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3. Liga

Stim­mung ohne Ultras ist so eine Sache. Der Gesang bleibt unko­or­di­niert, meist reicht es nur für ein­fache Schlacht­rufe. So auch am Mitt­woch im Gäs­te­block des Fried­rich-Ludwig-Jahn-Sport­parks. Als Ein­tracht Braun­schweig schließ­lich 6:0 führt, kommt es doch noch zu Gesängen, deren Reim­schema über ein lautes Scheiß Han­nover“ hin­aus­gehen. Irgend­wann, irgend­wann einmal, spielt die Ein­tracht inter­na­tional“, singt ein Grüpp­chen im Gäs­te­block zur Melodie von Mrs. Robinson ins weite Rund. Die Braun­schweiger Fans sind mit ihrer Mann­schaft nach einer kleinen Krise ver­söhnt. Beein­dru­cken können sie mit ihrem Gesang an diesem Abend aller­dings kaum jemanden – schließ­lich ist fast nie­mand da. Außer­halb des Gäs­te­blocks ist das Sta­dion so gut wie leer. Vik­toria, der Verein mit der größten Fuß­ball­ab­tei­lung Deutsch­lands, ist durch Inves­to­ren­geld in die 3. Liga auf­ge­stiegen, bekommt aber nun seine Grenzen auf­ge­zeigt, neben und mitt­ler­weile auch auf dem Platz.

Dass Die Braun­schwieger Fans den höchsten Aus­wärts­sieg ihrer Mann­schaft seit 30 Jahren feiern können, wirkt mit Blick auf das Hin­spiel erstaun­lich. Vor gerade einmal sechs­ein­halb Monaten, am 2. Spieltag der Saison, besiegte Vik­toria die Braun­schweiger mit 4:0. Das Team über­zeugte mit hohem Pres­sing und über­fall­ar­tigem Umschalt­spiel, ver­wer­tete seine Chancen effi­zient und strahlte Spiel­freude aus. Nur einen Spieltag später besiegte die Vik­toria auch Kai­sers­lau­tern, eben­falls mit 4:0. Wäh­rend sich der FCK bereits im Abstiegs­kampf wähnte, nahm Vik­toria Kurs Rich­tung 2. Bun­des­liga. Heute ist es genau umge­kehrt.

Bis zum 10. Spieltag lag Vik­toria auf einem direkten Auf­stiegs­platz, nach der Nie­der­lage gegen Braun­schweig steht das Team nur noch einen Punkt vor der Abstiegs­zone. Auch wenn Vik­toria durch die vielen Corona-Infek­tionen einen erschwerten Start in die Rück­runde erlebte, ist der ste­tige Abwärts­trend nicht alleine damit zu erklären.

Vik­toria über­rascht nicht mehr

Der Über­ra­schungs­ef­fekt, den sich Vik­toria am Anfang zunutze machte, ist ver­pufft, außerdem lässt die Mann­schaft ihre Spiel­freude ver­missen. Trainer Bene­detto Muz­zi­cato ver­ord­nete seinem Team geord­netes Chaos“, mitt­ler­weile herrscht nur noch Chaos, ohne Kon­zept. Das Resultat: Aus den letzten neun Spielen holte Vik­toria nur einen Sieg. Ursa­chen sind oft indi­vi­du­elle Fehler, manchmal lässt sich auch die gesamte Abwehr durch simple Kom­bi­na­tionen aus­spielen. Wie bei der 2:3‑Niederlage in Mann­heim im Februar, als Vik­toria zwar end­lich wieder effek­tiven Offen­siv­fuß­ball zeigte, die Füh­rungen aber sehr schnell wieder aus der Hand gab. 

Kurz vor der Win­ter­pause lies sich das Team dann in Meppen mit 0:3 abschießen. Trainer Muz­zi­cato sprach nach dem Spiel davon, dass seine Mann­schaft viel zu pomadig“ und langsam auf­ge­treten sei und häufig viel zu ein­fach den Ball ver­loren habe. Außerdem sprach er einen wei­teren Grund an, der sich wie ein roter Faden“ durch­ziehe: Vik­toria hatte das Spiel näm­lich mal wieder nicht zu elft beendet. Schon sieben Platz­ver­weise stehen diese Saison zu Buche – mit Abstand Liga­spitze.

Im Dezember hat die Vik­toria mit Tolcay Civerci nun auch noch ihren erfolg­reichsten Tor­schützen abge­geben. Lucas Falcao, zu Beginn der Saison Civercis erfolg­rei­cher Sturm­partner, hat in den letzten zehn Spielen nur ein Mal getroffen. Er wird sel­tener in Szene gesetzt, ver­gibt aber auch häu­figer. Im Fokus stehen nun andre Spieler: In den letzten Wochen hat sich Julian Krahl wie­der­holt als bester Mann aus­ge­zeichnet. Ein Indi­kator dafür, dass es nicht gut läuft.

Ein wei­teres Pro­blem stellt die Kader­größe und die Fluk­tua­tion dar: Vik­toria hat aktuell 29 Spieler im Kader und fünf wei­tere Spieler in dieser Saison bereits ein­ge­setzt, die inzwi­schen abge­geben wurden. Ins­ge­samt stehen 17 Neu­zu­gänge in dieser Saison 14 Abgängen gegen­über. Ruhe bekommt man so kaum in den Verein.

In der eigenen Stadt nur Nummer sechs

Vik­toria Berlin wirkt nicht nur sport­lich wie ein Verein, dem die Liga, in der er spielt, zu groß ist. Bei Heim­spielen ist fast im ganzen Fried­rich-Ludwig-Jahn-Sport­park das merk­wür­dige Strei­fen­muster aus grün-rot-gelben Sitz­schalen zu sehen. Denn die meisten Plätze bleiben unbe­setzt. In ihrer eigent­li­chen Heim­stätte dürfen die Ber­liner nicht spielen, das Sta­dion ist zu klein – für die DFB-Richt­li­nien, nicht für den Zuschau­er­zu­spruch. Die Zuschau­er­zahl erreicht nur eine vier­stel­lige Zahl, wenn die Gast­mann­schaft genü­gend Fans mit­bringt. Kommt hin­gegen einer der anderen kleinen Ver­eine der Liga, wird die Kulisse noch trister. Zum ent­spre­chenden 0:0 gegen Türk­gücü Mün­chen im Dezember kamen nur 574 Besu­cher. Das ist wesent­lich weniger als die Ber­liner Viert­li­gisten BFC Dynamo, Ber­liner AK und Tennis Borussia in ihren Sta­dien begrüßen. 

Gemessen am Inter­esse ist Vik­toria bes­ten­falls die Nummer sechs Ber­lins. Dabei gäbe es durchaus ein gewisses Poten­tial: Im Gegen­satz zu Union und Hertha spielt Viki“ nicht an der Grenze zu Bran­den­burg, son­dern mitten in der Stadt. Außerdem kann Vik­toria auf eine stolze Tra­di­tion mit zwei deut­schen Meis­ter­ti­teln ver­weisen. Die Gele­gen­heit, sich als sym­pa­thi­scher fan­naher Tra­di­ti­ons­verein zu insze­nieren, ver­passt die Vik­toria aber. Statt­dessen ver­langt sie 17 Euro für ein Ticket und 4,50 Euro für ein Bier. Die PR-Abtei­lung hat sich das Motto vamos­viki“ aus­ge­dacht, was nicht nur an einem win­digen Febru­ar­abend bizarr deplat­ziert wirkt.

Gegen Braun­schweig prä­sen­tiert sich die Mann­schaft nicht dritt­li­ga­taug­lich. Die ersten beiden Gegen­treffer haut sich Vik­toria durch indi­vi­du­elle Fehler quasi selbst ins eigene Tor, den dritten fak­tisch. Nach dem Eigentor in der 18. Minuten ist die Partie bereits ver­loren. Braun­schweig ist so gnädig, bis zur Pause einen Gang run­ter­zu­schalten. In der zweiten Halb­zeit darf auch der ein oder andere Braun­schweiger Reser­vist ran und so wird aus dem Spiel end­gültig ein Debakel für die Hell­blau-weißen. Zur Freude des Gäs­te­blocks, der jedes Tor mit lauten Auswärtssieg“-Schlachtrufen gou­tiert. Sollte Vik­toria nicht schleu­nigst wieder zu alter Stärke finden, werden noch ganz andere Ver­eine Aus­wärts­siege in Berlin feiern dürfen.