Seite 2: Bearzot: Die große Ausnahme (oder auch nicht)

Aber es gibt auch eine große Aus­nahme. Unter all den Trai­nern, die seit Jahr­zehnten gegen die Sprung­haf­tig­keit der Tifosi, die Kri­tik­freu­dig­keit der berüch­tigten ita­lie­ni­schen Presse und die man­gelnden Geduld der Funk­tio­näre kämpfen, gab es tat­säch­lich einen Mann, auf den sich die ganze Nation einigen konnte. Das war Enzo Bearzot.

Bearzot über­nahm Ita­liens Natio­nalelf im Sep­tember 1975. Zunächst lau­tete seine Berufs­be­schrei­bung tech­ni­scher Kom­missar“, man könnte auch sagen: Er hatte ein Auge auf Fulvio Ber­nar­dini, der als so genannter Gene­ral­di­rektor“ in der Ver­ant­wor­tung stand. Ab Oktober 1977 war Bearzot dann allein am Ruder und sollte es weit mehr als 3.000 Tage lang nicht mehr aus der Hand geben. Der Mann, den sie den Schweiger von Friaul“ nannten, wurde spä­tes­tens 1982 zum Volks­helden, als er mit Ita­lien die WM gewann.

Ein Abend für Bearzot

Das hatte den unschätz­baren Vor­teil, dass Ita­lien auto­ma­tisch für das Tur­nier 1986 in Mexiko qua­li­fi­ziert war und Bearzot in Ruhe arbeiten durfte. Außerdem musste das staat­liche ita­lie­ni­sche Fern­sehen RAI keine pein­li­chen Spiel­ergeb­nisse fürchten und konnte somit eine Aktion vor­be­reiten, die für jedes Land unge­wöhn­lich gewesen wäre, in Ita­lien aber ohne Bei­spiel dastand: Am 12. November 1985 bekam Bearzot, zur Feier seiner knapp zehn­jäh­rigen Amts­zeit, seinen eigenen Fern­seh­abend.

Die Show begann um 21.15 Uhr mit einer Gruß­adresse des ehe­ma­ligen Staats­prä­si­denten Sandro Per­tini, dann folgte eine Live-Schal­tung nach Los Angeles, von wo Diego Mara­dona per­sön­lich seine besten Wün­sche über­mit­telte. Erst weit nach Mit­ter­nacht endete die Sen­dung, denn die Pro­zes­sion von Gra­tu­lanten wollte ein­fach kein Ende nehmen (allein fünf Dut­zend Spieler drückten ihre Ehr­er­bie­tung in meist blu­migen Worten aus). Die Ein­schalt­quoten der Über­tra­gung schlugen sogar die einer popu­lären Musik­show der Sän­gerin Gianna Nan­nini auf dem anderen Kanal.

Böses Erwa­chen

Sieben Monate nach dieser trä­nen­rei­chen Hom­mage unterlag Titel­ver­tei­diger Ita­lien schon im Ach­tel­fi­nale der WM den Fran­zosen mit 0:2. Die Cor­riere dello Sport“ höhnte: Dieses Ita­lien war nicht einmal ein ent­fernter Ver­wandter des Welt­meis­ters.“ Die Gazzeta dello Sport“ schrieb: Wir waren Welt­meister. Jetzt sind wir Gespenster.“ Und Tut­to­sport“ sprach mit dem, was in Ita­lien unter Sach­lich­keit läuft, von einem Welt­fi­asko“ und sah Ita­lien auf den Knien“. Enzo Bearzot trat augen­blick­lich von seinem Amt zurück.