11FREUNDE WIRD 20!

Kommt mit uns auf eine wilde Fahrt durch 20 Jahre Fuß­ball­kultur: Am 23. März erschien​„DAS GROSSE 11FREUNDE BUCH“ mit den besten Geschichten, den ein­drucks­vollsten Bil­dern und skur­rilsten Anek­doten aus zwei Jahr­zehnten 11FREUNDE. In unserem Jubi­lä­ums­band erwarten euch eine opu­lente Werk­schau mit unzäh­ligen unver­öf­fent­lichten Fotos, humor­vollen Essays, Inter­views und Back­s­­tages-Sto­­­ries aus der Redak­tion. Beson­deres Leckerli für unsere Dau­er­kar­ten­in­haber: Wenn ihr das Buch bei uns im 11FREUNDE SHOP bestellt, gibt’s ein 11FREUNDE Notiz­buch oben­drauf. Hier könnt ihr das Buch be­stellen.
Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Mit F91 Düdelingen durch die Euro­paleague.

11 Freunde Das große 11 Freunde Buch Kopie

Irgend­wann am frühen Nach­mittag hat Dino Topp­möller genug von dem Rummel. Seit 48 Stunden hält ihm irgend­je­mand ein Mikrofon vor das Gesicht und fragt ihn etwas. Hat der Groß­herzog schon ange­rufen? Kann Düdelingen morgen auch den AC Mai­land schlagen? Die Reporter sind überall, beim Trai­ning, im Sta­dion, in den Kata­komben. Sie kommen nicht nur aus Luxem­burg, son­dern auch aus Deutsch­land, Frank­reich und Eng­land. Vorhin durften einige sogar an der Video­ana­lyse für das Spiel gegen Milan teil­nehmen.

Topp­möller, seit zwei Jahren Trainer des F91 Düdelingen, war da gut drauf. Er zeigte einen mus­ter­gül­tigen Angriff der Ita­liener, drückte seine Unter­lippe nach vorne und sagte: Sieht schon nach Fuß­ball aus.“ Aber nun reicht es. Vor­stands­mit­glied Manou Goergen ver­schickt eine Mail: Der Trainer hat uns infor­miert, dass er heute keine Medien mehr beim Team haben möchte.“

Es ist Don­nerstag, der 20. Sep­tember 2018, 14.19 Uhr, und über­eilt ist diese Ansage nicht. Denn bis zum Spiel ihres Lebens sind es nur noch sechs Stunden und 41 Minuten.

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Sieht schon nach Fuß­ball aus.“ Mann­schafts­be­spre­chung vor dem Spiel gegen Milan.

Lukas Ratius

Eigent­lich ist eine Geschichte wie die des F91 Düdelingen in der heu­tigen Zeit nicht mehr mög­lich. In der neuen Welt­ord­nung des Fuß­balls ist kein Platz mehr für die Kleinen und Sen­sa­tionen dieser Art. Das hat mit der Qua­lität der Spieler zu tun, den Struk­turen der Ver­eine, also letzt­lich mit der bekannten Rie­sen­schere zwi­schen Arm und Reich. Schon jetzt liegt zwi­schen dem, sagen wir, Meister der hol­län­di­schen Liga und dem der Pri­mera Divi­sion ein ganzes Uni­versum. Aber manchmal erlaubt sich der Fuß­ball­gott noch einen Scherz. Wie vor zwei Jahren, als Lei­cester die Pre­mier League gewann und Island bei der EM ins Vier­tel­fi­nale kam. Oder eben wie in diesem Sommer in einer Klein­stadt im Süden von Luxem­burg.

Allein schon dieser drol­lige Name! Auf Fran­zö­sisch heißt es Dude­lange, luxem­bur­gisch Did­deleng und deutsch Düdelingen. Als hätte sich Michael Ende einen Namen für ein Mär­chen­land aus­ge­dacht. Und aus­ge­rechnet dieses Mär­chen­land hat es als erster Luxem­burger Verein in die Europa League geschafft. Mit Fei­er­abend­ki­ckern und Stu­denten, die nach dem Abpfiff für die nächste BWL-Prü­fung lernen müssen. Mit einem ver­rückten Mäzen, der ständig damit droht, den Verein zu ver­lassen. Und einem Prä­si­denten, der auf Aus­wärts­fahrt noch Auto­ver­si­che­rungen ver­kauft.

Ist das hier also die Gegen­erzäh­lung zum Tur­bo­ka­pi­ta­lismus der großen Ligen? Ist Düdelingen der neue Sehn­suchtsort für Fuß­ball­ro­man­tiker?

Düdelingen liegt unmit­telbar an der Grenze zu Frank­reich, nur 15 Kilo­meter süd­lich von Luxem­burg-Stadt. Mit dem Bus geht es vorbei an Kockel­scheier, dann kommt Bett­embourg, und von dort tin­gelt eine Bahn nach Dude­lange Ville. 20.000 Men­schen leben hier, viele haben ita­lie­ni­sche Vor­fahren, die schon Ende des 19. Jahr­hun­derts hierher kamen, um in den Gruben und Hüt­ten­werken zu arbeiten.

An einem steilen Hügel befindet sich das Stade Jos Nos­baum, 4650 Zuschauer passen rein, in den Kabinen stehen Holz­bänke, an der Wand hängen Haar­trockner, die aus­sehen wie ver­ges­sene Requi­siten eines Sci­ence-Fic­tion-Film­sets aus den Sech­zi­gern. Die Haupt­tri­büne wird von Holz und Well­blech zusam­men­ge­halten. Der Verein wünscht sich natür­lich ein modernes Sta­dion, mit über­dachten Tri­bünen, gutem Rasen. Schauen Sie hier“, sagt Theo Fel­le­rich und drückt eine Schuh­spitze leicht in den Boden. Wir haben Würmer. Schon seit Jahren!“

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Wir haben Würmer.“ Theo Fel­le­rich, Ehren­prä­si­dent des F91 Düdelingen.
Lukas Ratius

Fel­le­rich, 75 Jahre alt, weißes Haar, graue Schläfen, etwas zu großes braunes Tweedsakko, ist Ehren­prä­si­dent und so etwas wie das Klub­fossil. Schon seit Mitte der Neun­ziger ist er dabei, kurz nachdem CS Alli­ance, CS Le Stade und US Düdelingen zum F91 fusio­nierten. Natür­lich ehren­amt­lich, wie außer den Trai­nern und Spie­lern alle im Verein.

Zwei Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiele zur Europa League konnten die Düdelinger im wurm­ge­plagten Jos-Nos­baum-Sta­dion aus­tragen, danach mussten sie, so for­derte es die UEFA, ins grö­ßere Josy-Barthel-Sta­dion in Luxem­burg-Stadt umziehen, wo 8000 Zuschauer Platz finden. Modern ist auch diese Beton­schüssel nicht, es gibt etwa nur eine Toi­lette – für beide Teams. Die Rumänen haben sich ständig beschwert“, erzählt Fel­le­rich vom Play-off-Hin­spiel gegen Cluj, das Düdelingen 2:0 gewann. Über die Toi­let­ten­si­tua­tion oder die feh­lende Kli­ma­an­lage. Am Ende sagten sie: Wartet nur ab, ihr kommt ja noch zu uns!‘“ Düdelin­gens Spieler ließen sich aber nicht ver­un­si­chern und gewannen auch das ent­schei­dende Rück­spiel, am Ende applau­dierten sogar die rumä­ni­schen Fans.

In der Nacht wurden die Helden am hei­mi­schen Flug­hafen von rund 30 Freunden und Ver­wandten emp­fangen. Einige hielten selbst­ge­bas­telte Masken mit dem Gesicht von Fan-Lieb­ling Joe Fri­sing hoch. In Deutsch­land ist ver­mut­lich auf jeder Auf­stiegs­fete eines Vol­ley­ball-Bezirks­li­gisten mehr Ram­bazamba. In Luxem­burg, dem Land der Finanz­dienst­leister, wo die Dinge eher prag­ma­tisch betrachtet werden, ging das als Gefühls­ex­plo­sion durch. Am Tag darauf bescherte die Europa-League-Aus­lo­sung den Düdelin­gern eine Traum­gruppe: Olym­piakos Piräus, Betis Sevilla, AC Mai­land. Wir ver­su­chen, den ein oder anderen Großen zu ärgern“, sagte Topp­möller.

Nun also ist der AC Mai­land in der Stadt, der 18 Meis­ter­schaften gewonnen hat und 14 Euro­pa­po­kale. Am Abend vor dem Spiel erscheint der Mann, der sich einmal häss­lich wie die Schulden“ nannte, pünkt­lich zur Pres­se­kon­fe­renz am Josy-Barthel-Sta­dion. Er sieht aus wie eine Figur aus einem Scor­sese-Film. Zur schwarzen Hose trägt er schwarze Schuhe und ein schwarzes Hemd. Auf dem schwarzen Desi­gner­ja­ckett prangt das gestickte Wappen des AC Mai­land. Er betritt den Pres­se­be­reich, ein pro­vi­so­ri­sches Zelt, das sie neben dem Sta­dion auf­ge­baut haben, und die Jour­na­listen schauen ihn an wie den Pro­pheten aus dem gelobten Fuß­ball­land. Signore Gat­tuso, fragt einer, kennen Sie über­haupt einen Spieler aus Düdelingen? Gen­naro Gat­tuso, Welt­meister, Cham­pions-League-Sieger und heute Trainer des AC Mai­land, ist auf die Frage natür­lich vor­be­reitet. Er sagt: Danel Sinani hat einen phan­tas­ti­schen linken Fuß.“ Und dann: Es wird sehr schwer für uns werden.“ Zwei groß­ar­tige Zeilen für die mor­gigen Aus­gaben der lokalen Tages­zei­tungen, das Tage­blatt“ und das Wort“ dru­cken sie stolz auf ihre Sport­seiten.

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Häss­lich wie die Schulden.“ Gen­naro Gat­tuso ist in Luxem­burg.

Lukas Ratius

Vor dem Zelt tele­fo­niert Manou Goergen. Er ist einer der wenigen im Vor­stand, der nicht im Ren­ten­alter ist. Ein moti­vierter junger Mann, 28 Jahre, mit akku­rater Sei­ten­schei­tel­frisur und Karo­hemd. Vor einigen Jahren schrieb er seine Mas­ter­ar­beit über die Ent­wick­lungs­chancen des luxem­bur­gi­schen Fuß­balls. Dafür inter­viewte er auch Mit­ar­beiter des F91, die ihn gleich dabe­hielten. Ehren­prä­si­dent Fel­le­rich sagt über ihn: Er kennt sich mit vielen Dingen aus, mit dem Internet, mit E‑Mails, es ist gut, dass wir ihn haben.“ Denn es ist wirk­lich einiges anders als bei einem gewöhn­li­chen Liga­spiel gegen Pro­gres Nie­der­corn oder Etzella Ettel­brück. Goergen emp­fängt Männer, die Titel tragen wie UEFA Broad­cast Manager oder UEFA Venue Director. Er sorgt dafür, dass die rich­tigen Spon­so­ren­namen und das Logo der UEFA Europa League zu sehen sind. Er spricht mit den Dele­ga­tionen der großen Ver­eine. Er ist die Zukunft des Klubs. Schon viel los“, sagt er lässig.

Neben ihm steht das alte Düdelingen, ein Mann mit Hart­scha­len­koffer, brauner Cord­hose und grauem Anorak. Richard Müller, Typ Ver­treter auf Durch­reise, noch so eine Ver­eins­le­gende. Er drückt seinen Rücken durch und ver­kündet im zackigen Ton, dass er in seinem Leben rund 21.000 Akkre­di­tie­rungen lami­niert und gelocht hat. Alles in Hand­ar­beit! Mit einer spe­zi­ellen Maschine!“ Dann über­gibt der Profi-Lami­nierer sie den Repor­tern aus Deutsch­land und sagt: Ganz schön viele von euch sind diesmal über die Mosel gekommen. Wo kann ich Ihren Report lesen?“

1. Spieltag
F91 Düdelingen – AC Mai­land, 20. Sep­tember 2018

Das Abschluss­trai­ning findet am Morgen des Spiel­tags in Düdelingen statt. Aus der Umklei­de­ka­bine dröhnt Musik: Beate, die Harte. Beate, Gra­nate!“ Mit bil­ligem Mal­lorca-Schlager gegen die teuren Maß­an­züge der Ita­liener. Am Platz sitzt ein älterer Herr, ein Trai­ningskie­bitz, der sich über die Kar­ten­ver­gabe ärgert. Inner­halb von 30 Minuten sei das Spiel aus­ver­kauft gewesen, per E‑Mail hätte man bestellen müssen. Aber das sei nichts für ihn. Er klatscht mit den Spie­lern ab, Moien!“, und auf einmal steht Topp­möller neben ihm und drückt ihm ein Ticket in die Hand. Viel Spaß!“, sagt er, der Mann lächelt. Sieben Stunden noch bis zum Anpfiff, Topp­möller und seine Spieler fahren zurück nach Luxem­burg-Stadt ins Hotel. Und dort beschließen sie, per Mail um Ruhe zu bitten.

In der Alt­stadt brennt es der­weil lich­terloh. Die Milan-Ultras der Curva Sud ziehen wie Könige durch die Straßen der Haupt­stadt, die Pyro­fa­ckeln als Zepter. Sie singen von Stolz und Ehre und vom Sieg. Vor den geputzten Fas­saden der Finanz­häuser und edlen Cafés stehen die stau­nenden Pas­santen. Wer sind die Fremden? Kommen Sie in fried­li­cher Absicht? Einige Mutige machen Fotos, andere winken schüch­tern. So etwas haben sie noch nie gesehen. Ein Lokal­jour­na­list des Tage­blatt“ schreibt am nächsten Tag: Viel­leicht sollte Düdelingen für die kom­menden Heim­spiele zwei oder drei Musik­ge­sell­schaften enga­gieren, damit die Stim­mung aus­ge­gli­chener ist.“

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Light my Feier! Die Milan-Ultras ziehen durch die geputzten Straßen von Luxem­burg.

Lukas Ratius

Am frühen Abend erreicht der Düdelinger Mann­schaftsbus das Sta­dion. Auf dem Weg ist es drinnen still, alle schweigen. Die Auf­re­gung steigt. Kein Wunder, das Sta­dion ist voll, sogar der Groß­herzog Henri ist gekommen. Klaus Topp­möller, Vater von Dino und ehe­ma­liger Bun­des­li­ga­trainer, macht sich auf der Tri­büne Notizen. Die Düdelinger halten im Spiel erstaun­lich gut mit, lange steht es 0:0. In der 35. Minute liegt sogar die Über­ra­schung in der Luft, Dominik Stolz läuft alleine aufs Tor zu, er kann sich, wie man im Fuß­ball so sagt, unsterb­lich machen. Aber er jagt den Ball über die Latte. Nach knapp einer Stunde fällt das Siegtor für Milan. Gon­zalo Higuains Schuss wird abge­fälscht, unhaltbar.

Um kurz vor elf ver­lassen die Düdelinger zu dem Song Applaus, Applaus“ von den Sport­freunden Stiller den Platz. Nur Joe Fri­sing, der Keeper, muss noch etwas klären. Der BWL-Stu­dent aus Saar­brü­cken, Markt­wert 50.000 Euro, ist nicht nur wegen seiner Paraden einer der belieb­testen Spieler bei F91. Er wirkt wie einer, mit dem man eben noch auf einer WG-Party ein paar Kurze getrunken hat. Auf seinem Face­book-Profil steht: Beer is not the answer, beer is the ques­tion. Yes is the answer.“ Fri­sing also geht zu Higuain, Markt­wert 50 Mil­lionen Euro, über 250 Tore für Neapel, Real Madrid und Juventus Turin und erklärt ihm auf Eng­lisch: Dein Schuss wäre nicht drin gewesen, wenn er nicht abge­fälscht worden wäre.“ Der Argen­ti­nier schaut ihn ver­dutzt an, aber er nickt: Stimmt!“

2. Spieltag
Betis Sevilla – F91 Düdelingen, 4. Oktober 2018

Ama­teur­haft findet auch Romain Schu­ma­cher einiges. Am Mitt­woch, dem 3. Oktober um kurz nach neun führt er auf dem Roll­feld des Luxem­burger Flug­ha­fens Findel ein Tele­fonat. So machen wir es“, sagt er und legt auf.

Schu­ma­cher, 59, ist Prä­si­dent des F91 Düdelingen und des luxem­bur­gi­schen Liga­ver­bands. Haupt­be­ruf­lich arbeitet er als Ver­si­che­rungs­makler. Habe noch eine Police an einen Ex-Trainer ver­kauft“, sagt er und lacht. In den Sieb­zi­gern hat Schu­ma­cher selbst Fuß­ball gespielt. Damals nahmen Luxem­burger Ver­eine regel­mäßig am Euro­pa­pokal teil, denn es gab noch keine lei­dige Qua­li­fi­ka­tion. Dafür bekamen sie regel­mäßig auf die Mütze, so auch Schu­ma­cher und sein Team Aris Bon­neweg, das 1979 im Pokal­sie­gercup beim FC Bar­ce­lona mit 1:7 verlor.

Seitdem hat sich einiges getan im hei­mi­schen Fuß­ball. Sogar die Natio­nalelf, früher Syn­onym für die Schieß­bude Europas, gewinnt gele­gent­lich, momentan hat sie gute Chancen, sich über die Nations League für die EM zu qua­li­fi­zieren. Trotzdem, es man­gelt nicht nur an guten Sta­dien, es gibt auch kein wirk­li­ches Pro­fi­wesen, dafür alter­tüm­liche Regu­la­rien. Im Spiel­be­richts­bogen müssen etwa sieben Spieler stehen, die ihre Kar­riere in Luxem­burg begonnen haben. Kürz­lich sorgte auch die Pokal­aus­lo­sung für großes Gelächter im Internet, denn die Losfee, der Direktor eines Spon­sors, warf einige Kugeln anschei­nend will­kür­lich zurück den Topf, um sie gegen andere aus­zu­tau­schen.

Das Pro­blem ist nur“, sagt Schu­ma­cher, wenn ich mehr Pro­fes­sio­na­lität for­dere, glaubt der Ver­band, ich wollte eine Mond­lan­dung vor­be­reiten.“ Nun bereitet sich die Mann­schaft auf den Flug zum ersten Aus­wärts­spiel bei Betis Sevilla vor, in einer eigens gechar­terten Maschine, was bei genauerer Betrach­tung auch einer Reise zum Mond gleicht – oder zumin­dest einem Trip in eine unbe­kannte Umlauf­bahn. Immerhin, die Düdelinger, die für Aus­wärts­reisen nor­ma­ler­weise nicht weiter als 50 Kilo­meter fahren müssen, sind heute topfit, was auch an Trainer Topp­möller liegt. Er habe Video­ana­lysen ein­ge­führt, sagt Stürmer Dominik Stolz, und mit den Spie­lern, die nicht arbeiten müssen, trai­niere er schon vor­mit­tags. Vor zwei Jahren gegen Qarabag lagen wir alle mit Krämpfen auf dem Boden. Das würde heute nicht mehr pas­sieren.“ Und dann singen sie ein Ständ­chen, denn ein Betreuer in Reihe 16 hat Geburtstag.

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Der Traum von Europa. Auf dem Weg nach Sevilla.

Lukas Ratius

Vom Flug­hafen in Sevilla geht es weiter ins Hotel, zwei Poli­zei­mo­tor­räder eskor­tieren den Mann­schaftsbus. Der Asphalt flim­mert, es sind 36 Grad. Ein­che­cken, kurz die Füße hoch­legen, dann trifft sich der Vor­stand zum Stadt­bummel, wäh­rend Dino Topp­möller in der Lobby ein paar Reporter um sich ver­sam­melt.

Der junge Trainer ist im Grunde wie Luxem­burg: sach­lich, ziel­ori­en­tiert und der Euphorie eher skep­tisch zuge­wandt. Pas­send dazu trägt er zu jeder Tages­zeit Funk­ti­ons­sport­sa­chen. Unpas­send aller­dings ist sein Lieb­lings­ad­jektiv: brutal. Als wollte er dem Gedüdel etwas Härte hin­zu­fügen. Viel­leicht macht er das auch, damit man ihn nicht wieder mit Fragen nach seinem Vater nervt. Also, mor­giger Gegner, wie stehen die Chancen? Das wird brutal. Ich schätze Betis stärker ein als Milan!“ Woran machen Sie das fest? Schauen Sie nur das letzte Liga­spiel gegen Leganes an. 82,5 Pro­zent Ball­be­sitz. Rekord.“ Was macht Hoff­nung? In jedem Spiel kann man Match­glück haben. Wenn wir gegen Milan früh 0:1 in Rück­stand geraten wären, hätten wir viel­leicht eine Packung bekommen. Aber so lief das Spiel lange gut für uns.“ Dann steht er auf, noch was vor­be­reiten für die Jungs“, und nimmt den Fahr­stuhl nach oben.

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Dino Topp­möller gibt bru­tale Inter­views.

Lukas Ratius

Extro­ver­tiertes Fantum ist vielen Luxem­bur­gern fremd. Liegt es daran, dass sie eine Kultur des Schei­terns nicht kennen? Sie leben im teu­ersten Land der EU, viele Men­schen arbeiten in der Finanz­branche, Gewinner im Leben. Warum sollten sie am Wochen­ende mit­tel­mä­ßige Fuß­ball­spiele in mit­tel­mä­ßigen Sta­dien sehen? Nach Aser­bai­dschan, als Düdelingen 2016 gegen Qarabag spielte, reiste kein ein­ziger Fan mit. Zu den Liga­spielen kommen kaum mehr als 600 Zuschauer. Nach Sevilla sind immerhin 67 Anhänger mit­ge­flogen. Marco und Roger etwa, die seit den Sech­zi­gern dabei sind, damals als Fans des Vor­gän­ger­ver­eins Alli­ance. Vor dem Sta­dion wirken sie wie Teil­nehmer einer Stan­dard­tanz­gruppe, die das erste Mal auf ein Heavy-Metal-Kon­zert geht. Wie singt man hier? Wie schwenkt man den Schal?

Aber es sind auch jün­gere F91-Anhänger dabei, die erst im Sommer einen Fan­klub gegründet haben. Maël und Max sind die Anführer, Anfang 20, voller Taten­drang. Sie haben ein Banner und einen Schlachtruf: Efe­e­nan­nonzeg Did­de­ling!“ Andere beti­teln sie manchmal als Erfolgs­fans, aber das ist ihnen egal. Max sagt, dass sie gar nicht so anders seien als die Ultras von Milan oder Betis. Die wissen auch: Wir lieben unsere Farben so wie sie ihre!“ Und dann werden sie vom Estadio Benito Vil­l­amarin ein­fach ver­schluckt. Selten war der Kon­trast zwi­schen den Welten bis­lang so deut­lich zu sehen wie an diesem Ort, der dreimal so viele Men­schen fasst, wie in Düdelingen leben.

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Hurra, (fast) das ganze Dorf ist da. 67 Düdelingen-Fans in Sevilla.
Lukas Ratius

Die Partie gegen Betis gleicht dem Milan-Spiel, wieder geht es mit 0:0 in die Pause. Wieder fällt nach knapp einer Stunde das 0:1, am Ende steht es 0:3. Joe Fri­sing, der Stu­dent im Tor, schlappt aus der Kabine. Biss­chen zu hoch das Ergebnis, klar! Am Wochen­ende geht’s zu Racing FC Union Lët­ze­buerg, nächste Woche steht eine Uni-Prü­fung an, Per­so­nal­ma­nage­ment. Muss noch lernen!“

3. Spieltag
F91 Düdelingen – Olym­piakos Piräus, 25. Oktober 2018

Wo soll die Reise für den Klub hin­gehen? Die einen düdeln in aller Ruhe vor sich hin, char­mant im Rück­wärts­gang nach vorne. Einige andere würden am liebsten auf Tur­boboost schalten. Der ambi­tio­nierte Trainer Dino Topp­möller etwa, der mit seiner Akribie und seinem Taten­drang brutal Kar­riere machen könnte, auch inter­na­tional. Und natür­lich Flavio Becca, die graue Emi­nenz. Wann bekommt er sein neues Sta­dion?

Am Morgen vor dem Spiel gegen Olym­piakos sagt Düdelin­gens Bür­ger­meister Dan Bian­ca­lana, er sei ver­wun­dert gewesen, als er von Beccas Ulti­matum gehört habe. Auch andere Ver­eine in Düdelingen brau­chen Unter­stüt­zung“, sagt er, die Bas­ket­baller oder die Bad­min­ton­spieler.“ Ein neues Fuß­ball­sta­dion werde es in der aktu­ellen Legis­la­tur­pe­riode bis 2021 daher nicht geben. Aber braucht Düdelingen dieses moderne Sta­dion über­haupt? Spielt die Mann­schaft nun dau­er­haft in Europa? Kann sie in Luxem­burg eine Fuß­bal­leu­phorie ent­fa­chen? Bereits jetzt, beim zweiten Europa-League-Heim­spiel herrscht Kater­stim­mung. Das Spiel gegen Olym­piakos ist zwar offi­ziell aus­ver­kauft, aber hun­derte Fans haben ihre Tickets ver­fallen lassen. Immerhin, die alten Bekannten sind wieder da: Nach­wuchs­vor­stand Goergen („Heute ist was drin“), Ehren­prä­si­dent Fel­le­rich („Viel­leicht ein Unent­schieden“) und natür­lich der Profi-Lami­nierer Müller, der untröst­lich ist, denn er hat ver­gessen, die Pres­se­ti­ckets zu lochen. Ist mir noch nie pas­siert!“

Kurz vor dem Anpfiff gegen Grie­chen­lands Rekord­meister wuselt am Ein­gang des Josy-Barthel-Sta­dions auch Flavio Becca umher. Kon­spi­rativ steckt er mit anderen Män­nern seiner Entou­rage die Köpfe zusammen. Mitt­ler­weile besitzt er auch in Bel­gien einen Verein, den Royal Excel­sior Virton. Hab dort heute den Trainer ent­lassen“, ruft er und lacht, als sei das ein gran­dioser Witz. So wie er spricht, stellt er sich ver­mut­lich seinen Verein vor: das Gas­pedal immer durch­ge­drückt, Tempo, Tempo. Er fragt: Was hat der Bür­ger­meister gesagt?“ Und dann, schon auf dem Sprung zum nächsten Gesprächs­partner, ruft er: Ich gebe Ihnen einen Tipp: Hespe­ringen!“

Ein Freund aus Jugend­tagen tritt danach heran und ver­sucht, diesen Blitz­auf­tritt zu erklären. In Hespe­ringen sei Becca auf­ge­wachsen, er wolle dorthin gehen, wenn sich die Infra­struktur beim F91 nicht ver­bes­sere. Die besten Spieler nehme er natür­lich mit. Und dann wird es in Düdelingen keine Europa League mehr geben. So ein­fach sei das.

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Mutter, der Mann mit dem Geld ist da! Flavio Becca ist einer der reichsten Luxem­burger und war 2018 Mäzen bei F91.

Lukas Ratius

Das Spiel gegen Olym­piakos erzählt zum dritten Mal diese Geschichte: 0:0 zur Pause, 0:1 nach einer Stunde, 0:2 in der 81. Minute. Düdelingen ist schon nach der Hin­runde so gut wie aus­ge­schieden, die Reise zum Mond endet im Orbit. Die ersten Zuschauer strömen fünf Minuten vor dem Abpfiff aus dem Sta­dion. Viel­leicht gehen sie nächste Woche lieber wieder zum Bas­ket­ball, viel­leicht auch ins Musical. Nur wenige von ihnen – genau­ge­nommen 752 – werden wie­der­kommen, wenn Düdelingen in einigen Tagen im Stade Jos Nos­baum Jeu­nesse d’Esch emp­fängt. Ehren­prä­si­dent Fel­le­rich wird sich über die Würmer ärgern, Dino Topp­möller über die 1:3‑Niederlage und Becca über die Holz­bänke in den Umkleiden. Aber ist das momentan wirk­lich wichtig? Ist das Ende November wichtig, wenn David Turpel eine Woche nach Erscheinen dieses Arti­kels zum 1:0‑Sieg in Mai­land trifft? Wenn Dino Topp­möller auf Händen aus dem San Siro getragen wird? Denn so wird es kommen, oder? Eine gute Pointe muss der Fuß­ball­gott für seinen Scherz doch noch parat haben.