Hin­weis: Das Inter­view erschien erst­mals im Januar 2019 in 11FREUNDE #206. Die Aus­gabe gibt es hier.

Hans-Joa­chim Watzke, gerade wurde der Atten­täter auf den Mann­schaftsbus des BVB zu 14 Jahren Haft ver­ur­teilt. Hat der Klub damit das Trauma über­wunden?
Zwei­fellos war der Anschlag die här­teste Prü­fung, die wir hier bis­lang durch­laufen haben und die auch bei mir tiefe Spuren hin­ter­lassen hat.

Seit dem Ereignis im April 2017 haben zwölf Spieler den BVB ver­lassen. Dazu das gesamte Trai­ner­team um Thomas Tuchel und zwei wei­tere Chef­coachs. Zufall?
Das sicher nicht. Nach dem Anschlag war nichts mehr wie zuvor. Nicht nur, was das Bin­nen­ver­hältnis zwi­schen den Ver­ant­wort­li­chen und dem Trainer anbe­trifft. Ins­be­son­dere die Spieler, die im hin­teren Teil des Busses saßen, waren selbst­re­dend nicht mehr die­selben. Das war ein prä­gender Ein­schnitt für alle.

Das können Sie mit Bestimmt­heit sagen?
Ja. Wir waren im Vier­tel­fi­nale der Cham­pions League und über­zeugt, dass wir das schaffen. Doch von einem Moment auf den anderen mussten wir für einen Fall Lösungen finden, für den es keine Blau­pausen gab. Der Anschlag hat uns ver­än­dert.

In der Folge ent­zweiten Sie sich mit Thomas Tuchel. Nach der Tren­nung gelang es Peter Bosz nicht, die Mann­schaft an der Tabel­len­spitze zu eta­blieren, die vorher den DFB-Pokal gewonnen und die Cham­pions League erreicht hatte. Eine Folge des Anschlags?
Aus meiner Sicht spielte das zumin­dest eine Rolle, denn ein Teil der Spieler war nicht mehr in der Lage, in diesem Umfeld volles Lei­tungs­ver­mögen abzu­rufen. Wir arbei­teten viel mit Psy­cho­logen zusammen, die uns sagten, dass post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­rungen oft erst nach Monaten auf­treten.

Und das pas­sierte nun?
Sicher nicht bei allen, aber einige hatten Schwie­rig­keiten.

Als Peter Bosz von Peter Stöger im Dezember 2017 abge­löst wurde, hatte der BVB zehn Pflicht­spiele in Serie nicht gewonnen und lag in der Bun­des­liga auf Platz acht.
Wir müssen ehr­li­cher­weise sagen, dass wir im Sommer 2017 ein paar Fehler in der Kader­zu­sam­men­stel­lung gemacht haben. Zudem gab es einige Profis, die mit Tuchels Weg­gang haderten. Dann kam das Dem­bélé-Theater, die letzten Wochen mit Aub­ameyang waren unrühm­lich. Wir waren ein­fach keine Ein­heit mehr.

War die Ver­pflich­tung von Peter Stöger am Ende ein Akt der Ver­zweif­lung?
Nein, die war gold­richtig. Denn Stöger hat das einzig Rich­tige gemacht: Er hat uns sta­bi­li­siert. Wir hatten zwi­schen­durch auch gute Spiele gemacht, aber sobald wir auf Wider­stand trafen, bra­chen wir ein. Stöger hat das hand­werk­lich gelöst, indem er die Defen­sive stärkte, was logi­scher­weise zuun­gunsten des Fuß­ball­spek­ta­kels ging – uns aber letzt­lich in die Cham­pions League brachte. Wir sind ihm alle sehr dankbar und noch heute mit­ein­ander ver­bunden!

Ihnen war also klar, dass Stöger nur eine Über­gangs­lö­sung ist und den BVB nicht neu erfindet?
Wir haben ihm gesagt, dass wir sein Enga­ge­ment nur bis Sommer sehen. Aber Sie wissen selbst, wie es im Fuß­ball läuft. Es kann sich immer eine Eigen­dy­namik ent­wi­ckeln. Im Früh­jahr aber reifte die Erkenntnis, dass wir einen kom­pletten Neu­start brau­chen. Das haben wir Peter gegen­über offen kom­mu­ni­ziert. Zumal sich irgend­wann abzeich­nete, dass wir den Trainer, den wir schon im Vor­jahr wollten, nun end­lich bekommen könnten.

Lucien Favre. Wussten Bosz und Stöger, dass Sie ursprüng­lich ihn als Trainer wollten?
Peter Bosz wusste es allein, weil beide den­selben Berater haben. Als Peter Stöger mitten in der Saison kam, hatten wir andere Sorgen, als ihn dar­über zu infor­mieren, welche Trai­ner­wün­sche wir in der Ver­gan­gen­heit hatten. Das war für ihn auch total unwichtig.

Lucien Favre eilt der Ruf eines detail­ver­liebten Nerds voraus. Seine Abgänge in Berlin und Glad­bach waren nicht unbe­dingt so, wie sich manche Ent­schei­dungs­träger das gewünscht hätten. Was macht Sie zuver­sicht­lich, dass Sie lang­fristig mit ihm besser aus­kommen als mit Tuchel?
Vorab: Natür­lich sind manche Dinge nicht zu meiner Zufrie­den­heit gelaufen, aber es ist fraglos so, dass Thomas Tuchel hier sport­lich Gutes bewirkt hat, und es gibt von meiner Seite keine Rück­stände. Sollten wir uns wie­der­sehen, werden wir uns, vor­aus­ge­setzt er ist dazu bereit, wie Männer begrüßen und nett reden.