Seite 2: Englische Revolution

Dass die Eng­länder die EM zunächst für sehr unwichtig hielten, sieht man schon daran, dass das im Oktober 1962 aus­ge­tra­gene Hin­spiel nicht in Wem­bley, son­dern, was damals höchst unge­wöhn­lich war, in der Pro­vinz, näm­lich Shef­field, statt­fand. Das Haupt­au­gen­merk der FA galt zu diesem Zeit­punkt ohnehin der Suche nach einem neuen Manager für die Natio­nalelf, denn Walter Win­ter­bottom, der seit 1946 für die Three Lions ver­ant­wort­lich gewesen war, aber nie alleine die Auf­stel­lung bestimmen durfte, hatte nach der WM in Chile ange­kün­digt, sich zum Jah­res­ende zurück­zu­ziehen.

Da er für die Folgen ja nicht mehr ver­ant­wort­lich sein würde, nutzte er das erste Spiel gegen Frank­reich (1:1) als Gele­gen­heit, Spie­lern aus dem zweiten oder dritten Glied eine Bewäh­rungs­chance zu geben. So tauchten etwa im Angriff mit Mike Hel­la­well (Bir­mingham City), Ray Charnley (Black­pool), Chris Crowe und Alan Hinton (beide Wolves) Akteure auf, die damals nur gering­fügig bekannter waren als heute und umge­hend wieder aus­sor­tiert wurden.

Alf Ramsey, der selbst zwi­schen 1948 und 1953 als Ver­tei­diger 32 Mal für Eng­land auf­ge­laufen war, hatte als Manager von Ips­wich Town wahr­lich Sen­sa­tio­nelles geleistet. Er führte den Pro­vinz­klub aus East Anglia, der zuvor über­re­gional noch nie son­der­lich in Erschei­nung getreten war, 1957 zunächst von der alten Third Divi­sion South in die Second und vier Jahre später in die First Divi­sion, wo das mit wenig Geld, aber viel Sach­ver­stand zusam­men­ge­stellte Team ohne Stars 1962 auf Anhieb eng­li­scher Meister wurde.

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Alf Ramsey bereitet seine Spieler auf eine Partie gegen eine Welt­aus­wahl vor.

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Ramsey war anfangs nicht die erste Wahl für den vakanten Posten, aber er über­zeugte die Ver­bands­funk­tio­näre mit seinem Kon­zept, alles dem Ziel unter­zu­ordnen, für die WM im eigenen Land ein titel­reifes Team zu formen. Zur Bedin­gung machte er aller­dings, dass er allein die Befugnis hat, den Spie­ler­kader zu nomi­nieren, die Taktik vor­zu­geben und die Mann­schaft auf­zu­stellen.

Was fast überall sonst eine Selbst­ver­ständ­lich­keit war, stellte für den dama­ligen eng­li­schen Fuß­ball eine gera­dezu revo­lu­tio­näre Neue­rung dar. Denn bis dahin hatte 100 Jahre lang kein Trainer, son­dern ein soge­nanntes Inter­na­tional Selec­tion Com­mittee die Auf­stel­lung der eng­li­schen Natio­nal­mann­schaft bestimmt. Und dort saßen aus­schließ­lich selbst­er­nannte Experten, haupt­be­ruf­lich Fisch­ver­käufer oder Ker­zen­dreher, die ihre Eitel­keiten und Eifer­süch­te­leien pflegten, eine hin­ter­wäld­le­ri­sche Kirch­turm­po­litik betrieben und immer wieder einen klein­ka­rierten Regio­nal­pro­porz durch­setzten, durch den zweit­klas­sige Kicker Natio­nal­spieler wurden. Sie ver­hin­derten somit, dass län­ger­fristig tra­gende Kon­zepte zur Anwen­dung kommen konnten.

Rück­bli­ckend fügt es sich gera­dezu ideal ins Bild der Zeit, dass dieser Schritt der Erneue­rung gerade Anfang 1963 voll­zogen wurde. Doch damit die Six­ties zu swingen beginnen konnten, musste man dort 1962/63 erst einmal den här­testen Winter seit Men­schen­ge­denken über­stehen, in dem Hun­derte Men­schen, ein erheb­li­cher Teil des Nutz­vieh­be­stands und sogar die Zebras im Lon­doner Zoo erfroren. Ein Begleit­ef­fekt des wochen­lang andau­ernden Schnee­chaos und der Käl­te­welle war, dass etliche Fuß­ball­spiele abge­sagt wurden und die Ter­min­pläne der FA völlig über den Haufen geworfen wurden. Die von Ramsey beru­fenen Spieler reisten daher fast ohne Wett­kampf­praxis nach Paris.