Fritz Walter ahnte, was ihm blühen würde. Warum sonst nötigte er sich und den anderen Pfäl­zern aus dem WM-Team von 1954 diesen hei­ligen Schwur ab? Walter, sein Bruder Ottmar, Werner Liebrich, Walter Kohl­meyer und Horst Eckel gaben sich noch in den Sech­zi­gern beim Schoppen Wein das Ehren­wort: Keiner solle jemals nach der aktiven Lauf­bahn beim 1. FC Kai­ser­lau­tern in eine ver­ant­wort­liche Posi­tion rücken. Zu groß würde die Gefahr für jeden ein­zelnen in der Gruppe, die Bedeu­tung als Idol der Nach­kriegs­ge­nera­tion aufs Spiel zu setzen. Ein Eid, der auch über den Tod von Fritz Walter, Liebrich und Kohl­meyer hinaus Bestand hat.

Die Alten haben gut daran getan, ihren Ruf beim FCK nicht zu ris­kieren. Seit nun­mehr einem Jahr­zehnt befindet sich der Pfälzer Renom­mier-Club auf einer sport­li­chen wie wirt­schaft­li­chen Tal­fahrt. Horst Eckel, Teil der legen­dären FCK-Mann­schaft, die 1951 und 1953 Meister wurde und als Walter-Elf“ Legen­den­status erreichte, fällt nicht viel ein, wenn er sein Team mit dem heu­tigen ver­glei­chen soll. Nur der Name ist noch der­selbe“, sagt der Veteran traurig.

Als die Pfälzer 1998 zum letzten Mal Meister wurden, zählte der Club mit seinem Etat noch zu den Top 5 der Bun­des­liga. Jetzt droht der Absturz in die Regio­nal­liga. Der groß­zü­gige Haupt­sponsor, die Deut­sche Ver­mö­gens­be­ra­tung (DVAG), gab schon einen Vor­schuss auf die Rate für kom­mende Saison, damit noch letzte Ver­stär­kungen für den finalen Kampf um den Klas­sen­er­halt geholt werden können. Ein anonymer Privat-Investor wurde um ein Dar­lehen von einer Mil­lion Euro ange­pumpt, damit beim FCK nicht die Lichter aus­gehen.

Vor­stands­spre­cher Hans-Artur Bauck­hage übt sich in Zweck­op­ti­mismus: Ich beschäf­tige mich erst mit dem Abstieg, wenn er besie­gelt ist. Dann holen wir ein weißes Blatt Papier hervor und schreiben alle Zahlen drauf, die uns die neue Geschäfts­grund­lage bietet.“ Nicht nur der Verein hat also ein Pro­blem bei einem sport­li­chen Nie­der­gang, son­dern ganz Kai­sers­lau­tern. Stefan Kuntz, der Kapitän des Meis­ter­teams von 1991, fasst zusammen: Wenn der Verein absteigt, ver­lieren die Leute ihre Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fläche.“

Ein Pfälzer Motto lautet: Was nicht sein darf, kann nicht sein“

Mit Herz­blut, Chuzpe und Ach schleppte sich der Verein mehr als 30 Jahre durch die Bun­des­liga. Noch 1991 war der Mann­schaft eine Remi­nis­zenz an die Gol­dene Ära der fünf­ziger Jahre gelungen: In der Vor­saison akut abstiegs­be­droht, wurde der FCK sen­sa­tio­nell Meister. Kuntz brachte Fritz Walter die Schale, es war die Ver­mäh­lung der Gegen­wart mit der Ver­gan­gen­heit. Kuntz: Den alten Helden das Geschenk machen zu können, dass ihr Verein wieder ganz oben ist – das ist mit Worten nicht zu beschreiben.“

Bis heute herrscht in der Pfalz der Glaube vor, der Abstieg des FCK sei ein Ding der Unmög­lich­keit. Wie der Mensch im Mit­tel­alter sich nicht vor­stellen konnte, dass die Erde eine Kugel sei, über die er frei­händig stol­zierte, glauben die Pfälzer so lange nicht, dass ihr Club absteigt – bis er wirk­lich abge­stiegen ist. Dabei sind sie doch längst gebrannte Kinder. Nor­bert Thines, Prä­si­dent des FCK beim ersten Bun­des­liga-Abstieg 1996, erklärt: Bei uns stirbt die Hoff­nung ganz zum Schluss. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein.“

Erste Risse bekam das Denkmal FCK nach dem Abgang von Stefan Kuntz 1995. Es gelang den Ver­ant­wort­li­chen nicht mehr wie vorher, Spieler auf­zu­bauen, die das Erbe hätten weiter tragen können. In der Saison 1995/96 war die Mann­schaft in Grüpp­chen zer­fallen. Der FCK stieg ab, weil er in der Saison 18 Mal unent­schieden spielte, angeb­lich weil auf dem Betze“ der Rasen zu schlecht war – und er sich einen Abstieg offen­kundig bis zum Schluss nicht vor­stellen konnte.

Der Vor­stand macht seit fünf Jahren schlechte Arbeit und nichts pas­siert“

Axel Roos war dabei. Kein Spieler hat länger als er für den FCK gespielt – 22 Jahre am Stück. Er sitzt im Café Extra­blatt“ und nippt melan­cho­lisch an einem Cap­puc­cino. Roos ist keiner dieser sprich­wört­li­chen Pfälzer Kri­scher“, einem Men­schen­schlag, den man hier häufig antrifft, den ein über­stei­gertes Selbst­be­wusst­sein und sein laut­starkes Auf­treten cha­rak­te­ri­siert. Er ist so, wie er als Spieler war: unauf­fällig, zuver­lässig, ehr­lich. Nach 328 Spielen für seinen Club – zwei Meis­ter­ti­teln und zwei Pokal­siegen – wurde er 2001 aus­ge­bootet. Er ver­ab­schie­dete sich mit den Worten von den Fans: Ich muss gehen, um wie­der­zu­kommen.“

Die Rück­kehr wird ihm nicht leicht gemacht. Gemeinsam mit Demir Hotic und Jürgen Groh hat er dem gegen­wär­tigen Vor­stand um Erwin Göbel vor einem Jahr ange­boten, als Scou­ting-Kom­mando aus­zu­helfen. In den ver­gan­genen fünf Jahren hat der Verein rund 90 Spieler ver­pflichtet, von denen nur ein Bruch­teil die Erwar­tungen erfüllen konnte. Doch der Vor­stand lehnte ab. Begrün­dung: Die Trias um Roos habe allein über die Trans­fers bestimmen wollen und somit vor­ge­habt, einen Staat im Staate zu gründen. Roos fühlt sich von seinem Club allein gelassen: Warum werden bei Bayern die Ex-Spieler inte­griert und aus­ge­rechnet bei uns aus­ge­grenzt?“

Es ist auf­fällig, wie viele alte FCK-Vete­ranen in den Plan­spielen des Vor­standes keinen Platz finden, unab­hängig davon, wer in der Füh­rungs­etage herrscht: Stefan Kuntz wurde sich 2003 mit René Jäggi nicht einig, weil der Vor­stand seine Kom­pe­tenzen in der Arbeits­platz­be­schrei­bung zu sehr beschnitt. Heute wirkt er recht erfolg­reich als Manager beim VfL Bochum. Hans-Peter Briegel schei­terte 1998 an der Hege­monie von Otto Reh­hagel und später als Auf­sichtsrat am mäch­tigen Jäggi, dem die sport­liche Kom­pe­tenz der eins­tigen Walz aus der Pfalz“ offen­sicht­lich suspekt war.

Im Herbst 2007 warf auch FCK-Rekord­tor­schütze Klaus Topp­möller nach wenigen Wochen im Amt des ehren­amt­li­chen Sport­di­rek­tors wieder hin. Angeb­lich, weil der Vor­stand ihm nicht die Spieler zubil­ligte, die er gerne ver­pflichtet hätte. Der­zeit ver­sucht der 66-jäh­rige Ex-FCK-Profi Fritz Fuchs, die sport­li­chen Belange des Ver­eins zu managen. Prä­si­dent Erwin Göbel, lang­jäh­riger Con­troller des Ver­eins und dem Ver­nehmen nach Fan von Ein­tracht Frank­furt, setzte die frag­wür­dige Tra­di­tion seines Vor­gän­gers Jäggi fort und führt ohne For­tune und sport­li­ches Geschick. Axel Roos sagt: Wenn ich als Spieler fünf Spiele in Folge schlecht war, saß ich auf der Bank, wenn ein Vor­stand fünf Jahre schlecht arbeitet, pas­siert nichts.“

Wie so oft dräute im Zenit des Erfolgs am Hori­zont der Nie­der­gang

Den letzten unzwei­fel­haft sport­lich kom­pe­tenten Vor­stand lei­tete nach dem Abstieg 1996 der ehe­ma­lige FCK-Kapitän Jürgen Atze“ Fried­rich. Um ihn und den Kon­kurs­ver­walter Dr. Robert Wie­sche­mann grup­pierte sich das Team Pro­fes­sio­nelle Zukunft“. Die Truppe bug­sierte auf der Mit­glie­der­ver­samm­lung am 9. Juli 1996 Nor­bert Thines aus dem Amt und teilte in einer neu geschaf­fenen Struktur – der Vor­stand sollte fortan nur noch reprä­sen­tieren, der Auf­sichtsrat ent­scheiden – die Posten unter sich auf.

Mit seinem Ver­hand­lungs­ge­schick gelang es Fried­rich, den in Mün­chen geschassten Otto Reh­hagel nach Kai­sers­lau­tern zu lotsen: Ich weiß, Otto, bei Bayern haben sie dich gerade rasiert, und wir spielen nur 2. Liga. Aber ich sag’ dir, das wird gut.“ Otto fand das auch – und es wurde sogar noch besser. Mit einem gefes­tigten Kader war das Jahr 2. Liga ledig­lich Form­sache. Die Mit­glie­der­zahl des FCK stieg auf über 7500, und in der Saison 1997/98 wurde der Club nach einem Par­force­ritt als erster Verein der Bun­des­li­ga­ge­schichte nach dem Auf­stieg Deut­scher Meister.

Kai­sers­lau­tern lag Fried­rich zu Füßen. Doch wie so oft bei Erfolgs­ge­schichten mit epo­chalen Aus­maßen dräute auch hier am Hori­zont schon der Nie­der­gang – der des FCK und sein per­sön­li­cher. Im Februar 2008, keine zehn Jahre später, sitzt Fried­rich mit seinem ehe­ma­ligen Auf­sichts­rats­vor­sit­zenden Wie­sche­mann in dessen schmuck­losem Büro unter­halb der Auto­bahn in einem Indus­trie­viertel von Kai­sers­lau­tern. Regale voll mit Akten­ord­nern. Eine Sekre­tärin mit tou­pierten Haaren steht am Kopierer. Wie­sche­mann raucht Marl­boro. Zwei Ordner liegen auf dem Tisch: Die minu­tiöse Doku­men­ta­tion eines der spek­ta­ku­lärsten Pro­zesse in der Bun­des­liga-Geschichte.

Fried­rich und Wie­sche­mann sehen sich als Opfer eines Jus­tiz­irr­tums. Für viele in Kai­sers­lau­tern gelten sie jedoch als die Toten­gräber des Ver­eins. Groß­manns­sucht und Grö­ßen­wahn hat man ihnen vor­ge­worfen. 2005 ver­ur­teilte das Land­ge­richt Kai­sers­lau­tern Fried­rich zu einer Haft­strafe wegen Steu­er­hin­ter­zie­hung auf Bewäh­rung, Wie­sche­mann wegen Bei­hilfe zu einer Geld­strafe. Der Grund: Bei Trans­fers von Spie­lern wie Taribo West, Lin­coln oder Jeff Strasser wurden Zah­lungen für Per­sön­lich­keits­rechte ins Aus­land fällig, die nach Auf­fas­sung des Gerichts zum Teil unver­steuert wieder in die Taschen der Spieler gewan­dert seien.

Die Gerichte gingen davon aus, dass die Ange­klagten dieses Ver­fahren aktiv genutzt hätten, um hoch­ka­rä­tige Spieler zu einem deut­lich ver­rin­gerten Gehalt in die struk­tur­schwache Pfalz zu locken. Durch diesen Bau­erntrick hofften sie, mit den großen Clubs mit­zu­halten. Ein Steuer­de­likt: ver­deckte Gehalts­zah­lungen. Das Gericht stützte sich dabei vor allem auf Zeu­gen­aus­sagen unter anderem von Taribo West. Fried­rich führte die Ver­hand­lungen mit Spie­lern fast immer allein.

Fried­rich und Wie­sche­mann weisen jeg­liche Schuld von sich, schließ­lich hätten sie stets im Inter­esse des Clubs gehan­delt, und die Zah­lungen seien offi­ziell durch die Bücher des Ver­eins gelaufen. In seiner Urteils­er­klä­rung beschei­nigte das Gericht den Ange­klagten zumin­dest, sich nicht per­sön­lich berei­chert zu haben. Fried­rich sagt: Wir waren immer der Mei­nung, nach unserem recht­li­chen und kauf­män­ni­schen Emp­finden das Rich­tige zu tun – aber das war ein Irr­glauben. Taribo West war doch infor­miert und hat es auch unter­schrieben: Nach Para­graf IV erhält der Spieler von diesen Zuwen­dungen nichts.“

Die per­sön­li­chen Folgen des Urteils waren ver­hee­rend: Fried­rich musste die Pri­vat­in­sol­venz antreten, sein Sohn flüch­tete aus Angst vor Anfein­dungen nach Bra­si­lien. Wie­sche­manns Ruf als inte­grer Anwalt war fortan ebenso ange­knackst wie seine Gesund­heit. Noch heute wird seine Enkel­tochter von Mit­schü­lern gehän­selt, das Auto, das ihr Vater fahre, gehöre dem FCK. Klein­städte können grausam sein.

Lesen Sie am Montag im zweiten Teil: Wie Lau­tern trotz Stars wie Mario Basler und Michael Bal­lack in die Krise stürzte und wie der aktu­elle Vor­stand doch noch die Kurve kriegen will.