London, Sonntag, Crunch-Time. Bei den Olym­pi­schen Spielen in London steht mit den 100-Meter-Läufen die größte Show der Leicht­ath­letik auf dem Plan. Usain Bolt, Tyson Gay, Justin Gatlin, Asafa Powell und Yohan Blake, die schnellsten Männer der Welt bitten zum Auf­ga­lopp vor dem großen Finale. Doch erst einmal müssen die Big Five“ die Halb­fi­nals hinter sich bringen. Es ist der dritte Lauf. Die Kameras fahren über die Gesichter der Kraft­bolzen. Yohann Blake aus Jamaika macht den Löwen, US-Boy Tyson Gay den harten Mann. Mit­ten­drin steht die größte Hoff­nung des Gast­ge­bers Groß­bri­ta­nien. Es ist ein Junge, der alle Jugend­teams beim FC Chelsea durch­lief und bis vor einem halben Jahr noch von der Pro­fi­kar­riere träumte. Sein Name: Adam Gemili.

Ihn umzu­treten, war der ein­zige Weg, ihn zu stoppen“

Sieben Jahre lang sprin­tete Gemili in den Junio­ren­mann­schaften des FC Chelsea in atem­be­rau­benden Tempo auf der rechten Außen­bahn. Ich dachte, der schnellste Weg, um von A nach B zu kommen, sei das Laufen“, erklärt der Ein­wan­derer-Sohn in bester For­rest-Gump-Manier einst der Presse seine Vor­liebe für die Höchst­besch­lei­ni­gung. Er ist ein Waffe, wie sie Jürgen Klins­mann bei der WM 2006 in Form von David Odonkor in den Welt­fuß­ball ein­führte. Tech­nisch limi­tiert, aber pfeil­schnell. Doch Chelsea erkennt den Wert von Gemili nicht, weil er fuß­bal­le­risch irgend­wann nicht mehr mit seinen hoch­ver­an­lagten Mit­spie­lern mit­halten kann. Gemili ent­fernt sich nach und nach immer weiter von seinem großen Traum, der Pre­mier League. Er geht für ein Jahr zum Zweit­li­gisten FC Rea­ding, anschlie­ßend folgen die Sta­tionen Dagenham & Red­brige (4. Liga) und Thur­rock (6. Liga). Tommy South, Vor­sit­zender seines Ex-Klubs Thur­rock, erin­nert sich nur zu gut an die Spe­zia­lität seines Schnell­star­ters: Er legte den Ball am Gegen­spieler vorbei und rannte hin­terher. Ihn umzu­treten, war der ein­zige Weg, ihn zu stoppen.“ Doch Gemili ist unzu­frieden mit seinem Dasein in den Tiefen der bri­ti­schen Fuß­ball­ligen. Unaus­ge­lastet und des­il­lu­sio­niert sucht er sich des­wegen eine Aus­gleichs­sportart. Er wech­selt die Schraub­stollen gegen Spikes und ver­bringt fortan die trai­nings­freie Zeit beim lokalen Leicht­ath­letik-Verein. Sein Sprint­ta­lent fällt dort sofort ins Auge. Im Oktober 2011 legen ihm die Trainer nahe, sich auf ein pro­fes­sio­nelles Sprint­trai­ning zu kon­zen­trieren. Es ist die Initi­al­zün­dung, denn nur ein Jahr später wird Gemili mit 18 Jahren Junio­ren­welt­meister über die 100 Meter, ver­bes­sert den jah­re­lang gül­tigen bri­ti­schen Junio­ren­re­kord auf sen­sa­tio­nelle 10,05 Sekunden und qua­li­fi­ziert sich tat­säch­lich für die Olym­pi­schen Spiele in London. Es ist ein Kalt­start unter die schnellsten Männer der Welt. Doch die große Liebe Fuß­ball lässt ihn trotzdem nicht los. Noch vor einem Jahr stellt ihm jemand die Frage, was pas­sieren würde, wenn er sich irgend­wann für eine Sportart ent­scheiden müsse. Gemili ant­wortet: Dann werde ich ver­mut­lich Fuß­ball wählen. Es ist meine wahre Lei­den­schaft.“ Im Januar diesen Jahres fällt er dann tat­säch­lich die end­gül­tige Ent­schei­dung – und sagt dem Fuß­ball auf Wie­der­sehen.

Er wird einer der besten Sprinter aller Zeiten“

Nach dem gest­rigen Abend ist klar, dass er alles richtig gemacht hat. Es war der Tag des 100-Meter-Aus­schei­dung, dem vor­zei­tigen Höhe­punkt der Olym­pi­schen Leicht­ath­letik-Wett­be­werbe. Der End­lauf wird zum Spek­takel der Super­la­tive: Sieben von acht Sprin­tern laufen in einer Zeit unter zehn Sekunden ins Ziel. Manche sagen, in diesem Feld hätte nicht einmal Road Runner den Hauch einer Chance gehabt. Am Ende gewinnt wieder einmal der Jamai­kaner Usain Bolt. Und trotzdem war am Ende auch Adam Gemili in aller Munde. Auch wenn der 18-Jäh­rige den Einzug in dieses epi­sche Rennen denkbar knapp ver­passt hatte. Ihm fehlten am Ende 0,04 Sekunden. Es war ein Ver­spre­chen für die Zukunft.

Dass ein Mann aus Groß­bri­tan­nien die 100-Meter-Pha­lanx der ame­ri­ka­ni­schen und kari­bi­schen Sprinter zum Wackeln bringen kann, ist an sich keine Sen­sa­tion. Die Insel brachte schon einige schnelle Jungs wie Dwayne Cham­bers oder Lin­ford Christie hervor, wobei diese nach­ge­wie­se­ner­maßen mit Mit­teln aus der Medi­ka­men­ten­kiste nach­ge­holfen hatten. Doch Gemili ist wegen seiner Vor­ge­schichte und der Unbe­küm­mert­heit ein Son­der­fall in der Welt­spitze der Sprin­ter­riege. Trotz sicht­barer Schwä­chen in allen Berei­chen läuft er ein­fach drauf los. Im Halb­fi­nale kostet ihn ein allen­falls mit­tel­mä­ßiger Start einen Platz beim finalen Show­down gegen die Big Five“. Kon­kur­rent Tyson Gay aus den USA ver­passte ihm den­noch bereits vor dem Start den Rit­ter­schlag und sagte Mitte Juli: Adam wird einer der besten Sprinter aller Zeiten werden!“

Selbst die Fuß­ball-Szene kann mitt­ler­weile den Stolz auf den ver­lo­renen Sohn nicht mehr ver­hehlen: Man­chester-United-Ver­tei­diger Rio Fer­di­nand twit­terte beste Glück­wün­sche und auch Gemilis Ex-Klub FC Chelsea gra­tu­lierte dem jet­zigen Leicht­ath­leten auf der Ver­eins­home­page zum tollen Ergebnis. Für seinen ehe­ma­ligen Mit­spieler Mark Arber bei Dagenham war die Ent­wick­lung von Gemili am Ende ein­fach nur logisch: Adam hatte nur dieses eine mör­de­ri­sche Tempo, dass ihn seine tech­ni­schen Qua­li­täten jedoch nicht aus­spielen ließ. Für den Fuß­ball war er ein­fach zu schnell.“