Für unsere Repor­tage Das Adu-Expe­ri­ment“ (jetzt in 11FREUNDE #164) reisten wir im April nach Kuopio, 400 Kilo­meter nörd­lich von Hel­sinki. Dort spra­chen wir auch mit Freddy Adus Trainer Marko Raja­mäki (früher Fuß­ball­profi in Schott­land, Finn­land und beim FSV Zwi­ckau) und Geschäfts­führer Jarmo Heis­kanen.
 
Jarmo Heis­kanen, Freddy Adu stand vor einigen Jahren bei Man­chester United, dem FC Bar­ce­lona und Real Madrid auf der Wunsch­liste. Nun spielt er für Kuopio KuPS. Wie sind Sie an den Spieler ran­ge­kommen?
Jarmo Heis­kanen: Über seinen Berater. Dieser hatte uns schon ein paar mal Spieler ange­boten. Einmal haben wir sogar einen ver­pflichtet, der sich dann aber als ziem­liche Ent­täu­schung ent­puppte. Der Berater hatte ein schlechtes Gewissen, und eines Tages schrieb er uns, dass Freddy Adu einen neuen Verein suche.
 
Adu hat früher Mil­lio­nen­be­träge ver­dient. Wie konnten Sie sich den Spieler leisten?
Heis­kanen: Die Frage habe ich mir zu Beginn auch gestellt. Als ich dann dem Berater meine Zweifel äußerte, sagte der nur: Kein Pro­blem. Es geht nicht ums Geld, Freddy will nur wieder spielen. Wenig später haben wir den Deal fest­ge­macht.
 
Was ver­dient er denn?
Heis­kanen: Nicht mehr als die anderen Spieler, also in etwa so viel wie ein gewöhn­li­cher Ange­stellter in Finn­land.
 
Adus Kar­riere ver­lief nicht so, wie es die ame­ri­ka­ni­schen Fuß­ball­ex­perten pro­phe­zeiten. In den ver­gan­genen zwei Jahren hat er nur zwei Pflicht­spiele bestritten. Was konnten Sie ihm denn außer Spiel­praxis bieten?
Heis­kanen: Kuopio ist nicht so erfolglos, wie Sie viel­leicht denken. Zumin­dest hat der Verein früher auch im Uefa-Cup oder im Lan­des­meister-Pokal gespielt. Einmal lief hier sogar Michel Pla­tini mit Saint-Éti­enne auf. Wir ver­loren zwar 0:7. Trotzdem erzählt man sich heute noch davon. Ein Freund von mir ist jeden­falls sehr stolz, dass er Pla­tini mit einem Fehl­pass ein Tor auf­ge­legt hat. (Lacht.)
 
Mit lus­tigen Anek­doten gewinnt man aber keine Spieler für sich.
Heis­kanen: Natür­lich nicht. Wie Sie sagen: Freddy ging es in erster Linie um Spiel­praxis. Nach seinen tur­bu­lenten Jahren wollte er zudem Erst­li­ga­fuß­ball an einem Ort spielen, wo es ein biss­chen ruhiger zugeht. Wo nicht täg­lich Leute vor der Tür stehen und die Geschichte vom geschei­terten Wun­der­kind hören wollen. Kuopio kann ihm das alles bieten.
 
Adu betonte bei seiner Vor­stel­lunbg außerdem seine beson­dere Bezie­hung zu Finn­land.
Heis­kanen: Hier hat alles ange­fangen. Im August 2003 spielte er bei der U17-WM und war der beste Spieler des Tur­niers. Davon hat er uns und den Jour­na­listen bei der ersten Pres­se­kon­fe­renz natür­lich auch erzählt.
 
Bei seinen letzten Ver­einen wirkte Adu oft­mals wie ein Wer­begag.
Marko Raja­mäki: Um mehr Zuschauer ins Sta­dion zu locken? Ach, diese ganze Wun­der­kind-Sache ist mir total egal. Freddy ist für mich nicht mehr das 14-jäh­rige Kind, son­dern ein 25-jäh­riger Mann.


 
Aber Sie kennen seine Geschichte?
Raja­mäki: Natür­lich. Und klar, die alten You­tube-Videos sind sen­sa­tio­nell, aber daran messen wir ihn nicht.
Heis­kanen: Aber wenn wir ehr­lich sind, hoffen wir natür­lich auch ein biss­chen darauf, dass ein paar mehr Leute zu den Spielen kommen. Aller­dings nicht so markt­schreie­risch wie andern­orts.

Immerhin war von Kuopio KuPS nun ver­mehrt in der Presse zu lesen.
Heis­kanen: Schauen Sie sich mal seinen Twitter-Account an: Er hat 400.000 Fol­lower, wir haben gerade mal 3000. Es hat immense Aus­wir­kungen, wenn er nur unseren Ver­eins­namen erwähnt. Und morgen, wenn wir unser erstes Heim­spiel bestreiten, hoffen auf viele Zuschauer. Wir haben das Spiel schließ­lich mit ihm beworben.
 
Wie wurde Adu in Kuopio emp­fangen?
Heis­kanen: Sehr gut. Wir hatten eine Pres­se­kon­fe­renz orga­ni­siert, zu der viel mehr Reporter kamen als sonst. Auch von außer­halb.
Raja­mäki: Seine Mit­spieler mögen ihn auch, er ist ein sehr offener Typ. Viel­leicht war es auch hilf­reich, dass wir mit Ste­phen McCarthy bereits einen US-Ame­ri­kaner im Team hatten. Im Trai­ning spreche ich außerdem Eng­lisch – das ver­steht hier jeder.
 
Wie bewegt er sich durch die Stadt?
Raja­mäki: Ach, Kuopio ist ja nicht Mai­land oder London. Hier ist alles ein biss­chen unauf­ge­regter, zu den Spielen kommen 1000 bis 2000 Zuschauer. Und so etwas wie Star­rummel gibt es hier gar nicht. Außerdem ist Kuopio für seine Freund­lich­keit bekannt. Hier könnte man sogar seine Haus­türe sperr­an­gel­weit offen stehen lassen, es würde trotzdem nie­mand ein­bre­chen.
 
Herr Raja­mäki, Sie trai­nieren Freddy Adu nun vier Wochen. Können Sie sagen, was schief­ge­laufen ist in seiner Kar­riere?
Raja­mäki: Das kann ich schwer beur­teilen. Ich habe mit ihm einige Gespräche geführt, da erzählte er, dass er oft­mals schlecht beraten wurde. Zuletzt spielte er in Ser­bien, wo er über­haupt kein Gehalt bekommen hat. Viel­leicht hängt es auch damit zusammen, dass ihm aller­orten gesagt wurde, er sei der Hei­land und würde den Fuß­ball revo­lu­tio­nieren.
 
Glauben Sie denn, dass Adu ein Super­ta­lent ist, das unter seinen Mög­lich­keiten spielt?
Heis­kanen: Wir haben mit einigen seiner Ex-Trainer oder Weg­be­gleiter gespro­chen. Sie haben uns zumin­dest darin bestärkt, dass Adu eine Ver­stär­kung sein kann.
Raja­mäki: Ich denke, er ist ein guter Spieler, der ein­fach ein wenig Spiel­praxis und Geduld braucht. Mit dem Ball am Fuß ist er fan­tas­tisch, ohne Ball leider noch zu passiv. Ich werde ihn aber nicht nach den ersten zwei, drei oder fünf Spielen beur­teilen. Er braucht Zeit, um wieder rein­zu­kommen. Im besten Fall kann Kuopio für ihn ein Sprung­brett sein zurück in die grö­ßeren euro­päi­schen Ligen.

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In 11FREUNDE #164 lest ihr die große Repor­tage Das Adu-Expe­ri­ment“. Vier Tage mit (und ohne) Freddy Adu im fin­ni­schen Kuopio. Jetzt am Kiosk, in unserem Online-Shop und im App-Store.