Als Chris­tian Rahn aus der Dusche des Lau­gard­als­völlur trat, blinkte das Mobil­te­lefon. Wieder und wieder erzit­terte das Gerät unter den ein­tref­fenden Text­nach­richten. Fragen aus Deutsch­land: Was ist bei euch denn los?“ Wart ihr wirk­lich so schlecht?“ Ein karges Unent­schieden auf Island. Mit Ruhm hatte sich die DFB-Elf wahr­lich nicht bekle­ckert. Aber was beun­ru­higte seine Bekannten so? Dann öff­nete jemand die Tür der Umkleide und Rahn ahnte, was die Bot­schaften aus der Heimat zu bedeuten hatten. Wenige Meter von der Kabine ent­fernt, hatte die ARD ihr TV-Studio auf­ge­baut, und von dort hörten die Natio­nal­spieler ihren sonst so gelas­senen Team­chef live vor den Kameras wüten: So ein Käse. Ich halte das nicht mehr aus, ich bin keiner, der hier an seinem Sessel fest­klebt wie der Rib­beck oder Vogts früher. Ihr müsst mal end­lich vom hohen Ross run­ter­kommen, früher … Was hat denn der Günter früher für einen Scheiß gespielt? Stand­fuß­ball war das. Alles in den Dreck zu ziehen, ist für mich unterste Schub­lade.“

Rudi Völler spuckte die Sätze wie Ver­schim­meltes aus. Aus seinen Augen blitzte die kalte Abscheu, die deut­sche Fans zuletzt im WM-Ach­tel­fi­nale 1990 gesehen hatten, als Frank Rij­kaard im San Siro eine Spei­chel­salve in Völ­lers Locken­pracht ver­senkt hatte. Sein Käse­scheiß­dreck-Monolog von Reyk­javik ging als Weiß­bier-Rede“ in die Geschichte ein. Zehn Jahre ist das jetzt her. Doch die Vor­stel­lung von einer Natio­nalelf unter dem Trainer Rudi Völler fühlt sich sehr viel weiter ent­fernt an.

Sep­tember 2003. Die DFB-Elite reiste noch in wal­lenden Trai­nings­an­zügen aus Bal­lon­seide, statt in Maß­an­zügen. Die Regeln dik­tierte der anti­quierte Ver­band. In den Quar­tieren alt­her­ge­brachter Jugend­her­bergs­muff: Aus­gangs­sperre und fest­ge­schrie­bene Bett­ruhe. Die Öffent­lich­keit ver­langte nicht nach Titeln, man war froh, wenn das Team seine Würde behielt. Und im Ver­gleich zu den Fab Four, die Jogi Löw heute in seiner Abwehr rotieren lässt, las sich die Vie­rer­kette beim EM-Quali-Spiel in Island wie ein Bau­trupp auf Dienst­fahrt: Bau­mann, Wörns, Rahn, Fried­rich. Blei­erne Zeit des deut­schen Fuß­balls, so kurz nach dem tra­gi­schen EM-Sommer 2000. Spiele so pixelig wie die neu­mo­di­sche Digi­tal­fo­to­grafie. Rum­pel­fuß­ball. Im kol­lek­tiven Gedächtnis sind die Völler-Jahre eine ver­ges­sene Ära. Eine Periode, aus der Ereig­nisse wie die Wut­rede noch her­aus­ste­chen: Tief­punkt, nied­riger Tief­punkt und noch n nied­ri­gerer Tief­punkt! Das ist eine Sauerei.“

Völler sollte für bes­sere Stim­mung sorgen

Völ­lers Regent­schaft als lose Auf­ein­an­der­folge von Stil­blüten zu klas­si­fi­zieren, fällt nicht schwer: bla­mable Freund­schafts­spiele gegen Rumä­nien (1:5 am 28. April 2004 in Buka­rest) oder Ungarn (0:2 am 6. Juni 2004 in Kai­sers­lau­tern). Das sieg­lose Aus bei der EM 2004 in Por­tugal, wo die Tsche­chen eine 1:0‑Führung der DFB-Elf drehten und selbst die Letten nicht zu schlagen waren. Und natür­lich das his­to­ri­sche 1:5 in der Qua­li­fi­ka­tion zur WM 2002 am 1. Sep­tember 2001 in Mün­chen. Völ­lers Vater Kurt erlitt auf der Tri­büne des Olym­pia­sta­dions eine Herz­at­tacke. Schwer zu beur­teilen, wie sich die Medien nach dem Kan­ter­sieg der Briten ver­halten hätten, wenn der Sport nicht durch den Schick­sals­schlag zur Neben­sache geworden wäre.

Dietmar Hamann bringt diese nega­tive Lesart der Ägide eher zum Lachen. Seit 15 Jahren lebt er in Eng­land. Im Sep­tember 2011 stand sein Telefon nicht mehr still. Bri­ti­sche Medien wollten ihn zum Jah­restag des Münchner Fiaskos spre­chen. Das ist das Pro­blem des eng­li­schen Fuß­balls“, sagt er und es schwingt der coole Prag­ma­tismus mit, mit dem die Natio­nalelf kurz nach der Jahr­tau­send­wende zu Werke ging, sie klam­mern sich zehn Jahre später an einen Sieg in der WM-Quali, der zwei Tore zu hoch aus­fiel. Und als wir in Yoko­hama im WM-Finale standen, saß ihr Team schon seit zwei Wochen wieder zu Hause vorm Fern­seher.“ Mit jeder Faser seiner 1,91 Meter ver­kör­pert Hamann die opti­mis­ti­sche Seite der Völler-Ära. Er war kein Spieler für die Galerie, kein Zau­berer, kein Ästhet. Aber sein Tor beim 1:0‑Hinspielsieg gegen die Eng­länder in der WM-Quali war ein Erwe­ckungs­mo­ment für Völ­lers Team.

Geburts­stunde einer Schick­sals­ge­mein­schaft

Der Team­chef war erst acht Wochen im Amt. Das letzte Match im alten Wembley­stadion im Oktober 2000. Die große Frage: Würden die in ihrem Selbst­wert­ge­fühl tief getrof­fenen Deut­schen in der Arena über­haupt ein Bein auf den Boden bekommen? Doch dann sorgte aus­ge­rechnet der ner­vöse Schlaks auf der Staub­sauger­po­si­tion für klare Ver­hält­nisse. Dieser Abend brachte uns die Erkenntnis zurück,“ sagt Hamann, dass wir es doch noch konnten.“

Die Geburts­stunde einer Schick­sals­ge­mein­schaft, die sich ihrer Defi­zite stets bewusst blieb. Über­ra­schende Rochaden oder tak­ti­sche Finessen konnte Völler sich schon des­halb nicht erlauben, weil ihm schlicht das geeig­nete Per­sonal fehlte. Auch seine Beru­fung ins Trai­neramt war eher ein Pro­vi­so­rium, das dem Mangel an geeig­neten Kan­di­daten geschuldet war. Der DFB wollte Chris­toph Daum als Bun­des­trainer. Doch als Coach in Lever­kusen war er erst nach der Saison 2000/01 ver­fügbar. Des­halb schlug DFB-Prä­si­dent Ger­hard Mayer-Vor­felder vor, Bayer-04-Sport­di­rektor Völler solle auf­grund der räum­li­chen Nähe Daum vor­über­ge­hend ver­treten. Eine cle­vere Idee: Schließ­lich erfreute sich kaum ein deut­scher Fuß­baller repu­blik­weit ähn­li­cher Beliebt­heits­werte. Wer, wenn nicht Völler, konnte der abge­half­terten DFB-Elite neue Sym­pa­thie­punkte ein­bringen? Meine Auf­gabe bestand anfangs darin“, so Völler, wieder für bes­sere Stim­mung zu sorgen und erfolg­reich in die WM-Quali zu starten.“