ein Leben in Träumen. Noch vor wenigen Tagen soll er seinem alten Freund Heri­bert Bruch­hagen von der Idee vor­ge­schwärmt haben, bei Arminia Bie­le­feld ein­zu­steigen. Ein Hirn­ge­spinst – aber das war damals vor dreißig Jahren nicht anders, als er aus dem Nichts plötz­lich bei den Königs­blauen auf­tauchte. Und seine Geschichte auf Schalke begann im Januar 1989 alles andere als ver­hei­ßungs­voll – denn Eich­berg hatte einen mäch­tigen, ein­fluss­rei­chen und vor allem schwer­ge­wich­tigen Gegner.

Kein Geld mehr für Wasch­pulver“

Anfangs, so mun­kelt man auf Schalke, waren sich der neue Prä­si­dent Günter Eich­berg und der Urvater aller Betreuer, Charly Neu­mann, nicht ganz grün. Das leicht über­ge­wich­tige Schalke-Mas­kott­chen aus Fleisch und Blut soll sogar über eine Abspeck-Kur nach­ge­dacht haben, weil der Son­nen­könig“ – wie­sel­flink auf den Beinen – immer schon zum Jubeln in der Kurve war, als Neu­mann noch hechelnd die Lauf­bahn ent­lang wat­schelte.

Doch irgend­wann hat es Klick gemacht bei den beiden, wie das leider viel zu früh ver­stor­bene S04-Unikum einmal auf einer legen­dären Schalke-Kas­sette aus dem Jahre 1991 in seinem unver­wech­sel­baren Slang erzählte: Als der Prä­si­dent Günter Eich­berg zu uns kam, war Schalke mau­setot. Der Verein hatte kein Geld mehr für Wasch­pulver. Und dann plötz­lich kam der große Guru aus Düs­sel­dorf, wo wir dachten: Meine Güte, was ist das für einer? Mit nem Fahrer lässt er sich vor­fahren. Von der ›High so sight‹ (sic!) aus Düs­sel­dorf, das wird nie ein Schalker. Ich selbst kann euch eins sagen: Ich hatte die größten Bedenken, Freunde. Heute, nachdem er zwei Jahre bei uns ist, muss ich sagen: Er war ein Geschenk des Him­mels!“

Ein Schalker Ver­eins­lokal auf Sylt?

Neben dem Geld hatte Günter Eich­berg damals eine Viel­zahl an Ideen und Kon­takten im Gepäck. Eine dieser kuriosen Ein­fälle war fol­gender: Für 2.000 Mark durfte sich jede Gast­stätte auf der Welt das Recht erkaufen, fortan unter dem beson­deren Güte­siegel Schalker Ver­eins­lokal“ zu fir­mieren. Den Anfang machte aus­ge­rechnet die Stamm­kneipe des dama­ligen Prä­si­denten Eich­berg auf Sylt.

Zur Ein­wei­hung Bei Her­bert“ – heute bekannt als San­sibar“ – wurde die kom­plette Mann­schaft mit dem Bus aus dem Trai­nings­lager vom Tim­men­dorfer Strand hin zu den illus­tren Freunden des Son­nen­kö­nigs gekarrt. Ein rau­schendes Fest, ein zufrie­dener Gast­wirt und ein offi­zi­elles Schalker Ver­eins­lokal“ im hohen Norden.

Später ver­schwand die Rabatt­ak­tion so schnell, wie sie geboren war, auch wieder in den tiefen Schub­laden am Schalker Markt. Die San­sibar“ immerhin blieb ein Schalker Ver­eins­lokal und die Pla­kette, die an der Außen­wand ange­bracht wurde, musste hun­derte Male ersetzt werden, weil Tou­risten sie immer wieder in einer Nacht- und Nebel­ak­tion mit­gehen ließen.

Ganz ver­narrt war Günter Eich­berg damals auch in einen jungen, auf­stre­benden, aber noch relativ unbe­kannten Übungs­leiter. Peter Neururer trai­nierte Ale­mannia Aachen, als der Son­nen­könig ihn zu sich nach Hause einlud. Über die Gehalts­ver­hand­lungen an diesem Tage meinte Peter Neururer einmal: Ehe ich über­haupt eine Summe sagen konnte, hatte er schon das Dop­pelte geboten.“

Morgen tun wir ihm vom Hof, ne?“

Wie sich erst viele Jahre später her­aus­stellen sollte, hatte der Prä­si­dent Neururer sogar eine Mark pro Zuschauer ver­spro­chen. Ein fürst­li­ches Zusatz­ge­halt für den jungen Trainer. Günter Eich­berg war es auch, der damals für viel Geld Günter Netzer zum FC Schalke 04 holte, den die Presse nur Tele­fon­ma­nager“ nannte. Warum er den ehe­ma­ligen Meis­ter­spieler unbe­dingt an seiner Seite haben wollte, erzählte Eich­berg so: Netzer kam auch wegen des neuen Sta­dions, was ich damals ange­dacht, vor­ge­stellt und skiz­ziert hatte. Also, ich hatte das mal gemalt, zu Ostern, zu Hause. Auf einem Kin­der­schreib­block hatte ich das neue Sta­dion auf­ge­zeichnet. Und die haben das dann hin­terher auch genau so gebaut.“


Doch als die Sache mit dem Sta­dion sich immer mehr ver­zö­gerte und die Zusam­men­ar­beit mit Netzer nicht so lief, wie gehofft, wollte man ihn wieder ent­lassen. Leichter gesagt als getan. Wochen­lang stritt man sich, wer die Rolle des Buh­manns über­nehmen sollte. Bis zu einem denk­wür­digen Abend in einem Gast­haus im Sauer­land. An einer Pin­kel­rinne ste­hend schworen sich Eich­berg und Schatz­meister Rüdiger Höffken in die Hand, es am nächsten Tage gemeinsam bei der Tele­fon­kon­fe­renz zu tun. Der herr­liche Kom­mentar des Schatz­meis­ters in den geka­chelten Räum­lich­keiten soll wie folgt gelautet haben: Morgen, Günter, tun wir ihm vom Hof, ne?!“

Echte Typen sterben nie

Im Rück­blick sah Eich­berg seine königs­blaue Zeit übri­gens viele Jahre später durchaus positiv. Mit seinem berühmten schel­mi­schen Grinsen sagte er einmal: Als ich Schalke 1989 über­nahm, standen wir auf dem vor­letzten Platz der 2. Bun­des­liga, kurz vor dem Absturz ins Ama­teur­lager. Abge­geben habe ich den Verein auf Platz acht der 1. Bun­des­liga und – wenn ich mich nicht irre – stehen wir da unge­fähr noch heute.“

Warum es den­noch mit ihm und Schalke in die Binsen ging, beschreibt ein Spruch seines Freundes Charly Neu­mann sehr tref­fend: Er kann nicht nein sagen. Wenn er eine Frau wäre, hätte er bestimmt schon 20 Kinder.“

Am Wochen­ende ist Günter Eich­berg gestorben. Sein Leben in Träumen ist zu Ende. Doch wir werden uns auch in vielen Jahren noch von ihm erzählen. Echte Typen sterben nie.