Dass Fuß­ball keine Mathe­matik ist, das hat Karl-Heinz Rum­me­nigge, der frü­here Chef des FC Bayern, schon vor Jahren unmiss­ver­ständ­lich deut­lich gemacht. Geo­me­trie ist Fuß­ball hin­gegen schon. Vor allem in den Nie­der­landen, der Heimat von unter anderem Piet Mon­drian und Louis van Gaal. Räume schaffen, Ver­bin­dungen her­stellen, das spielt dort eine ganz andere Rolle als in Deutsch­land, auch im Fuß­ball.

Als Louis van Gaal, Bondscoach der hol­län­di­schen Natio­nal­mann­schaft und wie Mon­drian ein Meister seines Fachs, vorige Woche vor seinen Freunden von der Presse saß, da erklärte er mit Hilfe dreier Cola­fla­schen seine neuste tak­ti­sche Erfin­dung: das umge­kehrte Dreieck. So unge­fähr müssen sich vor einigen Jahren die Kellner im berühmten Schumann’s in Mün­chen vor­ge­kommen sein, als sie Zeuge wurden, wie Thomas Tuchel und Pep Guar­diola mit Was­ser­glä­sern die großen Spiele der Fuß­ball-Welt­ge­schichte nach­stellten.

Gut gegen Böse Mein Feind, der Nachbar

Das WM-Finale 1974 machte aus der sport­li­chen Riva­lität zwi­schen Hol­land und Deutsch­land einen end­losen Kon­flikt von gesell­schaft­li­cher Trag­weite.

Das umge­kehrte Dreieck mit zwei zen­tralen Stür­mern und einer Schat­ten­spitze dahinter wird an diesem Dienstag aller Wahr­schein­lich­keit nach auch auf die deut­sche Natio­nal­mann­schaft zukommen. Und mit eben­sol­cher Wahr­schein­lich­keit dürfte es nicht die ein­zige Her­aus­for­de­rung in diesem Derby gegen Hol­land“ sein, wie Thomas Müller das Test­spiel gegen den großen Rivalen aus dem Nach­bar­land bezeichnet hat.

Echter Test für beide Mann­schaften

Acht Spiele haben die Deut­schen seit dem frühen EM-Aus im ver­gan­genen Sommer und dem Wechsel auf der Trai­ner­po­si­tion bestritten. Alle acht haben sie gewonnen, mit einer rekord­ver­däch­tigen Tor­dif­fe­renz von 33:2. Die Spiele waren gut für das Selbst­ver­trauen und damit wir uns finden“, sagt Ver­tei­diger Thilo Kehrer, der als ein­ziger Spieler in allen acht Begeg­nungen unter dem neuen Bun­des­trainer Hansi Flick zum Ein­satz gekommen ist. Aber wir wissen, dass es nicht die ganz großen Gegner waren. Hol­land ist ein großer Gegner.“

Das war auch am Wochen­ende zu sehen, als die Elftal mit einem 4:2‑Erfolg gegen den EM-Halb­fi­na­listen Däne­mark in das WM-Jahr gestartet ist. Vor allem in der ersten Hälfte domi­nierten die Hol­länder die Begeg­nung fast nach Belieben. Die Dänen wurden früh gestresst. Das ist der Plan des neuen Bondscoachs, der das Amt zum inzwi­schen dritten Mal innehat. Vollen Druck auf den Ball“ erwarte van Gaal von seinen Spie­lern, hat Innen­ver­tei­diger Mat­t­hijs de Ligt erzählt.

Wie die Deut­schen, so haben auch die Hol­länder mit ihrem neuen Trainer ihren EM-Blues inzwi­schen über­wunden. Das direkte Auf­ein­an­der­treffen wird nun ein erster echter Test sein: Wie belastbar ist die gute Stim­mung wirk­lich? Für die Deut­schen gilt das sogar noch ein biss­chen mehr als für die Nie­der­lande, die in der WM-Qua­li­fi­ka­tion von Nor­wegen und der Türkei durchaus gefor­dert wurde.

Jeder Sieg gibt noch mehr Ver­trauen in die eigene Stärke. Das ist das, was wir auch brau­chen.“

Anders als die Deut­schen. Die Gegner in Flicks bis­he­rigen acht Spielen lagen in der Welt­rang­liste gemit­telt auf Platz 113. Rumä­nien war als Nummer 42 das nomi­nell stärkste Team, auf das seine Mann­schaft getroffen ist. Deutsch­land ist Elfter, Hol­land ran­giert auf Posi­tion zehn. Es wird bestimmt ein anderes Spiel“, sagt Thilo Kehrer im Rück­blick auf den unge­fähr­deten 2:0‑Erfolg am Samstag gegen Israel, als Flick einige Spieler aus der zweiten Reihe spielen ließ. In Ams­terdam wird Kapitän Manuel Neuer ins Tor zurück­kehren, Antonio Rüdiger spielt ebenso von Anfang an wie ver­mut­lich auch Thomas Müller und Leroy Sané. Joshua Kim­mich hin­gegen fehlt, weil er wieder Vater wird.

Siege gegen den großen Rivalen sind immer schön, aber im kon­kreten Fall wäre ein Sieg gegen Hol­land auch ein Erfolg gegen die Ja, aber“-Fraktion. Ja, schön und gut, was die Natio­nal­mann­schaft seit der EM zustande gebracht hat, aber es waren ja nur Liech­ten­stein, Israel und Arme­nien. Es ist für uns ein Grad­messer“, sagt Flick über das Spiel in Ams­terdam. Und bei allem Respekt vor den Nie­der­landen und Louis van Gaal: Jeder Sieg gibt noch mehr Ver­trauen in die eigene Stärke. Das ist das, was wir auch brau­chen.“

Blick gen Katar

Dass es auch um die Ver­län­ge­rung seines Start­re­kords geht, um die Fort­set­zung der Sie­ges­serie, das ist schön für die Sta­tis­tiker“, sagt der Bun­des­trainer, inter­es­siere ihn selbst aber im Moment recht wenig. Nach Weih­nachten könne man dar­über viel­leicht noch einmal spre­chen. Wenn wir Ende Dezember sagen können, dass wir acht Spiele gewonnen haben, dann könnte ich super gut damit leben.“

Dieser Text ent­stand in Koope­ra­tion mit dem Tages­spiegel.