Es ist Nacht. Ali Daei sitzt vor einem Kran­ken­haus in seinem Auto. Auf­merksam beob­achtet der ehe­ma­lige Fuß­ball­profi den Haus­ein­gang. Gewis­ser­maßen hält er Wache, denn im Kran­ken­haus liegt der sys­tem­kri­ti­sche Blogger Hos­sein Ronaghi, geschwächt durch einen Hun­ger­streik. In diesen Tagen kann sich im Land nie­mand aus der Pro­test­be­we­gung sicher fühlen. Es han­delt sich bei dieser Szene um ein Bild, geteilt auf Twitter, das zeigt: Ali Daei steht wei­terhin für die Oppo­si­tion im Iran ein.

Die ZDF-Kor­re­spon­dentin Golineh Atai teilte das Bild am Montag auf Twitter. Sie schrieb dazu: Als ob er sagen will: Ich bin da. Meinen Augen ent­geht kein Unrecht.“ Geboren in Teheran, weiß Atai selbst ganz genau, worum es der­zeit im Iran geht: Um nicht weniger, als die Frei­heit, seine Mei­nung zu äußern. Hos­sein Ronaghi ist mit Unter­bre­chungen seit 2009 poli­ti­scher Gefan­gener im Iran. Anfang 2022 wird er erneut fest­ge­nommen, Sicher­heits­kräfte bre­chen ihm dabei beide Beine. Auch Golineh Atai berichtet davon, wie grausam das Regime vor­geht: Auf Pro­tes­tie­rende, die sich am Montag vor dem Kran­ken­haus ver­sam­melten, sei geschossen worden, schreibt sie.

Auch Ali Daei, der einst für Arminia Bie­le­feld, Bayern und Hertha BSC in der Bun­des­liga auf­lief, befindet sich schon länger im Visier der Regie­rungs­treuen. Erst Ende Oktober wurde der 53-Jäh­rige vor­über­ge­hend fest­ge­nommen, als er der Beer­di­gung von Mahsa Amini bei­wohnen wollte. Aminis bru­taler Tod wäh­rend ihrer Inhaf­tie­rung hatte die Pro­test­be­we­gung im Sep­tember ent­facht. Seitdem kommt der Iran nicht zur Ruhe. Auch am Tag der Bei­set­zung der erst 21-Jäh­rigen kam es im ganzen Land zu teils gewalt­tä­tigen Aus­ein­an­der­set­zungen und hun­derten Fest­nahmen.

Mitt­ler­weile ist Daei wieder auf freiem Fuß, die Regie­rung hielt ihn für die Zeit der Bei­set­zung in einem öffent­li­chen Gebäude unter Haus­ar­rest. Die gute Nach­richt für alle Oppo­si­tio­nellen im Iran: Ali Daei lässt sich nicht ein­schüch­tern und bleibt an der Seite seiner Lands­leute. In einem Insta­gram-Post hat Daei nun erklärt, nicht zur Welt­meis­ter­schaft nach Katar zu reisen. Ich möchte mit Euch in meinem Land sein und all den Fami­lien, die in diesen Tagen ihre Ange­hö­rigen ver­loren haben, mein Mit­ge­fühl aus­spre­chen“, so Daei. Eine offi­zi­elle Ein­la­dung der FIFA und des kata­ri­schen Fuß­ball­ver­bands habe er aus­ge­schlagen. Die Ver­bände hatten Daei, dessen Frau und Töchter zur WM ein­ge­laden, die am Sonntag beginnt. In der Hoff­nung auf gute Zeiten für den Iran und die Iraner“, schließt Daei sein State­ment.

Pro­tes­tiert auch Azmoun?

Am kom­menden Montag bestreitet der Iran sein erstes WM-Spiel gegen Eng­land. Das gewalt­same Vor­gehen der Sicher­heits­kräfte gegen Pro­tes­tie­rende hatte jüngst auch Dis­kus­sionen über einen even­tu­ellen Aus­schluss des ira­ni­schen Fuß­ball­ver­bands aus­ge­löst. Erst neu­lich machte der Prä­si­dent des ukrai­ni­schen Ver­bands einen neuen Vor­stoß und ver­langte von der FIFA und der UEFA, den rus­si­schen und ira­ni­schen Fuß­ball­ver­band sperren zu lassen.

Viele Iraner und Ira­ne­rinnen hoffen, dass ihre Fuß­baller die WM-Bühne für Aktionen nutzen werden. Einer davon könnte Sardar Azmoun von Bayer Lever­kusen sein, der sich im Vor­feld schon mit dem Pro­test soli­da­ri­siert hatte. Nun steht er im ira­ni­schen WM-Auf­gebot. Lange war unklar, ob Azmoun wegen seiner Äuße­rungen über­haupt nomi­niert werden würde. Ob Ali Daei die Spiele von zuhause aus ver­folgen wird, ist unklar. Ziem­lich wahr­schein­lich ist jedoch, dass er sich weiter öffent­lich für die Pro­teste in seinem Land ein­setzen wird.