Für unsere große Repor­tage über Ernst Happel spra­chen wir auch mit etli­chen Weg­be­glei­tern, Spie­lern und Freunden. Zau­berer“ lest ihr in 11FREUNDE #168, jetzt am Kiosk, im 11FREUNDE-Shop und im App-Store.

Günter Netzer, was machte den Trainer Ernst Happel so ein­zig­artig?

Wissen Sie, was ich in meinem langen Leben fest­ge­stellt habe? Das man nur sehr wenig über Phä­no­mene sagen kann. Es gibt Dinge, die man nicht erklären kann.

Mit anderen Worten: Happel war ein Phä­nomen, das sich nicht erklären lässt?
Ich will Ihnen ein Bei­spiel geben: Als Happel zum HSV kam, hatten wir sechs Wochen Vor­be­rei­tung. Beide Tor­hüter, Jupp Koitka und Uli Stein, haben gehalten wie die Welt­meister. Am Abend vor dem ersten Spiel fragte ich Happel, wer denn nun im Tor stehen würde. Er sagte: Ich weiß es nicht. Aber wenn ich morgen früh die Augen auf­mache, werde ich es wissen.“ Am nächsten Tag stellte er den Stein ins Tor – und der wurde Natio­nal­spieler.

Wie kamen Sie 1981 auf die Idee, ihn zu ver­pflichten?
Als es mit Branko Zebec nicht mehr wei­ter­ging, hörte ich ein wenig rum. Und immer wieder fiel Hap­pels Name.

Happel hatte 1970 mit Feye­noord Rot­terdam den Lan­des­meis­tercup gewonnen. Er muss eine große Nummer im Busi­ness gewesen sein.
Na, hören Sie mal, das war mehr als zehn Jahre her. Außerdem hatten Trainer damals längst nicht so einen Stel­len­wert wie große Spieler.

Wie ging es weiter?
Ich schaute mir ein Spiel von Stan­dard Lüt­tich an und war völlig ver­wun­dert ange­sichts des Fuß­balls, den er spielen ließ. Die geg­ne­ri­sche Mann­schaft stand ständig im Abseits, sie hatte keinen Platz und wurde bis zur Mit­tel­linie raus­ge­drängt. Ein tolles Spiel, das unver­kennbar die Hand­schrift des Trai­ners trug. Für die dama­lige Zeit war das ein­zig­artig.

Die Happel-Ära war die erfolg­reichste Periode in der Geschichte des Ham­burger SV. Wie emp­fanden die Spieler die Ver­pflich­tung von Happel?
Ich erin­nere mich, dass ich dem Magath gesagt habe: Ich habe das Gefühl, wir kriegen einen noch bes­seren Trainer als den Zebec“. Dar­aufhin erwi­derte er: Den gibt es nicht.“ Ich sagte ihm, Happel sei im Gegen­satz zu Zebec ein mensch­li­cher Schleifer. Aber mit dem Begriff konnte Magath nichts anfangen. Happel und Zebec haben unglaub­liche Dis­zi­plin ver­mit­telt. Beide haben die Mann­schaft nicht geschont, aber Happel hat seine Methoden spie­le­ri­scher ver­packt.

Man sagte Happel nach, dass er maul­faul sei, ein Eigen­brötler.
Es war äußerst unter­schied­lich, mit wem und wie viel er geredet hat. Da war er durch und durch Gefühls­mensch. Ent­weder hat er einen Men­schen gemocht oder er hat ihn abge­lehnt.

Wie müssen wir uns das vor­stellen?
Ein Jour­na­list fragte mich, ob ich ein Inter­view mit Happel ver­mit­teln könnte. Ich wusste, dass er höchst ungern Inter­views gab, habe es aber trotzdem ver­mit­telt. Happel kam mür­risch an den Tisch, die beiden fingen an zu spre­chen. Am Ende musste ich sie nach drei Stunden trennen, damit das Gespräch nicht völlig den Rahmen sprengte.

Happel sprach ein Kau­der­welsch aus wie­ne­risch, bel­gisch und eng­lisch. Konnten Sie ihn ver­stehen?
Als ich ihn ken­nen­lernte, war es hart. Da habe ich kaum etwas ver­standen. Er hat Worte gebraucht, die ich in meinem Leben nie gehört hatte. Später hat sich das ein biss­chen gebes­sert, war aber immer noch schlimm!

Heut­zu­tage wäre es unvor­stellbar, dass ein Trainer nicht zu ver­stehen ist.
Happel lebte eben von seiner Intui­tion. Er hat auch Dinge getan, die man nicht ver­standen hat – so wie Pep Guar­diola. Aber es kamen fast immer geniale Sachen dabei heraus.

Mit seinem Pres­sing war er seiner Zeit voraus.
Und das System brachte er sehr schnell den Spie­lern in Ham­burg bei. Wir spielten so offensiv, dass es der Mann­schaft zeit­weise zu viel wurde.

Wie äußerte sich das?
Durch die Spiel­weise mussten die Spieler viel mehr Tor­chancen zulassen, als sie es von Zebec gewohnt gewesen waren. Das kannten sie so nicht. Aber den Happel hat das nicht irri­tiert, er gewann lieber 6:5 als 1:0.

Nach dem Euro­pa­cup­sieg 1983 mit dem HSV war ver­mut­lich halb Europa scharf auf ihn.
Er hatte Ange­bote aus Madrid und Bar­ce­lona, später kam auch eine Mil­lio­nen­of­ferte aus Neapel. Damals ver­dienten Trainer in der Bun­des­liga selten mehr als 300.000 Mark brutto. Es war also ver­lo­ckend.

Den­noch gelang es Ihnen, ihn beim HSV zu halten. Wie haben Sie das gemacht?
Als er mir von dem Angebot aus Neapel erzählte, sagte ich: Herr Happel, lassen Sie es sein. Sie können sich doch gar nicht mit denen unter­halten, Sie spre­chen die Sprache nicht. Und dort trai­nieren Sie Mara­dona, der hat seinen eigenen Trainer, der kommt sowieso nicht zum Trai­ning.“ Das hat er mir geglaubt, und ist geblieben. Er hat sich bei uns sehr wohl gefühlt.

Was mussten Sie tun, damit sich Happel wohl­fühlt?
Ich habe ihm alles Unbe­queme vom Hals gehalten. Ich bin mit ihm nach Sylt gefahren und unser Win­ter­trai­nings­lager fand in Süd­frank­reich statt, wo es viele Casinos gab, die wir auch reich­lich nutzten.

Das Spiel nach dem Spiel hat ihn immer gereizt.
Ja, aber auch in der Hin­sicht war er höchst dis­zi­pli­niert. Sobald er klei­nere Mengen gewonnen oder ver­loren hatte, konnte er auf­hören. Ein echter Spieler kann das nicht. Er wusste genau, wo seine Grenze ist. So wurden ihm auch Alko­hol­ge­schichten ange­dichtet. Aber ich kann Ihnen ver­si­chern: Ernst Happel war immer der erste beim Trai­ning und der letzte der gegangen ist. Aus­fälle wie beim Zebec hat es bei ihm nie gegeben.

Er über­nahm von Zebec eine intakte Mann­schaft, die sich gewis­ser­maßen selbst dis­zi­pli­nierte.
Er hat dieses Team ver­edelt und es einen Fuß­ball spielen lassen, den man so in Deutsch­land noch nicht gesehen hatte. Er ließ Fore­che­cking in Per­fek­tion spielen. Viele Ele­mente unseres dama­ligen Spiels sind bis heute im Fuß­ball üblich.

Horst Hru­besch war sein ver­län­gerter Arm auf dem Platz. Was machte das Ver­hältnis zwi­schen den beiden aus?
Happel wusste, dass der Hru­besch einen tadel­losen Cha­rakter hat und alles für ihn und die Mann­schaft tun würde, auch jen­seits des Platzes. Des­halb mussten die beiden auch nicht viel spre­chen, die haben sich intuitiv ver­standen.

Als Horst Hru­besch und Lars Bas­trup den HSV 1983 ver­ließen, folgten Dieter Schatz­schneider und Wolfram Wuttke, die sich weniger gut inte­grierten.
Wuttke war eines der größten Talente des deut­schen Fuß­balls. Aber beide waren vom Cha­rakter nicht aus­rei­chend. Ich dachte, es kann nicht sein, dass zwei Neu­linge die ganze Mann­schaft durch­ein­ander wir­beln mit­samt dem alten Happel. Aber genau das ist pas­siert.

Warum hat Happel das nicht in den Griff gekriegt?
Eine berech­tigte Frage. Ich glaube, es war ihm zu dumm. Selbst­ver­ständ­lich hat er es ver­sucht, aber der Wuttke hat gemacht, was er wollte. Und Happel ist ihm nicht hin­ter­her­ge­laufen.

Ein Defizit?
Das muss man im Nach­hinein wohl so sagen, da hätte er mehr draus machen können. Aber Happel wollte mün­dige Spieler. Leute, die von sich aus Ver­ant­wor­tung über­nehmen.

Hat er sich von Wuttke und Schatz­schneider vor dem Transfer kein Bild gemacht?
Wie wollen Sie das in einem kurzen Gespräch erkennen? Wuttke hatte in Schalke gespielt und kam zum Euro­pa­cup­sieger. Wir gingen davon aus, dass er sich ganz hinten anstellen würde. Aber das hat Wuttke nicht gemacht.

Inwie­weit mischte sich Happel in Trans­fer­fragen ein?
Er hat von sich aus nie Spieler geholt. Happel war unend­lich belastbar, man konnte ihn nachts um drei wecken und mit ihm irgend­wohin fliegen, um einen Spieler anzu­schauen, aber von sich aus hat er keine Vor­schläge gemacht. Happel hat keine Mann­schaften gebaut, son­dern aus dem, was er hatte, das Opti­male raus­ge­holt.

Wäre ein Typ wie Happel in der heu­tigen Fuß­ball­zeit noch denkbar?
Er hat sich nie ver­biegen oder zwingen lassen, irgend­etwas zu tun. So gesehen wäre allein sein Umgang mit den Medien heute unvor­stellbar. Der war schon damals fast ver­eins­schä­di­gend. Ab und zu konnte ich ihn über­reden in den Medien auf­zu­treten, aber meis­tens sind Prä­si­dent Klein und ich für ihn ein­ge­sprungen. Ich muss sagen, dass die Ham­burger Medien sehr groß­zügig mit ihm umge­gangen sind. Sie waren wohl auch dankbar für den Erfolg, den er uns gebracht hat. Ob Medien heute so mit einem Trainer umgehen würden, der sich ver­wei­gert, kann ich mir nicht vor­stellen.

Happel war berüch­tigt für seine extrem kurzen Pres­se­kon­fe­renzen.
Er war nun mal kein Diplomat. Und er hasste Pres­se­kon­fe­renzen. Lieber wäre es ihm gewesen, mit jedem Jour­na­listen ein­zeln zu reden, wenn es sein musste. Des­halb sind Pres­se­kon­fe­renzen auch, wenn sie über­haupt statt­fanden, sehr kurz aus­ge­fallen. Ich habe immer die Luft ange­halten, so habe ich dabei gelitten. Das Beste was ein Jour­na­list dort erzielen konnte, war, dass Happel geschwiegen hat.

Noch einmal: Wäre er als Trainer heute noch denkbar?
Im medialen Umgang sicher nicht. Aber aus sport­li­cher Per­spek­tive habe ich keinen Zweifel, dass er mit seinem Gespür eine Mann­schaft auch heute zu Höchst­leis­tungen führen könnte. Im Übrigen finde ich es furchtbar, wenn ein Coach ein bes­serer Kom­mu­ni­kator als ein Trainer ist. Mir sind Typen, die wenig und akzen­tu­iert spre­chen immer noch lieber, als die­je­nigen, die eine Show abziehen.

Günter Netzer, Ihre per­sön­lichste Erin­ne­rung im Zusam­men­hang mit Ernst Happel?
Ich werde oft gefragt, was der schönste oder trau­rigste Moment in meinem Leben war. Ich behalte so etwas nicht. Ich weiß also nicht, was der per­sön­lichste Moment von uns war. Ich weiß aber, dass Ernst Happel und ich sehr viele gute Momente hatten.

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