Seite 2: „Sie stürmen, glaubt es mir“

Schon nach ein paar Minuten zusammen mit Tony Hib­bert an einem Tisch im Sta­di­on­in­nern ver­steht man seine Popu­la­rität. Hib­bert hat diesen Blick, der eine gewisse Uner­schüt­ter­lich­keit gegen­über den Auf­ge­regt­heiten da draußen aus­strahlt. Die blonden Haare kurz, das Gesicht all­wet­ter­im­prä­gniert. Wenn er dann noch die Mund­winkel beim Spre­chen her­un­ter­zieht, wirkt er ein biss­chen wie Charlie Watts.

Das Grün­dungs­mit­glied der Rol­ling Stones sitzt seit den Sech­zi­gern beständig an den Drums der Band. Wenn er sich bei der Vor­stel­lungs­runde der Musiker nach all den anderen Exzen­tri­kern still erhebt, brandet der lau­teste Applaus auf. Tony Hib­bert hat nicht Schlag­zeug gespielt, son­dern Rechts­ver­tei­diger. 15 Jahre in der ersten Liga, er hätte Fami­li­en­fotos und Zim­mer­pflanzen an die Außen­linie stellen können. Gab es nie Ange­bote anderer Klubs? Zwei Mal haben mich andere Ver­eine ange­rufen“, erzählt Hib­bert. Doch ich habe ihnen direkt abge­sagt. In mir drin war immer das Gefühl, dass ich hier nie­mals weg­gehen möchte. Ich hätte es ein­fach nicht übers Herz bringen können.“

In der Schule mit Steven Ger­rard

Hib­bert muss bei der Ant­wort nicht lange nach­denken, es kommt direkt aus ihm heraus. Im Scouser-Dia­lekt dieser Gegend, bei dem die Worte manchmal klingen, als hätte man sie noch einmal durch den Mersey River gezogen, sie dann aus­ge­wrungen, bis sie auf den Tisch vor einem plat­schen. Hib­bert wuchs im Liver­pooler Arbei­ter­be­zirk Huyton auf, zusammen mit Steven Ger­rard, der Legende des Lokal­ri­valen. Die beiden spielten zusammen in der Schul­mann­schaft, doch spä­tes­tens, als sie sich ihren jewei­ligen Klubs anschlossen, endete der Kon­takt. Hib­bert kickte in der Jugend für Everton, stieg bei den Spielen der ersten Mann­schaft auf die Tri­büne und schaute am anderen Tag seinem Vater in der Frei­zeit­liga zu. Das war für ihn ein per­fektes Wochen­ende.

Wie lange Hib­bert bei Everton spielte, zeigt sich daran, dass er sowohl mit Paul Gas­coigne in dessen letzten Schaf­fens­jahren als auch mit Wayne Rooney in dessen erster Pro­fi­saison auf­lief. Hib­bert schwärmt noch heute davon, welch eine Freude es für ihn als Mit­spieler gewesen sei, den beiden zuzu­schauen. Er selbst schaffte es nie zu höheren Weihen, nur in einer Saison wies ihn die offi­zi­elle Sta­tis­tik­seite der Liga als besten Rechts­ver­tei­diger aus. Zu einem Län­der­spiel für Eng­land reichte es aber nie.

When Hib­bert scores, we riot

Dass er nie ein Tor schoss, störte ihn nicht, sagt er. Er hatte einen Job zu erle­digen, und das war nun mal das Ver­tei­digen. Seine Kar­riere endete, als der Klub im Sommer 2016 auf seiner Home­page schlicht mit­teilte, dass Hib­berts Ver­trag und der seines Kum­pels Leon Osman nicht ver­län­gert würden. Hib­bert erfuhr nur davon, weil seine Frau die Mel­dung gelesen und ihn ange­rufen hatte. Es war wie die Geschichte eines Fließ­band­ar­bei­ters, 40 Jahre für die Firma geschuftet, keinen Tag krank­ge­feiert, dann ohne Blu­men­strauß in Rente geschickt.

Die Wert­schät­zung der Fans brachte der Klub nur selten auf. Hib­bert fragte zwei Jahre lang, wann er sein Tes­ti­mo­nial bekäme. Dann legte David Moyes, der lang­jäh­rige Trainer, dieses Jubi­lä­ums­spiel auf einen schnöden Vor­be­rei­tungs­kick gegen AEK Athen. Alles solle bitte so sein wie immer, ord­nete Moyes an. Die Mann­schaft solle sich auf die Saison vor­be­reiten – und zu Frei­stößen oder Elf­me­tern die übli­chen Schützen antreten, auf keinen Fall Hib­bert. Die Fans konnten solch nüch­terne Ansagen nicht bremsen, sie druckten weiter Shirts und beschrieben Banner mit der Ansage: When Hib­bert scores, we riot.

Hib­bert selbst fragte den Trainer David Moyes und die Funk­tio­näre, wie sie denn damit umgehen würden, wenn er treffen würde und die Fans aus­ras­teten, sprich: den Platz stürmen. Er wurde belä­chelt. Sie stürmen schon nicht.“ Hib­bert sagte: Das tun sie. Glaubt es mir.“ Warum war er sich da so sicher? Ich kenne die Fans, ich stand mit ihnen zusammen im Block, ich komme von hier. Ich wusste: Sie stürmen.“