Seite 2: Flick und das Feuer

Ver­mut­lich wäre Stefan Kuntz sein Nach­folger als Bun­des­trainer geworden, was zwei­fellos inter­es­sant geworden wäre. Aber dann kam Hansi Flick. Bzw. er ging – weg vom FC Bayern. Seine Geschichte ist eine der erstaun­lichsten der letzten Jahre im deut­schen Fuß­ball. Als er im Herbst 2019 bei den Bayern den Trai­nerjob von Niko Kovac über­nahm, gab es kaum jemanden, der sich hätte vor­stellen können, dass er es länger als ein paar Wochen bleiben würde. Ganz abge­sehen davon, dass er das Triple gewinnen würde. Flick hielt näm­lich so ziem­lich jeder im deut­schen Fuß­ball für einen braven Mann der zweiten Reihe, und dann so was.

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In vie­lerlei Hin­sicht unter­schätzt, auch in seiner Härte: Hansi Flick

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Was viele über­sehen hatten, oder Flick gut ver­steckt hatte, war der Glut­kern, der in diesem Mann steckt. Das sah man spä­tes­tens, als der Krieg mit Hasan Sali­ha­midzic begann und letzt­lich auch der mit dem FC Bayern. Bei Deutsch­lands größtem Klub sind Trainer im Prinzip immer Dienst­leister bei der Beschaf­fung von Sie­ger­tro­phäen gewesen, und dem­entspre­chend rum­ge­schubst worden, selbst wenn sie Ottmar Hitz­feld oder Luis van Gaal hießen. Die meisten Coa­ches haben sich dem gefügt, doch der ewige Hansi wehrte sich mit erstaun­li­cher Härte und ging gefühlt als Sieger. War das eigent­lich vorher schon mal jemandem gelungen?

Ver­bin­dung zum Publikum gesucht

Auf dem Weg zum Gewinn der Cham­pions League hatte sein Team eine Bedin­gungs­lo­sig­keit ent­wi­ckelt, die der deut­schen Natio­nal­mann­schaft in den letzten Jahren fehlte. Und es besteht die berech­tigte Hoff­nung, dass man sie bald wieder sehen wird. Denn letzt­lich sind Mann­schaften immer auch Abbild ihrer Trainer, deren Ideen und Per­sön­lich­keiten. Löw war ein milder Mode­rator einer Genera­tion großer Talente, Flick hin­gegen ist emo­tio­naler, unbe­dingter, und das kann jetzt nur gut sein. Ver­mut­lich wird er seinen Spie­lern andere Ange­bote machen als Löw das tat. Man wird dann sehen, ob sie diese dann so gut annehmen wie die U21-Mann­schaft jene von Kuntz.

Die aktu­elle Euro­pa­meis­ter­schaft hat daran erin­nert, dass der Fuß­ball der Natio­nal­mann­schaften bei großen Tur­nieren eher in hys­te­ri­sches Durch­ein­ander führt und in wil­dere Schlachten als der Ver­eins­fuß­ball. Die Schweizer haben dieses Tohu­wa­bohu ange­nommen, die Spa­nier eben­falls, die Kroaten, die Ita­liener und vor allem die Dänen im Nach­gang des Eriksen-Dramas. Diese Mann­schaften stellten dar­über eine Ver­bin­dung zum Publikum her, die bei uns inzwi­schen fast kom­plett ver­schwunden ist.

Es ist schon wahn­sinnig viel dar­über debat­tiert worden, wie die neue deut­sche Natio­nal­mann­schaft unter Flick aus­sehen wird. Ob sie sich dem Pres­sing­spiel des FC Bayern annä­hert (höchst­wahr­schein­lich), ob die Alten weiter gebraucht werden (teils teils) und oft es über­haupt genug gute Spieler gibt (klar, aber nicht auf jeder Posi­tion). Doch diese Fragen sind alle nach­rangig, denn Flicks wich­tigste Auf­gabe wird es sein, all seine Ent­schei­dungen so zu treffen, dass ein erlo­schenes Feuer wieder ange­facht wird. Und sich das Publikum wieder ver­liebt.