Der 30. August 2009 ist der Tag, an dem sich das Leben von Axel Witsel nach­haltig ver­än­derte. Der Tag, an dem der Mit­tel­feld­spieler, der mit seiner ele­ganten Spiel­weise das Schöne im Fuß­ball ver­kör­perte, sich in ein Biest ver­wan­delte.

An jenem Sonn­tag­abend läuft das erwartet feu­rige Derby zwi­schen dem RSC Ander­lecht und Witsels Team Stan­dard Lüt­tich. Titel­kampf. Doch dieser wird von einer Szene in den Schatten gestellt. In der 30. Minute kommt es nahe der Außen­linie zu einem Zwei­kampf. Die Prot­ago­nisten: Ander­lechts Marcin Wasi­lewski, ein robuster Ver­tei­diger, der sich gele­gent­lich gerne mit den Ellen­bogen Raum ver­schafft, und Axel Witsel. Wasi­lewski grätscht in den Zwei­kampf, ist zuerst am Ball. Doch Witsel zieht durch. Seine Augen sind geschlossen, das Bein gestreckt. Mit der ganzen Wucht des Zwei­kampfs rammt sich sein Fuß in den Unter­schenkel Wasi­lew­skis. Eine Horror-Attacke.

Genauso wie die Szenen, die sich danach abspielen. Ander­lechts Ver­tei­diger liegt schreiend am Boden, sein Fuß bau­melt herum, als hinge er nur noch am sei­denen Faden. Seine Mit­spieler haben ange­sichts der Leiden Wasi­lew­skis Tränen in den Augen. Das Lamm hat des Metz­gers Bein gebro­chen. Witsel sieht fol­ge­richtig die Rote Karte. Doch das Schlimmste steht ihm noch bevor – der mediale Pranger Bel­giens. Tage­lang ziert er sämt­liche Cover des Landes. Die ganze Wut Ander­lechts ent­lädt sich über ihn. Hass-Mails. Todes­dro­hungen. Für das Foul wird er acht Spiele gesperrt. Ver­folgen tut es ihn und seine Familie noch mona­te­lang.

Das Foul wird ihm ewig anhängen

Die Leute beschimpften ihn, manche schmissen Steine durch unsere Fenster“, erin­nert sich sein Vater später an die Zeit: Dieser Vor­fall hat Axel ver­än­dert. Es gab einen Axel vor diesem Foul, und einen danach. Er war gezeichnet von dem medialen und öffent­li­chen Sturm, wurde ver­schlos­sener. Tage­lang ging das so… doch dann kam der Wen­de­punkt.“ Witsel geht gestärkt aus der Zeit hervor, ist mental aus­ge­gli­chener. Ihm ist klar, dass ihm dieses Foul auf ewig anhängen wird. So wie Mara­dona die Hand Gottes“, so wie Zidane seine Kopf­nuss. Aber er weiß jetzt damit umzu­gehen. Den­noch ent­schließt sich der damals 20-Jäh­rige für einen Wechsel nach Lis­sabon. Wir haben ihn nicht dazu gedrängt, haben ihm auch nie geraten, Bel­gien zu ver­lassen, um der medialen Auf­merk­sam­keit zu ent­fliehen“, sagt sein Vater.

Denn die Zeit heilt Wunden. Auch in Bel­gien. Einige Ander­lecht-Anhänger können ihm zwar nach wie vor nicht ver­zeihen, doch die meisten Bel­gier haben Witsel längst wieder in ihr Herz geschlossen, spä­tes­tens seit der Welt­meis­ter­schaft in Russ­land. Diesen gra­ziös wan­delnden Mit­tel­feld­spieler mit seiner exzel­lenten Technik. Das Biest ist wieder schön.

So wie es eigent­lich immer war. Mit Aus­nahme dieses einen Tages. Bis zu diesem Tag war die Kar­riere des Sohnes einer bel­gi­schen Mutter und eines Vaters mit kari­bi­schen Wur­zeln gera­dezu bil­der­buch­mäßig ver­laufen. Witsel wuchs in einem Viertel in Vottem vor den Toren Lüt­tichs auf. Seine frühe fuß­bal­le­ri­sche Aus­bil­dung begann in Visé und bald wech­selte er zum größten Klub der Stadt: Stan­dard Lüt­tich.