Seite 3: Eine "unschickliche" Beziehung

Just in der Woche, in der die Three Lions zum Rück­spiel antraten, stürmten die Beatles mit ihrer zweiten Single Please Please Me“ erst­mals fast bis an die Spitze der Charts – Frank Ifields Way­ward Wind“ ließ sich nicht vom ersten Platz ver­drängen –, was ein erster Hin­weis darauf war, dass sich London als­bald über den Umweg Liver­pool zum Epi­zen­trum einer neuen, die Jugend der gesamten west­li­chen Welt nach­haltig prä­genden Pop­kultur ent­wi­ckeln sollte. Im Früh­sommer dieses denk­wür­digen Jahres wurde dann das Estab­lish­ment der bri­ti­schen Gesell­schaft und später auch der Regie­rungs­ap­parat durch eine Affäre erschüt­tert, die alle ver­gleich­baren Sex­skan­dale (und die eng­li­sche Geschichte hat in dieser Hin­sicht einiges zu bieten) in den Schatten stellte.

Scheib­chen­weise kam heraus, dass Hee­res­mi­nister John Pro­fumo eine (wie es Teile der Presse nannten) unschick­liche“ Bezie­hung zu dem aAll-Girl Chris­tine Keeler unter­hielt, und das zur selben Zeit, in der 21-Jäh­rige auch den sowje­ti­schen Mili­tär­at­taché Eugene Ivanow zu ihren Kunden zählte.

Spä­tes­tens nachdem Pro­fumo in dieser deli­katen Ange­le­gen­heit das Unter­haus belogen hatte, schien die natio­nale Sicher­heit bedroht, weil man befürchten musste, dass Ivanow ver­sucht haben könnte, Keeler zu instru­men­ta­li­sieren, um dem Minister irgend­welche Atom­ge­heim­nisse zu ent­lo­cken – wenige Monate nach der Kuba-Krise lagen dies­be­züg­lich die Nerven ver­ständ­li­cher­weise blank. Chris­tine Keeler, die selbst­be­wusst und schlag­fertig war, bestritt dies vor Gericht aber vehe­ment. Trotz der anfäng­li­chen Auf­re­gung ver­lief die Affäre letzt­lich im Sand, weil die Russen Ivanow natür­lich umge­hend abbe­riefen und der ein­zige Mann, der für Auf­klä­rung hätte sorgen können, näm­lich Kee­lers Zuhälter, der win­dige Mode­arzt Ste­phen Ward, Selbst­mord beging.

Chris­tine Keeler wurde zwar zu einer kurzen Haft­strafe ver­ur­teilt, aber ihre Popu­la­rität und das Inter­esse an der jungen Frau, die wie Julie Christie, Jean Shrimpton, Twiggy, Pattie Boyd oder Sandie Shaw zur ersten Gar­nitur der weib­li­chen Six­ties-Ikonen Eng­lands zählt, min­derte das kaum. Noch viele Jahre danach, als John Pro­fumo, der lange Jahre als Sozi­al­ar­beiter in Slum­vier­teln Buße geleistet hatte, schon von der Queen reha­bi­li­tiert worden war, wurde ihre, noch später gar erfolg­reich ver­filmte Auto­bio­grafie zum Best­seller.

Das nächste tri­vi­al­my­thi­sche Groß­ereignis ereig­nete sich kurz darauf. Ein Robin-Hood-artiges Gau­ner­stück, das bis heute fest im Gedächtnis der meisten Briten ver­an­kert ist und längst zur modernen Folk­lore zählt: Gemeint ist der spek­ta­ku­läre, mit mili­tä­ri­scher Prä­zi­sion geplante und durch­ge­führte Coup, bei dem die beiden Lon­doner Firms (wie man lokale Grup­pie­rungen der Orga­ni­sierten Kri­mi­na­lität dort nennt) von Bruce Rey­nolds und Thomas Wisbey in der Nacht des 7. August den Postzug von Glasgow nach London auf freier Strecke stoppten und die damals schier unvor­stell­bare Summe von 2,6 Mil­lionen Pfund erbeu­teten. Sicher­lich waren dies, auch wenn sie weit­ge­hend gewalt­frei vor­gingen, Kri­mi­nelle, aber ihre Dreis­tig­keit ver­schaffte ihnen welt­weit Sym­pa­thien.

Wer nun fragt, was das mit Fuß­ball zu tun hat, dem sei erwi­dert, dass der nie­mals und nir­gends los­ge­löst von den die Gesell­schaft gerade prä­genden Ereig­nissen gespielt wird.

Als hätte jemand alle Fenster auf­ge­rissen

All das Erwähnte – die lär­mende Beat­musik und die anderen Facetten der Pop­kultur, die Infra­ge­stel­lung der bigotten Sexu­al­moral der Eng­länder (was ja auch ein Neben­as­pekt der Pro­fumo-Affäre war) oder die wage­mu­tige Raf­fi­nesse der Post­räuber trug nicht uner­heb­lich dazu bei, dass sich der Zeit­geist, das Sozi­al­klima und das Lebens­ge­fühl zum Bes­seren ver­än­derten, so als hätte jemand alle Fenster auf­ge­rissen, um fri­sche Luft her­ein­zu­lassen.

Und dieser Stim­mungs­wandel wie­derum zei­tigte bald Aus­wir­kungen auf den bri­ti­schen Fuß­ball und seine Prot­ago­nisten, die nach und nach in Auf­treten und Erschei­nungs­bild weniger nor­miert, schlichtweg indi­vi­du­eller wirkten. Zumin­dest ansatz­weise begannen sie zu ver­stehen, dass sie nicht nur pro­fes­sio­nelle Leis­tungs­sportler, son­dern in den Augen von vielen (vor allem jün­gerer) Anhänger auch Enter­tainer und Ver­treter der neuen Pop­kultur waren. Nichts belegt dies besser als George Best, der sein Pflicht­spiel­debüt für Man­chester United eben­falls im magi­schen Jahr 1963 gab, näm­lich am 14. Sep­tember im Punkt­spiel gegen West Brom.