Seite 3: „Das war unsere Vier-Minuten-Meisterschaft“

Borussia Dort­mund dagegen – der neue Klub Ihres Trai­ners Marco Rose übri­gens …
… Das hätte jetzt nicht sein müssen …

… – spielt nächste Saison vor­aus­sicht­lich in der Europa League.
Eine Tra­gödie. Gar nicht der Borussia wegen, son­dern weil Erling Haa­land dann bestimmt die Bun­des­liga ver­lassen würde. Den hätte ich gerne häu­figer vor Fans spielen sehen. Er und das volle West­fa­len­sta­dion wäh­rend einer Euro­pa­po­kal­nacht, das würde ich gerne nochmal erleben.

Die Liga wäre um ein Ereignis ärmer. Dort­mund aber auch.
Dann bleiben nur noch der Phoe­nixsee und das Restau­rant von Kevin Groß­kreutz. Erschüt­ternd. In Dort­mund gibt es bestimmt bereits drei Fri­seur­sa­lons, die sich Hair­ling Haar­land getauft haben. Ich finde den auch super. Wenn der antritt, schlägt die Rich­ter­skala ins Uner­mess­liche aus. Wie ein Volvo XC90 mit kaputten Bremsen. Kennen Sie Mario Kart?

Ja.
Wenn man da den schweren Bowser aus­wählt, durch ein Fra­ge­zei­chen fährt, den Stern aus­löst und damit in dop­pelter Geschwin­dig­keit alle anderen weg­rammt und von dannen zieht: Das erin­nert mich immer an Erling Haa­land, wenn er von Straf­raum zu Straf­raum rennt. Wie ein hoch­mo­to­ri­sierter LKW ohne Anhänger. Eine Natur­ge­walt.

Dort­mund stünde ohne ihn vor einem Umbruch.
Total. Aber gefühlt ist Dort­mund – wie der Kölner Dom – ja nie wirk­lich fertig. Aber es stimmt schon. Der BVB muss ein biss­chen was ver­än­dern. Wenn Haa­land geht, müssen sie sich zwangs­läufig um Wout Weg­horst bemühen. Sie haben unglaub­liche Talente, wie nun den fan­tas­ti­schen Ansgar Knauff in ihren Reihen. Diesen Skill, immer wieder junge, hoch­ta­len­tierte Jungs rein­zu­werfen, darauf kann sich Sebas­tian Kehl ver­lassen. Aller­dings kann man nicht aus­schließ­lich darauf bauen. Diesen jungen Leuten muss auch mal eine schlechte Periode über meh­rere Monate in ihrer Ent­wick­lung zuge­standen werden. Das müssten dann andere auf­fangen. Bei allem Respekt und größter Wert­schät­zung für Beide: Reus und Hum­mels werden in Zukunft ja auch nicht jünger. Marco Rose hat sich also wirk­lich eine anspruchs­volle Auf­gabe aus­ge­sucht. Übri­gens: Dass Adi Hütter nun wahr­schein­lich Trainer meiner Borussia wird, ent­behrt nach dem Rose-Hick­hack natür­lich nicht einer gewissen Komik. Ich hoffe ein­fach, Hütter hat in Dort­mund bereits ein schönes Haus gefunden.

Sie spre­chen erstaun­lich nüch­tern über Rose, Herr Schmitt. Haben Sie sich abge­funden?
Ja. Die Tren­nung ist durch. Und auch sonst fühlt es sich an wie bei einem Ehe­paar, das nach dem großen Zoff noch ein paar Monate zusam­men­leben muss, weil der neue Miet­ver­trag noch nicht unter­schrieben ist. Man isst wieder zusammen, trinkt gemeinsam Kaffee, beide Seiten sind erwachsen geworden und wün­schen sich das Beste. Des­halb will ich an dieser Stelle nochmal betonen: Marco Rose ist ein guter Typ, ein guter Trainer – Alex­ander Zickler und René Maric, den ich am meisten ver­missen werde, übri­gens auch – und die haben sich nun eben für diesen Wechsel ent­schieden, das ist völlig in Ord­nung. (Über­legt.) Ich als Fan halte es aber wei­terhin für einen Rie­sen­fehler!

Wann hat Sie der Fuß­ball eigent­lich zum letzten Mal richtig glück­lich gemacht?
(Lacht.) Gute Frage. Richtig glück­lich … (Über­legt.) Wahr­schein­lich als Xabi Alonso unser neuer Trainer werden sollte. Sogar die BILD hatte die Mel­dung bestä­tigt – was sollte da noch schief­gehen?! Ich bin total darauf rein­ge­fallen. Das war unsere Vier-Minuten-Meis­ter­schaft. Da habe ich mal wieder etwas gespürt. Aber auch das sagt einiges aus: Der Fuß­ball hat mich zum letzten Mal richtig glück­lich gemacht, als eine Fehl­info ver­breitet wurde. Oh Mann.

Recht sicher ist: In den kom­menden Wochen könnte Schalke 04 absteigen.
Wahn­sinn, oder? Trump im Weißen Haus, Guar­diola bei den Bayern, Jan Hofer bei Let’s Dance, ich im Fern­sehen, Schalke in der Zweiten Bun­des­liga. Man glaubt es erst, wenn man es sieht. Sinn­bild­lich war für mich, dass der ewig ver­letzte Klaas-Jan Hun­telaar jetzt trifft. Das ändert an der Situa­tion natür­lich auch nichts mehr, aber zeigt, was mög­lich gewesen wäre. Es heißt ja immer: Kurz vorm Tod zieht das Leben noch einmal an dir vorbei, viel­leicht sehen die Schalker Fans nun des­halb nochmal Tore vom Hunter. Und am nächsten Spieltag werden Edi Glieder und Nico Van Kerck­hoven ein­ge­wech­selt. Ach, es ist alles so traurig.

Ver­spüren Sie Mit­leid?
Mir tut es total weh. Was für ein rie­siger Klub. Was für Geschichten. Im Bun­des­liga-Spiel­plan der kom­menden Saison den FC Schalke 04 ver­geb­lich zu suchen, wird bei mir einen Phan­tom­schmerz aus­lösen. Ich lege mich also fest: Die steigen ab. Völlig ver­dient dazu. Ich habe das in einer vor­he­rigen Kolumne ja mal erzählt, dass der Abstieg für Schalke eine große Chance ist. Ein Freund von mir ist Schalker, der sagt immer: Jetzt kommt die Imp­fung, Her­denim­mu­nität und dann geht’s bald wieder ins Sta­dion. Mit Zehn­tau­senden nach Karls­ruhe, Han­nover, viel­leicht Ros­tock oder Dresden. Diese Aus­wärts­fahrten werden zur Ent­de­ckungs­reise, auch gen eigener Seele. Etwas Bes­seres könnte diesem Verein aktuell nicht pas­sieren. Das, was Mario Götze in Eind­hoven erlebt, diesen Kar­riere- und Moti­va­tions-Defi­bril­lator, das kann der gesamte Verein Schalke 04 in der Zweiten Liga erfahren: sich die Liebe zum Fuß­ball zurück­holen. Und wer weiß: Viel­leicht spielen die irgend­wann unter Flut­licht in Ham­burg beim FC St. Pauli oder bei ihren Freunden in Nürn­berg. Aus­ver­kauft. Fuß­ball wie damals. Und die ersten Vier der Bun­des­liga treten dagegen in am Ende doch total egalen Par­tien das neun­und­zwan­zigste Mal unter der Woche gegen Man­chester City oder den FC Sevilla an. Und dann bemit­leiden die Schalker irgendwo ganz hinten in ihrer Seele auch uns.