Wir schreiben das Jahr 1982. Joe Royle, sechs A‑Länderspiele für Eng­land und rund 300 Erst­liga-Ein­sätze (u.a. für Everton und Man­City), hat gerade seine Spie­ler­kar­riere beendet. Doch statt Reich­tü­mern hat Royle vor allem Schulden ange­häuft. Die Kre­dit­raten für sein kleines Haus am Stadt­rand von Liver­pool wollen bedient werden. Er muss eine Frau und drei Söhne ver­sorgen. Außerdem einen gefrä­ßigen Labrador. Also hat sich der 33-Jäh­rige auf den Trai­nerjob beim dama­ligen Zweit­li­gisten Oldham Ath­letic beworben. Zum Vor­stel­lungs­ge­spräch erscheint er stan­des­gemäß: auf dem Bei­fah­rer­sitz eines Last­wa­gens. Royles betagter Jaguar hat unter­wegs auf dem Motorway 62 den Geist auf­ge­geben. Zylin­der­schaden.

Geschichten wie diese gibt es zuhauf über Oldham Ath­letic. Viele davon finden sich in dem fan­tas­ti­schen Buch This Is How It Feels: An Eng­lish Foot­ball Miracle“. Autor Mike Keegan, ein Jour­na­list der Daily Mail, erzählt darin vom Auf­stieg und vom Fall des Underdog-Ver­eins, der es 1990 nach Wem­bley, 1991 in die Erst­klas­sig­keit und 1992 sogar in die neue Pre­mier League schafft – und dabei die Herzen aller Eng­länder im Sturm erobert. Oldham Ath­letic gilt damals als belieb­testes zweit­liebstes Team der Nation“. Heute sind die Latics“ nahezu ver­gessen. 1994, nach nur zwei Jahren, endet das Aben­teuer Pre­mier League. 2004 meldet der Klub Insol­venz an. Aktuell darbt er im Tabel­len­keller der 4. Liga. Doch dazu kommen wir später.

Plötz­lich kamen die Gerichts­voll­zieher

Zurück ins Jahr 1982. Royle bekommt den Trai­nerjob – auch, weil es kaum andere Bewerber gibt. Oldham ist damals prak­tisch pleite. Die Mann­schaft ist per­spek­tivlos, eine Infra­struktur kaum vor­handen. Royles erste Auf­gabe: Er muss drin­gend einen Spieler ver­kaufen, sonst droht die Zah­lungs­un­fä­hig­keit. Als Royle sich hin­ters Telefon klemmen will, stehen zwei gut geklei­dete Herren vor seinem Schreib­tisch. Er grüßt sie freund­lich, weil er denkt, sie gehören zur Klub­füh­rung. Doch es han­delt sich um Gerichts­voll­zieher. Sie wollen den mög­li­chen Auk­ti­ons­wert der Büro­möbel taxieren.

Royle braucht Jahre, um den Laden in Ord­nung zu bringen. Er holt aus­sor­tierte Profis und abge­schrie­bene Talente aus anderen Ver­einen, päp­pelt sie auf und formt sie zu einer schlag­kräf­tigen Ein­heit: Spieler wie Andy Linighan, Denis Irwin und Tommy Wright. Gute Jungs. Dann, in der Saison 1989/90, pas­siert das Wunder. Ath­letic spielt um den Auf­stieg. Und nicht nur das: Im Liga­pokal schießt die Mann­schaft alles über den Haufen – Leeds, Scar­bo­rough, Arsenal, Sout­hampton (mit Matt Le Tis­sier) und im Halb­fi­nale West Ham United. Erst­mals in der Klub­ge­schichte erreicht Oldham ein Finale in Wem­bley, wo man 0:1 gegen Not­tingham ver­liert.

Fast noch furioser ist der FA-Cup-Ritt des Klubs in der­selben Saison: Nachdem die Latics“ u.a. Everton und Aston Villa aus­ge­schaltet haben, kra­chen sie im Semi­fi­nale auf Man­chester United. Das Match an der Maine Road, Heim­stätte von Man­City, endet 3:3 nach Ver­län­ge­rung. Das Wie­der­ho­lungs­spiel zählt zu den größten Gau­ner­stü­cken der eng­li­schen Fuß­ball-Geschichte: Kurz vor Schluss erzielt Old­hams Andy Rit­chie den lan­des­weit umju­belten 1:1‑Ausgleich. Eigent­lich müsste es das 2:1 sein, doch Schiri Joe Worrall – damals Inhaber einer Dau­er­karte bei Man­chester United (!) – hat zuvor einen klar regu­lären Treffer des Außen­sei­ters aberkannt. Die Ent­schei­dung zugunsten von Man­chester fällt in der Nach­spiel­zeit, aus­ge­rechnet durch den in Oldham gebo­renen Mark Robins.

Neben zwei Cup­ti­teln ver­passt der Klub am Ende auch den Auf­stieg. Doch die Royle Family“, wie Eng­lands Presse schreibt, lässt sich von Rück­schlägen nicht auf­halten. 1990/91 feiert Oldham bereits fünf Runden vor Schluss den Einzug in die damals erst­klas­sige First Divi­sion – nach 68-jäh­riger Abwe­sen­heit. 1991/92 gelingt der Klas­sen­er­halt und damit der Einzug in die neu gegrün­dete Pre­mier League, mit einer durch und durch ver­ru­fenen, ver­ruchten und ver­sof­fenen Truppe: Die Latics“ der frühen 90er spielen auch abseits des Rasens in einer Liga mit der Crazy Gang“ des FC Wim­bledon um Vinnie The Axe“ Jones. Eine Saison-Abschluss­fahrt nach Mal­lorca endet für einen Groß­teil der Oldham-Profis in Haft, mit anschlie­ßender Abschie­bung.

Sie waren aber nicht ganz so schlimm wie Wim­bledon“, stellt Ex-Trainer Joe Royle im Gespräch mit Buch­autor Keegan klar: Ich wusste immer, wo die Jungs sams­tags waren, und im Trai­ning arbei­teten sie hart, ebenso hart spielten sie auch. Solange sie die Grenze nicht über­schritten, war alles in Ord­nung für mich.“ Was Royle damals nicht weiß – oder nicht wissen will: Jeden Diens­tag­abend lassen sich die Oldham-Profis im Tuesday Club“ in Ruhe voll­laufen, manche bis zur völ­ligen Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit. Denn am Mitt­woch gewährt Royle grund­sätz­lich trai­nings­frei.

Auch der Trainer findet Zeit für andere Dinge. Royle kauft alte Autos und restau­riert sie, um sich zusätz­lich etwas Geld zu ver­dienen. Doch sein Geschäfts­partner, ein füh­render Ver­eins­funk­tionär namens Ian Stott, ist mit Vor­sicht zu genießen, wie Royle seit dem Amts­an­tritt in Oldham weiß: Ian hatte von meinem Auto gehört (der Panne auf dem Motorway 62; die Redak­tion). Er sagte mir, er habe eine Jaguar-Ver­tre­tung und einen gebrauchten Motor, den ich haben könnte. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Später gab er mir die Rech­nung – es hätte mich weit weniger gekostet, einen neuen Motor zu kaufen! Das war der Beginn einer wun­der­baren Bezie­hung. Wir wurden beste Freunde.“

Es könnte sein, dass wir der nächste FC Bury sind.“

Gemeinsam erleben Royle und Stott das Aben­teuer Pre­mier League. Die erste Saison (1992÷93) ver­läuft dra­ma­tisch: Drei Spiel­tage vor Schluss sieht Oldham wie ein sicherer Absteiger aus. Doch im End­spurt holt der Underdog sagen­hafte sieben Punkte (1:1 gegen Shef­field Wed­nesday, 1:0 bei Aston Villa, 4:3 gegen Sout­hampton) und bleibt am Ende erst­klassig. Vor allem im nur 13.000 Zuschauer fas­senden hei­mi­schen Boundary Park hat die Royle Family“ einige for­mi­dable Feu­er­werke abge­brannt: 5:3 gegen Not­tingham, 1:0 gegen Everton, 4:1 gegen Midd­les­b­rough.

Die fol­gende Saison zeigt, wie wenig Luft zwi­schen einem Über­flieger und einem harten Auf­prall liegt. Oldham legt einen soliden Start hin, und sorgt einmal mehr im FA-Cup für Furore: aber­mals Halb­fi­nale, erneut gegen Man­chester United. In Wem­bley. Und dann das: Die Latics“ gehen in Füh­rung und behaupten diese. Bis in die Nach­spiel­zeit. Dann trifft Mark Hughes zum 1:1. Das fäl­lige Wie­der­ho­lungs­spiel geht ver­loren. Oben­drein bleibt Oldham in den nächsten sieben Liga­spielen ohne Punkte. Die Party ist zu Ende. Am Sai­son­ende steigt das belieb­teste zweit­liebste Team der Nation“ ab.

Joe Royle wird bald darauf Trainer des FC Everton, und Oldham Ath­letic gerät in Ver­ges­sen­heit. Heute ist der Klub wieder dort, wo er sich bei Royles Amts­an­tritt befand: am Boden, Tabel­len­keller der 4. Liga. Das Sta­dion zer­brö­ckelt, auf der Geschäfts­stelle türmen sich unbe­zahlte Rech­nungen, die Fans ran­da­lieren vor Wut auf den Klub­be­sitzer. Und der hat kein Kon­zept. Joe Royle schwant Böses: Es könnte sein, dass wir der nächste FC Bury sind.“ Der zwei­ma­lige FA-Cup-Sieger Bury, einst ein Erz­ri­vale von Oldham Ath­letic, wurde 2019 wegen Zah­lungs­un­fä­hig­keit aus dem Profi-Fuß­ball aus­ge­schlossen. Der Spiel­be­trieb ist ein­ge­stellt.