Wer der­zeit ein Bun­des­li­ga­spiel des VfB Stutt­gart im Fern­sehen sieht, dem weht ein Hauch von Ama­teur­fuß­ball ent­gegen. Das ist gar nicht despek­tier­lich gemeint, es geht näm­lich nicht um die Leis­tung der Mann­schaft auf dem Rasen. Weil mitt­ler­weile offenbar keine Live-Über­tra­gung mehr ohne den obli­ga­to­ri­schen Blick in den Spie­ler­tunnel aus­kommt, bli­cken die Fern­seh­zu­schauer im Moment vor jedem Heim­spiel ins Innere eines pro­vi­so­risch auf­ge­stellten tor­bo­gen­för­migen Pavil­lons. Der erin­nert zwar mehr an den Cam­ping­platz als ans Fuß­ball­sta­dion, trotzdem müssen sich die VfB-Profis und ihre Gegen­spieler samt Ein­lauf­kin­dern von dort aus aufs Spiel­feld zwängen. Grund für diese doch eher bizarr anmu­tende Dar­bie­tung ist aller­dings nicht schwä­bi­sche Spar­sam­keit in Zeiten der Ener­gie­krise, son­dern eine Haupt­tri­büne, die für die Euro­pa­meis­ter­schaft 2024 auf Vor­der­mann gebracht wird und dem­entspre­chend eine Bau­stelle ist.

Mit Bau­stellen kennen sie sich aus in Stutt­gart, nicht nur am Bahnhof, auch im Verein. Sport­lich lie­fert der VfB momentan viel­leicht keine ama­teur­haften, aber auch keine zufrie­den­stel­lenden Leis­tungen ab. Und hinter den Kulissen kommt der Verein nicht zur Ruhe.

Pres­se­kon­fe­renz wird zum Desaster

Auf der Mit­glie­der­ver­samm­lung vor andert­halb Wochen hatte Stutt­garts Vor­stands­vor­sit­zender Alex­ander Wehrle ver­kündet, die Ex-Spieler Sami Khe­dira, Philipp Lahm und Chris­tian Gentner zurück in den Verein zu holen. Khe­dira und Lahm steigen als Berater des Vor­stands ein, Gentner wird ab Anfang nächsten Jahres Leiter der Lizenz­spie­ler­ab­tei­lung. Von den Mit­glie­dern bekam Wehrle Bei­fall, in den Tagen danach verkam das Vor­haben aber zum kom­mu­ni­ka­tiven Desaster.

Am Tag nach der Ver­samm­lung lud der VfB zu einer Pres­se­kon­fe­renz, um Khe­dira, Lahm und Gentner aus­führ­lich vor­zu­stellen. Dieser Ver­such miss­lang völlig, die Ver­wir­rung bei Fans und Beob­ach­tern war hin­terher größer als zuvor. Die drei Ex-Spieler sollten für eine Erwei­te­rung der Sport­kom­pe­tenz“ beim VfB sorgen, erklärte Wehrle. Was genau das bedeuten sollte, blieb aller­dings offen. Selbst Philipp Lahm konnte nicht genau erklären, was für eine Auf­gabe er bei den Stutt­gar­tern in Zukunft über­nimmt: Wir treffen keine Ent­schei­dungen, son­dern stellen unsere Kom­pe­tenz zur Ver­fü­gung. Dann muss der VfB schauen, was er daraus macht.“ Als größte Bau­stelle erwies sich die Per­so­nalie Chris­tian Gentner. Dessen Auf­ga­ben­be­reich, hieß es in der Pres­se­kon­fe­renz müssen wir noch genauer defi­nieren“. In jedem Fall solle er aber unter Sport­di­rektor Sven Mis­lintat arbeiten.

Mit der Kom­mu­ni­ka­tion nicht ein­ver­standen

Der aller­dings war in den ganzen Vor­gang über­haupt nicht invol­viert gewesen, was Wehrle auf der Pres­se­kon­fe­renz auch gar nicht erst demen­tierte: Sven ist Profi und des­wegen bin ich mir auch ziem­lich sicher, dass er sich dar­über freut, wenn auch andere Per­spek­tiven mit ein­fließen.“ Damit hatte der Vor­stands­vor­sit­zende auch Recht, wie Mis­lintat bestä­tigte. Dem SWR sagte er: In der Sache wären wir von Beginn an dabei gewesen.“ Wir“, das sind neben Mis­lintat in dem Fall Trainer Pel­le­grino Mata­razzo und Sport­or­ga­ni­sa­ti­ons­di­rektor Markus Rüdt. Wären“, weil die drei mit der Form, in der ihnen die Ein­stel­lung Gent­ners ver­mit­telt wurde, offenbar über­haupt nicht ein­ver­standen waren.

Um die Kom­mu­ni­ka­ti­on­s­panne aus der Welt zu schaffen, sah sich der VfB am ver­gan­genen Freitag sogar gezwungen, die Aus­sprache zwi­schen Wehrle und Mis­lintat in einer geson­derten Pres­se­mel­dung trans­pa­rent zu machen. Darin erklärte Mis­lintat deut­lich, er hätte es gemeinsam mit Mata­razzo und Rüdt als deut­lich ziel­füh­render emp­funden, von Anfang an in den Pro­zess zur Ver­pflich­tung von Chris­tian Gentner ein­ge­bunden worden zu sein“.

Seither bemühen sich die Ver­ant­wort­li­chen ener­gisch darum, Geschlos­sen­heit zu demons­trieren. Für Mis­lintat scheint die Sache erle­digt, er habe auch wei­terhin defi­nitiv“ Lust, seinen Ver­trag zu ver­län­gern. Das näm­lich ist der beson­dere Span­nungs­mo­ment der gesamten Ange­le­gen­heit – der Ver­trag des Sport­di­rek­tors läuft im Sommer aus. Ein Ende der Zusam­men­ar­beit von seiner Seite wäre in Anbe­tracht der Gentner-Ver­pflich­tung zumin­dest nicht völlig über­ra­schend gewesen. Im Moment sieht aber alles danach aus, dass sein Ver­trag ver­län­gert wird. Mög­lich wäre auch, dass Mis­lintat zum Sport­vor­stand beför­dert wird. Das ist Bestand­teil der Gespräche“, bestä­tigte er, aber: mir reicht auch die Ver­län­ge­rung als Sport­di­rektor, wenn alles zusam­men­passt und die Gespräche gut enden.“

Online-Peti­tion für die Ver­trags­ver­län­ge­rung

Aller­dings sollen die Ver­hand­lungen nicht sofort beginnen, son­dern erst in der Win­ter­pause. Bis dahin soll das Thema Ver­trags­ver­län­ge­rung kom­plett in den Hin­ter­grund treten. Beim VfB wollen sie neben dem Platz vor allem eines: Ruhe. Wir hatten viel zu oft Themen, die poli­ti­scher Natur sind und nichts mit Fuß­ball zu tun haben“, sagte Mis­lintat.

Denn fuß­bal­le­risch gibt es bei den Stutt­gar­tern genug zu tun. In der ver­gan­genen Spiel­zeit schaffte Stutt­gart erst in letzter Sekunde den direkten Klas­sen­er­halt. Auch in diesem Jahr sieht es danach aus, dass der Liga­ver­bleib für den VfB kein Selbst­läufer wird – nach sieben Spielen sind die Stutt­garter neben dem VfL Bochum das ein­zige Team ohne Sieg. Unan­tastbar ist Mis­lintat also nicht mehr. Mit den Ver­pflich­tungen von Serhou Gui­rassy und Dan-Axel Zag­adou über­raschte er zuletzt zwar wieder, trotzdem müssen beide sich erst noch als Ver­stär­kungen erweisen.

Bei den Fans steht Mis­lintat unab­hängig davon wei­terhin hoch im Kurs. Eine Online-Peti­tion für seine Ver­trags­ver­län­ge­rung haben mehr als 10 000 VfB-Anhänger unter­zeichnet.