Schon in der ersten Saison, nachdem die Finanz­krise beim 1.FC Kai­sers­lau­tern ans Licht gekommen war, zeigte die sport­liche Ent­wick­lungs­kurve steil bergab. Die Chronik der Saison 1998/99 liest sich wie eine Anein­an­der­rei­hung von Miss­ge­schi­cken: Mit 0:4 kickte der FC Bayern die Lau­terer aus dem Cham­pions-League-Vier­tel­fi­nale. Eine erneute Qua­li­fi­ka­tion ver­passten sie. Das aus dem Kader her­aus­ste­chende Talent Michael Bal­lack wurde von Reh­hagel bei jeder Gele­gen­heit rasiert. Ent­nervt wech­selte Bal­lack nach dieser Spiel­zeit zum Kon­kur­renten Bayer Lever­kusen.

Fakt ist, nicht nur Fried­rich hatte nach der Meis­ter­schaft 1998 den unbe­dingten Wunsch, die Erfolge aus­zu­bauen. Axel Roos bilan­ziert: Otto Reh­hagel sagte: Wir brau­chen bes­sere Spieler.“ Und alle kamen: Sforza, Djor­kaeff, Lin­coln, Basler, Ramzy. Doch Reh­ha­gels Stars waren auch sein schlei­chendes Ende. Ciriaco Sforza zet­telte einen Klein­krieg mit dem auto­ri­tären Übungs­leiter an und wurde nach einer Sus­pen­die­rung schließ­lich vom Vor­stand zurück ins Team befohlen.

Basler fiel immer mehr durch Dis­zi­plin­lo­sig­keiten auf. Er brach ein Tabu, als er anfing, im Kabi­nen­gang zu rau­chen. Reh­ha­gels Auto­rität litt. Als dann auch noch die Erfolge aus­blieben, ver­wan­delte sich die Otto­kratie“ in Iso­la­tion. Selbst sein eins­tiges Wohn­zimmer, der Bet­zen­berg, war ein unwirt­li­cher Ort geworden, längst hingen überall Anti-Otto-Trans­pa­rente. Am 2. Oktober 2000 bat Reh­hagel den alten Kumpel Jürgen Fried­rich, ihn seines Amtes zu ent­binden.

Eine Not­lö­sung wurde ersonnen: Andreas Brehme als Team-Manager instal­liert und Rein­hard Stumpf, bis­he­riger Reh­hagel-Assis­tent, ihm als Trainer zur Seite gestellt. Ein Duo, das der Her­ku­les­auf­gabe, die Mann­schaft zu befrieden, nicht gewachsen war. Stumpf: Bis Frei­tag­nach­mittag habe ich das Zepter geschwungen, dann wurde es mir abge­nommen, und Samstag liefen Leute auf, denen ich Frei­tag­vor­mittag die Ersatz­bank pro­phe­zeit hatte. So kann ein Trainer nicht arbeiten.“

Mitten im Chaos traf Wie­sche­mann eine fol­gen­schwere Ent­schei­dung. Er brachte den Schweizer René Jäggi, vor­mals Prä­si­dent des FC Basel, Adidas-Chef und Sanierer des gestrau­chelten Haus­schuh-Giganten Romika, als Nach­folger von Fried­rich ins Spiel. Ein Zynismus des Schick­sals. Denn aus­ge­rechnet der Eid­ge­nosse begann nun, das Geschäfts­ge­baren seiner Vor­gänger minu­tiös zu durch­leuchten.

Zwei Welten prallten auf­ein­ander: Der macht­be­wusste, miss­traui­sche Jäggi gegen den fin­ten­rei­chen Fuß­baller Fried­rich, der nach Ansicht der Gerichte auch mal eine Ver­ein­ba­rung traf, die über den Ver­trag hin­aus­ging (Zitat: Ich kann doch nicht jedem Hansel einen Detektiv ins Aus­land hin­ter­her­schi­cken“). Jäggi wollte Pla­nungs­si­cher­heit, wes­wegen er den Sachen auf den Grund ging.

Fried­rich hin­gegen glaubt, der Schweizer habe erst nach Amts­an­tritt die Schwere der Auf­gabe erkannt und des­halb ver­sucht, die erfolg­rei­chen Vor­gänger in Miss­kredit zu bringen. Fried­rich: Es ist in der Wirt­schaft Regel, mög­lichst den Erfolg anderer nach unten zu treten.“ Heute betrachtet er es als seinen größten Fehler, aus gekränkter Eitel­keit beim FCK hin­ge­schmissen zu haben. Er hat allen Grund dazu.

Denn der Schweizer nahm sich drei Monate Zeit, um sich ein­zu­ar­beiten, und kam auf­grund des Gut­ach­tens des Wirt­schaft­prü­fers PwC zu dem Schluss, dass der FCK am Rande der Insol­venz stehe. Um die Liqui­dität zu sichern, wurden die Trans­fer­rechte an Miroslav Klose, dem Kron­juwel des Ver­eins, für fünf Mil­lionen Euro an die Toto-Lotto-Gesell­schaft Rhein­land-Pfalz abge­geben.

Nachdem das Gut­achten auch ermit­telt hatte, dass mög­li­cher­weise in der Zah­lung für Per­sön­lich­keits­rechte ver­deckte Gehalts­zah­lungen liegen könnten, erstat­tete Jäggi als Ver­ant­wort­li­cher des FCK Selbst­an­zeige beim Finanzamt Kai­sers­lau­tern. Im Februar 2003 schloss er mit dem Finanzamt eine tat­säch­liche Ver­stän­di­gung“ und zahlte frei­willig Steuern in Höhe von 8,9 Mil­lionen Euro nach.

Damit wurden der Sta­di­on­ver­kauf und der des ver­eins­ei­genen Trai­nings­ge­ländes Fröh­nerhof unum­gäng­lich. Über Nacht war das Tafel­silber dahin. Die Krux an der Geschichte: Nach einem Urteil des Land­ge­richts aus dem Jahr 2005 zahlte der Club dem Fiskus damals 7,9 Mil­lionen Euro zuviel. Damit müssten der Ver­kauf der Arena – und die daraus resul­tie­renden enormen Belas­tungen für den FCK heute – nach­träg­lich in Frage gestellt werden.

Das bestä­tigt auch der seit November 2007 als Berater des Vor­stands fun­gie­rende Hans-Artur Bauck­hage. Weder Jäggi noch Erwin Göbel, sein Nach­folger als Prä­si­dent, haben seit dem Urteil des Land­ge­richts daran gedacht, sich die zuviel gezahlten Steuern rück­erstatten zu lassen. Es würde das gesamte Sanie­rungs­kon­zept des ver­meint­li­chen Ret­ters nach­träg­lich in Frage stellen.

Auf der nächsten Seite: Wie der 1. FC Kai­sers­lau­tern nach meh­reren Trai­ner­ent­las­sungen ver­sucht, mit alten Tugenden den Absturz in die dritte Liga doch noch zu ver­hin­dern und viel­leicht bald wieder über ein gut gefülltes Konto ver­fügt.

Doch die aktu­elle Finanznot beim FCK hat ein Umdenken bewirkt. Vor­stand Bauck­hage sagt: Wir ver­su­chen gerade her­aus­zu­finden, ob es mög­lich ist, die zuviel gezahlten Steuern von damals zurück­zu­be­kommen.“ Es wäre ein Geld­regen, den der Club bitter nötig hat. Denn von dem Geld, etwa 57 Mil­lionen Euro, die René Jäggi 2002 mit dem Sta­di­on­ver­kauf erlöste, um die Schulden zu tilgen und ein neues Team auf­zu­bauen, ist nichts übrig. Bauck­hage gesteht ein: Die gegen­wär­tige Situa­tion des Ver­eins ist eine Ver­ket­tung von vielen Ursa­chen. Nicht nur in der Ära Fried­rich, auch in der Amts­zeit von Jäggi wurden Fehler gemacht.“

Bei nach­träg­li­cher Betrach­tung der Urteile mögen die zen­tralen wirt­schaft­li­chen Ent­schei­dungen von Jäggi über­hastet wirken. Die sport­liche Bilanz des Mannes aus Basel aber ist ein Offen­ba­rungseid. Von Beginn seiner Tätig­keit im Sep­tember 2002 bis zu der Über­gabe der Amts­ge­schäfte an Erwin Göbel, Ende Juli 2006 trai­nierte die Mann­schaft unter fünf Übungs­lei­tern. Mit jedem ver­än­derte sich die fuß­bal­le­ri­sche Phi­lo­so­phie. Kohorten von Spie­lern wurden – mit­unter im Halb­jah­res­rhythmus – geholt und wieder abge­geben.

So schwer das Erbe von Fried­richs Amts­zeit ist, fest steht auch: Alle Ver­dienste der alten Füh­rung hatten mit Jäggis Groß­rei­ne­ma­chen end­gültig ihre Bedeu­tung ver­loren. Hans-Peter Briegel klagt: Es ist ein­malig in der Bun­des­li­ga­ge­schichte, dass Ver­ant­wort­liche, die auch viel Posi­tives für den Verein geleistet haben, in der Öffent­lich­keit so platt gemacht wurden und immer noch werden. Das gibt es nur in Kai­ser­lau­tern.“

Jäggis sport­liche Ver­dienste spre­chen indes eine unmiss­ver­ständ­liche Sprache: Seine erste Trai­ner­ver­pflich­tung, Erik Gerets, erreichte zwar das Pokal­fi­nale, nach der Som­mer­pause aber stand ihm nur noch ein von radi­kalen Ein­spa­rungen geprägter, 18-köp­figer Kader zur Ver­fü­gung. Gerets wurde durch Kurt Jara ersetzt, der den Verein trotz des Drei­punkte-Abzugs vor dem Abstieg ret­tete. Doch dem Öster­rei­cher war es nur noch ver­gönnt, sich als Scha­dens­be­grenzer zu betä­tigen, der Spie­leretat wurde im Zuge wei­terer Sanie­rungs­maß­nahmen auf ein Drittel redu­ziert.

Das schmach­volle Resultat im Sommer 2005: ein elfter Rang. Sogar der Lokal­ri­vale Mainz 05 war besser. Erst­mals regte sich leise Kritik an Jäggis hartem Sanie­rungs­kurs. Jäggi hat an den Verein mal über­haupt nicht gedacht. Null Komma Null!“, schimpft Andreas Brehme heute. Er war der Unter­gang des FCK.“

Jäggi holte Michael Henke als Nach­folger des blassen Jara an den Bet­zen­berg – und dieser blieb als aller­größtes Trai­ner­miss­ver­ständnis in der FCK-Geschichte in Erin­ne­rung. Nach dem 13. Spieltag ent­band man Henke von seinen Auf­gaben und er wurde wieder das, was er immer war: der ewige Assis­tent von Ottmar Hitz­feld. Ver­suche, durch die Beschi­ckung eines Sport­di­rek­tors für Kon­ti­nuität zu sorgen, schlugen fehl. Sowohl Marc Wil­mots als auch Stefan Kuntz sagten ab.

Die Ver­pflich­tung des alten Lau­terer Kämp­fers Wolf­gang Wolf als Trainer sollte ein Fanal sein – nach Jahren in der Dia­spora waren pfäl­zi­sche Tugenden zurück am Betze. Doch so pathe­tisch der Effekt gedacht war, so ziellos war seine Wir­kung. Am Ende stand der zweite Abstieg des FCK aus der Bun­des­liga. Jäggi führt als Argu­ment für den Mangel an sport­li­chem Erfolg ins Feld, dass die wirt­schaft­liche Situa­tion nur eine Arbeit mit extrem bil­ligem Kadern ermög­lichte.

Gegen Ende seiner Amts­zeit spielte der Verein mit einem Gesamt­etat für Spie­ler­ge­hälter von 13 Mil­lionen Euro. Der unglück­liche Wolf sagte im Moment des Abstiegs, er befürchte, auch in der 2. Liga gegen den Abstieg zu spielen. Dieses Sze­nario ist nun – mit einiger Ver­spä­tung – Wirk­lich­keit geworden.