Eine Kiste Bier und dir sei ver­geben

Wo bin ich und was mache ich eigent­lich hier?“ Diese Frage hat sich sicher­lich schon der ein oder andere Ama­teur­fuß­baller gestellt, wenn er am Sonn­tag­morgen in Fuß­ball­schuhen auf einem Asche­platz steht, anstatt den Rausch vom Vor­abend auf der Couch aus­zu­schlafen. Nun wollen wir Jonas Hosen­feld vom Hüne­felder SV keinen über­mä­ßigen Alko­hol­konsum unter­stellen, die Szene, die bei tor​gra​naten​.de zu bewun­dern ist, kommt jedoch reich­lich kurios daher. Keeper Hosen­feld nimmt einen langen Ball auf. Plötz­lich gibt es Rot. Der Grund: Er steht weit außer­halb des Straf­raums. Blö­der­weise hatte er sich am eben­falls auf­ge­malten Klein­feld ori­en­tiert. Sein Glück: das Spiel ging am Ende den­noch 0:0 aus und seine Mann­schaft bleibt wei­terhin Tabel­len­führer der Ver­bands­liga Hessen Nord. Über seine Strafe ent­scheidet dahin­gegen die einzig akzep­tierte Sport­ge­richts­bar­keit im Ama­tu­er­fuß­ball: der Mann­schafts­kas­sen­wart. Eine Kiste Bier und dir sei ver­geben.

Die haben wir früher alle gemacht!“

Wer kennt sie nicht, die Trainer und alten Herren, die früher komi­scher­weise nie ein Spiel ver­loren, jede Flanke ver­wertet und auch mal dazwi­schen­ge­hauen haben. In der Retro­spek­tive neigt man zur Glo­ri­fi­zie­rung oder wie man als Aktiver sagt: Lass die Alten doch erzählen!“ Umso inter­es­santer wird es, wenn aus Per­so­nalnot beide Trainer mit­spielen müssen. Zuge­geben, Servet Bayram vom OSC Rhein­hausen II und Enad Dzafic vom TV Kapellen II haben beide noch kein Fuß­ball­ren­ten­alter erreicht, aber den­noch helfen beide nur noch im Not­fall aus. Es wurde ein kurioses Spiel. Die Gäste aus Kapellen führten zu 71. Minute mit 6:2, doch Rhein­hausen drehte die Partie nochmal auf 7:6 aus Sicht der Heim­mann­schaft. In der 90. Minute dann noch ein Frei­stoß für Kapellen. Ist diese ent­täu­schende Partie für die Gäste noch zu retten? Der Frei­stoß ist Chef­sache. Coach Dzafic läuf unwi­der­steh­lich an, Schuss und drin! Im Inter­view mit fuss​ball​.de sagte Dzafic nach dem Spiel: Ich habe gesagt: Wenn es schief läuft, geht es wenigs­tens auf meine Kappe.“ Ging es nicht und so sagt er seitdem in jedem Trai­ning: Männer, die habe ich früher alle gemacht.“ Und seiner Männer waren sogar dabei.

Aus Ziiie­ehhh!“ wird Schiiieeß!“

Gewisse Anfor­de­rungs­pro­file von Sport­arten über­schneiden sich: Hand­baller sind meist auch gute Ruderer, alt­ge­diente Fuß­baller können noch Kicker beim Foot­ball werden und ein paar ganz Ver­rückte meinten sogar mal, dass jamai­ka­ni­sche Sprinter in den Eis­kanal gehören. Eine Ver­bin­dung war uns bisher jedoch nicht bewusst: Ski­springen und Fuß­ball. Doch Melanie Faißt beweist das Gegen­teil: als zwei­ma­lige deut­sche Meis­terin im Ski­springen ist sie auch beim Fuß­ball­be­zirks­li­gisten VFR Klos­ter­rei­chen­bach erfolg­reich. 43 Tore in 13 Par­tien spre­chen eine ein­deu­tige Sprache. In unserer Vor­stel­lung macht sie nach jedem Tor­jubel einen Tele­mark.

Ente gut, alles gut.

Ama­teur­fuß­baller, das sind die herr­lich Bekloppten, die es ein­fach nicht lassen können. Alte Recken, die sich auch im hohen Alter noch auf die Bank setzen und auf den einen Moment hoffen. Dieser Moment kam für den 56-jäh­rigen Andreas Kramer, den man bei Rot-Weiß Estorf-Lee­se­ringen nur unter seinem Spitz­namen Ente“ kennt. Seine Mann­schaft verlor am 22. Spieltag zwar gegen den TV Stuhr mit 0:2, den­noch war es der Tag von Ersatz­keeper Ente“. Er hielt nicht nur einen Elf­meter, son­dern parierte auch noch den Nach­schuss sehens­wert. Ein Mann, der für Zuver­läs­sig­keit steht. Eine Absage vor einem Punkt­spiel? Sowas kennt Ente gar nicht“, sagte sein Trainer Lukas Swiat­kowski im fussball.de-Interview. Nächste Saison gibt Ente“ dann den Tor­war­trainer, aber wenn mal wieder Not am Mann ist, ist er natür­lich da. Denn bei RW Estorf-Lee­se­ringen gilt: Ente gut, alles gut.“

Die Kai­serin von Tün­dern

Noch heute spielt ein Groß­teil der Ama­teur­mann­schaften mit dem guten alten Libero. Es ist die Königs­po­si­tion, auch wenn sie ein Kaiser prägte. Das Auf­ga­ben­ge­biet lässt sich ein­fach zusam­men­fassen: den grob­schläch­tigen aber lauf­starken Mann­de­ckern die Gegen­spieler zuweisen, für den Tor­hüter die Abstöße aus­führen, damit diese wenigs­tens ab und zu mal über die Mit­tel­linie kommen und den punkt­ge­nauen Pass über das halbe Feld. Doch ist es zeit­gemäß, dabei immer nur an einen Rou­ti­nier aus der Her­ren­mann­schaft zu denken? Nein. Beim 1:0‑Auswärtssieg ihrer HSC BW Tün­dern bei PSV Grün-Weiß Hil­des­heim zeigte Christin Kruppki, wie es geht: Kopf oben, Ball eng am Fuß, links kurz die mit­ge­reisten Fans grüßen und mit rechts einen weiten Zucker­pass aus dem Fuß­ge­lenk spielen, damit Kol­legin Hanna Klein­diek den Sieg­treffer erzielen kann. Ihr Trainer Alex­ander Stamm brachte es nach dem Spiel auf den Punkt: Den hat Christin hinten raus­ge­spielt wie Becken­bauer früher.“ Das würde Kaiser Franz sicher­lich genauso unter­schreiben, aber der unter­schreibt ja eh alles.