Im Januar 1974 nimmt Robin Friday für gewöhn­lich erst eine Abwehr aus­ein­ander und danach einen Pub. Er ist 22 Jahre alt und trifft in Rea­dings Reserve, wie er will. Der Trainer der ersten Mann­schaft, Charlie Hurley, weiß, dass er einen außer­ge­wöhn­li­chen, aber wenig pfle­ge­leichten Jungen in seinen Reihen hat. Der Bur­sche kann einen Ball killen, ihn zähmen, heißt es. An einem sol­chen Talent kommt der Trainer nicht mehr vorbei.

Also zitiert Hurley den Unbe­re­chen­baren in sein Büro. Robin, ich werde dich am Sonntag zum ersten Mal auf­stellen.“ Friday ist hellauf begeis­tert und sagt: Groß­artig, danke, Boss. Ich schwöre es Ihnen: Bis zum Spiel werde ich auf alles ver­zichten, kein Alkohol, keine Frauen, keine Schlä­ge­reien.“ Hurley ant­wortet: Robin, ich habe kein Pro­blem damit, wenn du mich anlügst. Aber nicht drei Mal nach­ein­ander.“

Mit­spieler Tommy Youlden über Robin Friday »

Die sieb­ziger Jahre waren wie ein glit­zernder, eksta­ti­scher Trip – und dieser Robin Friday saß am Steuer. Mit wel­cher seiner Geschichten soll man anfangen? Wie er die gesamte Vor­be­rei­tung in einem Hip­pie­camp ver­brachte und dann trotzdem Hat­tricks schoss? Wie er nach einem sen­sa­tio­nellen Tor einen Poli­zisten küsste und dann erklärte: Ich weiß auch nicht warum, nor­ma­ler­weise hasse ich Bullen“? Wie er regel­mäßig von der Kneipe auf den Rasen tau­melte, in einer Halb­zeit aus­nüch­terte und in der zweiten das Siegtor erzielte? Wie er bei einer Aus­wärts­fahrt aus dem Bus stieg, zu einem Friedhof rannte, einen Grab­stein klaute und ihn neben den schla­fenden Trainer legte? Wie er ein­fach so einen Schwan in die Kneipe brachte?

Kom­plett nackt an der Bar

Am besten erzählt die erste Geschichte einer, der Robin kannte wie kein Zweiter. Es ist ein warmer Okto­bertag in London, in einem kleinen Park nahe der Hal­te­stelle Turn­pike Lane. Eng­li­sches Grün, mit dem Braun der Blätter und Spi­ri­tuo­sen­tüten bedeckt, dar­über gol­dener Son­nen­schein. Tony Friday sitzt in einem grauen Mantel vor einer kleinen Kaf­fee­bude, er wirkt wie ein adretter älterer Herr, kurze, weiße Haare, hohe Stirn. Doch er hat eine Stimme wie ein schep­pernder Kon­tra­bass. Tonys Lachen röhrt, hehe­hehe, und das ziem­lich oft, denn schließ­lich erzählt er von Robin Friday, seinem Zwil­lings­bruder. Wir waren in einem Laden, piek­fein, du weißt schon, wo die Leute sich alle für ein Geschenk Gottes halten. Robin riss eine Frau auf und nahm sie mit aufs Klo. Nach einer Weile kam er wieder raus, kom­plett nackt, schlen­derte zur Bar und sagte: Ein Lager bitte‘.“ Hehehe, that was Robin.

Tony spricht voller Bewun­de­rung über seinen Bruder, auch er hat nicht gerade oft im Leben ver­zichtet, auch er hat seine eigenen Storys aus dem Pub. Dort, wo sie her­kämen, aus Acton, gebe es nur ein Motto: Giggle or die. Frei über­setzt: Ent­weder machst du dir einen Spaß aus dem Leben oder du kre­pierst daran. Wie fragil dieses Leben sein kann, lernte Robin Friday als Teen­ager: In jungen Jahren arbei­tete er als Stu­cka­teur und fiel von einem Gerüst auf einen großen Nagel, der sich durch seinen Bauch bohrte und bei­nahe die Lunge traf. Drei Monate später stand Friday wieder auf dem Platz.

Der Rol­ling Stone des Fuß­balls

George Best, die Legende von Man­chester United aus den sech­ziger und sieb­ziger Jahren, ist bis heute der Inbe­griff eines enfant ter­ri­bles, viele nannten ihn den Pop­star des Fuß­balls, den fünften Beatle. Doch gegen Robin Friday wirkt selbst Best hand­zahm. Rea­dings Aus­nah­me­spieler wurde von den Zei­tungen zum Rock­star des Fuß­balls gekürt, zum sechsten Rol­ling Stone.

Längst ist dieser Robin Friday zum Mythos geworden, weil er in einer Zeit bril­lierte, in der an You­tube-Videos oder allein TV-Bilder seiner Spiele und Aus­brüche nicht zu denken war. Und trotzdem, viel­leicht gerade des­wegen: Jeder Fan kennt eine Friday-Geschichte, in der urbanen Legende ver­stri­cken sich Dich­tung und Wahr­heit. Die einen schwören auf diese Anek­dote: Friday ärgerte sich über einen Ver­tei­diger so sehr, dass er ihm auf den Platz ins Gesicht trat und die Rote Karte sah. Danach lief er in die Kabine des Geg­ners, um in die Tasche seines Kon­tra­henten – nun ja – zu scheißen. Andere Fans wie­geln ab: Nein, das war bei einem anderen Spiel. Wie­derum andere sagen, Robin Friday sei voll­trunken zum Spiel gekommen und habe schlicht in den Teambus des Geg­ners gerei­hert.

Meist ist die Wahr­heit sogar irrer als die Fik­tion. Ähn­lich wie bei Keith Richards, dem echten Rol­ling Stone, über den es jah­re­lang gar hieß, er habe die Asche seines Vaters ges­nifft. Bis Richards detail­reich erklärte, wie er tat­säch­lich die Über­reste seines Vaters durch die Nase gezogen hatte. So hieß es bei Friday, auf seiner Hoch­zeit im August 1976 seien Unmengen an Can­nabis kon­su­miert worden. Wenn es nur das gewesen wäre, sagten die Ver­mählten nach der Feier. Irgendwer habe LSD in der Bowle auf­ge­löst, wodurch die kom­plette Hoch­zeits­ge­sell­schaft, inklu­sive der älteren Semester, den Tag über kom­plett aus­ras­tete.