Casual Friday in Kroa­tien. Vlado Kasalo trägt Son­nen­brille, Jeans, Après-Ski-Dau­nen­jacke und signal­rote Turn­schuhe. Er fährt mit seinem schwarzen BMW 318 durch Zagreb, als gehöre ihm die Stadt. Und ein biss­chen ist das auch so. Wenn er den Wagen parkt, kommen die Men­schen zu ihm und rufen Hallo, Vlado!“, Vlado legt dann seinen Arm um sie und fragt: Mein Freund, was macht das Leben?“ Er ist der König von Zagreb.

In einem Fisch­re­stau­rant trifft er seinen alten Kumpel Ivo Cicic, halb­langes zurück­ge­kämmtes Haar, auf­ge­wachsen in Berlin, früher Gast­wirt, heute Chef eines Zagreber Wett­büros. Am Mak­simir-Sta­dion klatscht er mit Zoran Mamic ab, auch ein ehe­ma­liger Bun­des­li­ga­spieler, VfL Bochum und Bayer Lever­kusen, jetzt Trainer von Dinamo Zagreb. Und ein paar Straßen weiter winkt Nana, die beste Fri­seurin von allen“, wie der König sie nennt, seit 27 Jahren schneidet sie ihm bereits die Haare. Vlado, oh, Vlado“, sagt sie, er kennt hier alle“, und Vlado lächelt. Dann geht er in ihren Salon und lässt sich ein wenig die Kopf­haut mas­sieren. Als er zahlen möchte, winkt Nana ab, das passt schon. Küss­chen links, Küss­chen rechts, wir sehen uns, Schätz­chen. Dieser Kasalo wirkt wie die leicht über­zeich­nete Figur eines Balkan-Krimis: Alle Geschäfte erle­digt? Klar! Also Son­nen­brille auf und den Fuß wieder aufs Gas­pedal. Eine Hand am Steuer und immer auf der Suche nach dem nächsten Über­hol­ma­növer.

Noch hat Kasalo viel Frei­zeit, denn erst in zwei Wochen beginnt sein neuer Job. Er wird als Scout und Spiel­ana­ly­tiker bei Dinamo arbeiten, irgendwas Gere­geltes müsse er ja machen, sagt er. In ein paar Tagen will er sich zwar auch einen 5er BMW kaufen, in Weiß, noch ein biss­chen dicker, noch ein biss­chen breiter als der, den er schon hat. Aber immer nur mit dem Auto rum­fahren, und sei es als König von Zagreb – das kann nicht alles sein.

Kasalos Welt besteht aus Gegen­sätzen und Extremen

Und wo sollte er wieder ins Fuß­ball­ge­schäft ein­steigen, wenn nicht bei Dinamo? Hier spielte er als Profi, hier war er später Sport­di­rektor und Jugend­trainer. Und selbst wenn er kein Amt aus­übte, traf man ihn jede Woche irgendwo im Umlauf des Mak­si­mirs. Bei wich­tigen Spielen saß er mit seinen Freunden in der VIP-Loge, bei Trai­nings­ein­heiten stand er am Zaun, mit zwei Schach­teln Ziga­retten und einer Menge Geschichten in petto, zwi­schen Kie­bitzen und anderen eins­tigen Dinamo-Helden. So ist Leben!“, sagt Kasalo. Leben ist scheiße!“ Das sagt er ziem­lich oft, dabei meint er es nicht so, denn eigent­lich läuft es gerade wieder mal ganz gut. Die Sache ist nur: Kasalos Welt besteht aus Gegen­sätzen und Extremen. Aus Top oder Flop, Freund oder Feind, super oder scheiße.

» Kasalos Kar­riere in Bil­dern

Am 5. April 1991 lief es erst auch total super und dann total scheiße. Kasalo saß in seinem Lieb­lingsca­sino und fühlte sich wie der König von Nürn­berg. Er hatte auf diesem Platz schon einmal 270 000 Mark ver­loren, doch an jenem Frei­tag­abend fielen die Barbut-Würfel, wie er wollte. Kasalo gewann einen fünf­stel­ligen D‑Mark-Betrag und riss jubelnd die Arme in die Luft. Plötz­lich zuckte er zusammen. Hände hoch!“, rief jemand, Kasalo drehte sich um und blickte in die Pis­to­len­läufe der Poli­zisten. Ich habe sie doch schon oben!“, stam­melte er. In der rechten Hand hielt er den Geld­batzen, in seiner linken den Wür­fel­be­cher. Wo Kasalo ist, ereignen sich Film­szenen. Diesmal: Good­fellas“ in Nürn­berg.

Nürn­berg, der Gol­dene Westen

Er war im Sommer 1989 für die Rekord­ab­löse von 1,3 Mil­lionen Mark aus Zagreb zum Club gewech­selt. Franz Becken­bauer hatte den Jugo­slawen emp­fohlen. Den könnt ihr blind nehmen“, hatte er gesagt, und Nürn­bergs Prä­si­dent Gerd Schmelzer glaubte, einen richtig dicken Fisch“ gean­gelt zu haben. In der Tat war Kasalo bis dahin eine große Nummer in seiner Heimat gewesen. Bei Dinamo galt er als einer der Top­stars, er war Jugo­sla­wiens Hoff­nung für die WM 1990 und hatte in Kiew neben Zico und Claudio Gen­tile in der Welt­aus­wahl gespielt. Nun also Deutsch­land, Nürn­berg, Mit­tel­franken, der Gol­dene Westen.

Als er zu Ver­trags­ver­hand­lungen in Schmel­zers Büro saß, stellte er zur Über­ra­schung seines Bera­ters For­de­rungen. Ich will 30 000 Mark pro Monat und das­selbe Auto haben wie Sie“, sagte er zum Club-Prä­si­denten, wäh­rend der Berater in seinem Sessel ver­sank. Für Kasalo hin­gegen war das ein bekanntes Spiel­chen, schon immer hatte er seine Deals aus­ge­zockt. Bei seinem zweiten Pro­fi­verein, Olim­pija Osijek, unter­schrieb er nur, weil der Trainer ver­si­cherte, ihm eine beson­ders teure Leder­jacke zu kaufen. Als nun der Berater beschwich­tigen wollte, lachte Schmelzer laut auf und sagte: Kein Pro­blem, mein Freund!“, und Kasalo, der in Osijek ohne Vater als Sohn einer Kurier­dienst­fah­rerin auf­ge­wachsen war, der sich in seiner frühen Kar­riere mit Super­markt-Bons statt mit regel­mä­ßigen Gehäl­tern durch­ge­schlagen hatte, sah mit einem Mal, dass er es in Deutsch­land zu etwas bringen könnte. Zumin­dest auf der Straße. Fortan fuhr er mit einem Mer­cedes-Coupé 300 durch die Stadt, kaufte sich Schuhe für 800 Mark, Anzüge für 1500 Mark und, wenn noch Geld übrig war, ein paar gol­dene Rolex für seine Freunde.

Die Presse spot­tete über den Mil­lionen-Fehl­ein­kauf

Doch sport­lich lief es über­haupt nicht. Nie­mand ver­stand ihn, und er ver­stand nie­manden. Mit Sou­leyman Sané spielte anfangs nur ein wei­terer Aus­länder in Nürn­berg, doch der lebte schon über fünf Jahre in Deutsch­land. Und wäh­rend sich der Sene­ga­lese bei Mann­schafts­abenden mit den Mit­spie­lern Witze erzählte, ver­schwand Kasalo so schnell wie mög­lich in seine über­di­men­sio­nierte Woh­nung, schal­tete den Fern­seher ein und dachte, dass ihm die anderen mal den Buckel run­ter­rut­schen könnten, schließ­lich lebte er wie ein König.

Nach fünf Spielen ver­letzte sich Kasalo so schwer, dass er einige Monate aus­fiel. Wäh­rend die Presse über den Mil­lionen-Fehl­ein­kauf herzog, pen­delte Kasalo zwi­schen Reha-Klinik und Ein­kaufs­pas­sage. Er fuhr jedoch ohne gül­tigen Füh­rer­schein, und die Poli­zisten in Deutsch­land waren aus anderem Holz als die in seiner Heimat. Als sie Kasalo zum dritten Mal erwischt hatten, musste er 25 300 Mark Strafe zahlen. Zudem bekam er eine ein­jäh­rige Bewäh­rungs­strafe.

Also ging es zu Fuß durch die fremde Stadt, in Dis­ko­theken und Bars, in Bou­ti­quen und Cafés. Wenn ihn Frauen anspra­chen, zeigte er ihnen seine Uhren und seine Schuhe, und wenn Jour­na­listen fragten, ob er Zeit für ein Inter­view habe, sagte er: Natür­lich, mein Freund!“, und lederte los. Einmal erzählte er, dass es für ihn keine Ehre sei, bei der WM 1990 für Jugo­sla­wien zu spielen. Ivica Osim strich ihn prompt aus dem Kader. Ein anderes Mal fragte ihn ein Radio­mo­de­rator, ob er sich als Jugo­slawe fühle. Kasalo ant­wor­tete, dass er einen jugo­sla­wi­schen Pass habe, doch im Herzen ein Kroate sei. Kurze Zeit später lernte er in der Stadt ein paar Männer kennen. Vlado, wir sind Kroaten, so wie du“, sagten sie, und Kasalo ging mit ihnen.

Viel­leicht wäre vieles auch dann schief­ge­laufen, wenn er damals nicht mit­ge­gangen wäre. Viel­leicht aber bedeu­tete dieser Moment den Anfang vom Ende in Deutsch­land. Denn Kasalo fand sich bald in einer Halb­welt aus ver­rauchten und schlecht beleuch­teten Hin­ter­zim­mern wieder. Einer wieder mal film­reifen Kulisse, in der Männer mitt­leren Alters kurz vor dem Unter­gang mit Armani-Anzügen und Man­schet­ten­knöpfen posierten, bevor sie in Schuppen mit Namen wie Tro­pi­cana“ oder Monte Carlo“ ihre letzten Geld­re­serven in Auto­maten steckten und wieder mal ver­geb­lich auf die drei Kir­schen war­teten.

Kasalo fas­zi­nierte diese Welt natur­gemäß. Sie war anders als die heile und immer­gleiche Welt der Mann­schafts­abende, wo seine Mit­spieler Schaf­kopf um ein oder zwei Mark spielten. Als er einmal mit einem Ver­band an der Hand auf der Geschäfts­stelle erschien, fragte ihn sein Trainer Her­mann Ger­land, was pas­siert sei. Bin die Treppe run­ter­ge­fallen!“, ant­wor­tete Kasalo. In Wahr­heit hatte er sich geprü­gelt, im Tro­pi­cana“ oder im Monte Carlo“, so genau erin­nert er sich nicht mehr. Er weiß nur, dass ihm mal wieder jemand dumm gekommen war.

Eins, zwei, Polizei, drei, vier, Gre­na­dier“

Ich bin ein Kinds­kopf“, sagt Vlado Kasalo und fährt den BMW vorbei am Natio­nal­theater und am Mimara-Museum. Er ist 51 Jahre alt, 1,86 Meter groß, inzwi­schen bringt er fast 100 Kilo auf die Waage. Er hat breite Schul­tern, kan­tige Gesichts­züge, aber er hat Recht: Das Kind ist immer noch da. Wenn ihm etwas in den Sinn kommt, spricht er es sofort aus. Wort­fetzen, Halb­sätze, Asso­zia­ti­ons­ketten. Schweigen erträgt er nicht. Ich liebe Deutsch­land!“, sagt er, und dann folgt ohne ersicht­li­chen Grund der 77er-Kader des HSV: Kargus, Kaltz, Meme­ring, Nogly, Magath, Rei­mann, Vol­kert … Keegan!“ Dann plötz­lich Fragen nach alten Weg­ge­fährten. Was macht Gerd Schmelzer? Was macht Dieter Eck­stein?“, Namen, die auf einer Zagreber Stadt­au­to­bahn wohl noch nie gefallen sind. Tempo, Tempo, Höl­len­tempo, da hinten die Lücke, rechts, dann links, noch einmal über­holen, Gelächter. Mein Freund, alles Spaß!“

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Schließ­lich zündet Kasalo sich die sieb­zehnte Ziga­rette an diesem Tag an und setzt wei­tere Bruch­stücke seiner Ver­gan­gen­heit zusammen: wilde Partys in Ber­liner Dis­ko­theken, aus­ufernde Shop­ping­touren am Ham­burger Neuen Wall und ein Lied, das er damals ganz gerne mochte: Eins, zwei, Polizei, drei, vier, Gre­na­dier.“ Ein Euro-Dance-Hit aus den frühen Neun­zi­gern von der Gruppe Mo-Do.

Waren die Glücks­spiele illegal?

Er klopft den Rhythmus aufs Lenkrad, und erst als er den Wagen vor seinem Haus auf den Hof fährt, ist es kurz still und er für einen Moment ganz klar. Die Film­szenen aus dem Tro­pi­cana“ und Monte Carlo“, jetzt sieht er sie deut­li­cher: Spiel­karten auf grünen Tischen, die lauter wer­denden Signal­töne der Slot­ma­chine, vor ihm Scheine in der Geld­klammer, neben ihm mal keine Freunde, mal echte Freunde, mal fal­sche Freunde. Typen, die in Deutsch­land gestrandet waren, einige aus Zagreb, andere aus Split, Typen, von denen es später hieß, dass sie in den Krieg gezogen seien. Doch sie alle küm­merten sich um ihn, und, was noch viel wich­tiger war, sie schauten zu ihm auf. Das war nicht illegal“, sagt Kasalo. Er legt den Kopf in den Nacken und holt Luft. Wieder Gelächter, so laut, als wolle er das, was er jetzt sagt, ein­fach über­tönen. Also ganz schnell: Aber auch nicht legal!“

Er steigt aus und betritt das Haus, hier lebt er mit seiner zweiten Frau Kata­rina und Vito, ihrem gemein­samen sechs­jäh­rigen Sohn. Im Wohn­zimmer ein Leder­sofa, ein Flach­bild­fern­seher, eine Wand in Vio­lett, Bilder in Gold­rahmen, ein paar Pokale in einer Glas­vi­trine. Guck hier“, sagt Kasalo und zeigt auf ein Bild vom ersten Spiel der kroa­ti­schen Natio­nal­mann­schaft gegen die USA. Es fand am 17. Oktober 1990 statt, und der FCN verbot ihm damals, zum Spiel zu reisen. Kroa­tien war noch keine aner­kannte Nation, wes­halb die Ver­si­che­rung für die Reise keine Haf­tung über­nahm. Er scherte sich nicht darum und ver­schwand. Kroa­tien gewann 2:1. Es war das wich­tigste Spiel meiner Kar­riere!“, sagt Kasalo. Als er nach Nürn­berg zurück­kehrte, musste er 25 000 Mark Strafe zahlen. Er hätte auch 200 000 Mark bezahlt, sagte er später mal. Heute sagt er: Das ist Leben. Leben ist scheiße.“

Die ganz große Scheiße begann am 16. März 1991, als Vlado Kasalo gegen den VfB Stutt­gart ein Eigentor köpfte. Zwar bezeich­nete ihn der Kicker“ da noch als den Herrn der Lüfte“ und gab ihm die Note 2, doch weil Kasalo eine Woche später beim Karls­ruher SC wieder ins eigene Tor traf, kur­sierten nach dem Spiel Gerüchte. Es hieß, Kasalo habe die Eigen­tore erzielt, um seine Schulden bei der kroa­ti­schen Wett­mafia zu zahlen. Wenn das Absicht war, kann er im Zirkus auf­treten“, sagte Otto Reh­hagel damals. Tat­säch­lich war das zweite Eigentor akro­ba­tisch: Kasalo setzte den Ball mit dem Hin­ter­kopf in den Winkel.

Große Pech für mich“

Doch auch Reh­hagel konnte Kasalo nicht retten. Der Spieler selbst machte sogar alles noch schlimmer. Einem Anpfiff“-Reporter ver­suchte er mit seinen paar Bro­cken Deutsch seine Situa­tion zu erklären. Große Pech für mich“, sagte er. Jetzt für mich: ein biss­chen Angst.“ Ein biss­chen Angst?, fragte man sich in Nürn­berg. Vor wem denn?

Es dau­erte keine Woche, bis sich in der Presse alles ver­mischte, was man bis­lang über den Jugo­slawen zu wissen glaubte: die dicken Autos, die ver­rauchten Casinos, die schönen Frauen, die langen Haare, das viele Bar­geld. Am Ende stand das Kli­schee: Jugo-Betrugo. Nachdem die Poli­zisten Kasalo am 5. April 1991 wegen des Ver­dachts auf Spiel­ma­ni­pu­la­tion aus dem Casino gezerrt hatten, entzog der DFB ihm seine Spiel­er­li­zenz, der FCN sus­pen­dierte ihn, und weil Flucht­ge­fahr bestand, musste er seinen Rei­se­pass abgeben und sich jeden Tag auf der Poli­zei­wache melden.

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Wir hatten Hin­weise bekommen“, sagte Sven Oberhof, damals Inte­rims­prä­si­dent beim 1. FC Nürn­berg. Was für Hin­weise?“, fragt Kasalo heute, über 20 Jahre später. Wo hätte ich denn wetten sollen?“, fragt er und zählt auf: Füh­rer­schein? Okay, scheiße! Glücks­spiel? Ja, auch das, scheiße! Aber Wett­mafia? Nie­mals!“ Die Anklage stützte sich auf den Hin­weis eines Taxi­fah­rers. Dieser hatte nach der Nie­der­lage gegen den KSC zwei Gäste gefahren, die sich über die Eigen­tore freuten. Sie sollen zuvor Geld auf eine Nürn­berger Nie­der­lage gesetzt haben. Die Anklage wurde fal­len­ge­lassen, weil es kei­nerlei Beweise gab“, sagt Kasalos dama­liger Anwalt Mat­thias Prinz heute.

Was soll man denn tun, wenn Krieg ist?“

Es ist Abend geworden in Zagreb. Vlado Kasalo hat sich umge­zogen und fährt zu einem Freund, der in einem Schre­ber­garten eine kleine Party schmeißt. Es gibt Fleisch und Bier. Ich bin ver­mut­lich der ein­zige Fuß­ball­profi, der nichts hatte, als er aus dem Westen heim­kehrte“, sagt er. Kasalo ver­ließ Deutsch­land im Sommer 1991 mit 50 000 Mark Schulden. Doch auch in Zagreb kam er nicht zur Ruhe. Weil in Kroa­tien gerade Krieg herrschte, schnappte sich Kasalo eine Waffe und patrouil­lierte als Soldat durch die Stadt. Zwei Cou­sins und sein Paten­onkel waren ermordet, Bekannte ver­schleppt worden. Da stand er nun, immer auf der Hut, immer in Sorge, dass gleich die Serben ein­mar­schieren würden, und nachts weinte er sich in den Schlaf. Wie kann ich das erklären?“, fragt er nun. Was soll man denn tun, wenn Krieg ist?“ 

Als er auf­steht, sieht dieser große Mann wieder aus wie ein Schul­junge, naiv, gut­gläubig, eupho­risch und immer auf dem Weg, auch dorthin, wo er nicht hätte hin­gehen sollen. Heute würde er den Krieg am liebsten in einen großen Sack ste­cken und hinter dem Haus ver­graben. Doch es ist, wie es ist: Was man behalten will, ver­gisst man, was man ver­gessen will, behält man. Ich war nicht poli­tisch, ich hasse weder Mus­lime oder Serben“, sagt er dann. Ich war doch nur loyal.“

Seine Son­nen­brille war teurer als alles andere in der Kabine“

Eigent­lich hatte Kasalo damals seine Fuß­ball­schuhe bereits an den Nagel gehängt. Doch dann, im Sommer 1992, kam der Anruf von Josip Kuze. Vlado, mein Freund, ich brauche dich hier!“, sagte der Trainer, der kurz zuvor beim FSV Mainz 05 ange­fangen hatte. Kasalo ließ sich über­zeugen, und auf einmal stand er wieder in der Kabine einer deut­schen Fuß­ball­mann­schaft. Auf den ersten Blick hatte sich nichts ver­än­dert, denn Kasalo war schon wenige Tage nach seiner Ankunft bei Ver­sace shoppen gegangen. Schon seine Son­nen­brille war teurer als alles andere in der Kabine“, sagt sein ehe­ma­liger Mit­spieler Guido Schäfer. Zudem gerieten die ersten Trai­nings­ein­heiten zur Tortur, denn Kasalo, eben noch Soldat, machte nach zwei Runden schlapp und schlief manchmal auf der Mas­sa­ge­bank ein.

Und doch war es beim Zweit­li­gisten anders als in Nürn­berg. Zum einen spielte er bald so gut, dass er mehr­mals in die Kicker“-Elf der Woche und des Monats gewählt wurde. Außerdem fand er mit Schäfer einen Ver­bün­deten. Die langen Haare, sein Mer­cedes 500, die Schuhe, er war ver­dammt cool“, sagt Schäfer. Wir hielten nach Frauen Aus­schau und gingen zusammen shoppen.“ Einmal kauften sie sich dabei Handys, so groß wie Fax­ge­räte. Sie kos­teten über 1000 Mark. Anrufen konnten sie sich aber nur gegen­seitig, denn die Appa­rate waren die ein­zigen, die bis dahin in Mainz im Umlauf waren.

An den Abenden nahm Kasalo seinen neuen Freund mit in eine Welt, die dieser bis dahin nicht kannte. In den kroa­ti­schen Cafés war er geachtet und gefürchtet“, sagt Schäfer. Ich habe ihn nie darauf ange­spro­chen, doch es war klar, dass Vlado Kon­takte in Kreise hatte, die wir anderen viel­leicht nur aus dem Kino kannten.“ Als einmal bei einem Aus­wärts­spiel bei Tennis Borussia Berlin in die Kabine ein­ge­bro­chen wurde, fragte Kuze, ob jemand etwas ver­misse. Kasalo mel­dete sich: Ja, Trainer, 25 000 Mark sind weg.“ Schäfer und die anderen guckten irri­tiert, doch Kasalo zog die Schul­tern hoch. Er sagte, er habe so viel Bar­geld bei sich gehabt, um später mit seinem Vater im KaDeWe shoppen zu gehen.

Als Suker in Mainz bril­lierte

Doch in Mainz ver­zieh man ihm das wilde Leben, auch weil Kuze große Stücke auf seinen Lands­mann hielt und die rest­li­chen Spieler den Kroaten wegen seiner Leis­tung respek­tierten. Sie fei­erten in großen Runden Siege und Geburts­tage, und einmal brachte Kasalo Julischka mit, eine kroa­ti­sche Likör­spe­zia­lität, die viele Mit­spieler derart berauschte, dass sie sich damit am Ende des Abends gegen­seitig ein­rieben. Sie trai­nierten zusammen wie eine Mann­schaft von Freunden, Steffen Herz­berger, Guido Schäfer, Thomas Zam­pach, und manchmal kam ein guter Freund Kasalos vorbei und tun­nelte Holger Grei­lich oder schoss Ste­phan Kuh­nert mit ins Tor. Als der Mainzer Jürgen Klopp erstaunt fragte, ob der Unbe­kannte auch Fuß­ball­profi sei, ant­wor­tete Kasalo: Das ist mein Kumpel aus Zagreb, er ist gerade nach Sevilla gewech­selt. Merk dir seinen Namen: Davor Suker!“ 

Die Mann­schaft been­dete die Saison 1992/93 auf Rang zwölf, und eigent­lich hätte es immer so weiter gehen können. Doch eines Nachts, im Früh­jahr 1994, als Vlado Kasalo nicht ein­schlafen konnte, riss er einen Koffer aus dem Schrank und packte seine Sachen. Er setzte sich ins Auto und fuhr gen Süd­osten, immer weiter, bis er in Zagreb ankam. Ein paar Tage später erreichte Kuze ihn am Telefon. Wo bist du?“ – Zagreb!“ – Warum?“ – Keine Lust mehr!“ – Komm bitte zurück!“ – Nein!“ Kuze bot ihm noch an, mit nach Japan zu gehen, für die schnelle Mil­lion in einer Liga, wo Kasalo wieder mal einer der Super­stars gewesen wäre. Doch auch das Angebot lehnte Kasalo ab. Am nächsten Tag stellte sich Kuze vor die Spieler: Der Vlado kommt jetzt nicht mehr!“ Es war das letzte Mal für viele Jahre, dass sie seinen Namen hören sollten.

So bin ich halt“

Warum er abge­hauen ist, kann er bis heute nicht erklären. Irgendein wirrer Gedanke in der Nacht. Die Angst davor, dass es nicht mehr scheiße, son­dern gut werden könnte. Das Kind, das wei­ter­rennen muss, egal wohin. Der Wunsch, alles wieder auf eine neue Karte zu setzen. So bin ich halt“, sagt er, und dann ist es zum zweiten Mal an diesem Tag kurz still.

Zurück in Kroa­tien wurde er Sport­di­rektor bei Dinamo, doch kurze Zeit später ging wieder einiges schief. Er bekam Geld­pro­bleme und war kein König mehr. Eines Tages wurde er wegen Waf­fen­be­sitzes ver­haftet. Bald war es auch der kroa­ti­schen Justiz zu bunt. Kasalo musste für ein Jahr ins Gefängnis. Wäre ich bloß nach Japan gegangen“, sagt Kasalo heute. Dann wäre das nicht auch noch pas­siert.“

Alles super, mein Freund, alles super“

Erst in den ver­gan­genen Jahren ist er ein wenig zur Ruhe gekommen. Auch wegen Kata­rina und Vito. Jetzt noch der Job als Scout, alles super, mein Freund, alles super“, findet Kasalo. Er öffnet ein Dosen­bier und prostet seinen Kum­pels zu, die ihn in die Mitte genommen haben, damit sie ja nichts ver­passen von seinen Geschichten. Von dem Mann, über den man in Deutsch­land immer noch redet. Manchmal jeden­falls.

Danach wieder die Straße, die Lichter, die Nacht, eine Hand am Steuer und Mo-Do im Ohr. Eins, zwei, Polizei. Später noch ein Likör in einer Bar. Auf dem Bild­schirm eine Zweit­li­ga­partie aus Por­tugal. Neu­lich hätte er bei­nahe im Euro-Lotto gewonnen, sagt Kasalo. Es fehlte nur eine Zahl, dann wäre er Mul­ti­mil­lionär gewesen. Es fehlte nur eine ver­dammte Zahl, doch sie kam nicht. Alles scheiße, mein Freund.