Das Tor fiel in der letzten Minute. Zum Anstoß kam es nicht mehr. End­stand: 3:2. 33.000 Zuschauer im Ber­liner Olym­pia­sta­dion fei­erten einen jungen Bun­des­li­ga­stürmer, der soeben mit einem Dop­pel­pack kurz vor Schluss dem haus­hohen Favo­riten aus Mön­chen­glad­bach eine kaum noch für mög­lich gehal­tene Nie­der­lage bei­gebracht hatte. Der Tor­schütze, aus­ge­stattet mit Locken­kopf und ganz offen­sicht­lich Sprung­fe­dern in den Fuß­ball­schuhen, er hieß: Karl-Heinz Riedle. Der Verein für den der 20-Jäh­rige an diesem 23. August 1986 auf Tore­jagd ging: Blau Weiß 90 Berlin.



Es war mit Sicher­heit mein größtes Spiel im Trikot von Blau Weiß 90“, sagt der Welt­meister und Cham­pions-League Sieger fragt man nach dem schönsten Erlebnis seiner ersten Pro­fi­sta­tion. Ich wurde erst Mitte der 2. Hälfte ein­ge­wech­selt und machte gleich diese beiden Tore. Ein tolles Gefühl für mich. Schließ­lich war ich jung und uner­fahren.“ Zusätz­lich hatte der Auf­steiger in seiner ersten und ein­zigen Bun­des­li­ga­saison kaum pro­fes­sio­nelle Ver­eins­struk­turen zu bieten: Das war viel­leicht ein bes­serer Ama­teur­verein zum dama­ligen Zeit­punkt. Die Geschäfts­stelle maß ganze acht Qua­drat­meter“, schmun­zelt der Welt­meister von 1990.

Heute sind die Struk­turen des Klubs aus Berlin-Mari­en­dorf zwangs­läufig ama­teur­haft. Denn dem größten Erfolg, Auf­stieg in die Fuß­ball­bun­des­liga zur Saison 1986/87, folgte der große Abstieg. Die finan­zi­ellen Auf­wen­dungen für die erste Liga waren lang­fristig der Todes­stoß“, sagt der heu­tige Ehren­vor­sit­zende Sieg­fried Hahn, wäh­rend der Bun­des­li­ga­zeit bereits im Vor­stand des Ver­eins aus dem Ber­liner Süd-Westen.

Tra­di­tion vor­handen: Deut­scher Meister 1905


Dabei ist die Geschichte des Klubs bis zu seinem finan­zi­ellen Supergau durchaus tra­di­ti­ons­reich. Am 2. November 1890 wurde der Ber­liner FC Vor­wärts 1890 gegründet. Er brachte es auf drei mär­ki­sche Meis­ter­titel (1902, 1903, 1921), verlor 1921 erst im End­spiel um die deut­sche Meis­ter­schaft gegen den 1. FC Nürn­berg und brachte vier Natio­nal­spieler hervor. Zweiter Ursprungs­verein war der Ber­liner TuFC Union 1892, der im Jahr 1905 durch einen 2:0‑Endspielsieg über den Karls­ruher FV den deut­schen Meis­ter­titel errang.

Die beiden Ver­eine fusio­nierten 1927 zur Sport­li­chen Ver­ei­ni­gung Blau-Weiß 1890 Berlin. 1939 und 1942 gewann er die Berlin-Bran­den­burger Gau­meis­ter­schaft und erreichte 1942 in der Deut­schen Meis­ter­schafts-End­runde den 3. Platz. In dieser Zeit spielte sogar Natio­nal­spieler Ernst Lehner für die Blau-Weissen. Nach dem Zweiten Welt­krieg wurde der Klub unter dem Namen SG Mari­en­dorf neu gegründet und Vierter der ersten Ber­liner Nach­kriegs­meis­ter­schaft. Schon 1949 hatte man wieder den Namen des Vor­gän­gers Blau-Weiß 1890 ange­nommen. Es folgten lange Jahre in der Stadt­liga Berlin und später in der Regio­nal­liga West.

1974 ver­zich­tete man zunächst frei­willig auf die Zulas­sung zur neu geschaf­fenen 2. Bun­des­liga, in die Blau-Weiß dann erst 1984 auf­stieg. Der 2. Platz in der Saison 1985/86 hinter dem FC Hom­burg und vor For­tuna Köln ver­hieß erst­mals die Bun­des­liga, wäh­rend die Lokal­ri­valen Hertha BSC und TeBe im glei­chen Jahr den bit­teren Weg ins Ama­teur­lager antreten mussten. Es war der größte Tri­umph in der Ver­eins­chronik nach der Meis­ter­schaft von 1905: Blau Weiss 90 war zur Nummer Eins in West­berlin geworden.

Wir mussten Blau Weiss sterben lassen“

Doch dieses Faktum hielt nicht lange. Wir mussten Blau-Weiss damals sterben lassen. Obwohl heute manche Ober­liga-Ver­eine mehr Schulden haben, als wir damals“, sagt Hahn. Der 2. Vor­stand von Blau-Weiss 90 musste 1992 den Kon­kurs anmelden: Als wir 1987 aus der 1. Liga abstiegen, hatten wir schon 1,4 Mil­lionen Mark Schulden. Später wurde es noch etwas mehr, doch nie­mand in Berlin wollte uns helfen.“

So mussten er und 15 treue Ver­eins­an­hänger 1992 einen neuen Klub gründen, den SV Blau Weiss, der heute in der Ber­liner Bezirks­liga Staffel 2 kickt, wo man im Sta­dion an der Rat­haus­straße gegen den BFC Preussen II oder den VfB Ein­heit zu Pankow um den Auf­stieg kämpft. Fragt man den heu­tigen Ehren­vor­sit­zenden nach den dama­ligen Gründen des Nie­der­gangs, bekommt der Rück­blick in alte Zeiten ver­bit­terte Züge: Zum Schluss waren zwie­lich­tige Leute am Ruder, Spie­ler­be­rater und Tritt­brett­fahrer, die uns Gott-weiss-was ver­spra­chen und nichts hielten. Bis auf die Ber­liner Spiel­bank hatten wir ganz am Ende keinen echten Sponsor mehr.“

Heute ist sich Sieg­fried Hahn sicher, hätte man zu jener Zeit nur etwas Eigen­ka­pital in die Hand nehmen können, man wäre dem Pro­fi­fuß­ball länger erhalten geblieben. Zumal der große Kon­kur­rent Hertha BSC bis Ende der Acht­ziger Jahre zwei Jahre lang in der Ama­teur­liga ver­bleiben musste. Den­noch machte Hertha den Blau Weissen das Leben schwer. Eine Gerüst­bau­firma unter­stützte uns damals und war gleich­zeitig auch Sponsor von Hertha. Da wurde soviel Druck gemacht, bis diese Firma bei uns aus­stieg. Man hat sich eben auch gegen­seitig kaputt gemacht“, ver­weist Hahn auf die lang­wie­rigen Que­relen zwi­schen den stärksten Ber­liner Klubs.

Hertha BSC schaffte erst 1988, nach zwei­jäh­riger Absti­nenz den erneuten Auf­stieg in die 2. Bun­des­liga. Dort traf die alte Dame“ wie­derum auf Stadt­ri­vale Blau-Weiss 90. In den Derbys ging es auf den Rängen meist aggres­siver zur Sache als auf dem Platz: Das war früher schon schlimm. Man konnte ja gar nicht mehr mit seinem Enkel zu den Spielen gehen. Viele gingen zum Fuß­ball nur um zu Saufen und wegen Ran­dale. Und wir hatten ja kaum rich­tige Fans. In unserem Stadt­teil Mari­en­dorf fehlte ein­fach ein breites Arbei­ter­mi­lieu, das sich mit dem Verein ver­bunden gefühlt hätte.“

Das Inter­esse am Fuß­ball sank in Berlin nach dem Mau­er­fall weiter. Kaum jemand war bereit in den Pro­fi­fuß­ball der kürz­lich wie­der­ver­ei­nigten Stadt zu inves­tieren. Es gab genü­gend andere Bau­stellen. Den 3:0‑Sieg im letzten West-Ber­liner Derby sahen im November 1991 gerade einmal 9300 Zuschauer im weiten Rund des bau­fäl­ligen Olym­pia­sta­dions. Am Ende der Zweit­li­ga­saison 1991/92 standen die Mari­en­dorfer auf einem Abstiegs­platz und gingen wegen Zah­lungs­un­fä­hig­keit in Kon­kurs. Hertha brauchte wei­tere sechs Jahre, um dann als Haupt­stadt­klub den Auf­stieg in die Eli­te­klasse des deut­schen Fuß­balls zu schaffen.

Sonst hätten die Jungs nur Lei­tungs­wasser getrunken“

In Sieg­fried Hahns Erin­ne­rungen über die einst hoch­klas­sige Zeit seines Ver­eins liegt neben der Ver­bit­te­rung auch ein Stück weit Wehmut. Bei­spiels­weise dann wenn er über Begeg­nungen mit den all­täg­li­chen Figuren des Bun­des­li­ga­ge­schäfts redet: Als unser Tor­hüter Rüdiger Voll­born zu Bayer Lever­kusen wech­selte, hatten wir viel mit Rainer Cal­mund zu tun. Ich habe ihn als sehr kor­rekten Geschäfts­partner kennen gelernt. Leider war er einer der wenigen“.

Schnell kommt Hahn erneut auf das feh­lende Geld zu spre­chen: Ich musste im Trai­nings­lager 10.000 Mark aus der eigenen Tasche bezahlen, sonst hätten unsere Jungs nur Lei­tungs­wasser getrunken“, erin­nert sich Hahn. Heute sei es in der Bun­des­liga ja eine andere Welt mit den Fern­seh­gel­dern. Diese seien Mitte der Acht­ziger eher ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen“.

Mit Karl-Heinz Riedle hat Sieg­fried Hahn schon seit geraumer Zeit keinen Kon­takt mehr. Riedle selbst sieht 22 Jahre nach seiner Ber­liner Zeit nicht nur finan­zi­elle Gesichts­punkte als Grund für den blau-weissen Nie­der­gang: Wenn man ehr­lich ist, fehlte es an sport­li­cher, finan­zi­eller und per­so­neller Sub­stanz, um dort etwas auf­zu­bauen.“

Auch für Riedle war nach 34 Spielen und zehn Toren Schluß. Er wech­selte zu Werder Bremen, dessen Trainer Otto Reh­hagel sich beson­ders intensiv um den jungen Stürmer aus dem Allgäu bemüht hatte, obwohl der auch zu Frank­furt oder Lever­kusen hätte gehen können, wie Riedle heute beteuert: Die boten mir damals das Dop­pelte.“ .

Sein dama­liger Trainer bei Blau Weiss 90, Bernd Hoss, schien aller­dings die Fähig­keiten des kopf­ball­starken Stür­mers zu unter­schätzen und brachte den Bayer häufig nur von der Bank. Der junge Riedle nur Joker? Eine Fehl­ein­schät­zung. Ein Jahr später sollte der 21-Jäh­rige mit 18 Tref­fern für Werder Bremen Zweiter in der Bun­des­liga-Tor­schüt­zen­liste werden. Gleich hinter einem gewissen Jürgen Klins­mann vom VfB Stutt­gart.

Und wäh­rend aus dem All­gäuer Karl-Heinz der Welt­meister und Super­star Air Riedle“ wurde, begann sein Ex-Klub in eine schlei­chende Depres­sion zu ver­fallen. Es sollte nie wieder ein Erst­li­ga­spiel mit Betei­li­gung BW 90 Ber­lins statt­finden. Am Ende blieb dem Verein wenigs­tens der Ein­trag in die ewige Bes­ten­liste der Bun­des­liga auf Platz 48. Mit nur drei Siegen, noch vor dem VfB Leipzig und Tas­mania Berlin.

Ziele für die Zukunft? Lan­des­liga würde schon rei­chen.

Die Zeiten des Pro­fi­fuß­balls wird der Nach­fol­ge­verein, der SV Blau Weiss mit großer Wahr­schein­lich­keit nie­mals erleben. Außer es käme ein mil­lio­nen­schwerer Mäze, der den Mari­en­dor­fern die dazu nötigen Mittel bereit­stellen würde. Falls das pas­sieren sollte“, sagt der Ehren­vor­sit­zende Hahn, würde ich ihn mir ganz genau anschauen. Ich habe zu viele Leute erlebt, die Dinge ver­spro­chen haben.“ Eigent­lich sei er ja schon zufrieden, wenn die erste Mann­schaft diese Saison in die Ber­liner Lan­des­liga auf­steigen würde. Es wäre sein kleines Stück Funk­tio­närs­glück. Für den Bewahrer eines Tra­di­ti­ons­ver­eins auch ein wei­terer Schritt raus aus der Ver­sen­kung.

Als Blau-Weiss 90 Berlin schon längst begraben war, erlebte Karl-Heinz Riedle seinen größten Erfolg. Wieder waren es zwei Tore gegen einen klaren Favo­riten. Wieder ent­schied er das Spiel. Diesmal auf der ganz großen Bühne, im Cham­pions League Finale 1997 gegen Zidane und Juventus Turin. Sein BVB gewann 3:1. Auch Sieg­fried Hahn freute sich an diesem Tag für Riedle, der wohl an diesen spä­teren Tri­umph im dama­ligen Dress von BW 90 nicht zu träumen gewagt hätte.