Markus Merk, müssen wir uns Sorgen um die Zähne von Luis Suarez machen?
Unser Gebiss ist zwar nicht ori­ginär dafür gemacht, um in mensch­liche Schul­tern zu beißen, aber das werden die Zähne aus­halten. Viel eher mache ich mir Sorgen um den armen Giorgio Chiel­lini. Schließ­lich ver­fügt Suarez über einen erstaun­li­chen Biss, das hat er ja schon in der Ver­gan­gen­heit mehr­fach bewiesen.

Wie hat der Zahn­arzt Merk auf diese Situa­tion reagiert?
Ich habe meine Praxis zwar schon vor neun Jahren ver­kauft, aber viel­leicht sollte ich jetzt über ein Come­back als Zahn­arzt nach­denken – der Fuß­ball-Welt zuliebe. Herr Suarez bekommt dann von mir auch eine kos­ten­lose Behand­lung, das hake ich als soziale Dienst­leis­tung ab.

Wie würde diese Behand­lung dann aus­sehen?
Nun ja, da gibt es diverse Mög­lich­keiten. Eine Biss-Schiene wäre eine Alter­na­tive, aller­dings kann die ja vom Träger pro­blemlos besei­tigt werden. Mög­li­cher­weise würde ich mich da an dem Spruch ori­en­tieren, der einst für allzu bis­sige Per­sonen erfunden wurde: Dem muss mal einer den Zahn ziehen.“ Wie das genau beim Pati­enten Suarez aus­sehen könnte, würde ich dann nach der ersten Vor­sor­ge­un­ter­su­chung ent­scheiden.

Und was sagt der Schieds­richter Merk zu dieser Szene?
Dass das eine glas­klare Tät­lich­keit war, dar­über müssen wir ja nicht dis­ku­tieren. Ich bin gespannt, was die Befra­gung der Schieds­richter ergibt. Wenn auch nur einer aus dem Gespann sagt: Ja, ich habe die Szene gesehen, aber nicht erkannt, dass eine Tät­lich­keit begangen wurde“, dann wäre das eine Tat­sa­chen­ent­schei­dung und Suarez käme ohne Strafe davon. Wenn aber nie­mand irgendwas gesehen hat, kann sich Suarez auf eine harte Strafe gefasst machen.

Von wie vielen Spielen Sperre gehen Sie aus?
Das kann ich aus der Distanz unmög­lich exakt sagen. Da Suarez aber bei einem WM-Spiel zuge­bissen hat, dürfte die Sank­tion nicht gerade zim­per­lich aus­fallen. Bei einer Welt­meis­ter­schaft muss man Zei­chen setzen – auch bei der Bestra­fung der Spieler. Schließ­lich hat das Ver­halten der Spieler und Schieds­richter Vor­bild­cha­rakter auf der ganzen Welt.

Ihre Schieds­rich­ter­kol­legen stehen seit dem Eröff­nungs­spiel in der Kritik. Wie beur­teilen Sie die Leis­tungen Ihrer Nach­folger?
Es ist schon erstaun­lich, wie viel die Unpar­tei­ischen bei dieser WM durch­gehen lassen. Außerdem ver­misse ich eine klare Linie, man weiß nie, wann es nun eine gelbe Karte gibt und wann nicht. Und trotzdem ist die zum Teil scharfe Kritik meiner Mei­nung nach nicht gerecht­fer­tigt.

Inwie­fern?
Die Schieds­richter bei dieser WM haben in den ver­gan­genen drei Jahren einen aus­führ­li­chen und sehr inten­siven Lehr­gang durch­laufen, der extrem viel Zeit und Geld gekostet hat. Wenn man den Aus­sagen der Fifa glauben darf, sind die Unpar­tei­ischen also per­fekt auf ihre Tur­nier­teil­nahme vor­be­reitet worden. Des­halb muss ich auch einem meiner kom­men­tie­renden Ex-Kol­legen wider­spre­chen, der nach einer feh­ler­haften Schieds­rich­ter­leis­tung davon sprach, dass besagte Herren jetzt üben, üben, üben“ müssten. Ich glaube, dass die Kritik die Fal­schen trifft.

Wie meinen Sie das?
Ein Bei­spiel: Dass Yuichi Nis­hi­mura, der Schieds­richter vom Eröff­nungs­spiel, zwar gute Ver­an­la­gungen vor­zu­weisen hat, aber eben auch noch ent­schei­dende Mängel, war mir bereits nach fünf Minuten klar. Viel­leicht muss man sich dann doch eher fragen, warum Nis­hi­mura für so ein wich­tiges Spiel ein­ge­teilt wurde, wenn man ihn vorher drei Jahre lang geschult und beob­achtet hat. Die Kritik sollte also eher die Ver­ant­wort­li­chen treffen und nicht die Schieds­richter.

Nis­hi­mura kommt aus Japan. Bei allem Respekt: Die japa­ni­sche Liga gehört nun wirk­lich nicht zu den Top-Ligen dieser Welt. ARD-Experte Mehmet Scholl stellte jüngst die These auf, dass Schieds­richter aus ver­meint­lich kleinen Fuß­ball-Nationen nicht in der Lage seien, bei einer Welt­meis­ter­schaft zu pfeifen.
Ach, seit ich dabei bin, habe ich diesen Vor­wurf bei jedem großen Tur­nier gehört. Schieds­richter aus den Dritte-Welt-Län­dern“ des Fuß­balls seien nicht gut genug für die WM? Das wider­spricht doch dem Grund-Gedanken einer glo­balen Meis­ter­schaft! Ich finde, dass Schieds­richter aus so vielen Län­dern wie mög­lich bei einer WM nicht nur pfeifen dürfen, son­dern müssen! Außerdem kann die Unbe­küm­mert­heit manch angeb­lich uner­fah­re­nerer Kol­legen auch von Vor­teil sein. Siehe den Usbeken Ravshan Ermatov. Der pfiff bei der WM 2010 gleich fünf Spiele, unter anderem das Eröff­nungs­spiel. Und bot dabei eine tadel­lose Leis­tung.