Horst Hru­besch, Sie sind seit Jahren in der Jugend­ar­beit des DFB tätig. Müssen wir uns Sorgen um den Nach­wuchs machen?
Nein, müssen Sie sich nicht. Keine Sorge.

Die U21-Natio­nal­mann­schaft ist in der Vor­runde der Euro­pa­meis­ter­schaft geschei­tert, die U19 hat die Qua­li­fi­ka­tion nicht geschafft. Warum schwä­chelt der hoch gelobte deut­sche Nach­wuchs?
Ent­schei­dend ist die Frage: Welche Phi­lo­so­phie ver­tritt man? Wenn man mit den besten Spie­lern einer Alters­klasse zu so einer EM fährt, ist das eine ein­fache Geschichte. Wir beim DFB ziehen die her­aus­ra­genden Spieler aber früh in eine höhere Alters­klasse und diese Spieler bleiben dann auch dort. Wenn man aber die Besten aus einer U‑Nationalmannschaft heraus nimmt, um sie in der nächst­hö­heren oder in der A‑Nationalmannschaft spielen zu lassen, wird es für jedes Team bei einer sol­chen EM schwer, egal von wel­chem Ver­band. Das ist doch völlig klar. Aber wissen Sie, was mich stört?

Sagen Sie es uns.
Dass jetzt alle ver­su­chen, die Fehler im Nach­wuchs­be­reich zu suchen. Unsere Aus­bil­dung ist gut, das ist Fakt. Wir haben gute Stütz­punkte, wir haben ein super Talent­för­der­pro­gramm, wir haben top Ver­bände und die Arbeit an der Basis ist her­vor­ra­gend. In der Spitze ist es aber nun mal so, dass die guten Spieler aus den jün­geren Jahr­gängen, ins­be­son­dere die mit Füh­rungs­qua­li­täten, schnell nach oben kommen. Nicht nur in der U21, in der U19 und dar­unter ist es nicht anders. Man muss sich eben fragen, ob das Sinn macht und ob man dieses Modell will. Dann muss man aber auch in Kauf nehmen, dass es bei Tur­nieren manchmal eben nicht ganz reicht.

Spieler wie Ilkay Gün­dogan oder Mario Götze sind fester Bestand­teil der A‑Nationalmannschaft, hätten aber vom Alter her noch bei der U21 mit­spielen können. Ist das der Fluch der guten Tat?
Ganz genau. Es ist doch ganz klar, dass die U21 mit Spie­lern wie Götze oder Gün­dogan ein ganz anderes Gesicht bekommen würde. Genauso die U19 mit Emre Can, der eine abso­lute Füh­rungs­rolle ein­ge­nommen hätte, aber mit zur U21-EM gefahren ist.

Halten Sie das für ein Pro­blem?
Für die A‑Nationalmannschaft natür­lich nicht, für die U‑Nationalmannschaften ist es manchmal schon pro­ble­ma­tisch. Denn ich glaube, und das haben die Titel in der Ver­gan­gen­heit auch gezeigt, dass es den Spie­lern helfen kann, bei Tur­nieren in ihrer Alters­klasse eine Füh­rungs­rolle ein­zu­nehmen und ihre Qua­li­täten aus­zu­spielen.

Also sollte man die Spieler in ihren Alters­klassen lassen?
Nein, das habe ich damit nicht gemeint. Wenn man die Phi­lo­so­phie ver­tritt, Spieler früh nach oben zu ziehen, ist das völlig in Ord­nung. Aber dann sollte auch nicht direkt die gesamte Nach­wuchs­ar­beit hin­ter­fragt werden, wenn die Ergeb­nisse mal nicht stimmen. Es ist doch klar, dass ein Götze oder ein Draxler bei der U21-EM für posi­tive Ergeb­nisse hätten sorgen können. Dass sie nicht dabei waren, ist Teil der Phi­lo­so­phie des Ver­bandes. Die anderen Ver­bände wie etwa Hol­land oder Spa­nien stellen die Spieler eben ab. Trotzdem sind wir auf Augen­höhe mit diesen Mann­schaften – wenn wir alles ein­setzen, was wir haben.

Nach der Ära Mat­thias Sammer war Robin Dutt nur ein Jahr lang beim DFB. Wäre eine dau­er­hafte Beset­zung des Sport­di­rek­tor­pos­tens wichtig für den Nach­wuchs?
Schauen Sie sich mal die anderen Ver­bände an. Eng­land, Hol­land – kaum ein Ver­band hat einen Sport­di­rektor. Ent­schei­dend ist der Weg, den der Ver­band beschreiten will. Und der klappt doch gut bei uns. Wir haben jah­re­lang gejam­mert, dass wir nicht den Fuß­ball spielen, den wir uns vor­stellen. Jetzt spielen wir ihn, in der A‑Nationalmannschaft und auch im Nach­wuchs. Die U21 ist sou­verän durch die Qua­li­fi­ka­tion gegangen. Beim Tur­nier selber hat es dann eben nicht gereicht. Aber des­wegen alles in Frage zu stellen, halte ich für falsch. Vor allem, weil man sieht, dass unsere Phi­lo­so­phie Sinn macht. Nehmen Sie die USA-Reise der Natio­nal­mann­schaft: Da waren vier Neue dabei, die teil­weise über­ra­gend gespielt haben. Die Qua­lität ist da, keine Frage.

Es droht also kein Rück­fall in die graue Zeit um 2000, als dem deut­schen Fuß­ball die Talente aus­gingen?
Es gibt über­haupt keine Ver­an­las­sung, das anzu­nehmen. Das wäre Hys­terie. Nochmal: Machen Sie sich keine Sorgen.