Martin Mei­chel­beck, Eng­land ist schon wieder in einem Elf­me­ter­schießen geschei­tert. Warum tun sich die Eng­länder in diesem finalen Modus immer so schwer?
Bei Eng­land fällt auf, dass seit 1990 immer wieder unter­schied­liche Ereig­nisse in einen Topf geworfen und ver­gli­chen werden. Ein großer Denk­fehler. Die Elf­me­ter­schießen von 1990 oder 1996 haben nichts mit dem Elf­me­ter­schießen von 2012 zu tun. Es sind andere Umstände, andere Gegner, die Situa­tionen sind nicht mit­ein­ander ver­gleichbar. Außer in einer Sache.

In wel­cher?
Das mög­liche Ergebnis ist gleich: ein Schei­tern im Elf­me­ter­schießen. Des­halb mischt man die Ereig­nisse zusammen, was auf unbe­wusster Ebene Aus­wir­kungen hat.

Wie kann man sich von dieser Her­an­ge­hens­weise lösen?
Da gibt es nur einen Weg: Man muss sich immer wieder vor Augen führen, dass das neue Ereignis mit dem alten nichts zu tun hat. Es gibt im Fuß­ball viele Situa­tionen, in denen Sachen mit­ein­ander ver­gli­chen werden, die man eigent­lich nicht mit­ein­ander ver­glei­chen kann. Wenn ein Team ein paar Heim­spiele hin­ter­ein­ander nicht gewinnt, wird sofort von einer Heim­schwäche gespro­chen. Dabei ist jedes Spiel eine neue Situa­tion. Es geht darum, die Bedin­gungen indi­vi­duell so zu gestalten, dass man sie positiv für sich nutzen kann

Das Elf­me­ter­schießen gilt im Fuß­ball als die Druck­si­tua­tion schlechthin. Warum ist das so?
Gerade bei einer EM ver­tritt ein Spieler nicht nur seinen Verein, son­dern ein ganzes Land. Das ist ein sehr emo­tio­naler Moment, der von jedem Spieler unter­schied­lich auf­ge­fasst wird. Man hat nur einen Ver­such, der gut oder schlecht enden kann. Wenn man zum Elf­me­ter­punkt läuft und denkt: Hof­fent­lich ver­schieße ich nicht“, ist das eine selbst­er­fül­lende Pro­phe­zeiung, die dann meis­tens auch wahr wird. Was bei einem Elf­me­ter­schießen den Druck zusätz­lich ver­schärft, ist die Ermü­dungs­si­tua­tion. Die Spieler haben viele Minuten in den Kno­chen.

Was raten Sie einem Spieler, der zum Elf­meter antritt?
Er muss sich klar­ma­chen, was für ein posi­tives Gefühl es ist, wenn der Ball von seinem Fuß aus rein­geht und im Netz zap­pelt. Dieses posi­tive Denken ist beim Elf­me­ter­schießen die wich­tigste Vor­aus­set­zung.

Der Weg vom Mit­tel­kreis zum Elf­me­ter­punkt ist ein langer. Kann man es einem Spieler da schon ansehen, ob er Angst hat und schei­tern wird?
Nein. Bei sol­chen Ein­schät­zungen sollte man vor­sichtig sein. Es gab und gibt immer wieder Spieler, die einen unsi­cheren Ein­druck erwe­cken, dann jedoch sou­verän ver­wan­deln.

Wird der Druck auf die Spieler durch den langen Weg vom Mit­tel­kreis bis zum Abschluss nicht noch zusätz­lich erhöht?
Das sollte man nicht über­be­werten. Druck gehört zum Fuß­ball dazu, macht ihn bri­sant, des­wegen schauen ihn sich viele an. Die Druck­si­tua­tion ist ohnehin da, der Weg gehört dazu, spielt aber sicher­lich nicht die Haupt­rolle.

Was geht in einem Spieler vor, wenn er zum Elf­meter antritt?
Es gibt ver­schie­dene Typen. Der eine oder andere hat Selbst­zweifel und hofft darauf, bloß nicht zu schei­tern. Der andere redet sich stark und zieht daraus eine Moti­va­tion, den ent­schei­denden Elf­meter rein­zu­ma­chen. Dass es einen Spieler gibt, der an gar nichts oder etwas völlig anderes denkt, wenn er antritt, glaube ich nicht. Jeder Spieler hat seinen eigenen Monolog, der ihm durch den Kopf geht.

Gibt es einen prä­de­sti­nierten Schützen für ein Elf­me­ter­schießen?
Eine gute Schuss­technik ist sehr wichtig. Wenn man dazu Erfah­rungen gesam­melt und schon bewiesen hat, dass man solche Situa­tionen meis­tern kann, kommt man als Schütze natür­lich infrage. Eine Tref­fer­ga­rantie wird es aber natür­lich nie geben.

Eine Unter­su­chung des nor­we­gi­schen Psy­cho­logen Geir Jordet besagt, dass jene Schützen beim Elf­me­ter­schießen sicherer sind, die sich nach dem Pfiff des Schieds­rich­ters ein paar Sekunden Zeit nehmen, wohin­gegen Spieler, die direkt anlaufen, öfters ver­schießen. Was sagen Sie dazu?
Da wäre ich vor­sichtig. Jeder Elf­meter ist eine indi­vi­du­elle Sache. Und jeder Schütze hat eine andere Per­sön­lich­keits­struktur, hat andere Erfah­rungen gemacht und denkt anders über einen Elf­meter. Es sind Indi­vi­duen am Werk. Da finde ich es schwierig zu pau­scha­li­sieren.

Martin Mei­chel­beck, haben Sie einen Tipp für die Eng­länder, wie Sie ihre Elf­me­ter­phobie bis zu den nächsten Tur­nieren besiegen können?
Eigent­lich nicht, sonst würden sie uns dem­nächst viel­leicht schlagen (lacht). Einen Tipp an ganz Eng­land kann man aber auch nicht geben. Beim Elf­me­ter­schießen steht die Mann­schaft nicht mehr im Vor­der­grund. Da wird aus dem Mann­schafts­sport ein Ein­zel­sport. Der Spieler, der antritt, ist auf sich allein­ge­stellt. Damit muss jeder Schütze alleine klar­kommen.