Zwi­schen­mensch­liche Bezie­hungen sind zer­brech­liche Gebilde. Manche Men­schen können ein­fach nicht mit­ein­ander. Eine hoch­ge­zo­gene Augen­braue, eine schräge For­mu­lie­rung, ein extro­ver­tiertes Outfit, eine Bitte als Befehl gebellt, was auch immer – und das Ver­hältnis ist auf ewig ver­giftet. Zwi­schen Löwen-Prä­si­dent Albrecht von Linde und dem Geschäfts­führer der 1860-Fuß­ball­ab­tei­lung, Stefan Ziffzer, flogen jeden­falls vom ersten Augen­blick der Zusam­men­ar­beit an die Fetzen. Der feine Unter­neh­mer­sohn aus dem edlen Vorort Starn­berg hatte seinen Vor­standsjob an der Grün­walder Straße gerade ange­treten, als der knor­rige Sanierer mit hes­si­schen Wur­zeln ihm bereits das erste Mal drohte, per­sön­liche Kon­se­quenzen zu ziehen. Der Grund dafür hätte banaler nicht sein können. Ein Kon­flikt streng nach den eitlen Prin­zi­pien preu­ßi­schen Beam­ten­tums geführt, die da lauten: »Das haben wir schon immer so gemacht! Das war noch nie so! Und wenn hier einer das Sagen hat, bin ich es.«



Ende März 2007 hatte der frisch beru­fene Vor­sit­zende von Linde sich bei seiner Ankunft in der Geschäfts­stelle als neues Büro den großen Kon­fe­renz­raum aus­ge­guckt. Mehr als einen Blick auf die Trai­nings­plätze hat der Besu­cher von dort zwar auch nicht, aber es ist das größte Zimmer in dem schmuck­losen Bau an der Grün­walder Straße. An den Wänden hängen Bilder frü­herer Löwen-Prä­si­denten. Doch der Gast hatte die Rech­nung ohne den Wirt gemacht, und dafür hielt sich zwei­fels­ohne Manager Ziffzer. Denn das Haus­recht in dem Gebäude liegt zumin­dest auf dem Papier bei der Fuß­ball­ab­tei­lung von 1860 (KGaA), über deren Wohl und Wehe Ziffzer zu befinden hatte. Der Verein (e.V.), dem der Prä­si­dent vor­stand, ist ledig­lich in zwei – wesent­lich klei­neren – Räumen des Gebäudes Mieter. Ein Wort gab das andere, von Linde ver­wies auf seine Wei­sungs­be­fugnis gegen­über dem Geschäfts­führer, der wie­derum schroff ent­geg­nete, wenn der Prä­si­dent ihm Vor­schriften machen wolle, sei er schneller weg, als er seine Möbel in das Büro gestellt habe. Mor­gens um halb zehn in Deutsch­land. Erst am Nach­mittag waren die Streit­hähne wieder in der Lage, halb­wegs ein Wort mit­ein­ander zu wech­seln.

Es war erst der Anfang eines im modernen Pro­fi­fuß­ball selten gewor­denen Pos­sen­spiels aus Eitel­keiten, Intrigen und Macht­de­mons­tra­tionen, das sich bis zu Ziff­zers frist­loser Ent­las­sung am Pfingst­sonntag 2008 voll­ziehen sollte. Der 2. Vor­sit­zende der 60er, SPD-Land­tags­ab­ge­ord­neter Franz Maget, fasst die zähe Lei­dens­zeit zusammen: »Ich habe Stunde um Stunde in Sit­zungen zuge­bracht, um mir Strei­te­reien anzu­hören.« Vor­der­gründig ging es in der Aus­ein­an­der­set­zung um die wirt­schaft­liche Aus­rich­tung des Klubs – um die kon­träre Ein­stel­lung der Prot­ago­nisten zu Kos­ten­re­du­zie­rung und Ertrags­stei­ge­rung –, im Kern aber meist nur um eine Frage: Wer hat das Kom­mando?

»Stefan & Stefan«, das beste Mana­ger­team von Europa

Vor von Lindes Inthro­ni­sie­rung konnte Ziffzer im Schat­ten­reich der KGaA walten wie ein Guts­herr. In der Geschäfts­stelle schmun­zelten die Mit­ar­beiter, wenn der Boss wieder mal vom Traum­paar »Stefan & Stefan« schwa­dro­nierte, »dem besten Mana­ger­team Europas«, und damit Sport­di­rektor Stefan Reuter und sich selbst meinte. Sein dama­liger Prä­si­dent Alfred Lehner quatschte Ziffzer nicht in die Geschäfte, genoss den Ruhm eines Sechz’ger-Bosses und reprä­sen­tierte still, so, wie sich mäch­tige Geschäfts­führer ihre Spit­zen­funk­tio­näre wün­schen. Ziffzer war im April 2006 ange­treten, um den ver­schul­deten Klub vor der Insol­venz zu retten. Mit dem Ver­kauf der 1860-Anteile an der Allianz Arena an den FC Bayern sicherte der ehe­ma­lige Manager des Kirch-Kon­zerns den Blauen die Lizenz. Mit diesen Meriten zog er nicht nur die Spon­soren des Ver­eins auf seine Seite. Auch viele Fan­pu­risten, die den Duz-Freund von Uli Hoeneß vorher als zwie­lich­tige Gestalt ohne wahres Löwen-Herz, mit­unter sogar als Spion des FCB betrachtet hatten, fanden Gefallen an dem coolen Wirt­schafter.

Der Clash ließ nicht lange auf sich warten. Das im Mai 2006 neu for­mierte »Pro-1860«-Fanlager hatte in der Dele­gier­ten­ver­samm­lung die Mehr­heit im Auf­sichtsrat erhalten und konnte über die Nach­folger des schei­denden Prä­si­denten Lehner bestimmen. Im März 2007 schlugen vier Auf­sichts­räte von »Pro 1860« also den Bay­ern­liga-Meis­ter­trainer der Löwen, den »König von Gie­sing«, Karsten Wett­berg, vor. Als Sym­bol­figur für die Rück­kehr der Sechz‘ger in den bezahlten Fuß­ball 1991 besaß Wett­berg bei vielen Fans immer noch hohes Ansehen. Den Geschäfts­leuten und Poli­ti­kern, die in den Füh­rungs­etagen des Klubs die Strippen zogen, aber war der schmäch­tige Sports­mann suspekt. Hinter vor­ge­hal­tener Hand wurde der Ex-Coach als »Post­bote« und »Gar­ten­zwerg« ver­lacht. Als ruchbar wurde, dass Wett­berg auf dem besten Weg war, zum Ober­löwen zu avan­cieren, warnte Ziffzer im Kol­lektiv mit Stefan Reuter vor dieser Lösung. Wett­berg sei den potenten Spon­soren, auf die der klamme Klub drin­gend ange­wiesen sei, nicht ver­mit­telbar. Ziffzer: »Die Reak­tionen auf die Nomi­nie­rung waren unbe­schreib­lich. Unsere Haus­bank drohte uns, die Kre­dit­linie von drei Mil­lionen zu kün­digen, wenn Wett­berg den Vor­sitz über­nimmt.« Viele im Umfeld des Klubs glauben nach wie vor, Ziffzer habe damals auf die Stel­lung­nahme der Bank gedrungen, weil er fürch­tete, der Kult-Trainer würde ihm als starken Mann des Ver­eins den Rang ablaufen. Ziffzer erklärt dazu, er habe diese Ein­schät­zung von der Bremer NF-Bank schrift­lich bekommen.

Franz Maget sagt: »Ziffzer war im sozialen Ver­halten eher schwach«

Der Verein geriet durch diese Per­so­nal­frage in Schief­lage. Der Auf­sichtsrat einigte sich auf eine Kom­pro­miss­lö­sung, indem der ursprüng­liche Schatz­meister im Wett­berg-Kabi­nett, Albrecht von Linde, für den Job des Prä­si­denten vor­ge­schlagen wurde. Der zweite Mann auf der »Pro-1860«-Liste sollte ein­ein­halb Jahre den Sitz im Prä­si­dium inne­haben, ehe er die Amts­ge­schäfte an den 2. Vor­sit­zenden, den Münchner Medi­en­händler Otto Steiner, übergab, der von den Ver­tre­tern des Fan-Dach­ver­bands Arge im Auf­sichtsrat favo­ri­siert wurde. Auch Ziffzer hielt den gedie­genen von Linde zunächst für eine weitaus pas­sen­dere Lösung als den unre­prä­sen­ta­tiven Wett­berg. Doch der fein­glied­rige Starn­berger, dessen Groß­vater ein erfolg­rei­cher Leicht­athlet bei 1860 war und den Verein nach dem Krieg mit Finanz­spritzen unter­stützte, nahm nicht nur seine Auf­gaben bei der Sanie­rung des e.V., der mit 150.000 Euro gna­denlos über­schuldet war, bitter ernst. Fortan mischte sich von Linde auch öfter in die Kos­ten­struktur der KGaA ein. Ein Affront gegen Ziffzer und seinen Ruf als kühler Rechner. Wäh­rend die Geschäfts­füh­rung wei­terhin beim Jah­res­etat mit einem Minus von drei Mil­lionen Euro kal­ku­lierte, for­derte der Prä­si­dent (Zitat: »Die Fuß­ball­ab­tei­lung ist unsere Tochter«) einen aus­ge­gli­chenen Haus­halt. Von Linde: »Kein Wunder, dass Ziffzer ein Pro­blem hatte. Schließ­lich hatte er bis dahin unter einem Prä­si­denten gewirkt, der de facto nicht vor­handen war.«

Der Hobby-Leicht­athlet und Frei­be­rufler mit dickem Fest­geld­konto war plötz­lich omni­prä­sent. Das Pro­blem der Sechz‘ger meinte der Unter­neh­mens­be­rater schon bald loka­li­siert zu haben: Wäh­rend sich die Kosten für Miete und Betrieb in der Allianz Arena (rund 6 Mil­lionen) sowie für den Spie­ler­kader (mit 6,5 Mil­lionen der zweit­nied­rigste im bezahlten deut­schen Fuß­ball) im Rahmen hielten, drückte vor allem der hor­rende Ver­wal­tungs- und Betriebs­ap­parat auf das Porte­mon­naie des Tra­di­ti­ons­ver­eins: Mehr als 11 Mil­lionen Euro errech­nete von Linde – unter anderem für rund 40 fest ange­stellte Mit­ar­beiter. Doch ein eigens gegrün­deter Finanz­aus­schuss konnte kein Ein­spar­po­ten­zial fest­stellen. Also machte der eif­rige, aber uncha­ris­ma­ti­sche Präses (über den Franz Maget sagt: »Ich würde ihn nicht gerade als fuß­ballaffin bezeichnen«) eigene Vor­schläge zur Kos­ten­sen­kung.

Zum Bei­spiel: Die ver­an­schlagten 500.000 Euro für die Beob­ach­tung und Bera­tung von Spie­lern sollten zukünftig über ehren­amt­liche Tätig­keiten in diesem Bereich gespart werden. Ziffzer (Maget: »Im Sozi­al­ver­halten eher schwach«) wies den Fuß­ball-Laien zurecht, wel­cher Berater wohl seinen Spieler ohne Honorar zum Wechsel nach Gie­sing über­reden würde? Von Linde schlug vor, in Jahren, in denen der Verein keinen Gewinn mache, kein Weih­nachts­geld an die Mit­ar­beiter aus­zu­zahlen. Ziffzer warnte vor der schlechten Presse, die Ein­spa­rungen von maximal 25.000 Euro wohl kaum auf­wiegen würden. Schließ­lich erkun­digte sich der Prä­si­dent, ob Reuter und Ziffzer ihre Q7-Audis als Dienst­wagen beim Sponsor nicht in den klei­neren A6 umtau­schen könnten, um weniger Sprit zu ver­brau­chen. Sogar Vize­prä­si­dent Karsten Wett­berg gibt zu: »Es kann sein, dass von Linde in einigen Dingen etwas rea­li­täts­fremd agierte.« Einen aus­ge­prägten Ver­drän­gungs­me­cha­nismus hatte sich der glück­lose Prä­si­dent ohnehin schon ange­eignet.

Keine zwei Monate nach von Lindes Amts­an­tritt eska­lierte die Situa­tion. Am 24. Mai 2007 gab der Prä­si­dent in der »Süd­deut­schen Zei­tung« ein Inter­view, in dem er mit »zu Ende gehender Geduld« zur Kenntnis nahm, dass die Sanie­rung des Ver­eins nicht vor­an­käme: »Unsere Erwar­tung ist, dass Herr Ziffzer seine Haus­auf­gaben macht.« Schwer getroffen ließ sich der zu cho­le­ri­schen Anfällen nei­gende Ziffzer zu einer fiesen Finte hin­reißen. Weil in Fan-Foren bereits über seine bal­dige Demis­sion dis­ku­tiert wurde, rief er den Spre­cher von »Pro 1860«, Hans Vonavka, kurz vor dessen Auf­tritt beim Lokal­sender »TV Mün­chen« an und teilte mit: »Sie haben es geschafft, ich trete zurück.« Vonavka hatte ursprüng­lich vor­ge­habt, im TV über Ziff­zers Füh­rungs- und Macht­stil zu refe­rieren. Sicht­lich ver­dat­tert dik­tierte der Fan-Spre­cher nun die soeben gehörte Rück­tritt­san­dro­hung in die lau­fende Kamera. Kurz darauf jedoch wurde Ziffzer tele­fo­nisch zuge­schaltet, demen­tierte seine Rück­tritts­idee und sagte, er habe nur einmal testen wollen, wie lange es bei den Sechz’gern dauert, bis eine interne Infor­ma­tion nach außen gelange. Ziffzer: »Der Test ist wun­derbar auf­ge­gangen.« Als der Prä­si­dent am Abend seinen Geschäfts­führer auf der Tri­büne beim Pokal­end­spiel in Berlin traf, begrüßte er ihn sar­kas­tisch: »Herr Ziffzer, ich nehme ihren Rück­tritt an.« Kurz darauf kas­sierte der Geschäfts­führer außerdem eine Abmah­nung wegen ver­eins­schä­di­genden Ver­hal­tens.

Von Linde zitiert aus dem Lexikon die Bedeu­tung des Wortes »Autist«

Vize­prä­si­dent Otto Steiner zog im Juli 2007 die Reiß­leine und ver­zich­tete vor­zeitig auf seine Prä­si­dent­schaft. In seiner Abschieds­an­sprache vor Jour­na­listen schimpfte er von Linde einen »autis­ti­schen Allein­gänger«. Wett­berg und dem Prä­si­denten war der Boss des Film­un­ter­neh­mens »Con­stantin« wegen seiner Ver­bin­dungen zur Bou­le­vard­presse schon länger ein Dorn im Auge, zumal er wegen seiner fami­liären und beruf­li­chen Ver­pflich­tungen weitaus weniger Zeit in die Prä­si­di­ums­ar­beit inves­tierte als die beiden Pri­va­tiers. Wett­berg: »Steiner war sehr selten im Büro, und er hat nach­weis­lich ver­trau­liche Details aus dem Prä­si­dium direkt an Dritte wei­ter­ge­geben.« Die Ent­schei­dung, Walter Schachner im März 2007 von seinen Auf­gaben als Trainer zu ent­binden, fiel in einer nächt­li­chen Sit­zung im Haus von Stefan Reuter, nur das Prä­si­dium und die Geschäfts­füh­rung waren über die Ent­schei­dung infor­miert. Trotzdem machte die »Bild«-Zeitung bereits am nächsten Morgen mit der Mel­dung auf, der Trainer sei ent­lassen.

Von Linde kom­pen­sierte die öffent­liche Demon­tage durch Steiner auf seine Weise. Bei der nächsten Pres­se­kon­fe­renz trat der ver­un­si­cherte Prä­si­dent mit einem Lexikon auf und las daraus laut die Defi­ni­tion des Wortes »Autist« vor, als wolle er beweisen, dass er keiner sei. Ziffzer kom­men­tiert: »Real­sa­tire. Die Jour­na­listen lachten bei jedem Satz lauter.« Wie zer­rüttet das Ver­hältnis zwi­schen den beiden eitlen Köpfen des Klubs bereits war, beweist auch die Jah­res­ab­schluss­bi­lanz nach der Saison 2006/07. Als die Geschäfts­füh­rung im Juli 2007 einen Gewinn von 200.000 Euro ver­mel­dete, reagierte von Linde kom­men­tarlos. Von der Presse nach einem State­ment gefragt, sagte er: »Es ist gute Sitte, sich zur Gegen­seite nicht zu äußern.« Prä­si­dium und Geschäfts­füh­rung – zwei ver­fein­dete Lager. Ziffzer düpierte den Prä­si­denten fortan, wo er nur konnte. Ein pro­to­ty­pi­scher Disput zwi­schen den beiden Anti­poden, wenn es in einer Sit­zung wieder einmal unsach­lich wurde: »Herr Ziffzer, ich erwarte mehr Respekt von Ihnen.« »Gerne, aber wie soll ich vor Ihnen Respekt haben?«

Ziffzer zog den Sohn aus wohl­ha­bendem Haus damit auf, dass er nie für sein Geld habe arbeiten müssen. Er nutzte jede Gele­gen­heit, um dessen Unkenntnis von fuß­bal­le­ri­schen Detail­fragen zu ent­larven. Als Franz Maget im Sep­tember 2007 den Platz von Otto Steiner im Prä­si­dium ein­nahm, lobte der SPD-Poli­tiker aus­drück­lich eine Pro­mo­tionak­tion der Löwen, »Mün­chens große Liebe«. Von Linde hatte von diesem Slogan jedoch noch nie gehört. In der Annahme, der Spruch stamme von Maget, ließ er die anwe­senden Jour­na­listen spontan wissen, der Verein plane, Auf­kleber mit diesem Motto zu dru­cken. Doch solche Sti­cker waren längst im Umlauf. Am nächsten Morgen des­avo­vierte Ziffzer den Prä­si­denten, indem er bei der Pres­se­kon­fe­renz die Auf­kleber ver­teilen ließ und dabei sar­kas­tisch auf von Lindes tolles Enga­ge­ment in dieser Sache hin­wies.

»Das war Stil des Hauses. Der eine kannte sich nicht aus, der andere führte ihn vor«, ana­ly­siert Franz Maget traurig. Von Linde zog sich zuneh­mend in sein Schne­cken­haus zurück, die Frech­heiten des Geschäfts­füh­rers wuchsen ihm über den Kopf. Doch Ziffzer kannte kein Pardon. Unver­söhn­lich bilan­ziert der Geschäfts­führer: »Ein Tisch­tuch zwi­schen uns, das zer­schnitten werden könnte, hat es nie gegeben. Wenn jemand antritt, um mich abzu­schießen, muss ich mich doch wehren.« Karsten Wett­berg ver­suchte, zum Wohle des Klubs zwi­schen dem schlin­gernden Prä­si­denten und dem angriffs­lus­tigen KGaA-Boss zu ver­mit­teln: »Ich sagte zu Ziffzer: ›Von Taktik ver­stehen Sie wenig. Sie hätten es so leicht gehabt, wenn Sie von Linde als Prä­si­denten respek­tiert hätten.‹« Kleine Gesten hätten wahr­schein­lich gereicht: hier eine still­schwei­gende Zustim­mung auf eine Bitte von Lindes, dort ein paar VIP-Karten für dessen Freunde. Doch Ziffzer ver­wies immer wieder darauf, wie streng er seinem Arbeits­ver­trag ver­pflichtet sei.

Das erste Mal seit Wild­mo­sers Ende scheint Ruhe im Klub zu herr­schen


Als im Februar 2008 Ziffzer und Reuter ohne Wissen des Prä­si­diums einen Aus­rüs­ter­ver­trag mit dem Sport­ar­tikler »Erima« ein­sti­elten, erhielt der Geschäfts­führer eine erneute Ermah­nung. Dass sein Kom­pa­gnon Reuter ohne dis­zi­pli­na­ri­sche Maß­nahme davonkam, wurmte den ehr­gei­zigen Manager fast noch mehr als der erneute Ver­weis. Ziffzer ver­stand sich schließ­lich als Ein­heit mit dem eher pro­fil­losen Welt­meister. Sport­lich ging es mit Sechzig in dieser Phase rapide bergab. Das junge Team von Trainer Marco Kurz schloss die Zweit­li­ga­saison als schwächste Rück­run­den­mann­schaft auf dem 11. Platz ab. Für einen Klub, der sich ten­den­ziell in der Bun­des­liga ver­ortet, eine Kata­strophe. Am 8. Mai 2008 reagierte der »Kicker« mit einem Artikel auf die sport­liche Tal­fahrt, in dem über eine Ablö­sung von Stefan Reuter spe­ku­liert wurde. Darin wurde ein hoch­ran­giges Mit­glied aus dem Füh­rungs­zirkel der 60er zitiert: »Kein Ver­trag ist sakro­sankt. Fuß­ball ist ein ergeb­nis­ori­en­tierter Sport. Wenn der Erfolg aus­bleibt, gibt es Ände­rungen.« Für Ziffzer gab es keinen Zweifel, wer da Stim­mung gegen seinen Welt­meister-Kumpel machte. Es war der Tropfen, der das Fass zum Über­laufen brachte.

Nach dem nächsten Löwen-Heim­spiel gegen den VfL Osna­brück sprach der Manager in der Press­kon­fe­renz die bedeu­tungs­schwan­geren Worte, die kaum aus­ge­spro­chen schon als düs­teres Fanal in die Annalen der 1860-His­torie ein­gingen: »Der Fisch stinkt vom Kopf her, und bei uns ist der Kopf der Prä­si­dent. Dieser Prä­si­dent ist eine Schande.« Als Begrün­dung ver­wies Ziffzer darauf, dass ihm Haupt­sponsor »Trenk­walder« wäh­rend des Spiels mit­ge­teilt habe, sich die Que­relen im Klub nicht länger bieten zu lassen. Als der Geschäfts­führer nach seiner Rede den VIP-Raum betrat, sollen einige Spon­so­ren­ver­treter spontan applau­diert haben. Prä­si­dent von Linde rief Ziffzer noch im Sta­dion die frist­loses Kün­di­gung zu. Das Prä­si­dium ließ ihm noch am Pfingst­montag die Ent­las­sungs­pa­piere zustellen. Lapi­darer Kom­mentar Albrecht von Lindes: »Er hat nie ver­standen, wer Koch und wer Kellner ist.« Ziff­zers gewohnt bei­ßende Replik: »Wenn der Koch nicht kochen kann, steht der Kellner auf ver­lo­renem Fuß.«

Der »Amok­lauf« (O‑Ton Franz Maget) des Geschäfts­füh­rers ver­fehlte seine Wir­kung nicht. In den dar­auf­fol­genden Tagen drohten zahl­reiche Spon­soren mit der Kün­di­gung ihres Enga­ge­ments, eine Geschäfts­grund­lage sei auf­grund der Außen­dar­stel­lung des Klubs nicht mehr gegeben. Der­weil spra­chen sich 11 der 15 Mit­glieder des Ver­eins­rates gegen das Prä­si­dium aus und for­derten seinen Rück­tritt, »um wei­teren Image­schaden von unserem bald 150-jäh­rigen Verein zu nehmen.« Auch die Arge legte von Linde in einem offenen Brief nahe, sein Amt zur Ver­fü­gung zu stellen. Am 26. Mai 2008 bot der Prä­si­dent ange­sichts der dra­ma­ti­schen Reak­tionen dem Auf­sichtsrat seinen Rück­tritt an – und auch Karsten Wett­berg musste seinen Hut nehmen. 1860 Mün­chen hatte jeg­liche Glaub­wür­dig­keit ver­spielt. Franz Maget, der letzte ver­blie­bene Vor­stand, sagt: »Wir standen am Abgrund – wirt­schaft­lich und image­mäßig.«

Als sich der Rauch ver­zogen hatte, prä­sen­tierte der Klub den Pro­ku­risten des Spon­sors »Münchner Flug­hafen GmbH«, Rainer Beeck, als neuen Mann an der Spitze. Allei­niger Geschäfts­führer der KGaA – und damit der große Gewinner von Ziff­zers Kami­kaze-Auf­tritt – ist nun Stefan Reuter. Tak­tisch klug hatte sich der eins­tige Ver­tei­diger in den Tagen des Don­ners zum Verein bekannt und war auf Distanz zu seinem impul­siven Partner gegangen. Zum ersten Mal, seit Karl-Heinz Wild­moser abge­dankt hatte, herrschte von einem Moment auf den anderen Ruhe im Verein. Die Lage war so ernst, dass selbst die ver­fein­deten Fan-Lager von Arge und »Pro 1860« ihre Riva­lität ruhen ließen und dem neuen Prä­si­dium in der Zeit der Kon­so­li­die­rung ihre Unter­stüt­zung zusi­cherten. Jedem war durch das Medi­en­ge­witter, das Ziff­zers Aus­bruch her­vor­ge­rufen hatte, klar geworden, in wel­chem Schla­massel der einst so gla­mou­röse Tra­di­ti­ons­klub 1860 steckte. Der durch seine Popu­la­rität, Geschichte und Fan­struktur von außen fast unzer­störbar erschei­nende Verein war durch jah­re­lang schwe­lende innere Kon­flikte auf­ge­zehrt und sport­lich ohne Per­spek­tive, weil trotz eines Zuschau­er­schnitts von 300.000 kein Geld für attrak­tive Trans­fers übrig blieb. Nun konnte es pas­sieren, dass auch noch die über­le­bens­wich­tigen Spon­soren den Blauen den Hahn zudrehten. 58, 59… aus?

In einem Ver­hand­lungs­ma­ra­thon konnte das neue Prä­si­dium alle Spon­soren, die mit dem Gedanken spielten, ihr Enga­ge­ment ein­zu­stellen, zum Wei­ter­ma­chen über­reden. Damit sich in Zukunft ein ähn­li­ches Hor­ror­sze­nario nicht wie­der­holt, braucht der Klub aber drin­gend einen Image­wechsel. Der­zeit lastet auf 1860 der Ruch eines Ver­eins mit dem gefähr­li­chen Hang zur Selbst­zer­flei­schung, weil er sich pau­senlos in neue Gra­ben­kämpfe zwi­schen den Abtei­lungen, den Fans und Offi­zi­ellen ver­strickt. Rück­bli­ckend ist es kein Wunder, dass von Linde in diesem Verein schei­terte. Die von Emo­tionen auf­ge­heizte Atmo­sphäre, die hier per­ma­nent herrscht, über­for­derte den Rechner aus Starn­berg schlicht und ein­fach. Der Leicht­athlet bilan­ziert selbst­kri­tisch: »Ich habe die Irra­tio­na­lität des Fuß­balls unter­schätzt.«

1860 ist ein Chaos­klub, der momentan deutsch­land­weit als Lach­nummer durch die Medien geis­tert, nicht zuletzt auch wegen der Indis­kre­tion seiner vielen Haupt- und Neben­dar­steller. Der ver­hasste FC Hol­ly­wood von der Säbener Straße ist den Löwen nicht nur sport­lich ent­eilt, die Roten machen den Blauen auch vor, wie man das Spiel mit den Medien gewinnt. Neu-Prä­si­dent Beeck bringt es auf den Punkt: »Bei Bayern reden maximal zwei Offi­zi­elle, bei uns sind es mit­unter 20. Wenn sich daran etwas ändern soll, darf es ab sofort keinen Platz für Eitel­keiten mehr geben.« Gemeinsam mit Vize Michael Hasen­stab, einem Invest­ment­banker, will Arge-Pro­tegé Beeck einen umfas­senden Neu­an­fang starten. Die Kapi­tal­be­schaf­fung hat er zur Chef­sache erklärt. In Kürze soll ein Investor, der lang­fristig mit dem Klub zusam­men­ar­beitet und nicht auf schnelle Ren­dite aus ist, bei den Löwen ein­steigen. Beeck sagt: »Ein denk­bares Sze­nario wäre, zehn Pro­zent der Anteile am Klub an einen potenten Partner mit Per­spek­tive zu ver­kaufen und dafür einen Betrag von etwa drei Mil­lionen Euro zu erlösen, der dann direkt in den Kader fließt.« Lang­fristig will das Prä­si­dium auch einen durch­dachten Bör­sen­gang nicht aus­schließen. Ob solche Pläne der Kli­entel ver­mit­telbar sein werden? Viele ein­ge­fleischte Fans schüt­telt es bereits bei dem Gedanken, dass eine Zeit­ar­beits­firma den Klub als Haupt­sponsor unter­stützt. Und dass man Mieter im Sta­dion der Roten ist… aber, nun ja, das ist ein andere Geschichte.

Die Gefahr, dass 1860 bald wieder in seine nega­tive Streit­kultur zurück­fällt, besteht jeden­falls immer. Vom Erhalt der Kar­ten­vor­ver­kaufs­stelle bis zu den Bier­preisen im Grün­walder, bei den Löwen gibt es zu jedem Thema minimal 20 unter­schied­liche Mei­nungen. Beeck sieht seine Haupt­auf­gabe des­halb darin, die Kom­mu­ni­ka­tion in allen Berei­chen des Klubs zu ver­bes­sern. Wie sich das Voka­bular ähnelt: Als von Linde und Wett­berg vor gut 15 Monaten ihr Amt antraten, hatten sie sich die Schlag­wörter »Offen­heit, Ehr­lich­keit und Trans­pa­renz« auf die Fahnen geschrieben. Das Ergebnis der fehl­ge­schla­genen Ope­ra­tion: Dr. Stefan Ziffzer erwägt eine Arbeits­ge­richts­klage gegen den Verein. Ob es wirk­lich dazu kommt, stand bei Redak­ti­ons­schluss noch nicht fest. Karsten Wett­berg sagt dazu: »Es kann eigent­lich nicht im Sinne des Herrn Ziffzer sein, dass sämt­liche Vor­gänge aus dem Verein nach außen kommen. Denn es gab fast jede Woche Belei­di­gungen.«

Dr. Albrecht von Linde ficht das nur noch peri­pher an. Der schei­dende Vor­sit­zende, der für seine Amts­zeit zumin­dest ver­an­schlagen kann, dass der Erhalt des Grün­walder Sta­dions für den Spiel­be­trieb der 2. Mann­schaft gesi­chert wurde, will nie wieder in die Allianz Arena gehen. Eine Mischung aus McDonald’s und Ikea sei das Sta­dion in Frött­ma­ning, sagt er. Er klingt ein biss­chen aus­wendig gelernt. Und wenn schon. Von Linde plant sowieso, für einige Zeit nach Santa Monica über­zu­sie­deln. »Da steht eine Harley in meiner Garage. Und wenn mir mal nicht nach Motor­rad­fahren ist, stelle ich mich eben aufs Surf­brett hin­term Haus.« Santa Monica ist das Trai­nings­zen­trum für die besten ame­ri­ka­ni­schen Leicht­ath­leten. Viele bei Sechzig werden sagen, dort sei der Ex-Prä­si­dent sowieso besser auf­ge­hoben.