Der Anruf meiner Mutter reißt mich aus der Lethargie und einer alten Harald-Schmidt-Folge auf meinem Laptop. Ob denn das Fress­paket schon ange­kommen sei und ich nun end­lich mal bei der Ver­si­che­rung ange­rufen hätte. Ja ja, unbe­dingt, schau ich nach, erle­dige ich heute noch…“, sage ich und ver­suche dabei wacher zu wirken, als ich es eigent­lich bin. Wahr­schein­lich meint sie es nur als kleine Auf­merk­sam­keit, aber die Frage Und ver­misst du den Fuß­ball schon?“ über­for­dert mich dann doch über­ra­schend stark. 

Als ob sie nach einer lang­jäh­rigen Lie­bes­be­zie­hung gefragt hätte, von der meine Mutter aber noch nicht weiß, dass es aktuell ziem­lich kri­selt. Und irgendwie stimmt das ja auch. Ja schon, also naja es geht. Kommt bestimmt noch.“ Dieses Tele­fonat ist gut eine Woche her und so recht will sich bei mir noch immer keine Sehn­sucht ein­stellen. Das war mal anders und ich frage mich, was da ver­loren gegangen ist.

Alles ver­fügbar, alles live, alles beste Liga aller Zeiten

Keine Sorge, jetzt folgt keine große Kapi­tia­lis­mus­kritik des modernen Fuß­ball, denn das ist ja eh klar. Und natür­lich gibt es gerade jetzt absolut wich­ti­gere Dinge als Sport im All­ge­meinen. Aber wäh­rend viele Fuß­ball-Jun­kies gerade das reich­hal­tige Angebot an großen Begeg­nungen aus der Euro­pa­po­kal­his­torie suchten und sich die Frage stellen, wann und wie denn nun end­lich wei­ter­ge­spielt werden kann, sitze ich zuhause und scrolle stun­den­lang durch Net­flix und weiß nicht, welche Serie ich zuerst nicht zu Ende gucken soll.

Eine der zahl­rei­chen Dokus aus dem ver­meint­li­chen Inneren einer Mann­schaft wird es jeden­falls nicht, denn die fang ich gar nicht erst an. Bis runter in die Regio­nal­liga war in den letzten Jahren alles ver­fügbar, alles live, alles beste Liga aller Zeiten. Pre­mier League, Euro League und El Clá­sico – musste gesehen haben. Mit Kom­men­ta­toren, die jedes halb­hoch rein­ge­stol­perte Tor mit DA PLATZT MIR DOCH DIE HOSE!“ feiern, nur um es auch ganz sicher in das High­light-Video des ver­ant­wort­li­chen Strea­ming­an­bie­ters am dar­auf­fol­genden Montag bei Face­book zu schaffen.

#Kom­men­ta­to­r­InQua­ran­täne

Und natür­lich gibt es wei­terhin die Guten unter den Ver­käu­fern dieses Sports, Robby Hunke zum Bei­spiel, der aktuell zu Recht als #Kom­men­ta­to­r­InQua­ran­täne gefeiert wird und an einer Kölner Kreu­zung alles gna­denlos weg­kom­men­tiert, was nicht bei drei über die rote Ampel ist. Doch nach dem zehnten Video muss ich mir halt leider auch vor­stellen, wie er gerade wieder ein ver­kehrs­üb­li­ches Reiß­ver­schluss­ver­fahren zur großen Rota­tion im Halb­feld“ sti­li­siert und seine Part­nerin ein­ge­ku­schelt auf dem Sofa neben ihm liegt und sagt:

Du Robby, die erste Woche war es ja ganz lustig, aber lass mich bitte ein­fach nur in Ruhe Tiger King gucken.“ OHHH, da trauuut sie sich mit einem beherzten Angriff aus der Deckung!“ Nein, ein­fach nein.“

Und dann macht sie mit der Fern­be­die­nung kopf­schüt­telnd drei Stufen lauter.

Es fällt schwer, aus diesem end­losen Strom an Fuß­ball-Enter­tain­ment aus­zu­bre­chen, das hat nicht nur die unfassbar zähe Ent­schei­dungs­fin­dung der DFL bewiesen, erstmal alle Spiel­tage abzu­sagen. Auch ich als frei­be­ruf­li­cher Sport­re­porter bin ja nicht nur Emp­fänger, son­dern auch Sender und damit letzt­lich ein Teil davon. Doch die Zer­streuung im Kopf, die dieser Sport so vielen Men­schen bietet, fühlt sich in letzter Zeit leider nach Dau­er­be­schal­lung an. Eine Dau­er­be­schal­lung, die mich taub gemacht hat. Konnte ich noch vor ein paar Jahren jedes Sai­sontor meines Lieb­lings­ver­eins mit Geburts­datum des Vor­la­gen­ge­bers auch Monate später her­un­ter­beten, so fällt es mir jetzt schon beim Schließen der Ticker-App schwer, mich an das Ergebnis von Mainz gegen Augs­burg zu erin­nern.

Die Pfeffi-Pulle im 9er

Wenn ich also etwas ver­misse, dann sind es nicht die zahl­rei­chen Spiele selbst, son­dern die damit ver­bun­denen Rituale: Sich am Wochen­ende schon mor­gens um sieben Uhr mit seinen Kum­pels auf einem Netto-Park­platz zu treffen, den Knei­pen­ge­ruch noch in den Kla­motten, um gemeinsam fünf­ein­halb Stunden nach Sand­hausen zu fahren. Ich ver­misse es, den einen, der obli­ga­to­risch ver­schläft, raus­zu­klin­geln und diese Miss­ach­tung der eigenen Ver­nunft am Vor­abend direkt mit einem großen Schluck aus der Pfeffi-Pulle zu bestrafen, die bereits seit einer halben Stunde durch den 9er-Bus kreist. Leider schon aus epi­de­mio­lo­gi­scher Sicht aktuell unvor­stellbar. Ich ver­misse es, mich über das eine Tor von Klemen Lavric am 12. Dezember 2004 in Erfurt zu unter­halten und meine Freunde wissen alle, wel­ches gemeint ist – auch ohne gegen­sei­tiges Zeigen von schlechten You­Tube-Videos. Aber das würde ich meiner Mutter am Telefon natür­lich so nie­mals erzählen.

Wenn Fuß­ball eine Droge ist, dann leide ich aktuell nicht unter dem Entzug, weil meine kind­liche Begeis­te­rung dafür leider bei einer jah­re­langen Über­dosis drauf­ge­gangen ist. Wobei ich zugeben muss: So ganz ohne geht es dann doch nicht. Muss näm­lich gleich die Play­Sta­tion anschalten, Sturm­tank Kevin Albrecht steht in seiner makel­losen Spie­ler­kar­riere mit dem FC Fulham im FA-Cup-Finale. Muss man gesehen haben!