End­lich wieder deut­sche Tugenden“, sagte Joti Chat­zi­ale­xiou kürz­lich am Telefon, als es um die U21-Natio­nal­mann­schaft ging, die wenige Tage zuvor Euro­pa­meister geworden war. Man hätte so einen Satz von ihm eigent­lich als aller­letztes erwartet, schließ­lich ist Chat­zi­ale­xiou als Chef­trainer Natio­nal­mann­schaften eines der Mas­ter­minds hinter der DFB-Aka­demie, die nach ihrer Fer­tig­stel­lung eine Mischung aus Gehirn und Hoch­schule des deut­schen Fuß­balls werden soll. Außerdem ver­sucht er zur Zeit eine revo­lu­tio­näre Ver­än­de­rung der Nach­wuchs­ar­beit durch­zu­setzen, bei der kein Stein auf dem anderen bleibt. Es geht dabei von der über­ar­bei­teten Trai­ner­aus­bil­dung bis zu einer kom­plett umge­krem­pelten Ligastruktur darum, wieder mehr Welt­klas­se­spieler aus­zu­bilden. Bekannt­lich ist das, beson­ders bei Innen- und Außen­ver­tei­di­gern, bei Mit­tel­stür­mern und erstaun­li­cher Weise auch bei Tor­hü­tern, zuletzt ins Sto­cken geraten, wie wir teil­weise schon bei der Euro­pa­meis­ter­schaft sehen konnten.

Dass einer wie Chat­zi­ale­xiou mit deut­schen Tugenden“ um die Ecke kommt, ist auf den ersten Blick also über­ra­schend, weil das ja schon lange ent­weder ein Kampf­be­griff von Fuß­ball-Reak­tio­nären oder eine hilf­lose Formel für jene ist, die Fuß­ball als reine Men­ta­li­täts­frage sehen. Zudem ver­weisen sie auf eine Zeit, in der deut­sche Mann­schaften zwar gru­selig spielten, aber nach Abpfiff trotzdem stolz auf ihre dre­ckigen, durch­ge­schwitzten Tri­kots zeigten. Also eine eigent­lich über­wun­dene Zeit. Chat­zi­ale­xiou sagte das zwar vor Beginn der gerade lau­fenden Euro, doch im Lichte des deut­schen Schei­terns im Ach­tel­fi­nale fällt der Blick auf diese Tugenden anders aus.

Begeis­te­rungs­fä­hig­keit und Hunger auf Siege

Chat­zi­ale­xiou beju­belte die U21-Mann­schaft, weil sie das Publikum begeis­tert hatte. Wer nur etwas Herz für Fuß­ball hatte, musste sich in die Begeis­te­rungs­fä­hig­keit der Spieler ver­knallen, ihren Hunger und ihre Lust auf Siege. Sie zele­brierte einen Mann­schafts­geist, der jeden vor dem Fern­seher nur elek­tri­sieren konnte. Und draußen stand Trainer Stefan Kuntz wie ein Papa, der vor Stolz platzte. Wenn man mit ihm heute dar­über spricht, sagt er lachend: Ich habe mich auch in diese Mann­schaft ver­liebt.“ Dann erzählt er, dass er seinen Spieler Ange­bote gemacht hat, damit sie zu der Mann­schaft werden konnten, die sie wurden. Aber die Spieler mussten sie auch annehmen.“ Sie taten es.

In die deut­sche Natio­nal­mann­schaft hat sich in den ver­gan­genen Wochen ver­mut­lich nie­mand ver­liebt. Wer es mal war, litt still oder flu­chend. Nie löste sie ein Gefühl von das-Gesamte-ist-größer-als-die Summe-der-Ein­zel­teile“ aus, son­dern ständig wirkte alles, als ob die Ein­zel­teile nicht richtig inein­ander gestöp­selt waren. An Bereit­schaft fehlte es den Spie­lern bestimmt nicht, man sah sogar Toni Kroos grät­schen, aber letzt­lich war alles zu ver­kopft, ver­kom­pli­ziert und ver­murkst.

Es gab mal Zeiten, in denen das Publikum hier­zu­lande in Löws Natio­nal­mann­schaft min­des­tens so ver­liebt war wie heute in die U21-Mann­schaft. Bei der WM 2010 etwa und vier Jahre später erst recht, aber irgend­wann ver­schwand dieses Gefühl. Nicht mit einem lauten Knall, son­dern schlei­chend. Der Fuß­ball war oft trotzdem noch gut, aber er ent­emo­tio­na­li­sierte sich im glei­chen Maße wie der Bun­des­trainer zu einer sphä­ri­schen Erschei­nung wurde, ent­rückt auf Mount Jogi. Man wird kaum einen Spieler finden, der schlecht über Löw spricht, dazu ist er stets ein zu freund­li­cher Mensch gewesen. Aber er ent­zün­dete seine Mann­schaften nicht mehr.